065 Meine Lieblingsfilme

Ich besitze eine bescheidene DVD‑Sammlung – rund 800 Filme, fein säuberlich sortiert und katalogisiert.
Darin finden sich unter anderem alle Walt‑Disney‑Meisterwerke, sämtliche Filme über Heinrich VIII. (ja, der mit den vielen Ehefrauen), jede Menge Shakespeare‑Verfilmungen und natürlich alle Superhelden‑Epen von Marvel und DC und alles was mir gefällt und was ich als sehenswert erachte. Ich bin wohl ein Cineast – zumindest ein kleiner, aber mit großem Interesse und noch größerem Regal. Und dazu noch nahe am Wasser gebaut.

Eine meiner charmanten Eigenheiten: Ich kann mir Handlungen kaum merken. Das hat den wunderbaren Nebeneffekt, dass jeder Film für mich beim erneuten Ansehen fast wie eine Premiere ist – inklusive Popcorn‑Vorfreude und gelegentlichem „Ach, das war der Plot‑Twist!“. Trotz dieser selektiven Erinnerung habe ich eine persönliche Hitliste meiner Lieblingsfilme, die ich heute vorstellen möchte. Und wer weiß – vielleicht entdecke ich beim Schreiben selbst wieder einen neuen alten Favoriten.


  • 1. Der Herr der Ringe – Die Trilogie (The Lord of the Rings, 2001–2003, Peter Jackson) Ein monumentales Epos, das Fantasy endgültig in den Olymp des ernsthaften Kinos katapultiert hat. Jede Szene wirkt wie ein Gemälde, jede Figur wie ein Mythos, der schon immer existiert hat. Und ja: Man kann sie unendlich oft sehen, ohne dass die Magie nachlässt. Ich liebe diese Filme.

  • 2. Romeo und Julia (Romeo and Juliet, 1968, Franco Zeffirelli) Zeffirelli verwandelt Shakespeare in pure, atmende Poesie — sinnlich, warm, tragisch. Der Film wirkt wie ein Sommer, der nie vergeht, und bleibt die wohl schönste Verfilmung der berühmtesten Liebesgeschichte der Welt. Mein liebster Shakespeare.

  • 3. Der weiße Hai (Jaws, 1975, Steven Spielberg) Der Film, der den Blockbuster erfunden hat — und gleichzeitig bewiesen hat, dass Spannung oft aus dem entsteht, was man nicht sieht. Ein Meisterwerk des Andeutens, das dazu führte, dass man Haie als Monster sieht. Leider.

  • 4. Les Misérables (2012, Tom Hooper) Ein musikalisches Donnerwetter voller Pathos, Schmerz und Hoffnung. Die Kamera ist so nah an den Figuren, dass man fast mitatmet — und manchmal mitzittert, wenn die Emotionen überkochen. Dieser Film entfachte meine Bewunderung für Anne Hathaway. „But the tigers come at night, …“

  • 5. Schindlers Liste (Schindler’s List, 1993, Steven Spielberg) Ein Film, der nicht nur erzählt, sondern erinnert — eindringlich, schmerzhaft und zutiefst menschlich. Schwarz‑weiß, aber moralisch klarer als alle bunten Filme zusammen. Diesen Film muss jeder mal gesehen haben!

  • 6. Jurassic Park (1993, Steven Spielberg) Der Moment, in dem Kino plötzlich wieder Wunder konnte: Dinosaurier, die nicht wie Effekte wirken, sondern wie Lebewesen. Ein Meilenstein der Kinogeschichte. Ein Abenteuer, das bis heute die perfekte Mischung aus Staunen und Spannung liefert. Ausserdem sah ich den Film mit meiner damaligen Freundin. Allein deswegen ist dieser Film etwas ganz Besonderes für mich.

  • 7. Ben Hur (1959, William Wyler) Ein Monumentalfilm im wahrsten Sinne — größer, weiter, dramatischer geht es kaum. Die Wagenrennen‑Sequenz ist bis heute ein Lehrstück dafür, wie man Kino mit purer Handwerkskunst erschüttert. Seh ich immer wieder gern.

  • 8. Cocktail für eine Leiche (The Rope, 1948, Alfred Hitchcock) Hitchcocks Kammerspiel‑Experiment, das fast in Echtzeit spielt, ist ein kleines, perfides Meisterwerk. Die Spannung entsteht nicht durch Action, sondern durch Moral, Psychologie und die Frage: Wer merkt es zuerst. Ich schaue James Stewart gebannt dabei zu.

  • 9. Lawrence von Arabien (Lawrence of Arabia, 1962, David Lean) Ein Film wie eine Wüste: weit, majestätisch, überwältigend. Peter O’Toole trägt die Geschichte mit einer Mischung aus Charisma und Zerbrechlichkeit, die man nicht vergisst. Ein toller Film.

  • 10. Pans Labyrinth (El Laberinto del Fauno, 2006, Guillermo del Toro) Ein dunkles Märchen, das Schönheit und Grauen so kunstvoll verbindet. Del Toro erschafft eine Welt, die gleichzeitig traumhaft und traumatisch ist. Man möchte sich ein Kissen vor die Augen halten, um dann seitlich daran vorbei zu schauen. Ausserdem für mich das gruseligste Film-Monster aller Zeiten!

Am Ende zeigt diese Liste vor allem eines: Filme müssen sich nicht dauerhaft im Gedächtnis festkrallen, um etwas in uns zu hinterlassen. Manche Werke begleiten uns nicht, weil wir jede Szene auswendig kennen, sondern weil sie uns jedes Mal aufs Neue überraschen, bewegen oder einfach für Stunden aus der Welt holen.

Und vielleicht ist genau das mein cineastisches Superkraft‑Geheimnis: Ich erlebe viele Filme immer wieder frisch — und damit intensiver als viele, die alles schon „kennen“. Diese Top 10 sind also weniger ein Ranking und mehr ein persönlicher Kompass durch Welten, Zeiten und Geschichten, die mich geprägt haben.

Und wer weiß: Vielleicht steht irgendwo in meiner Filme‑Sammlung schon der nächste Lieblingsfilm bereit — ich muss ihn nur wieder in den DVD-Player einlegen.

Was sind eure Lieblingsfilme?

064 Hassparade

Gestern saß ich mit Freunden nach einem Grillabend zusammen. Elektrogrill, wohlgemerkt — also ohne Rauch, ohne Drama, ohne archaisches Feuer‑Ritual. Wir spielten Hitster, dieses Musik‑Ratespiel, das immer so tut, als wäre es harmlos. Bis plötzlich ein Lied kam, das ich hasse.

Nicht „mag ich nicht“. Nicht „überspringe ich manchmal“. Nein: ein Lied, das mich zuverlässig in eine Art inneren Fluchtmodus versetzt.

Und genau in diesem Moment dachte ich: Warum schreibe ich eigentlich nie über die Lieder, die ich hasse? Über diese kleinen akustischen Sabotageakte, die sich in mein Leben schleichen und dort Dinge tun, die sie nicht tun sollten. Letztens gab ich ja schon meine Lieblingslieder preis.

Also gut. Heute ist der Tag, an dem ich meine Hass‑Lieder artikuliere. Nicht, weil es wichtig wäre. Sondern weil es Spaß macht. Und es geht um Lieder im Pop und Rock-Kontext. Lieder aus dem volkstümlichen und generellen Schlager-Genre sind automatisch gesetzt.

Und ja, ich weiß, dass das alles subjektiv ist.
Aber wenn man keinen Blog hat, um seine irrationalen Abneigungen zu pflegen —
wofür hat man dann überhaupt einen Blog.


4 Non Blondes – “What’s Up”

Ein Lied, das mich zuverlässig in die Knie zwingt — und nicht auf die gute Art. Es beginnt harmlos, fast freundlich, und dann kommt dieser Moment, in dem Linda Perry die Stimme hebt und ich innerlich denke: „Nein. Bitte nicht. Nicht schon wieder.“

Es ist, als würde jemand versuchen, meine Seele mit einem Megafon zu umarmen. Und ich will einfach nur höflich ablehnen.
Das Schlimmste: Es ist ein Lied, das alle mitsingen wollen. Laut. Falsch. Mit Leidenschaft. Und ich sitze daneben und überlege, ob ich mich unter dem Tisch verstecken soll.

Kurz: Ein Song, der klingt wie ein emotionaler Befreiungsschlag — nur leider nicht meiner.

https://youtu.be/6NXnxTNIWkc?si=Kjp2jQJVIc0L5yFZ


Sam Brown – „Stop!“

Ein Lied, das klingt, als würde jemand versuchen, mich emotional zu retten, obwohl ich gar nicht in Gefahr bin. Diese Art von dramatischer Intensität, die schon im ersten Ton sagt: „Setz dich hin, wir müssen reden.“ Und ich denke nur: „Nein. Ich möchte eigentlich einfach nur meine Ruhe haben.“

Die Stimme ist groß, keine Frage. Vielleicht sogar zu groß. So groß, dass sie mich komplett überrollt — wie ein emotionaler LKW, der keine Bremsen hat.
Und dann dieser Moment, in dem der Song glaubt, er müsse jetzt noch mehr Gefühl draufpacken. Als würde er sagen: „Du spürst das jetzt. Ob du willst oder nicht.“ Und ich sitze da und spüre vor allem eins: Würgereiz.

Kurz: Ein Lied, das mich zuverlässig daran erinnert, dass nicht jede große Stimme automatisch große Freude macht.

https://youtu.be/eIdHbK6onkY?si=LO341f-yr1TXpAhB


Sade – „Smooth Operator“

Es gibt Songs, die nerven laut. Und es gibt Songs, die nerven leise — so leise, dass man erst beim dritten Hören merkt, dass man innerlich schon längst die Augen verdreht.

Smooth Operator gehört zur zweiten Kategorie. Ein Lied, das so geschmeidig daherkommt, dass es fast schon unhöflich ist, es zu hassen. Aber ich tue es trotzdem.

Diese samtige Coolness, dieses elegante Dahingleiten, dieses „Ich bin so smooth, ich brauche nicht mal eine Handlung“ — bei mir löst das keinen Lounge‑Effekt aus, sondern eher den Wunsch, den Raum zu wechseln.
Es ist, als würde jemand versuchen, mich mit einem seidenen Schal zu erwürgen. Langsam. Höflich. Mit Stil.

Kurz: Ein Lied, das so sehr versucht, entspannt zu sein, dass es mich komplett anspannt. Oh Gott, ich hasse es.

https://youtu.be/4TYv2PhG89A?si=g7xvIl1DDAx7K6Eb


Trio Rio – „New York, Rio, Tokyo“

Es gibt Songs, die nerven. Und es gibt Songs, die wirken wie ein globaler Jetlag in 3 Minuten. Ein Lied wie ein schlecht geplanter Langstreckenflug.

Dieses Lied hat die Energie eines 80er‑Aerobic‑Kurses, kombiniert mit der subtilen Eleganz eines Duty‑Free‑Shops. Es klingt, als hätte jemand beschlossen:
„Wir nehmen drei Städte, die nichts miteinander zu tun haben, werfen sie in einen Refrain und hoffen, dass niemand nachfragt.“

Und dann diese Melodie. Sie ist nicht schlecht. Sie ist nicht gut. Sie ist einfach… da. Hartnäckig. Wie ein Reisekoffer, der immer wieder vom Gepäckband fällt.
Das Schlimmste: Man erkennt es nach 0,3 Sekunden. Und der Körper denkt sofort: „Ach nein. Nicht der.“

Kurz: Ein Lied, das mich zuverlässig daran erinnert, dass musikalische Weltreisen nicht immer eine gute Idee sind.

https://youtu.be/75Hvf2eDDkk?si=izHzyOOm8nRXbH9G


Rainbirds – „Blueprint“

Es gibt Songs, die traurig sind. Und es gibt Songs, die so tun, als wären sie die personifizierte Weltliteratur (eigentlich wie mein Blog).

Dieses Lied hat die Stimmung eines Tagebucheintrags, den jemand um drei Uhr morgens geschrieben hat, nachdem er beschlossen hat, dass das Leben jetzt bitte ein bisschen dramatischer sein soll.

Es ist ein bisschen forscher. Aber es ist ernst. Es ist… sehr bemüht. So bemüht, dass ich beim Hören das Gefühl bekomme, dass es mich emotional in den Keller schickt, obwohl ich gar nicht runter wollte.
Und dann diese Atmosphäre. Sie schwebt, sie zieht, sie tropft — wie ein Wasserhahn, der nicht richtig zugedreht ist. Man hört zu und denkt: „Ich wollte eigentlich nur Musik, nicht eine 4-minütige Existenzanalyse.“

Kurz: Ein Lied, das mich zuverlässig daran erinnert, dass Melancholie ein schönes Stilmittel ist — aber bitte in Maßen.

https://youtu.be/fbyWVcXHLg4?si=MeVDeRkX6OQad36g


Alannah Myles – „Black Velvet“

Es gibt Songs, die hasst man, weil sie schlecht sind. Und es gibt Songs, die hasst man, obwohl sie gut sind. Black Velvet gehört eindeutig zur zweiten Kategorie, denn es ist ein Lied, das ich respektiere, aber trotzdem nicht ertrage.

Ich mag Alannah Myles. Die Stimme, die Haltung, die ganze 90er‑Aura. Aber dieses Lied… Dieses Lied ist wie ein überwürztes Gericht: Man erkennt die Qualität der Zutaten, aber irgendjemand hat beim Abschmecken komplett die Kontrolle verloren.

Es ist dramatisch. Es ist bluesig. Es ist schwer. So schwer, dass ich beim Hören das Gefühl bekomme, ich müsste mich erleichtern.
Die Atmosphäre schwebt nicht — sie drückt. Sie ist nicht sinnlich — sie klebt. Sie ist nicht cool — sie schwitzt.

Kurz: Ein Lied, das ich respektiere, aber das mich zuverlässig daran erinnert, dass man auch gute Künstler hassen kann — zumindest für vier Minuten und 50 Sekunden.

https://youtu.be/tT4d1LQy4es?si=1NK3LqaH0jIKtHYp


Modern Talking – „Geronimo’s Cadillac“

(steht stellvertretend für das gesamte Bohlen‑Multiversum)

Es gibt Lieder, die klingen, als wären sie in einem Labor gezüchtet worden, um maximalen Schaden im menschlichen Hörzentrum und Gehirn anzurichten.

Dieses Lied ist wie ein musikalischer Baukasten: gleiche Melodie, gleiche Synthesizer, gleiche Textbausteine, nur jedes Mal in einer anderen Geschmacksrichtung. Vanille, Erdbeer, „Cheri Cheri Lady“.
Man hört es und denkt sofort: „Ah. Bohlen.“ Nicht, weil es gut ist. Sondern weil es klingt, als hätte jemand versucht, einen Song aus 80% Zucker und 20% Wiederholung zu bauen.
Und dann dieser Refrain. Er ist nicht eingängig. Er ist anhänglich. Wie ein Klettverschluss, der sich an der Seele festhakt.

Kurz: Ein Lied, das mich zuverlässig daran erinnert, dass musikalische Massenproduktion nicht immer harmlos ist — manchmal ist sie einfach nur laut. Und who the fuck ist Geronimo?

https://youtu.be/A5C8AC6V2KQ?si=blEY9h6ej9jpqrGa


Das muss reichen. Ich kann nicht mehr.

Am Ende bleibt nur eins: Musik ist Geschmackssache — und manchmal eben auch eine Nervensache. Diese Liste ist kein Angriff auf die Welt, sondern eine kleine Selbstverteidigung gegen Songs, die sich ungefragt in mein Leben drängen wie schlecht gelaunte Partygäste.

Vielleicht hasst du andere Lieder. Vielleicht dieselben. Vielleicht findest du einige davon sogar gut. Das ist völlig in Ordnung. Geschmack ist schließlich das, was uns unterscheidet — und manchmal auch das, was uns rettet.
Ich jedenfalls habe meine akustischen Feinde jetzt offiziell dokumentiert. Für die Wissenschaft. Für die seelische Hygiene. Und ein bisschen auch für mich. Ihr dürft gerne kommentieren.

Playlist geschlossen. Kopfhörer ab. Ruhe. Endlich.

063 Haus-Triathlon

In dem Mehrfamilienhaus und in der Nachbarschaft, in der wir in meiner Kindheit wohnten, gab es viele Kinder. Wir trafen uns fast jeden Tag im Garten und spielten Fangen oder Verstecken. Die besten Verstecke gab es im Keller. Aber da mussten wir sehr mutig sein. Denn der Keller war dunkel und da spukte es.Wenn wir uns aber nicht fingen oder suchten, dann betätigten wir uns sportlich. Am besten funktionierte es, wenn unser Hausmeister Sepp den Rasen gemäht hatte. Denn er türmte den Grasschnitt immer zu einem großen Hügel auf. Und dann konnte der Haus-Triathlon beginnen.

Disziplin 1: Gras-Weit- und Hochsprung.
Der Kontestant startet mit einem Anlauf von zehn bis zwanzig Meter und springt ab einer Boden-Markierung mit Schwung in/über die Grasaufhäufung. Der Teilnehmer, der am weitesten kommt, hat gewonnen.

Nach jedem Sprung mussten wir den Hügel wieder bereiten, da das Gras sehr verteilt wurde. Das passte dem Sepp eigentlich garnicht. Aber da bemühten wir uns sehr.

Wenn die erste Disziplin vorbei war, war es Zeit für den zweiten Teil des Haus-Marathons.

Disziplin 2: Hauswand-Tennis.
Zwei Kontrahenten stellen sich einem Wettkampf im Softball-Tennis gegen die Hauswand am Autoparkplatz, vielleicht vergleichbar mit Squash, nur ohne Seitenwände. Das Erreichen einer vordefinierten Punktezahl sichert den Sieg. Das Verpassen eines Schlages, das Treffen des Kellerabgangs oder das Vorbeischiessen an der Hauswand führt zum Aufschlagwechsel. Bei mehreren Teilnehmern wird nach Turnierbaum gespielt.

Kennt ihr noch die globigen schwarzen Kunststoffschläger mit dem schwarzen Kunststoffgitter und den gelben Schaumstoffbällen? Das war das Sportgerät der Wahl. Heute wundert es mich, dass sich da nie die Nachbarn beschwert haben, wenn wir stundenlang den Ball gegen deren Wände (und Fenster!) gedroschen haben.

Wenn der Tennis-Turnier-Sieger ermittelt wurde, ging es zum letzten Teil des Dreikampfs. Wohl zum härtesten Teil. Zum Rundenlauf.

Disziplin 3: Rundenlauf.
Alle Teilnehmer starten an der Haustüre und laufen im Uhrzeigersinn um das Haus. Eine definierte Rundenzahl wird vorher vereinbahrt. Wer nicht mehr kann oder will, scheidet aus. Gewonnen hat der, der als letztes läuft oder als erster die definierte Rundenzahl erreicht.
Rennstrecke: Haustüre/Treppenaufgang – Ecke 1 – Mülltonnenkästen – Ecke 2 – Garteneingang und Regentonne (zur Erfrischung) – Balkon 1 – Balkon 2 – Balkon 3 – Ecke 3 – Parkplatz und Kellerabgang – Ecke 4 – Haustüre/Treppenaufgang.

Ich weiss natürlich nicht mehr die Abmessungen des Hauses, aber ich schätze mal: Lange Seite 30 Meter x kurze Seite 10 Meter. Das wäre nach Adam Riese 80 Meter.
Rundenzahlen waren je nach Tageszeit 20, 30, 40 oder 50 Runden. Wir dürften ja nach dem Sonnenuntergang nicht mehr allzulang unterwegs sein. In meiner Erinnerung ging mein Bruder mal die 100 Runden an und stellte somit den Weltrekord im Rundenlauf auf. Das waren dann 8 Kilometer.

Gegen meinen Bruder habe ich wohl nie gewonnen, zumindest nicht im Laufen.

Es war sportlich. Es war wahnsinnig. Aber cool und spaßig war es trotzdem.

062 Stolz und Vorurteil

Heute habe ich erfahren, dass mein alter Chef – der Mann, für den ich fast zwei Jahrzehnte gearbeitet habe – schon letztes Jahr gestorben ist. Über zehn Jahre bin ich nun raus aus diesem Job, die Verbindung längst abgebrochen. Und trotzdem hat mich die Nachricht getroffen. Nicht wie ein Schlag, eher wie ein leiser Druck auf der Brust. So ein Gefühl, das sagt: Da war mal etwas, das dich geprägt hat.

Wir hatten ein gutes Verhältnis. Später zumindest. Er vermietete mir sogar eine Wohnung über der Druckerei – günstig, fast fürsorglich. Aber Freunde wurden wir nie. Wir duzten uns nicht. Es war ein Verhältnis aus Respekt, aber auch aus einer Distanz, die nie ganz verschwand. Vielleicht wegen eines Moments, der sich tief in mich eingebrannt hat.

Ich war damals seit eineinhalb Jahren in der Druckvorstufe, als meine damalige Freundin und ich erfuhren, dass wir Eltern werden würden. Ein kleiner Mensch wuchs da heran. Und plötzlich wurde alles größer: die Verantwortung, die Freude, die Angst. Wir beschlossen zu heiraten.

Ich erzählte es in der Firma. Alle freuten sich. Auch die Chefetage. Also fasste ich den Entschluss, zwei Wochen Baby-Urlaub zu nehmen. Zwei Wochen ab Geburt. Zwei Wochen, um anzukommen. Herr Wagner nickte. Zustimmung. Ein Handschlag. Für mich war die Sache klar.

Kurz vor dem Geburtstermin kam ein großer Auftrag: 120 Seiten Katalog. Viel Arbeit, wenig Zeit. Wir waren zu zweit in der Druckvorstufe und arbeiteten uns durch die Seiten, während der Countdown zur Geburt lief.

Dann, eines Abends, war es so weit. Krankenhaus. Wehen. Hände halten. Atmen. Hoffen. Und dann dieses kleine Wesen in meinen Armen. Ein Moment, der die Welt still macht.

Als Frau und Kind versorgt waren, fuhr ich in die Firma. Meine Kollegin umarmte mich, ehrlich, warm. Dann ging ich ins Chefbüro.

„Herr Wagner, das Kind ist da. Und ich bin weg. Ich trete jetzt meinen Urlaub an.“

Er sah mich an, als hätte ich gerade gesagt, dass eine Atombombe die Druckerei ausgelöscht hatte. „Wie stellen Sie sich das vor? Wir müssen den Katalog fertig machen. Wie soll Frau Schliemann das allein schaffen?“

Ich erinnerte ihn an unsere Absprache. Er schüttelte den Kopf. „Nein. Sie gehen jetzt nicht.“

Da stieg etwas in mir hoch. Nicht Wut. Eher dieses klare, ruhige Wissen: Jetzt geht es um etwas Größeres als Arbeit.„Ich wurde heute Vater. Und ich gehe jetzt. Ob Sie das wollen oder nicht.“
In dem Moment hörte ich mich selbst. Und wusste: Das wird Folgen haben.
Er hob den Finger gegen mich, sah mich an und sagte den Satz, der mich bis heute begleitet:

„Wenn Sie jetzt aus dieser Tür gehen, wird Ihre Frau nicht stolz auf Sie sein.“

Es war kein Schrei. Kein Vorwurf. Es war ein Urteil. Und es traf mich. Aber ich ging.

Zwei Wochen später kam ich zurück. Die Chefin drückte mir eine Glückwunschkarte in die Hand, mit ein paar Scheinchen. Der Katalog war fertig geworden. Natürlich war er das.
Aber der Chef sprach ein halbes Jahr lang kein Wort mit mir.

Unser Verhältnis normalisierte sich irgendwann wieder. Aber etwas blieb: Ich machte nur noch Dienst nach Vorschrift. Keine Überstunden. Keine Heldentaten. Keine Extrameile. Nicht aus Trotz. Sondern weil ich an diesem Tag begriffen hatte, dass Loyalität keine Einbahnstraße ist.

Ruhen Sie in Frieden, Herr W.

061 Meine Top 20 Charts

„Willkommen bei CHHRadio — wo Erinnerungen klingen, als wären sie gestern passiert. Ich sitze hier am Mischpult, Kopfhörer auf, Neonlicht im Hintergrund, und draußen schläft die Welt. Aber hier drinnen läuft sie weiter — von Platz 20 bis Platz 1. Zwanzig Songs, zwanzig Geschichten, zwanzig kleine Zeitreisen. Manche laut, manche leise, alle mit einem Stück Leben drin. Also: Regler hoch, Ohren auf, und los geht’s — Let’s go!

Platz 20 – Move Any Mountain – The Shamen

👉 https://youtu.be/SpjnzxtZ6Qg?si=rNndEpnwJYnvoc8b

„Wir starten mit einem Track, der klingt wie ein Versprechen aus den frühen 90ern: Alles ist möglich, Hauptsache der Beat stimmt. ‚Move Any Mountain‘ war einer dieser Songs, die im Radio liefen, wenn man eigentlich schlafen sollte — und plötzlich hellwach war. Das war die Hymne meiner Clique. Geile Zeit.“

Platz 19 – Let Your Fingers Do the Walking – Sort Sol

👉 https://youtu.be/cU5wAczQRB8?si=dgY6ZGhw81lNOm7L

„Dänemark, düster, cool. Sort Sol haben immer geklungen wie eine Band, die in einem verrauchten Kellerclub spielt, in dem die Neonröhren flackern. Dieser Song ist wie ein Spaziergang durch eine Stadt, die man nicht kennt, aber sofort mag. Ich habe den Song durch den dänischen Psychothriller ‚Nightwatch/Nattevagten‘ kennengelernt und der hat mich nicht mehr verlassen.“

Platz 18 – Immer Mehr – Herwig Mittegger

👉 https://youtu.be/WkFXvvTEXwQ?si=FSzJN6qGydCFZB0Y

„NDW mit dieser ganz eigenen Mischung aus Melancholie und Optimismus. ‚Immer Mehr‘ ist einer dieser Songs, die man zufällig entdeckt — und dann plötzlich drei Tage lang im Kopf hat. Passiert mir regelmäßig.“

Platz 17 – Chance to Desire – Radiorama

👉 https://youtu.be/E00lii2Z_3o?si=dsv9pJnw15EJpCKE

„Italo Disco in Reinform. Radiorama haben nie versucht, etwas anderes zu sein als pure Tanzfläche. Und genau deshalb funktioniert’s. Ein Song wie ein blinkendes Licht auf einer 80er‑Jahre‑Jukebox und er steht für die ganze Italo Disco Bewegung.“

Platz 16 – Lips of an Angel – Hinder

👉 https://youtu.be/RiSfTyrvJlg?si=MGkBpmzua6Cs1Fe8

„2000er‑Rockballaden hatten dieses spezielle Drama, das man heute fast vermisst. ‚Lips of an Angel‘ ist der Soundtrack zu der Entscheidung, die man nachts um zwölf trifft — und am nächsten Morgen noch mal überdenkt. Ich hoffte so oft, mitternachts telefoniert zu haben.“

Platz 15 – The Downeaster Alexa – Billy Joel

👉 https://youtu.be/LVlDSzbrH5M?si=bVkv-_qF3q2Lk-5g

„Billy Joel als Geschichtenerzähler: ein Fischer, ein Boot, ein Leben zwischen Sturm und Hoffnung. Ein Song, der nach Salzluft riecht. Und ja, ich habe mich plötzlich wie auf hoher See gefühlt — besonders, wenn ich davor TV-Sendungen über Tunfisch- oder Krabbenfischer gesehen habe.“

Platz 14 – Somebody That I Used to Know – Gotye feat. Kimbra

👉 https://youtu.be/8UVNT4wvIGY?si=6HmwoQoXePcpALxP

„Der Song, der 2011 überall war — und trotzdem nicht nervte. Gotye hat hier eine Trennung so präzise vertont, dass man fast glaubt, er hätte heimlich meine Facebook-Posts gelesen. Und obwohl es um eine Trennung geht, war das UNSER Song. Am Ende wurde er leider wahr.“

Platz 13 – Close Encounters – Clouseau

👉 https://youtu.be/IPXtntyp6Oc?si=OKGfAAl6-QM99u77

„Belgischer Pop, der viel größer klingt, als man denkt. ‚Close Encounters‘ hat diese Mischung aus 90er‑Synths und warmem Gesang, die sofort hängen bleibt. Ein Song wie ein kleines Sci‑Fi‑Gefühl im Alltag. Das ist mein Sountrack zu den Begegnungen meines Lebens.“

Platz 12 – Mother, Father – Journey

👉 https://youtu.be/p0QV8oyoPo4?si=MVXRABU9xejSKJui

„Journey ohne ‚Don’t Stop Believin’‘? Ja — und wie! ‚Mother, Father‘ ist Steve Perry auf absoluter Höchstleistung. Ein Song, der zeigt, warum diese Band live legendär ist (Ich durfte sie sehen). Obwohl, doch mit ‚Don’t Stop Believin’. Hier könnte jeder Hit meiner Lieblings-Rockband stehen.“

Platz 11 – Free Bird – Lynyrd Skynyrd

👉 https://youtu.be/0LwcvjNJTuM?si=N1Oc4VzqxjOCXdDy

„Der Song, der jedes Konzert zum Ausrasten bringt. Die Ballade am Anfang, das Gitarrengewitter am Ende — ‚Free Bird‘ ist eigentlich zwei Songs in einem. Und beide sind groß. Über 9 Minuten groß. Manchmal wünschte ich, ich hätte die Rock-Musik der 70er bewusst miterlebt.“

Platz 10 – The Sparrows and the Nightingales – Wolfsheim

👉 https://youtu.be/1q7s5fdgbng?si=BTgEtJQzEDe3EH7A

„Und damit sind wir bei der magischen Grenze — Platz 10! Halbzeit in meiner persönlichen Hitparade, und ich sag’s ehrlich: ab hier wird’s emotional. Gerade lief The Sparrows and the Nightingales von Wolfsheim — ein Song, der klingt, als würde die Nacht selbst durch die Boxen sprechen. Deutschlands melancholischster Synthpop‑Export. Peter Heppner klingt hier, als würde er durch eine nächtliche Stadt gehen, in der es nur Neonlicht und Gedanken gibt. Ein Song für alle, die nachts wach liegen. Und mich erinnert er an eine Lady aus Augsburg. Grüße an N.. Also: einmal tief durchatmen, Kaffee nachfüllen, Regler hoch. Denn ab jetzt geht’s Richtung Himmel — Platz 9 wartet schon.“

Platz 9 – Stairway to Heaven – Led Zeppelin

👉 https://youtu.be/QkF3oxziUI4?si=sz1kfbGFXvnaID02

„Der Klassiker der Klassiker. Noch ein Rock-Song der psychadelischen 70er Jahre. Ein Song, der langsam beginnt, sich aufbaut, explodiert — und nie alt wird. Und ja: Jeder Gitarrenladen der Welt hat ein Schild, auf dem steht: ‚No Stairway‘. Ach ja, Ein Gruß an Mic da draussen. Du weißt noch, um was ich dich gebeten habe?“

Platz 8 – Scatterlings of Africa – Johnny Clegg & Savuka

👉 https://youtu.be/qnYtcH4YS44?si=BmAyT4kqpeyn3Z1Y

„Johnny Clegg hat Musik gemacht, die Grenzen ignoriert hat. ‚Scatterlings of Africa‘ ist Rhythmus, Geschichte, Hoffnung und Afrika — alles in einem. Ein Song, der sofort Energie gibt. Ich weiß, nicht, woher ich den Song kenne, aber er war immer da, im Ohr und in meiner Seele.“

Platz 7 – Exile – Enya

👉 https://youtu.be/8rWyNFiKq2A?si=ii6y1b0lqPcze3M6

„Wenn Musik ein warmer Nebel wäre, dann wäre es Enya. ‚Exile‘ klingt wie ein Traum, der sich langsam auflöst. Perfekt für Momente, in denen man einfach kurz aus der Welt verschwinden möchte. Ich bin Fan seit dem Hören des ersten Songs.“ Zitat aus dem Film ‚L.A. Story‘, dem der Song als Soundtrack diente: ‚Why is it that we don’t always recognize the moment when love begins but we always know when it ends?‘

Platz 6 – Hard to Say I’m Sorry – Chicago

👉 https://youtu.be/1A0MPWseJIE?si=SUrHy26oAh-8DANh

„Eine der großen 80er‑Balladen. Chicago haben hier alles reingepackt: Drama, Harmonie, Gefühl. Ein Song, der immer funktioniert — egal ob im Radio oder im Auto bei Regen. Einfach nur ‚Hach Mach‘.“

Platz 5 – Gli Anni – 883

👉 https://youtu.be/4l3ZAmP-vtw?si=KiUUbkTcHOBMS4h7

„Italienische Nostalgie pur. ‚Gli Anni‘ ist wie ein Fotoalbum in Musikform. Jeder Vers klingt nach Sommer, nach Früher, nach Momenten, die man nicht zurückholen kann — aber gern noch mal besucht. So viele Erinnerungen an vergangene Urlaube mit Familie und Freunden. Meine Liebe zu 883 und dem Sänger Max Pezzali ist vielleicht einen eigenen Blogbeitrag wert.“

Platz 4 – Bohemian Rhapsody – Queen

👉 https://youtu.be/fJ9rUzIMcZQ?si=Bxp_s27U_MBnFAXY

„Was soll man sagen? Ein Song, der eigentlich ein eigenes Genre ist. Oper, Rock, Ballade — alles in sechs Minuten. Freddie Mercury hat hier einfach gemacht, was er wollte. Und die Welt hat applaudiert. Für mich der größte Song aller Zeiten.“

Platz 3 – One Caress – Depeche Mode

👉 https://youtu.be/fphsbLtrDe8?si=EvvKpnYSTLEvwU3P

„Martin Gore, Streicher, Dunkelheit. ‚One Caress‘ ist einer der elegantesten Songs, die Depeche Mode je aufgenommen haben. Ein Lied wie eine schwarzer Rose: edel, perfekt, fragil. Depeche Mode war für mich die Band meines ,Coming of Age‘. Ich habe drei Konzerte besucht. Das erste mit meiner Clique, das zweite mit meinem Bruder, das dritte mit meinem besten Kumpel. Jedesmal ein Erlebnis.“

Platz 2 – Nothing Compares 2 U – Sinéad O’Connor

👉 https://youtu.be/0-EF60neguk?si=DrziCn-GJsn-Zbpd

„Eine Stimme, die alles trägt: Schmerz, Stärke, Verletzlichkeit. Der Song ist Prince, aber die Emotion gehört Sinéad. Ein Lied, das man nicht einfach hört — man fühlt es. Liebeskummer pur — immer und immer wieder. Mehr muss ich nicht sagen.“

Platz 1 – Africa – Toto

👉 https://youtu.be/FTQbiNvZqaY?si=5HYSM1mAJbcIR0Kt

„Und da sind wir: Platz 1. Ein Song, der gleichzeitig Kult, Meme, Klassiker und Wohlfühlmoment ist. ‚Africa‘ ist wie ein musikalischer Sonnenaufgang — warm, groß, zeitlos. Und ja: Jeder singt den Refrain mit, egal wo. Wie es dazu kam, dass das mein Lieblingslied ist, könnt ihr in einem anderen Beitrag lesen.“

„Und das war’s — die letzte Note, der letzte Refrain, der letzte Gedanke für heute.
Zwanzig Songs, zwanzig kleine Reisen durch Zeit, Gefühl und Erinnerung.
Das Neonlicht flackert noch einmal, die Regler sinken, und draußen wartet schon der nächste Morgen.
Ich lehne mich zurück, Kopfhörer halb ab, und höre die Stille ins Studio einziehen.
Musik bleibt — auch wenn der Sender kurz schweigt.
Bis zum nächsten Mal bei CHHRadio.

Ich bin Christoph — und das war mein Leben in Liedern.“

(Anm. des Verfassers: Diese Charts sind auf dem Stand April 2026. Diese Liste kann sich im Laufe der Zeit ändern.)

(Noch eine Anm. des Verfassers: „Während des Zusammenstellens der Liste sind mir noch 20 andere Lieblinghits eingefallen. Von ABBA über Herbert Grönemeyer, von Judas Priest über Kenny Loggins. Aber irgenwann musste ich einen Strich ziehen, denn ich wollte die Liste nicht überstrapazieren. Vielleicht gibt es irgendwann Platz 21 bis 40.“)

059 Macht hoch die Tür, die Tor macht weit

Und es begab sich zu der Zeit… ho ho ho – nein, keine Sorge. Es weihnachtet nicht. Aber mit einer Tür hat die folgende Geschichte trotzdem zu tun.

Ich durfte in meinem neuen Job meine erste Dienstreise antreten. Ich sollte einen Kollegen bei einem von mir organisierten Event unterstützen: Akkreditierung der Teilnehmer, technischer Support, Kommunikation mit der Location – ein wirklich schönes Konferenzhotel in Düsseldorf. Also buchte ich den Flug, trug den Termin ein und wartete gespannt auf den Tag.

Eine Woche vorher gab mir ein Kollege den Tipp, nicht direkt am Flughafen zu parken, sondern etwas außerhalb – günstiger, mit Shuttle-Service. Die Telefonnummer hatte er gleich parat. Ein kurzer Anruf, Parkplatz reserviert, und ich freute mich: Die Kosten schrumpften auf ein Fünftel. Die Preise am Flughafen sind ja nicht nur frech. Die sind unverschämt.

Da mein Flieger früh ging, brach ich entsprechend früh auf. Fünf Uhr? Irgendwas in der Gegend. Es war jedenfalls noch stockdunkel. Geführt vom Navi rollte ich auf den Hof des Parkplatzanbieters. Ich war zwanzig Minuten zu früh. Bin ich fast immer.

Vier Reihen Autos standen dicht an dicht. In der Mitte des Areals ein Kleinbus mit eingeschalteten Scheinwerfern. Der Fahrer stand mit genervtem Blick vor dem geöffneten Heck. Er winkte mich heran, und ich fuhr zu ihm.

„Ich fahre gleich zum Flughafen“, sagte er und deutete auf die Passagierkabine, wo ein Paar mittleren Alters bereits wartete. „Geben Sie mir Ihr Gepäck!“ Ich erklärte, dass ich genug Zeit hätte und lieber die nächste Fahrt nehmen würde, um keinen Stress zu verursachen. Doch der Chauffeur schüttelte energisch den Kopf. Stress verursachte er trotzdem. Also öffnete ich die Fondtür, reichte ihm meinen Koffer, er wies mir meinen Parkplatz zu, verräumte mein Gepäck und schmiss die Tür zu. Und ich schmiss auch die Tür zu. Dann sprang ich ins Auto, startete den Motor und fuhr los.

Jetzt muss ich kurz mein damaliges Auto erklären: ein weißer Opel Meriva B. Ein Foto davon findet ihr in einem anderen Beitrag. Ich mag ja das Außergewöhnliche – warum auch immer. Vielleicht, damit die Leute über mich reden? Jedenfalls hatte dieser Meriva sogenannte „Selbstmördertüren“. Das sind Türen, die gegen die Fahrtrichtung aufschwingen. Eingeführt in den 40ern, verboten in den 60ern, weil sich während der Fahrt Türen öffnen konnten – mit fatalen Folgen. Mit Zentralverriegelung ist das heute kein Problem mehr, und einige Modelle haben solche Türen wieder. Ich fand sie cool. Wenn nicht…

Wenn nicht Folgendes passiert wäre.

Ich fuhr los – und plötzlich: ein Krachen. Ein Quietschen. Ein Knacken. Ein Schrei. Krrrrsch-wiiietsch-krrkrrk… hey, bist du deppert?!

Ich stoppte sofort, sprang aus dem Auto – und sah das Grauen. Meine Fondtür stand hinter dem Busheck, weit über den normalen Öffnungswinkel hinaus. Die Tür komplett im Eimer, die Gelenke überdehnt. „Ach, du Scheiße“, hörte ich mich sagen. „Ach, du Scheiße“, sagte der Busfahrer. „Beeilung, wir verpassen sonst unseren Flieger!“, rief das Paar.

Beim Zuschmeißen muss die Tür wohl nicht eingerastet sein. Beim Anfahren ist sie dann aufgeschwungen und gegen das Heck des Busses geknallt. Zum Glück hatte nur die Innenverkleidung den Bus berührt – dort war nichts passiert. Aber meine Tür… oh wei oh wei.

Ich setzte das Auto zwei Meter zurück, bog die Tür zurück und schmiss sie zu. Klonk. Türschloss sagt nein. Großartig.

Also fuhr ich sehr langsam, mit offener Rücktür, auf meinen Parkplatz und dachte darüber nach, dass mein Auto nun drei Tage offen herumstehen würde. Eingeparkt, ausgestiegen, warf ich mich mit vollem Gewicht gegen die Tür. Das Schloss griff. Die Tür war zu – aber die Spaltmaße hatten jetzt einen Zentimeter.

Es folgte die Fahrt zum Flughafen neben einem maulenden Pärchen. Dann das Einchecken. Dann der Flug. Dann das Event. Aber glaubt mir: Gedanklich war ich nicht bei der Sache. In meinem Kopf drehte sich alles um Auto, Tür, Schuld, Kosten, Versicherung, Totalschaden, neues Auto… Es war nicht lustig.

Nach dem Heimflug fuhr ich direkt zu meiner freien Werkstatt. Der Mechaniker sah sich den Schaden an und lehnte dankend ab. Also weiter zur Opel-Werkstatt. Dort attestierte man mir einen mittleren vierstelligen Betrag. Ich bat um Bedenkzeit.

Am nächsten Arbeitstag erzählte ich meinem Vorgesetzten die peinliche Geschichte. Er wiederum erzählte mir von der „Dienstreiseversicherung“ unserer Firma. Nach ein paar E-Mails mit Fotos und Kostenvoranschlag übernahm die Versicherung die Reparatur. Und die wurde wirklich hervorragend gemacht.

Was ist nun die Quintessenz? Bevor du mit einem Auto mit Selbstmördertüren losfährst, prüfe, ob alle Türen wirklich geschlossen sind – und ob kein Kleinbus in der Nähe steht.

058 Mit einem Hai zur Oma

Vorweihnachtszeit 1993
Wie ich ja schon erwähnt habe, war ich in meiner Sturm und Drang-Zeit ein bescheidener Party-DJ. Nicht oft, aber mit viel Freude am Werk.
Da mein Bruder und viele meiner Freunde im örtlichen Fußballverein spielten und ich ein allen bekannter Seitenlinien-Fan war, wurde ich beauftragt, die vereinseigene Weihnachtsfeier musikalisch zu begleiten. Zum Essen sphärische, zum Teil klassische Hintergrundmusik, später dann Tanz- und Diskomusik. Bei dieser Weihnachtsfeier gab es immer eine große Tombola und da der Präsident eine wichtige Stelle in einer großen Münchner Firma hatte, gab es schon coole Preise, die irgendwo „hinten runtergefallen“ sind. Und dreimal dürft ihr raten, wer den Hauptpreis gezogen hat? Na…?

Der Hauptpreis war ein langes Wochenende mit dem BMW 850i.

Und ich hatte das Los zum Hauptgewinn gezogen. Wow.
Ich wurde von allen Seiten beglückwünscht. Aber da ich mich mit Autos nicht wirklich auskenne, wusste ich nicht, was da auf mich zu kam.
Ich wollte mir den Wagen gleich holen, aber meine Eltern überzeugten mich, dass diese Idee im Winter nicht die beste sei… und ausserdem würde die Oma im Juni 70 und ich könne ja dann mit dem Auto nach Österreich fahren und ein bisschen für Aufregung sorgen. Gesagt getan und ich machte den Termin mit BMW aus.

Als das geplante Wochenende kam, holte mich ein Kumpel freitags ab und wir fuhren vormittags zur Münchner BMW-Niederlassung am Frankfurter Ring. Wir wurden hochherrschaftlich empfangen und man führte uns zum Fahrzeug. Und da sah ich ihn.. zum ersten Mal.
Knallrot, stromlinienförmig mit Schlafaugen. Die Silhouette erinnerte mich an einen Hai. 300 PS. 12 Zylinder. Ein Geschoß.
Innen beige Lederausstattung, Massagesitze, edelstes Interieur.
Man zeigte mir kurz die wichtigsten Bedienelemente und dann musste ich ein paar Unterschriften leisten. Dass ich vorhatte, ins Ausland zu fahren, verschwieg ich lieber. Am Ende hätte man mir das verwehrt. 20 Minuten später verliess ich die Niederlassung auf die Straße – im BMW.

Meinem Kumpel fuhr ich auf der Autobahn gnadenlos davon. Und dabei war es nur ein kleiner Tipper aufs Gaspedal.
Das war ein krasses Gefühl, 250 km/h im Geschwindigkeitsrausch.

Am Nachmittag machte sich dann Familie Hebenstreit auf den Weg nach Österreich. Mein Bruder und ich im BMW. Der Wagen war zwar ein Viersitzer, aber den engen Fond wollten sich dann meine Eltern doch nicht die 4 bis 5 Stunden Fahrt antun.

In Österreich angekommen war ich, eher das Auto, voll der Hingucker. Meine Cousins musste ich durch die Stadt chauffieren. Am nächsten Tag war dann der Geburtstag von der Oma. Ich fuhr vor und klingelte. Im Stiegenhaus (sorry, wenn ich gedanklich oder persönlich in Österreich bin, verfalle ich gerne in den Dialekt und verwende das dortige Vokabular)… im Treppenaus hallte ihre Stimme. „Ich bin gleich fertig, Ich kumm runter.“ Unten empfing ich sie und führte sie zum Wagen und zur Beifahrertür. Die liebe Oma staunte nicht schlecht. Ich hielt ihr die Tür auf und liess sie in den tiefen Sitz einsteigen. Auf der Fahrt zum Lokal, wo wir gedachten zu Essen, drückte ich dann schon mal das Gaspedal.

Der Oma gefiel es. Und das war doch der Sinn der Sache. Es war ein schöner Nachmittag und eine schöne Geburtstagsfeier.

Die Heimfahrt gestaltete sich gemächlich (Höchstgeschwindigkeit in Österreich 130 km/h). Und am Montag brachte ich den Boliden ohne Kratzer zurück zu BMW.

Für mich das schönste Auto, in dem ich je sitzen durfte. Man sieht es nur noch ganz selten auf Deutschlands Straßen, ist die Begebenheit doch nun auch schon über 30 Jahre her.
Aber am Wichtigsten ist jedoch die Erinnerung, das Gesicht meiner Oma an jenem Tag, das ich heute noch mit dem Auto verbinde.

057 Meine Depression – Plädoyer für mehr Verständnis

Plädoyer für mehr Verständnis

(Dieser Text entstand vor ca. 10 Jahren. Ich war in Therapie. Heute geht es mir entschieden besser)

Depression ist eine Krankheit

Jeder 5. in Deutschland ist betroffen.

Jeder 20. in Deutschland sogar schwer.

Und das ist nur die erfasste Statistik.
Die Dunkelziffer ist erschreckend größer.

Eine schlechte Stimmung, Ängste, Antriebslosigkeit müssen nicht zwangsläufig eine Depression sein.
Wenn aber der Zustand über mehrere Wochen, Monate, sogar Jahre anhält, dann kann es zu hoher Wahrscheinlichkeit eine Depression sein.
Die Symptome einer Depression sind mannigfaltig, so wie wir Menschen alle verschieden sind.
Diese sind auch abhängig vom Schweregrad der Erkrankung.

Im Kopf kreisen undefinierbare schwarze Wolken aus trüben Gedanken, die schwer zu fassen sind.
Ängste, verlorenes Selbstwertgefühl, ständige Suche nach Bestätigung. Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen.
Scheu vor Neuem. Leben in der Vergangenheit.
Und alles ist ein dunkler ominöser Ballast, den man Tag für Tag mit sich trägt. Ihn niemals los wird.

Manche essen nicht mehr, andere essen umso mehr.
Manche flüchten sich in eine Sucht.
Manche kommen einfach mit ihrem Leben nicht mehr klar.
Manche trauen sich nicht mehr aus dem Haus,
manche vernachlässigen Freundschaften, die Familie, manche sogar sich selbst.

Weil der Kampf mit dieser Krankheit jegliche Kraft raubt.

Manche arbeiten mehr als sonst.
Manche können nicht mehr arbeiten.
Manche raffen alle Kraftreserven zusammen um wenigstens das zu leisten,
wozu sie sich verpflichtet fühlen, um dann die Freizeit mutlos, kraftlos zu verbringen.

Ja, manche schaffen es gar nicht aus dem Bett. Sie bleiben liegen.

Und manche erkennen die einzige Lösung ihres Problems, ihre Freiheit, im Selbsttod.

Wenn man es schafft, sich zu öffnen, versucht, sich seinem Umfeld mitzuteilen, wird nur selten verstanden.
Weil es eben nicht einfach ist, zu verstehen.
Jeder gut gemeinte Rat „Das wird schon wieder“
oder „Morgen lacht wieder die Sonne“ verhallt im grauen Nebel,
denn der Betroffene weiß, nein, morgen, morgen wird es wieder so sein.

Schwarze Wolken.

Und das allbekannte „Komm, stell dich nicht so an“ tut sein Übriges.
In der Gesellschaft ist die Depression noch nicht anerkannt.
Weil sie von aussen nicht erkannt wird, nicht erkennbar ist.
Man trägt keinen Gips um den Kopf, der allen sagt: „Ich habe wirklich echte Probleme“.

Jemand, der noch nie mit Depressionen oder depressiven Menschen zu tun hatte und sich damit auseinander gesetzt hat, kann nicht verstehen, was denjenigen umtreibt.
Ein an Depression erkrankter Mensch wird oft belächelt, wird als Simulant abgetan. Klar, man sieht ja auch nicht in seinen Kopf hinein. Und jede Ablehnung, jede Anklage tragen nicht gerade zur Besserung des Zustandes bei sondern bestätigen den Depressiven noch in seinem Denken.

Depression ist eine Krankheit

Depression ist heilbar.

Mehrere Therapieverianten sind anwendbar und notwendig, um den Kranken wieder auf die rechte Bahn zu bringen. Die einfache Aspirin gegen Depression gibt es leider nicht.
Es gibt neben der medikamentösen Therapie (die unter Umständen auch nicht so schöne Nebenwirkungen haben kann) verschiedenste psychologische Therapien, die angewendet werden können.
Ganz zugeschnitten auf die schwere der Erkrankung, die Ursachen, und auf die Persönlichkeit des Patienten.

Aber dass wichtigste überhaupt ist wohl die Selbstreflexion.

Zu erkennen „Hey, mit mir stimmt was nicht. Ich brauche Hilfe.“ ist schonmal ein großer Schritt in die richtige Richtung.
Ein weiterer Punkt ist die Findung des geeigneten Therapeuten. Kein flächendeckendes Netz von Ärzten und resultierend lange Wartezeiten auf Therapieplätze lassen bestimmt viele vom harten Weg der Heilung zurückschrecken.

Ganz wichtig ist auch das Umfeld des Erkrankten.
Vor allem die Familie, Freunde und Bekannte, sollten wissen, was los ist. Dass eben „morgen nicht wieder die Sonne scheint.“
Jeder, der einen depressiven Menschen in seinem Umfeld hat, sollte sich mit dieser Krankheit auseinandersetzen, auch wenn es schwer fällt. Aber wenn einem dieser Mensch am Herzen liegt, sollte man verstehen, warum er manche Treffen absagt, warum er sich nicht meldet, warum er Vereinbarungen nicht halten kann, warum er eben oft so handelt, wie er handelt.

Habt Verständnis.

Ja, ich habe Probleme.

Ja, ich habe dunkle Wolken in meinem Kopf.

Ja, ich versuche, all meine Kraft einzusetzen, um das zu leisten, was ich leisten kann.

Ja, ich habe erkannt, dass ich Hilfe brauche.

Ja, ich bin nach einem halben Jahr Zeit nun an dem Punkt, eine Therapie zu beginnen.

Und ich habe viele Menschen in meinem Umfeld, in meiner Familie, in meinem Freundeskreis, denen ich wissentlich und unwissentlich weh getan habe und immer noch tue.

Ich konnte nicht anders. Ich liebe euch trotzdem. Bitte habt auch ihr Verständnis.

Euer Christoph