064 Hassparade

Gestern saß ich mit Freunden nach einem Grillabend zusammen. Elektrogrill, wohlgemerkt — also ohne Rauch, ohne Drama, ohne archaisches Feuer‑Ritual. Wir spielten Hitster, dieses Musik‑Ratespiel, das immer so tut, als wäre es harmlos. Bis plötzlich ein Lied kam, das ich hasse.

Nicht „mag ich nicht“. Nicht „überspringe ich manchmal“. Nein: ein Lied, das mich zuverlässig in eine Art inneren Fluchtmodus versetzt.

Und genau in diesem Moment dachte ich: Warum schreibe ich eigentlich nie über die Lieder, die ich hasse? Über diese kleinen akustischen Sabotageakte, die sich in mein Leben schleichen und dort Dinge tun, die sie nicht tun sollten. Letztens gab ich ja schon meine Lieblingslieder preis.

Also gut. Heute ist der Tag, an dem ich meine Hass‑Lieder artikuliere. Nicht, weil es wichtig wäre. Sondern weil es Spaß macht. Und es geht um Lieder im Pop und Rock-Kontext. Lieder aus dem volkstümlichen und generellen Schlager-Genre sind automatisch gesetzt.

Und ja, ich weiß, dass das alles subjektiv ist.
Aber wenn man keinen Blog hat, um seine irrationalen Abneigungen zu pflegen —
wofür hat man dann überhaupt einen Blog.


4 Non Blondes – “What’s Up”

Ein Lied, das mich zuverlässig in die Knie zwingt — und nicht auf die gute Art. Es beginnt harmlos, fast freundlich, und dann kommt dieser Moment, in dem Linda Perry die Stimme hebt und ich innerlich denke: „Nein. Bitte nicht. Nicht schon wieder.“

Es ist, als würde jemand versuchen, meine Seele mit einem Megafon zu umarmen. Und ich will einfach nur höflich ablehnen.
Das Schlimmste: Es ist ein Lied, das alle mitsingen wollen. Laut. Falsch. Mit Leidenschaft. Und ich sitze daneben und überlege, ob ich mich unter dem Tisch verstecken soll.

Kurz: Ein Song, der klingt wie ein emotionaler Befreiungsschlag — nur leider nicht meiner.

https://youtu.be/6NXnxTNIWkc?si=Kjp2jQJVIc0L5yFZ


Sam Brown – „Stop!“

Ein Lied, das klingt, als würde jemand versuchen, mich emotional zu retten, obwohl ich gar nicht in Gefahr bin. Diese Art von dramatischer Intensität, die schon im ersten Ton sagt: „Setz dich hin, wir müssen reden.“ Und ich denke nur: „Nein. Ich möchte eigentlich einfach nur meine Ruhe haben.“

Die Stimme ist groß, keine Frage. Vielleicht sogar zu groß. So groß, dass sie mich komplett überrollt — wie ein emotionaler LKW, der keine Bremsen hat.
Und dann dieser Moment, in dem der Song glaubt, er müsse jetzt noch mehr Gefühl draufpacken. Als würde er sagen: „Du spürst das jetzt. Ob du willst oder nicht.“ Und ich sitze da und spüre vor allem eins: Würgereiz.

Kurz: Ein Lied, das mich zuverlässig daran erinnert, dass nicht jede große Stimme automatisch große Freude macht.

https://youtu.be/eIdHbK6onkY?si=LO341f-yr1TXpAhB


Sade – „Smooth Operator“

Es gibt Songs, die nerven laut. Und es gibt Songs, die nerven leise — so leise, dass man erst beim dritten Hören merkt, dass man innerlich schon längst die Augen verdreht.

Smooth Operator gehört zur zweiten Kategorie. Ein Lied, das so geschmeidig daherkommt, dass es fast schon unhöflich ist, es zu hassen. Aber ich tue es trotzdem.

Diese samtige Coolness, dieses elegante Dahingleiten, dieses „Ich bin so smooth, ich brauche nicht mal eine Handlung“ — bei mir löst das keinen Lounge‑Effekt aus, sondern eher den Wunsch, den Raum zu wechseln.
Es ist, als würde jemand versuchen, mich mit einem seidenen Schal zu erwürgen. Langsam. Höflich. Mit Stil.

Kurz: Ein Lied, das so sehr versucht, entspannt zu sein, dass es mich komplett anspannt. Oh Gott, ich hasse es.

https://youtu.be/4TYv2PhG89A?si=g7xvIl1DDAx7K6Eb


Trio Rio – „New York, Rio, Tokyo“

Es gibt Songs, die nerven. Und es gibt Songs, die wirken wie ein globaler Jetlag in 3 Minuten. Ein Lied wie ein schlecht geplanter Langstreckenflug.

Dieses Lied hat die Energie eines 80er‑Aerobic‑Kurses, kombiniert mit der subtilen Eleganz eines Duty‑Free‑Shops. Es klingt, als hätte jemand beschlossen:
„Wir nehmen drei Städte, die nichts miteinander zu tun haben, werfen sie in einen Refrain und hoffen, dass niemand nachfragt.“

Und dann diese Melodie. Sie ist nicht schlecht. Sie ist nicht gut. Sie ist einfach… da. Hartnäckig. Wie ein Reisekoffer, der immer wieder vom Gepäckband fällt.
Das Schlimmste: Man erkennt es nach 0,3 Sekunden. Und der Körper denkt sofort: „Ach nein. Nicht der.“

Kurz: Ein Lied, das mich zuverlässig daran erinnert, dass musikalische Weltreisen nicht immer eine gute Idee sind.

https://youtu.be/75Hvf2eDDkk?si=izHzyOOm8nRXbH9G


Rainbirds – „Blueprint“

Es gibt Songs, die traurig sind. Und es gibt Songs, die so tun, als wären sie die personifizierte Weltliteratur (eigentlich wie mein Blog).

Dieses Lied hat die Stimmung eines Tagebucheintrags, den jemand um drei Uhr morgens geschrieben hat, nachdem er beschlossen hat, dass das Leben jetzt bitte ein bisschen dramatischer sein soll.

Es ist ein bisschen forscher. Aber es ist ernst. Es ist… sehr bemüht. So bemüht, dass ich beim Hören das Gefühl bekomme, dass es mich emotional in den Keller schickt, obwohl ich gar nicht runter wollte.
Und dann diese Atmosphäre. Sie schwebt, sie zieht, sie tropft — wie ein Wasserhahn, der nicht richtig zugedreht ist. Man hört zu und denkt: „Ich wollte eigentlich nur Musik, nicht eine 4-minütige Existenzanalyse.“

Kurz: Ein Lied, das mich zuverlässig daran erinnert, dass Melancholie ein schönes Stilmittel ist — aber bitte in Maßen.

https://youtu.be/fbyWVcXHLg4?si=MeVDeRkX6OQad36g


Alannah Myles – „Black Velvet“

Es gibt Songs, die hasst man, weil sie schlecht sind. Und es gibt Songs, die hasst man, obwohl sie gut sind. Black Velvet gehört eindeutig zur zweiten Kategorie, denn es ist ein Lied, das ich respektiere, aber trotzdem nicht ertrage.

Ich mag Alannah Myles. Die Stimme, die Haltung, die ganze 90er‑Aura. Aber dieses Lied… Dieses Lied ist wie ein überwürztes Gericht: Man erkennt die Qualität der Zutaten, aber irgendjemand hat beim Abschmecken komplett die Kontrolle verloren.

Es ist dramatisch. Es ist bluesig. Es ist schwer. So schwer, dass ich beim Hören das Gefühl bekomme, ich müsste mich erleichtern.
Die Atmosphäre schwebt nicht — sie drückt. Sie ist nicht sinnlich — sie klebt. Sie ist nicht cool — sie schwitzt.

Kurz: Ein Lied, das ich respektiere, aber das mich zuverlässig daran erinnert, dass man auch gute Künstler hassen kann — zumindest für vier Minuten und 50 Sekunden.

https://youtu.be/tT4d1LQy4es?si=1NK3LqaH0jIKtHYp


Modern Talking – „Geronimo’s Cadillac“

(steht stellvertretend für das gesamte Bohlen‑Multiversum)

Es gibt Lieder, die klingen, als wären sie in einem Labor gezüchtet worden, um maximalen Schaden im menschlichen Hörzentrum und Gehirn anzurichten.

Dieses Lied ist wie ein musikalischer Baukasten: gleiche Melodie, gleiche Synthesizer, gleiche Textbausteine, nur jedes Mal in einer anderen Geschmacksrichtung. Vanille, Erdbeer, „Cheri Cheri Lady“.
Man hört es und denkt sofort: „Ah. Bohlen.“ Nicht, weil es gut ist. Sondern weil es klingt, als hätte jemand versucht, einen Song aus 80% Zucker und 20% Wiederholung zu bauen.
Und dann dieser Refrain. Er ist nicht eingängig. Er ist anhänglich. Wie ein Klettverschluss, der sich an der Seele festhakt.

Kurz: Ein Lied, das mich zuverlässig daran erinnert, dass musikalische Massenproduktion nicht immer harmlos ist — manchmal ist sie einfach nur laut. Und who the fuck ist Geronimo?

https://youtu.be/A5C8AC6V2KQ?si=blEY9h6ej9jpqrGa


Das muss reichen. Ich kann nicht mehr.

Am Ende bleibt nur eins: Musik ist Geschmackssache — und manchmal eben auch eine Nervensache. Diese Liste ist kein Angriff auf die Welt, sondern eine kleine Selbstverteidigung gegen Songs, die sich ungefragt in mein Leben drängen wie schlecht gelaunte Partygäste.

Vielleicht hasst du andere Lieder. Vielleicht dieselben. Vielleicht findest du einige davon sogar gut. Das ist völlig in Ordnung. Geschmack ist schließlich das, was uns unterscheidet — und manchmal auch das, was uns rettet.
Ich jedenfalls habe meine akustischen Feinde jetzt offiziell dokumentiert. Für die Wissenschaft. Für die seelische Hygiene. Und ein bisschen auch für mich. Ihr dürft gerne kommentieren.

Playlist geschlossen. Kopfhörer ab. Ruhe. Endlich.

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