Vielleicht wusstet ihr das ja noch nicht, aber der Starnberger See heißt erst seit 1962 offiziell Starnberger See. Davor war er der Würmsee, benannt nach der Würm, die dort abfließt. Als Ende des 19. Jahrhunderts der Starnberger Flügelbahnhof am Münchner Hauptbahnhof eröffnet wurde und immer mehr Ausflügler nach Starnberg fuhren, setzte sich der Name „Starnberger See“ langsam durch. Und weil ich jetzt so oft Starnberg geschrieben habe, nenne ich den See im Folgenden einfach Stari – wie früher.
Ein weiterer Meilenstein für den See war der Ausbau der Autobahn A95 von München nach Garmisch. Unweit des Ostufers führt die Schnellstraße nach Süden. Im Zuge des Autobahnbaus entstand auch das Erholungsgelände Ambach zwischen Münsing und St. Heinrich. Das war 1973 – mein Geburtsjahr. Das Gelände ist also genauso alt wie ich.
Das Erholungsgelände Ambach ist ein rund 2,5 Kilometer langer Grünstreifen mit Kieswegen, schattenspendenden Bäumen und einem sanft abfallenden Kiesstrand. Wer die ersten fünf Meter über faustgroße Steine im Wasser schafft, steht weich im aufgeschütteten Sand und kann das kühle Nass genießen.
Es gibt einige Fotos, die beweisen, dass die Familie Hebenstreit mit dem kleinen Christoph am Stari war. Mit Campingstühlen, Kühlbox und Luftmatratze wurde erholt, gebadet und gespielt. Irgendwann aber fuhren wir nicht mehr an den See. Das lag an meinem Vater. Mit zunehmendem Alter wurde auch er zunehmend… nun ja, umfangreicher. Vielleicht war es ihm peinlich, weil viele seiner Arbeitskollegen nach Feierabend am Stari waren. Vielleicht war es Eitelkeit. Jedenfalls wollte er irgendwann nicht mehr zum See.
Das war auch die Zeit, als ich bei der Wasserwacht meines Heimatortes war und meinen Dienst an der Station am Schwaiblbach absolvierte. Das Brettern mit dem Schnellboot über den See war zwar großartig, aber im Großen und Ganzen waren meine Dienste eher unspektakulär. Keine Ertrinkenden, keine Haiangriffe. Ich glaube, ich habe einmal einen Wespenstich versorgt. Und selbst wenn wir jemanden hätten wiederbeleben müssen, hätten das die erwachsenen Kollegen übernommen. Eigentlich war es gut, dass nichts passiert ist. Aber am Ende blieben Hermann und ich nur eine Sommersaison. Die Gründe habe ich im Kapitel 045 beschrieben.
Mein Vater fuhr nicht mehr, und mit der Wasserwacht fuhr ich auch nicht mehr. Also blieb nur eins: aufs Rad steigen und die rund 15 Kilometer in einer Stunde abstrampeln. Das machten damals viele, und oft war die halbe Jugend am See. Wir hatten viel Spaß: Fußball, Frisbee, Volleyball, Federball. Ich war richtig sportlich. Nur der Heimweg war immer eine Überwindung – während des Sonnenuntergangs auf den Sattel steigen und eine Stunde heimradeln. Am schlimmsten war es, wenn ein Sommergewitter über uns hereinbrach und wir klitschnass zu Hause ankamen.
Dann kam die Sturm-und-Drang-Zeit. Noch nicht erwachsen, aber schon überreif. Ich kann mich erinnern, dass ich oft trampte. Daumentaxi. Damals war das gang und gäbe. Es funktionierte mehr schlecht als recht, aber mit etwas Geduld kam man immer ans Ziel. Irgendwie schade, dass dieses Phänomen heute fast verschwunden ist. Damals dachte ich mir: „Wenn ich mal ein Auto habe, nehme ich immer jemanden mit.“ Wahrscheinlich würde ich das heute noch tun.
Als ich dann mein eigenes Auto hatte, fuhr ich mit meinem roten Opel Kadett zum Stari – jetzt selbst mit Kühlbox und Luftmatratze. Oft parkte ich außerhalb, um die Gebühren zu sparen. Meine Clique versammelte sich jedes Wochenende am selben Platz. Bis heute verstehe ich nicht, wie meine Kollegen bei dem damaligen Bierkonsum und der Sonneneinstrahlung am Ende noch gerade stehen und Fußball spielen konnten – geschweige denn mit dem Auto heimfahren. Viele Partys fanden abends am Ufer statt: Lagerfeuer, Grillwurst, Gitarrenklänge, Nachtbaden, Nacktbaden, Mädels. Ach, schöne Zeit.
Ich glaube, in dieser Phase habe ich auch die Weichen für meine Knöchelarthrose gestellt. Wenn die Clique im Wasser war, dauerte es nicht lange, bis wir Hahnenkämpfe machten. Für alle, die das nicht kennen: Unten stehen die Kräftigsten, auf deren Schultern sitzen die weniger Kräftigen, und die kabbeln sich, bis ein Team umfällt. Wir waren natürlich die Coolen und bauten eine dritte Stufe. Auf den Schultern der weniger Kräftigen saßen dann die Schmächtigsten. Und dreimal dürft ihr raten, welche Position ich immer hatte. Ich war unten – und trug so um die 130 bis 160 Kilo auf dem Rücken. Mein Knöchel trug das mit. Selbst schuld. Lustig war’s trotzdem.
Aus dieser Zeit stammt auch ein kleiner „Weltrekord“, den ich aufstellte – na gut, vielleicht nur ein Seerekord. Ich eignete mir an, aus dem Stand eine Rolle vorwärts zu tauchen, bis ich wieder stand. Und jetzt stellt euch vor, ihr steht nach einer Rolle nicht mehr auf, sondern rudert mit den Armen weiter und macht eine weitere Rolle. Und noch eine. Und noch eine. Am Ende waren es etwa 32 Rollen vorwärts. Leider gab es damals keine Video-Handys. Sonst hätte ich heute einen Beweis. So müsst ihr mir das glauben.
Als ich heiratete und wegzog, wurden die Stari-Besuche seltener. Aber seit meiner Scheidung versuche ich, mindestens ein- bis zweimal im Jahr den Sand im Wasser zwischen meinen Zehen zu spüren und das Erholungsgelände zu genießen. Viele schöne Erinnerungen verknüpfe ich mit dem Stari. Danke.
Und selbst meine Eltern fahren jetzt wieder zum See. Mein Vater ist inzwischen Rentner, und viele seiner früheren Arbeitskollegen leben nicht mehr. Passt.