Eines Tages eröffneten uns unsere Eltern, dass sie mit ihrer Kegelgruppe einen Ausflug in Südtirol planten. Er sollte Ende August oder Anfang September und von einem Donnerstag bis zum darauf folgenden Montag stattfinden.
„Cool, gönnt euch“ dachten sich mein Bruder und ich. Zumindest so ähnlich, so hat man damals noch nicht gesprochen. Die Geschichte ist ja schließlich auch schon fast 30 Jahre her. Wahrscheinlich sagten wir damals: „Klasse, das habt ihr euch verdient“ und „Wir passen derweil auf unser Zuhause auf.“
Aber insgeheim schlossen wir unsere Gehirn-Synapsen zusammen und heckten einen geheimen Plan aus. Man kann sich bestimmt schon denken, was in unseren Köpfen laut aufschrillte.
„STUUUURMFREI!!!! Was stellen wir an? Was machen wir mit der elternfreien Zeit?“ Und eigentlich war es so klar wie Kloßbrühe – so redete man damals: eine Party. Und das ohne Wissen und Zustimmung der Eltern. Sonst wäre da niemals was daraus geworden – das wissen wir alle.
Als dann irgendwann das genaue Datum feststand, begannen wir auch mit unserer Planung. Donnerstag und Freitag Vorbereitung, Samstag das Event, Sonntag groß Reinemachen. Perfekt.
Unser engster Freundeskreis bestand so aus 20 Leuten, erweitert so um die 40. Perfekt.
Die engsten Freunde wurden eingeweiht und mit Aufgaben betraut. Getränke und Knabberzeug besorgen. So Sachen eben.
Und dann war es soweit. Die Eltern verabschiedeten sich Richtung Südtirol und wir starteten umgehend die Vorbereitungen.
1. Das Elternschlafzimmer ist tabu und wurde gleich mal abgesperrt. Also wenn da was passieren sollte, nee, undenkbar.
2. Alle möglichen Dekoartikel meiner Mutter wurden verräumt. Wir wollten nicht, dass irgendetwas davon zu Bruch geht.
3. Die Sitzmöbel wurden zu gemütlichen Plauschrunden zusammengestellt.
4. Der Kühlschrank wurde zwecks des enormen Vorteils einer Möglichkeit zum Kühlen von Getränken leergeräumt.
5. Die Küche wurde zur Selbstbedienungstheke samt Knabber- und Süßigkeiten-Buffet umfunktioniert.
6. An exponierten Stellen wurden ausführliche Anweisungstafeln angebracht, die darauf hinweisen sollten, dass z.B. alle möglichen Auswürfe und Ausscheidungen des Körpers doch bitte in die entsprechende Schüssel und unter Androhung von Putztätigkeiten nicht daneben zu platzieren sind. Dass Zigaretten und leere Flaschen nicht im Garten zu entsorgen sind, usw.
Am Abend besorgten wir dann auch diverse Getränke und Fressalien. Ausserdem wurden die ersten Lieferungen durch Freunde getätigt. Da wir mit ca 40 Leuten planten, hatten wir etwa sechs Kisten Bier, einige Kästen Softdrinks, Orangensaft und andere Säfte zum Mixen von Cocktails und eine Auswahl der dazugehörigen hochprozentigen Spirituosen. Dazu Orangen und Zitronen für Tequila. Zum Essen gab es Chips, Flips, Salzbretzeln, Gummibärchen, Schokoriegel, Brausepulver und Ähnliches.
Als der Tag vorbei war, war alles vorbereitet. Das ganze Hause war partyfähig hergerichtet. Im Erdgeschoss im Wohnzimmer die Sitzgelegenheiten für bestimmt 25 Personen, die Küche als Getränke- und Speisebuffet und die Gästetoilette. Im ersten Stock war das Bad als Ausweichtoilette und das Zimmer meines Bruders als Chillbereich angedacht. Und unter dem Dach mein Zimmer zum zurückziehen und quatschen und was auch immer.
Eingeladen wurden natürlich unsere Freunde, wie gesagt, etwa 20 Leute im harten Kern und dann noch deren Anhänge. Wir rechneten mit ca. 40 Leuten. Aber anscheinend hätten wir mal besser in Mathematik aufgepasst, weil wie sich am Abend zeigte, hatten wir uns gehörig verrechnet.
Gegen sechs Uhr kamen die ersten Gäste und wir hatten viel Spaß. Die ersten Biere wurden geleert und die ersten Cocktails verließen die Küche. Irgendwann ging dann eine Flasche zu Bruch. Kein Thema. Kann man ja wegräumen.
Später holte mich eine Freundin zur Eingangstür. Vor der Tür stand ein Kumpel aus Geretsried, im Schlepptau hatte er noch sechs andere Typen. Die kannte ich zwar vom Sehen, aber hatte eigentlich wenig mit ihnen zu tun. Aber gut. Momentan waren vielleicht 35 zugegen. Da kommt es auf die sieben auch nicht mehr an.
Eine halbe Stunde später wiederholte sich die Situation nur mit dem Unterschied, dass ich die Leute nicht mal vom Sehen kannte. Ich bat sie, wieder zu gehen. Sie drehten um und verließen murrend und zeternd das Grundstück. Als ich später die Treppe vom ersten Stock ins Erdgeschoss runterkam, sah ich die Typen, die ich gerade abgewiesen hatte, im Wohnzimmer stehen, alle mit einer Flasche Bier in der Hand. Aber bevor ich etwas sagen konnte und dabei lauter werden würde, wurde ich schon wieder zur Tür gerufen. Mein Bruder und paar unserer Freunde spielten in der A-Jugend des hiesigen Fußballvereins. Nun stand da dreiviertel der Erwachsenen-Mannschaft mit einigen Kasten Bier und winkten. Ich winkte auch und zwar herein, mir wurde das alles irgendwie zuviel und hatte den Überblick verloren. Der Alkohol, den ich bis dahin getrunken hatte, tat sein übriges. Immer mehr Leute kamen uneingeladen und das trotz Fehlens von Social Media und WhatsApp. Unsere Party war wohl „the place to be“ an jenem Abend.
Nach diversen Schätzungen verschiedener Umfragepersonen waren wohl in der Spitze so zwischen 100 und 120 Personen in unserem Haus, verteilt auf drei Stockwerke und sieben Zimmer.
Im Laufe des Abends war mir das dann egal. Der Alkohol, den ich trank, betäubte meine Sinne und ließ mich seltsame Dinge tun. Ich stolperte auf der Treppe in den Keller und landete in hohem Bogen auf dem letzten Stufenabsatz. Da das allerdings ohne Zuschauerschaft geschehen war, stiefelte ich nach oben, rief: „wollt ihr sehen, was mir gerade passiert ist?“ und stürzte mich nochmals die Treppe hinunter, diesmal mit Absicht.
Angeblich soll ich wohl später noch mit einem Cowboy-Revolver aus dem Faschingfundus Leute bedroht aber relativ rechtzeitig aufgeklärt haben. Davon weiß ich aber nichts mehr.
Irgendwann schlief ich wohl irgendwie irgendwo ein.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit Brummschädel und schalem Geschmack im Mund.
Nachdem ich mir einen Überblick über die Situation machte, musste ich feststellen, dass neben 2-3 zerbrochenen Flaschen und etlichen Kippen vor der Tür das Chaos relativ übersichtlich war. Die Gestalten, die nach und nach aus den Löchern unseres Hauses krochen halfen alle zusammen, alles wieder zu reinigen und aufzuräumen. Aber dann sah ich im Wohnzimmer auf der beigen Auslegeware ein tellergroßen roten Fleck. Was war da passiert?
Einer von meines Bruders Freunden hob reumütig die Hand und sagte: „Ich wars. Rose Sekt, nicht gerührt, geschüttelt!“ und wies mit seinem Finger zur Decke. Auch da prangte ein rosa Fleck. Ich holte Putzlappen, Wasser und einige Putzmittel und sagte: „ Schau, wie du das wegbekommst. In einer halben Stunde ist das weg.“ Letztendlich halfen wir dann doch alle zusammen und der Fleck war weg, zumindest für den, der nicht wusste, dass da mal ein Fleck gewesen war. Puhhh. Am Ende des Sonntags war die Wohnung wieder hergestellt. Perfekt.
Am nächsten Tag kamen dann unsere Eltern heim. Erstmal nichts. Aber nach ein paar Tagen kam mein Vater auf mich zu und fragte: „Was habt ihr denn angestellt, während wir weg waren?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Warum?“ „Weil auf Hüfthöhe an den Mauern im Treppenhaus zum Keller so schwarze Streifen sind, so wie von Schuhsohlen…“ und meine Mutter fügte hinzu: „Und auf dem Gästeklo sind so vier winzige kleine Löcher in der Wand, wie als wenn da was hingepinnt wurde.“
Ich sah meinen Bruder an und wir hoben wieder unsere Schultern. „Keine Ahnung?“
Meine Eltern vergaßen ihre Fragen und es wurde da nie wieder darüber gesprochen.
Und sie bekamen wohl auch nicht mit, dass diese Party von nun an bestimmt zu den zehn größten Privatparties in Wolfratshausen galt. Und im Grunde genommen mussten wir drei Kreuze schlagen und fünf Vaterunser beten, dass uns nicht das passiert ist, was man heutzutage alles so lesen kann: verwüstete Wohnungen, zerstörte Vorgärten und Polizeinsätze.
Ich denke, am 60sten Geburtstag meiner Mutter haben wir uns schließlich doch geoutet und haben die Geschichte erzählt. Meine Mutter schlägt heute noch die Hände über dem Kopf zusammen, wenn die Riesen-Party zum Thema wird.