004 UFO

Haltet mich für einen Spinner oder glaubt mir, wenn ich euch sage, dass ich schon mal ein UFO gesehen habe.

Nein, ich bin nicht entführt und mit mir sind auch keine extraterrestrischen Versuche gemacht worden.

Nun, in erster Linie ist an einer Sichtung nichts Sonderbares, ist ein UFO per Definition erstmal ein „Unidentifiziertes Flugobjekt“. Und genau das war es für mich.

Vor circa 25 Jahren, genaues Datum und Uhrzeit kann ich nicht mehr erinnern, trug sich folgendes zu.

Ich machte mich fertig, um mich mit Freunden zu treffen und auf die „Piste“ zu gehen. Das war das, was wir jedes Wochenende machten. Wir suchten eine Bar auf, um uns in Stimmung zu bringen und danach fuhren wir in eine Diskothek, um uns den Stress der Woche aus den Gliedern zu tanzen.

Wie gesagt, wann das war, weiß ich nicht mehr. Ich schätze im Frühsommer, Mai 1994 rum, weil es nicht so warm war und schon dunkel. Es mag wohl so gegen Acht oder Neun Uhr gewesen sein. So habe ich es im Gedächtnis.

Ich stand auf der Terrasse meines Elternhauses und rauchte eine Zigarette. Ich sah dabei in den Himmel. Es war sternenklar und es gab viel zu sehen. Den großen Wagen und Orions Gürtel erkannte ich auf Anhieb und so stand ich da und blies grauweiße Rauchwolken in den Himmel. Zwischen den Sternen nahm ich ein Lichtpunkt wahr, schenkte ihm aber kaum Aufmerksamkeit, bewegte er sich doch in der Geschwindigkeit eines Flugzeuges von Richtung Westen her. Eigentlich keiner Rede wert, außer vielleicht, dass dieser Lichtpunkt geringfügig größer als ein blinkendes Flugzeug war und orange leuchtete. Interessant wurde er aber in dem Moment, in dem er abrupt stehen blieb. Mitten in seiner lautlosen, geradlinigen Bewegung stoppte das Licht und verharrte an einer Stelle.

Mein Vater trat an meine Seite und fragte: „Hast du das eben auch gesehen?“ Er putzte seine Fußballschuhe im Garten und hatte wohl zufällig die gleiche Beobachtung gemacht.

Beide starrten wir auf das orange Licht. Irgendwann wandte sich mein Vater ab und verräumte seine gesäuberten Schuhe. Gefühlte 15 Minuten und zwei Zigaretten später setzte sich der Lichtpunkt wieder in Bewegung. Mit einem Tempo, dass ich keinem Fluggerät zuordnen konnte, düste das Objekt in Richtung Nordwesten weg. Was war das?

Kam lautlos, blieb längere Zeit an einer Stelle stehen und entfernte sich wieder in einem Affenzahn weg? Ich blickte dem Licht noch so lange nach, bis es aus meinem Sichtfeld verschwand. Als ich meinem Vater von dem schnellen Verschwinden erzählte, sah er mich ungläubig an, aber ich merkte es ihm an, dass er sich ärgerte, nicht so lange abgewartet zu haben.

In meinem Freundeskreis erzählte ich nichts. Von UFO-Sehern hält man im Allgemeinen nicht so viel und erklärt sie für verrückt.

Mein Vater erzählte aber wohl am nächsten Tag einem guten Freund im Ort von meiner Beobachtung und dieser Freund hatte den Lichtpunkt ebenso beobachtet.

Alle Erklärungsversuche in Folge scheiterten. Ich bzw. wir konnten aus dem UFO kein IFO machen, ein Identifiziertes Flugobjekt.

Ein Flugzeug kann nicht abrupt stehenbleiben, einen Hubschrauber hätte man gehört und der stünde auch keine 15 Minuten auf einer Stelle. Ein Ballon oder etwaiges würde die Richtung nicht so ändern und sich auch nicht so schnell entfernen. Die Höhe, in der dieses Licht am Himmel stand, war ganz schwierig einzuschätzen. Was war es nun?

Tagelang durchforstete ich Teletext und Zeitungen nach dem Phänomen, aber niemand schrieb über die Sichtung.

Ab und zu erzählen mein Vater und ich noch von dem Abend, als wir das orange Licht sahen.

Wir wissen nicht, was genau wir da sahen. Es bleibt ein UFO, ein Unidentifiziertes Flugobjekt.

003 Der Wal

„Leinen loooooos!“

Von weiter Ferne konnte der alte Pottwal rufende Stimmen erahnen. Er nahm einen tiefen Atemzug und verschwand unter der dunklen Wasseroberfläche, während er dort die Augen öffnete und suchend umher blickte. Kurz darauf tauchte der massige, speckige Körper wieder auf und ihm wurde gewahr, dass seine Zeit in den kühlen Fluten wohl gezählt waren. Im stand eine gnadenlose Jagd auf Leben und Tod bevor.

Waltran, der aus dem gekochten Fett des riesigen Tieres gewonnen wurde, war zu Zeiten vor der Entdeckung des Erdöls ein hoch begehrter Rohstoff. Denn er brachte Licht in dunkle Stuben und Tranlampen waren effizienter als die sonst verwendeten Kerzen. Aber schon zu biblischen Zeiten wurden er und die Seinen erwähnt und benannt: der Leviathan, das Monster aus der Tiefe – gruselige Geschichten wurden erzählt und unglaubliches Seemannsgarn wurde gesponnen, dabei war er doch das sanfteste Wesen, das je den Erdball bevölkerte.

Als er erneut auftauchte, rann Wasser seinen gewaltigen Kopf herab und bei jedem Atemzug prustete er es aus seinen Lungen wie Nebelwolken in den Himmel über ihm. Ihm war als hörte er wieder die Rufe:

„Da…. Da bläst er …“

Und mit letzter Kraft erhob sich der Wal, kletterte mit seinen großen Gliedmaßen über die Reling und mir wurde bewusst, dass drei Stunden Badewanne schon irgendwie die Wahrnehmung trüben können.

002 Die Stiefel des Nikolaus

Ende der 70er Jahre feierten wir den Nikolaustag immer bei den besten Freunden meiner Eltern.

Dieses Pärchen hatte eine Tochter und wir kannten uns eigentlich schon vor unserer Geburt. Mit von der Partie war noch mein jüngerer Bruder. Und so warteten wir gespannt in unseren Nicki-Pullis und Cord-Hosen auf den spannenden Moment, wenn es an der Tür pochte und der heilige, in Gold und Weiß gekleidete Herr mit vollem weißen Rauschebart hereingebeten wurde. Er würde uns wieder aus seinem güldenen Buch vorlesen und die darin vermerkten Übeltaten und schlechten Angewohnheiten vorhalten und uns zur Besserung gemahnen. Und dazu hörten wir Reisig-Geraschel und Kettenrasseln.
Denn der Nikolaus kam nicht allein. Er hatten seinen schwarzen, rußigen Gesellen im Schlepptau. In dunkle Lumpen gewandet und mit schwarzen struppigen Haaren und geschwärztem Gesicht stand der Krampus im Flur vor der Wohnungstür, jegliche eventuelle Flucht vereitelnd. Dagegen strahlte der Nikolaus vor lauter Licht und Erhabenheit. Wie es sich für eine Bischof gehört hatte er eine rote Mitra mit christlichem Kreuz und einen weißen wundervollen Mantel an. Weiße beringte Handschuhe und der obligatorische goldene Bischofsstab komplettierte die Lichtgestalt. Lediglich seine schweren, schwarzen Stiefel mit den eisernen Schnallen, so wie sie Forstarbeiter oder Landwirte im Winter tragen, reflektierten in keinster Weise die überbordende Herrlichkeit, die dieser Mann für uns Kinder ausstrahlte.

Die ganze Prozedur war relativ schnell vorbei. Die Streitigkeiten unter Brüdern wurden wahrscheinlich angesprochen und auch diese oder jene Unart. Meine Freundin kam wohl besser weg. Mädchen sind ja eh braver. Geschlagen oder mitgenommen wurden wir Gottseidank nicht. Eher im Gegenteil. Der Nikolaus öffnete einen Sack, den der Krampus getragen hatte und gab jedem Geschenke. Wir waren erleichtert und vergruben unsere Nasen in den bunten Jutesäckchen. Fast hätten wir vergessen, den Nikolaus und seinen Knecht zu verabschieden.

Der Abend verlief danach unspektakulär, gemütlich und entspannt. Später kamen noch weitere Freunde von unseren Eltern und setzen sich an den Tisch, um den Nikolaustag feucht-fröhlich ausklingen zu lassen.
Wir spielten am Boden und saßen vor dem Tisch. Von unter dem Tisch blitzte mich etwas an.

Und da fiel mir etwas auf…
Wie Schuppen fiel es mir von den Augen…

Ich überlegte hin und her, ob ich was sagen sollte. Aber dann stand ich energisch auf, zeigte mit dem Finger direkt auf den nachträglich eingetroffenen Werner und ließ die Bombe platzen!

„Der WERNER kauft seine Schuhe beim gleichen Schuhladen wie der Nikolaus!“

001 Grusliges von Mama

Meine Mama hatte eine schöne Kindheit in der ehemaligen DDR. Vor der Mauer, vor der Flucht. Sie erzählt oft vom Bauernhof in einem kleinen Ort an der Ostsee. Weite Kornfelder, Kartoffeläcker, Alleen aus Linden und Eichen, Sanddorn am Strand und vom Dorfweiher, der im Winter zugefroren war und zum Eislaufen einlud. Natürlich auch von der vielen Arbeit auf den Feldern und mit dem Vieh. Schafe hüten und Kühe melken.

Ich konnte mich vor ein paar Jahren selbst von der Schönheit der pommerschen Landschaft überzeugen und ich muss sagen, meine Mutter hatte recht. Den Bauernhof gab es zwar nicht mehr – er wurde nach der Flucht meiner Großeltern verstaatlicht, zweckentfremdet und umgebaut – aber die Luft zu atmen und in den Feldern zu stehen, die mein Opa anno dazumal sein eigen nannte und bestellte, war schon ein erhebender Moment.

Und trotzdem war da dieses mulmige Gefühl, in mitten von goldenen Weizenähren zu stehen.

Meine Mutter musste jeden Tag einige Kilometer in den nächsten Ort zur Schule gehen. Mehrere Dorfkinder bildeten eine Karawane, die durch Wind und Wetter, Sonne und Schnee den Weg bestritt, der quer durch die Felder führte. Wie es natürlich nicht ausblieb, wurde mal die große Pfütze, mal jener Schmetterling, mal diese Maus zum allgemeinen Wissenschaftsobjekt. Der Weg zur Schule war ein Sammelsurium an Ablenkungen, auf dem oft die Pünktlichkeit zum Opfer des Zeitvertreibs wurde. Vor allem auf dem Nachhauseweg war das natürlich ein Problem, wenn Vater oder Mutter schon mit Arbeit auf die Sprösslinge warteten.

So erzählte sie auch von der uralten Mähr, die die Alten oft zur Warnung wiedergaben.

„Nehmt euch in Acht vor der Kornmuhme, die kleine Kinder fangt , in ihre Höhle unter den Feldern zieht und bei lebendigem Leib verspeist.“ Dieser in Gestalt einer alten runzligen Frau mit langen Armen und hängenden Brüsten auftretende Naturgeist ist in schwarze Lumpen gehüllt und wartet darauf, dass sich Kinder in seine Reichweite verirren. Hat sie eins erwischt, hält die Muhme ihm den Mund zu und zieht es in ein Loch im Boden und es ward nie wieder gesehen. Außerdem kann sie sich trotz ihrer Gebrechlichkeit flink bewegen und überrascht Kinder, die sich in Träumereien am Feldrand aufhalten. Dann hetzt sie die Kleinen durch das Weizenlabyrinth bis jene nicht mehr können und vor Erschöpfung zusammen brechen. Schon ihr Atem soll den bevorstehenden Tod erahnen lassen.

Und so wurden die Kinder angehalten, nicht auf dem Weg zu verweilen sondern sich zu sputen. Die Kornmuhme ist immer da und immer wachsam.

Und da stand ich in meines Großvaters ehemaligem Weizenfeld, ließ die Sonne mein Gesicht erwärmen und sah aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Getreide…

Christoph, lauf…

Früher war eben doch nicht alles besser.

Wer selbst nachlesen will:
https://de.wikipedia.org/wiki/Roggenmuhme_(Kornd%C3%A4mon)

024 The Unknown Ringelspiel Stuntman

Wir waren früher oft bei meinen lieben Verwandten in Österreich.

Da waren die Oma, Opa war schon verstorben, die Tanten und Onkels und die dazugehörigen Cousins. Wir waren gerne dort. Die waren alle sehr super und wir hatten immer eine gute Zeit. Und es war ja auch Familie und da gehörten wir schließlich auch dazu.

Meistens waren wir an Ostern eine Woche und in den Sommerferien eine Woche im Südosten von Österreich nahe der wunderschönen Stadt Graz.

Die Verwandten meines Vaters wohnten, bzw. einige wohnen ja immer noch dort, in einem kleinen idyllischen Städtchen, das mir schon ans Herz gewachsen ist, da ich dort ja viel erlebt habe.

Die Nachmittage im Freibad, Osterfeuer am Berg, „Zundertrog’n“, „Woazbrot’n“, Fußballspielen bis in die Dunkelheit, die ersten Zigaretten aus Stroh und Heu, die ehrwürdige Riegersburg, mein erster Ritt auf einem Pferd, meine erstes Mal Autofahren, … ach, so vieles Schönes.

An einem Nachmittag, es muss wohl an Ostern gewesen sein, da das Wetter in meiner Erinnerung eher mäßig warm und dafür etwas nass war, besuchten wir meine Tante Rosi, den Onkel Peter und meinen Cousin Georg. Die Erwachsenen saßen beinander und ratschten, tranken Kaffee und wahrscheinlich schliefen die Väter dabei ein – so war das halt damals in Österreich.

Wir Kinder, mein Bruder, meine beiden Cousins und ich, gingen in den Hof zum Spielen. Hinter dem Haus grenzte eine Parkanlage an. In diesem Stadtpark versteckten früher unsere Eltern an Ostern immer unsere Nestchen. Und wir kannten ihn mehr oder weniger in und auswendig, da wir dort auch immer Verstecken spielten. Zwischen Park und Wohnanlage war ein schöner Spielplatz. Und auf dem Spielplatz war ein „Ringelspiel“. Der geneigte Leser versteht wohl eher ein „Karussell“. Das war im Grunde genommen eine mittig gelagerte waagrechte Scheibe, die sich drehte und an dessen Außenkante sich ein niedriges Geländer zum Schutz befand. Heutigen Sicherheitsstandards würde dieses Spielgerät wahrscheinlich nicht genügen. Aber hey, es waren die 80er und wir hatten Spaß.

Immer, wenn wir in Österreich waren, waren wir in der Wohnsiedlung was Besonderes. Wir waren die Cousins aus Deutschland! Naja, für uns, Dieter und Georg, jetzt nichts Weltbewegendes aber für die Kinder am Hof waren wir schon sowas wie Außerirdische. Und so kamen viele Kinder auch an diesem Nachmittag und umringten uns und wollten mitspielen. Und so spielten wir auf dem Karussell. Übermütig, wie wir waren, drehten wir an der Scheibe, bis die Fahrenden um Gnade schrien. Die Stimmung und der Übermut steigerte sich. Irgendwann kamen wir auf die Idee, bei sich drehender Scheibe aufzuspringen. Dazu hielten wir uns am Geländer fest, liefen einige Runden mit der Drehung mit und sprangen im besten Moment auf. Das wollte ich auch. Ich wollte.

Während ich so um die Drehscheibe lief, rutschte ich auf dem schlammigen Boden aus – es hatte am Vortag geregnet – und ich legte mich flach auf den Boden, die rechte Hand noch am Geländer. Und das Ringelspiel drehte weiter seine Runden, mit mir im Schlepptau. Ich wurde geradewegs durch den Schlamm gezogen. Warum ich nicht los ließ, weiß ich heute nicht mehr. Irgendeinen Grund wird es schon gegeben haben. Als das Karussell zum Stillstand kam stand ich auf und blickte an mir herunter.

meine ganze linke Seite war von oben bis unten in braungelbe Farbe getunkt. Es troff nur so an mir herab.

Alle Kinder sahen mich mit großen Augen an. „Wieso hast du das gemacht?“ wurde ich gefragt. Und ich wurde verlegen, wollte ich doch nicht zugeben, dass ich da eben einen kleinen Unfall hatte. Da schoss mir eine Begründung in den Kopf, die zumindest in den Ohren der Bewunderer glaubwürdig erscheinen mochte. „Ihr kennt doch bestimmt Colt Seavers, den Unknown Stuntman, den Colt für alle Fälle?“ Alle nickten. Colt war der Held einer Actionserie in den 80ern, der mit waghalsigen Abenteuern Krimi-Fälle löste. „Und ich bin ein Kinder-Stuntman. Immer wenn ein Kind gefährliche Sachen in Serien und Filmen machen muss, werde ich angerufen. Und da muss ich halt auch trainieren. Und das war mein Training für heute.“ Ich blickte in große Augen und offene Münder. Gefühlt wurde ich von einem deutschen Außerirdischen zu einer außerirdischen Gottheit befördert. Meine Cousins und mein Bruder konnten sich das Grinsen nicht verkneifen. „So, wir müssen langsam los. Ich habe morgen noch einen Filmdreh in Berlin,“ ließ ich verlauten und stiefelte breitbeinig mit tropfenden Klamotten davon. Als wir am Haus angelangt waren, prusteten wir laut los. Soviel Schmarrn kann auch nur mir einfallen. Und dann gingen wir die Treppen hoch zu Rosis Wohnung.

Oh, war das Geschrei groß. Meine Mutter wollte mich schon ohrfeigen, hielt sich aber zurück, wahrscheinlich, weil sie sich nicht dreckig machen wollte. Und dann sollte ich ins Badezimmer staksen, mich in die Wanne stellen und wurde von oben bis unten abgeduscht.

Leider Schade, kurz bevor ich in den Hof ging, ließ mich meine Oma ein altes Sakko meines Opas probieren, dass ich dann unten an hatte. Das war ruiniert.

Ich blickte voll Scham auf den Boden. Aber meine Mutter wuschelte mir durch die Haare. „Colt Sievers – tztztz“ und grinste.

„Soviel Schmarrn kann auch nur dir einfallen.“

017 Riesen-Party

Eines Tages eröffneten uns unsere Eltern, dass sie mit ihrer Kegelgruppe einen Ausflug in Südtirol planten. Er sollte Ende August oder Anfang September und von einem Donnerstag bis zum darauf folgenden Montag stattfinden.

„Cool, gönnt euch“ dachten sich mein Bruder und ich. Zumindest so ähnlich, so hat man damals noch nicht gesprochen. Die Geschichte ist ja schließlich auch schon fast 30 Jahre her. Wahrscheinlich sagten wir damals: „Klasse, das habt ihr euch verdient“ und „Wir passen derweil auf unser Zuhause auf.“
Aber insgeheim schlossen wir unsere Gehirn-Synapsen zusammen und heckten einen geheimen Plan aus. Man kann sich bestimmt schon denken, was in unseren Köpfen laut aufschrillte.
„STUUUURMFREI!!!! Was stellen wir an? Was machen wir mit der elternfreien Zeit?“ Und eigentlich war es so klar wie Kloßbrühe – so redete man damals: eine Party. Und das ohne Wissen und Zustimmung der Eltern. Sonst wäre da niemals was daraus geworden – das wissen wir alle.

Als dann irgendwann das genaue Datum feststand, begannen wir auch mit unserer Planung. Donnerstag und Freitag Vorbereitung, Samstag das Event, Sonntag groß Reinemachen. Perfekt.
Unser engster Freundeskreis bestand so aus 20 Leuten, erweitert so um die 40. Perfekt.
Die engsten Freunde wurden eingeweiht und mit Aufgaben betraut. Getränke und Knabberzeug besorgen. So Sachen eben.

Und dann war es soweit. Die Eltern verabschiedeten sich Richtung Südtirol und wir starteten umgehend die Vorbereitungen.
1. Das Elternschlafzimmer ist tabu und wurde gleich mal abgesperrt. Also wenn da was passieren sollte, nee, undenkbar.
2. Alle möglichen Dekoartikel meiner Mutter wurden verräumt. Wir wollten nicht, dass irgendetwas davon zu Bruch geht.
3. Die Sitzmöbel wurden zu gemütlichen Plauschrunden zusammengestellt.
4. Der Kühlschrank wurde zwecks des enormen Vorteils einer Möglichkeit zum Kühlen von Getränken leergeräumt.
5. Die Küche wurde zur Selbstbedienungstheke samt Knabber- und Süßigkeiten-Buffet umfunktioniert.
6. An exponierten Stellen wurden ausführliche Anweisungstafeln angebracht, die darauf hinweisen sollten, dass z.B. alle möglichen Auswürfe und Ausscheidungen des Körpers doch bitte in die entsprechende Schüssel und unter Androhung von Putztätigkeiten nicht daneben zu platzieren sind. Dass Zigaretten und leere Flaschen nicht im Garten zu entsorgen sind, usw.

Am Abend besorgten wir dann auch diverse Getränke und Fressalien. Ausserdem wurden die ersten Lieferungen durch Freunde getätigt. Da wir mit ca 40 Leuten planten, hatten wir etwa sechs Kisten Bier, einige Kästen Softdrinks, Orangensaft und andere Säfte zum Mixen von Cocktails und eine Auswahl der dazugehörigen hochprozentigen Spirituosen. Dazu Orangen und Zitronen für Tequila. Zum Essen gab es Chips, Flips, Salzbretzeln, Gummibärchen, Schokoriegel, Brausepulver und Ähnliches.
Als der Tag vorbei war, war alles vorbereitet. Das ganze Hause war partyfähig hergerichtet. Im Erdgeschoss im Wohnzimmer die Sitzgelegenheiten für bestimmt 25 Personen, die Küche als Getränke- und Speisebuffet und die Gästetoilette. Im ersten Stock war das Bad als Ausweichtoilette und das Zimmer meines Bruders als Chillbereich angedacht. Und unter dem Dach mein Zimmer zum zurückziehen und quatschen und was auch immer.
Eingeladen wurden natürlich unsere Freunde, wie gesagt, etwa 20 Leute im harten Kern und dann noch deren Anhänge. Wir rechneten mit ca. 40 Leuten. Aber anscheinend hätten wir mal besser in Mathematik aufgepasst, weil wie sich am Abend zeigte, hatten wir uns gehörig verrechnet.

Gegen sechs Uhr kamen die ersten Gäste und wir hatten viel Spaß. Die ersten Biere wurden geleert und die ersten Cocktails verließen die Küche. Irgendwann ging dann eine Flasche zu Bruch. Kein Thema. Kann man ja wegräumen.
Später holte mich eine Freundin zur Eingangstür. Vor der Tür stand ein Kumpel aus Geretsried, im Schlepptau hatte er noch sechs andere Typen. Die kannte ich zwar vom Sehen, aber hatte eigentlich wenig mit ihnen zu tun. Aber gut. Momentan waren vielleicht 35 zugegen. Da kommt es auf die sieben auch nicht mehr an.
Eine halbe Stunde später wiederholte sich die Situation nur mit dem Unterschied, dass ich die Leute nicht mal vom Sehen kannte. Ich bat sie, wieder zu gehen. Sie drehten um und verließen murrend und zeternd das Grundstück. Als ich später die Treppe vom ersten Stock ins Erdgeschoss runterkam, sah ich die Typen, die ich gerade abgewiesen hatte, im Wohnzimmer stehen, alle mit einer Flasche Bier in der Hand. Aber bevor ich etwas sagen konnte und dabei lauter werden würde, wurde ich schon wieder zur Tür gerufen. Mein Bruder und paar unserer Freunde spielten in der A-Jugend des hiesigen Fußballvereins. Nun stand da dreiviertel der Erwachsenen-Mannschaft mit einigen Kasten Bier und winkten. Ich winkte auch und zwar herein, mir wurde das alles irgendwie zuviel und hatte den Überblick verloren. Der Alkohol, den ich bis dahin getrunken hatte, tat sein übriges. Immer mehr Leute kamen uneingeladen und das trotz Fehlens von Social Media und WhatsApp. Unsere Party war wohl „the place to be“ an jenem Abend.

Nach diversen Schätzungen verschiedener Umfragepersonen waren wohl in der Spitze so zwischen 100 und 120 Personen in unserem Haus, verteilt auf drei Stockwerke und sieben Zimmer.

Im Laufe des Abends war mir das dann egal. Der Alkohol, den ich trank, betäubte meine Sinne und ließ mich seltsame Dinge tun. Ich stolperte auf der Treppe in den Keller und landete in hohem Bogen auf dem letzten Stufenabsatz. Da das allerdings ohne Zuschauerschaft geschehen war, stiefelte ich nach oben, rief: „wollt ihr sehen, was mir gerade passiert ist?“ und stürzte mich nochmals die Treppe hinunter, diesmal mit Absicht.
Angeblich soll ich wohl später noch mit einem Cowboy-Revolver aus dem Faschingfundus Leute bedroht aber relativ rechtzeitig aufgeklärt haben. Davon weiß ich aber nichts mehr.
Irgendwann schlief ich wohl irgendwie irgendwo ein.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit Brummschädel und schalem Geschmack im Mund.
Nachdem ich mir einen Überblick über die Situation machte, musste ich feststellen, dass neben 2-3 zerbrochenen Flaschen und etlichen Kippen vor der Tür das Chaos relativ übersichtlich war. Die Gestalten, die nach und nach aus den Löchern unseres Hauses krochen halfen alle zusammen, alles wieder zu reinigen und aufzuräumen. Aber dann sah ich im Wohnzimmer auf der beigen Auslegeware ein tellergroßen roten Fleck. Was war da passiert?
Einer von meines Bruders Freunden hob reumütig die Hand und sagte: „Ich wars. Rose Sekt, nicht gerührt, geschüttelt!“ und wies mit seinem Finger zur Decke. Auch da prangte ein rosa Fleck. Ich holte Putzlappen, Wasser und einige Putzmittel und sagte: „ Schau, wie du das wegbekommst. In einer halben Stunde ist das weg.“ Letztendlich halfen wir dann doch alle zusammen und der Fleck war weg, zumindest für den, der nicht wusste, dass da mal ein Fleck gewesen war. Puhhh. Am Ende des Sonntags war die Wohnung wieder hergestellt. Perfekt.

Am nächsten Tag kamen dann unsere Eltern heim. Erstmal nichts. Aber nach ein paar Tagen kam mein Vater auf mich zu und fragte: „Was habt ihr denn angestellt, während wir weg waren?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Warum?“ „Weil auf Hüfthöhe an den Mauern im Treppenhaus zum Keller so schwarze Streifen sind, so wie von Schuhsohlen…“ und meine Mutter fügte hinzu: „Und auf dem Gästeklo sind so vier winzige kleine Löcher in der Wand, wie als wenn da was hingepinnt wurde.“
Ich sah meinen Bruder an und wir hoben wieder unsere Schultern. „Keine Ahnung?“
Meine Eltern vergaßen ihre Fragen und es wurde da nie wieder darüber gesprochen.
Und sie bekamen wohl auch nicht mit, dass diese Party von nun an bestimmt zu den zehn größten Privatparties in Wolfratshausen galt. Und im Grunde genommen mussten wir drei Kreuze schlagen und fünf Vaterunser beten, dass uns nicht das passiert ist, was man heutzutage alles so lesen kann: verwüstete Wohnungen, zerstörte Vorgärten und Polizeinsätze.

Ich denke, am 60sten Geburtstag meiner Mutter haben wir uns schließlich doch geoutet und haben die Geschichte erzählt. Meine Mutter schlägt heute noch die Hände über dem Kopf zusammen, wenn die Riesen-Party zum Thema wird.