Ich bin ja nicht soooo der Konzertgänger. Ja gut, Depeche Mode habe ich öfter gesehen, das letzte Konzert von Linkin Park, Journey und andere… und natürlich Nino de Angelo.
Aber meine schönste Konzertgeschichte ist eine ganz andere.
Als ich mit meiner damaligen Freundin, ich nenne sie hier Angelika, in einem Einkaufszentrum… Nein… ich muss anders anfangen.
Ich habe mal vor Urzeiten ein Konzert auf arte angeschaut. Der Großmeister Bobby McFerrin gab sein Stelldichein. Den meisten dürfte er durch seinen einzigen kommerziellen Erfolg bekannt sein, der da im Jahre 1988 „Don‘t worry, be happy“ war. Und im Fernsehen sah ich nun dieses Konzert. Er flachste mit seinem Orchester, stibitzte sich einige Instrumente und spielte die dann alle. Er holte Zuschauer auf die Bühne, ließ sie mehr oder weniger gelungen singen oder ähnliche Laute von sich geben und er improvisierte seine Gesangsstücke um und mit den Zuschauern. Ich saß vor dem Fernseher und war geflasht von diesem Mann, der mit seiner Stimme Unglaubliches vollzog. Das kann man so gar nicht beschreiben, dass muss man gesehen haben.
Nun trottete ich hinter Angelika her, die durch das Einkaufszentrum zielstrebig auf den Supermarkt zusteuerte, und blickte links und rechts in die anderen Läden. Vor einem Laden befand sich ein Ständer mit Veranstaltungsflyern. Während ich Angelika andeutete, nachzukommen, studierte ich die ausgelegten Blätter. Dann fiel mir eines in die Hand.
Bobby McFerrin in Concert.
München im Gasteig, der Nummer 1 Adresse für E-Musik in der Stadt. Ich las kurz die Infos, las die Preise und steckte den Flyer im Weitergehen beiläufig ein. Dann kauften wir ein.
Wieder daheim hatte ich das Programmblatt ganz vergessen. Erst am Abend beim Ausziehen rutschte der Flyer aus der Gesäßtasche. Angelika machte mich darauf aufmerksam und fragte, was ich da hätte. Ich gab ihr den Zettel, schwärmte von dem gesehenen Konzert und sang „Don’t worry, be happy“. Als wir uns die Preise ansahen, war ich aber dann schnell der Meinung, dass ich mir das eh nicht leisten könne. Circa 80 Euro habe ich in Erinnerung. Lust hätte ich schon, aber nicht für das Geld.
So wanderte Bobby in den Mülleimer und war relativ schnell aus meinem Gedächtnis verschwunden. Bis zu meinem Geburtstag.
Da überreichte mir meine Süße einen Umschlag und grinste. Wie gesagt, ich hatte Bobby schon vergessen und war umso erstaunter und erfreuter, als da zwei Karten für das Konzert von McFerrin in München darin waren. Wirklich, ich freute mich total, auch so ein Erlebnis zu haben, wie ich im Fernsehen gesehen habe, nur in echt. Und das noch mit dem Menschen an meiner Seite, den ich liebte.
Da es zu dem Konzert noch ein bisschen hin war, wuchs die Vorfreude von Tag zu Tag ins Unermessliche. Bis es dann soweit war.
Es war ein schönen Sommertag, es war warm und wir waren schon ein bisschen aufgebretzelt. Hey, Gasteig, da geht man eher nicht in T-Shirt und kurzen Jeans hin. Und es war warm. Sagte ich schon, dass es warm war?
Als wir am Konzertsaal ankamen, kamen wir uns schon etwas elitär vor. Feine Herren führten ihre Damen zu ihren Sitzplätzen und das machte ich dann auch.
Das Konzert begann.
Eine fünfköpfige mongolische Kombo spielte auf mongolischen Instrumenten mongolische Volksweisen. 10 Minuten lang. Dann kam Bobby McFerrin unter tosendem Applaus auf die Bühne. Ich stand auch und klatschte frenetisch.
Da folgte wieder mongolische Musik der mongolischen Musiker, diesmal mit Bobby.
Danach folgte eine georgische Volksliedgruppe, es kann auch Kasachstan gewesen sein, und sang und spielte georgische oder kasachische Volkslieder. Bobby improvisierte mit Gitarre und Posaune dazu. Jo… für jemanden, der noch nie kasachische Volksmusik gehört hat, können 5 Minuten dann schon lang sein.
Aber ich freute mich darauf, dass McFerrin endlich das Publikum einbeziehen würde. Gerade das hat mich ja so fasziniert.
Aber erst kam noch jemenitische Musik. Auf eine Flöte dudelte McFerrin zu dem Gesang der drei mit weißen wallenden Gewändern gekleideten Jemenitinnen.
Ich blickte zu Angelika rüber und sah sie verzweifelt und verwirrt auf die Bühne starren. Mich beschlich ein Gefühl der Scham. Diese tolle Frau sparte ihr hart erarbeitetes Geld für mein Geburtstagsgeschenk und hörte sowas. Vor allem, weil ich ihr McFerrin ganz anders vorgestellt hatte. Ich habe es mir ja auch ganz anders vorgestellt. Ich war enttäuscht und enttäuschte sie.
Nach dem Beitrag aus Jemen kam dann noch Philippinen, Simbabwe und Marokko.
Dann war Pause. Nach einer Stunde hat Bobby die halbe Welt bereist. Nach der Pause würde dann wahrscheinlich Neuseeland, Chile, Venezuela, El Salvador und Andorra folgen.
Für einen Begeisterten der Ethnologie bestimmt total interessant, für mich, der halt etwas ganz anderes erwartet hat, eher so nee.
Blöde Situation. Ich wollte mir das eigentlich nicht mehr länger antun. Angelika hatte mir die Karten geschenkt, da wollte ich jetzt auch nicht unbedingt sagen, dass das Konzert doof ist. Naja, dann halt Ohren zu und durch – irgendwie. Ach, ich war so unentschieden.
Wir gingen durchs Foyer nach draußen und vertraten uns die Beine.
Ich sah Angelika an und wollte gerade anfangen zu sprechen und ihr mitteilen, dass ich eher enttäuscht von der Darbietung war, da sagte sie: „Hey, wenn es nach mir ginge, müssten wir uns die zweite Hälfte nicht geben. Ich finde es sehr anstrengend und langweilig.“ Ich sah sie verlegen an und antwortete: „Danke. Mir tut es leid um die Karten. Aber ich wollte eben genau dasselbe sagen.“ Wir grinsten und küssten uns. An uns vorbei huschte ein älteres Paar, von denen die Dame zischte: „Bobby McFerrin war auch schon mal besser“ und sich vom Gasteig entfernten. Wir lachten.
Ich nahm Angelika bei der Hand, zog sie anstatt zum Gasteig nun zur U-Bahn-Station und wir fuhren in die Innenstadt. In der Fußgängerzone war um die Uhrzeit noch jede Menge los, denn dort fand ein Altstadtfest statt. An einem Stand trafen wir dann noch Leute, die wir kannten und hatten noch viel Spaß.
Das Schöne war, dass Angelika mir jegliches Gefühl nahm, mich schuldig zu fühlen, dass die teuren Karten umsonst waren.
Was habe ich daraus gelernt? Eigentlich nichts. Ausser vielleicht, dass es oft anders kommt, wie man denkt. Und dass man nicht von einem Bobby auf andere Bobbys schließen kann.
Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass Bobby nachwievor ein begnadeter Musiker und Vocalist ist. Nur an dem Abend hat es halt nicht gepasst.









