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016 Ein Abend mit/ohne Bobby

Ich bin ja nicht soooo der Konzertgänger. Ja gut, Depeche Mode habe ich öfter gesehen, das letzte Konzert von Linkin Park, Journey und andere… und natürlich Nino de Angelo.

Aber meine schönste Konzertgeschichte ist eine ganz andere.

Als ich mit meiner damaligen Freundin, ich nenne sie hier Angelika, in einem Einkaufszentrum… Nein… ich muss anders anfangen.

Ich habe mal vor Urzeiten ein Konzert auf arte angeschaut. Der Großmeister Bobby McFerrin gab sein Stelldichein. Den meisten dürfte er durch seinen einzigen kommerziellen Erfolg bekannt sein, der da im Jahre 1988 „Don‘t worry, be happy“ war. Und im Fernsehen sah ich nun dieses Konzert. Er flachste mit seinem Orchester, stibitzte sich einige Instrumente und spielte die dann alle. Er holte Zuschauer auf die Bühne, ließ sie mehr oder weniger gelungen singen oder ähnliche Laute von sich geben und er improvisierte seine Gesangsstücke um und mit den Zuschauern. Ich saß vor dem Fernseher und war geflasht von diesem Mann, der mit seiner Stimme Unglaubliches vollzog. Das kann man so gar nicht beschreiben, dass muss man gesehen haben.

Nun trottete ich hinter Angelika her, die durch das Einkaufszentrum zielstrebig auf den Supermarkt zusteuerte, und blickte links und rechts in die anderen Läden. Vor einem Laden befand sich ein Ständer mit Veranstaltungsflyern. Während ich Angelika andeutete, nachzukommen, studierte ich die ausgelegten Blätter. Dann fiel mir eines in die Hand.

Bobby McFerrin in Concert.

München im Gasteig, der Nummer 1 Adresse für E-Musik in der Stadt. Ich las kurz die Infos, las die Preise und steckte den Flyer im Weitergehen beiläufig ein. Dann kauften wir ein.

Wieder daheim hatte ich das Programmblatt ganz vergessen. Erst am Abend beim Ausziehen rutschte der Flyer aus der Gesäßtasche. Angelika machte mich darauf aufmerksam und fragte, was ich da hätte. Ich gab ihr den Zettel, schwärmte von dem gesehenen Konzert und sang „Don’t worry, be happy“. Als wir uns die Preise ansahen, war ich aber dann schnell der Meinung, dass ich mir das eh nicht leisten könne. Circa 80 Euro habe ich in Erinnerung. Lust hätte ich schon, aber nicht für das Geld.

So wanderte Bobby in den Mülleimer und war relativ schnell aus meinem Gedächtnis verschwunden. Bis zu meinem Geburtstag.

Da überreichte mir meine Süße einen Umschlag und grinste. Wie gesagt, ich hatte Bobby schon vergessen und war umso erstaunter und erfreuter, als da zwei Karten für das Konzert von McFerrin in München darin waren. Wirklich, ich freute mich total, auch so ein Erlebnis zu haben, wie ich im Fernsehen gesehen habe, nur in echt. Und das noch mit dem Menschen an meiner Seite, den ich liebte.

Da es zu dem Konzert noch ein bisschen hin war, wuchs die Vorfreude von Tag zu Tag ins Unermessliche. Bis es dann soweit war.

Es war ein schönen Sommertag, es war warm und wir waren schon ein bisschen aufgebretzelt. Hey, Gasteig, da geht man eher nicht in T-Shirt und kurzen Jeans hin. Und es war warm. Sagte ich schon, dass es warm war?

Als wir am Konzertsaal ankamen, kamen wir uns schon etwas elitär vor. Feine Herren führten ihre Damen zu ihren Sitzplätzen und das machte ich dann auch.

Das Konzert begann.

Eine fünfköpfige mongolische Kombo spielte auf mongolischen Instrumenten mongolische Volksweisen. 10 Minuten lang. Dann kam Bobby McFerrin unter tosendem Applaus auf die Bühne. Ich stand auch und klatschte frenetisch.

Da folgte wieder mongolische Musik der mongolischen Musiker, diesmal mit Bobby.

Danach folgte eine georgische Volksliedgruppe, es kann auch Kasachstan gewesen sein, und sang und spielte georgische oder kasachische Volkslieder. Bobby improvisierte mit Gitarre und Posaune dazu. Jo… für jemanden, der noch nie kasachische Volksmusik gehört hat, können 5 Minuten dann schon lang sein.

Aber ich freute mich darauf, dass McFerrin endlich das Publikum einbeziehen würde. Gerade das hat mich ja so fasziniert.

Aber erst kam noch jemenitische Musik. Auf eine Flöte dudelte McFerrin zu dem Gesang der drei mit weißen wallenden Gewändern gekleideten Jemenitinnen.

Ich blickte zu Angelika rüber und sah sie verzweifelt und verwirrt auf die Bühne starren. Mich beschlich ein Gefühl der Scham. Diese tolle Frau sparte ihr hart erarbeitetes Geld für mein Geburtstagsgeschenk und hörte sowas. Vor allem, weil ich ihr McFerrin ganz anders vorgestellt hatte. Ich habe es mir ja auch ganz anders vorgestellt. Ich war enttäuscht und enttäuschte sie.

Nach dem Beitrag aus Jemen kam dann noch Philippinen, Simbabwe und Marokko.

Dann war Pause. Nach einer Stunde hat Bobby die halbe Welt bereist. Nach der Pause würde dann wahrscheinlich Neuseeland, Chile, Venezuela, El Salvador und Andorra folgen.

Für einen Begeisterten der Ethnologie bestimmt total interessant, für mich, der halt etwas ganz anderes erwartet hat, eher so nee.

Blöde Situation. Ich wollte mir das eigentlich nicht mehr länger antun. Angelika hatte mir die Karten geschenkt, da wollte ich jetzt auch nicht unbedingt sagen, dass das Konzert doof ist. Naja, dann halt Ohren zu und durch – irgendwie. Ach, ich war so unentschieden.

Wir gingen durchs Foyer nach draußen und vertraten uns die Beine.

Ich sah Angelika an und wollte gerade anfangen zu sprechen und ihr mitteilen, dass ich eher enttäuscht von der Darbietung war, da sagte sie: „Hey, wenn es nach mir ginge, müssten wir uns die zweite Hälfte nicht geben. Ich finde es sehr anstrengend und langweilig.“ Ich sah sie verlegen an und antwortete: „Danke. Mir tut es leid um die Karten. Aber ich wollte eben genau dasselbe sagen.“ Wir grinsten und küssten uns. An uns vorbei huschte ein älteres Paar, von denen die Dame zischte: „Bobby McFerrin war auch schon mal besser“ und sich vom Gasteig entfernten. Wir lachten.

Ich nahm Angelika bei der Hand, zog sie anstatt zum Gasteig nun zur U-Bahn-Station und wir fuhren in die Innenstadt. In der Fußgängerzone war um die Uhrzeit noch jede Menge los, denn dort fand ein Altstadtfest statt. An einem Stand trafen wir dann noch Leute, die wir kannten und hatten noch viel Spaß.

Das Schöne war, dass Angelika mir jegliches Gefühl nahm, mich schuldig zu fühlen, dass die teuren Karten umsonst waren.

Was habe ich daraus gelernt? Eigentlich nichts. Ausser vielleicht, dass es oft anders kommt, wie man denkt. Und dass man nicht von einem Bobby auf andere Bobbys schließen kann.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass Bobby nachwievor ein begnadeter Musiker und Vocalist ist. Nur an dem Abend hat es halt nicht gepasst.

015 Wickie und die starken Männer

Wickie, der kleine Wikingerjunge, für manche immer noch ein Wikingermädchen, weil sie die eine Folge der Zeichentrickserie nie gesehen hatten, in dem man Wickie aber sowas von eindeutig dem männlichen Geschlecht zuordnen kann. Ebendieser Wickie war Dreh- und Angelpunkt zwei meiner Geschichten.

Wickie hat Hunger

Mein Bruder und ich saßen vor der Flimmerkiste und sahen uns im Vorabendprogramm die Kinderserien an. Wir waren etwa 3 und 6. Meine Eltern waren gerade den Wocheneinkauf erledigen. Im holzgetäfelten Röhrenbildschirm lief gerade eine Folge „Wickie“. So weit ich mich noch erinnern kann, ging es in der Folge um einen Wettlauf. Die bekannten Wikinger versuchten sich miteinander zu messen. Wickie rieb sich an der Nase und überlistete bestimmt seine Kameraden und ging als Sieger hervor.

Eine Szene ist mir aber noch heute sehr bunt in Erinnerung. Und zwar setzten sich die Kontrahenten irgendwo an die Wegstrecke, öffneten ihre Tasche und machten Brotzeit. Brotzeit… Wer mich kennt, kann sich vielleicht vorstellen, was jetzt passierte. Ich bekam so eine Lust auf Brotzeit, aber sowas von. Mir lief das Wasser im Mund zusammen als Tjure und Snorre sich einen Kanten Brot abschnitten. Käse und Wurst wurde sich auch einverleibt. Und ich darbte mit großen Augen und leerem Magen.

Das konnte ich nicht auf mich beruhen lassen. Ich ging in die Küche, legte mir Frischkäse und Leberwurst aus dem Kühlschrank und griff zum Brot. Wir hatten eine Brotschneidemaschine und dort legte ich den Laib hinein. Mit der rechten Hand drückte ich den Betriebsknopf und mit der Linken führte ich das Brot in die Kreisklinge. Und meinen Daumen auch. Wie eine Kreissäge durchtrennte sie nicht nur das Brot sondern schnitt auch schnell in meinen Daumen. Sofort ließ ich den Knopf los, aber es war zu spät. Das Brot war geschnitten und aus dem Daumen lief das Blut schon den Arm herunter. Ich hielt den Schnitt unter kaltes Wasser und wickelte mir ein Handtuch um die Hand. Wahrscheinlich heulte ich nebenbei auch noch. Mein Bruder war auch ganz schockiert und in Panik. Er wollte unbedingt meine Eltern vorwarnen, wenn sie nach Hause kommen würden. Er nahm sich einen roten Filzstift, malte einen roten Fleck auf ein Taschentuch und hielt es an die Fensterscheibe, als meine Eltern mit dem Auto in unsere Straße bogen.

Ich saß stattdessen auf dem Boden, aß meine Brotschnitte und war soweit zufrieden.

Wir fuhren dann noch ins Krankenhaus, wo ich desinfiziert und lediglich mit Gewebepflaster versorgt wurde. Aber die Narbe, die mir Wickie eingebrockt hat, sieht man heute noch.


Wo ist Wickie?

Als ich in Bad Tölz wohnte, arbeitete ich nebenbei im alten Kino. Ein schönes, altehrwürdiges Haus in dem zu früheren Zeiten einige deutsche Alpenfilme uraufgeführt wurden und die deutsche Filmprominenz der 50er und 60er-Jahre ein und ausging. In den letzten Jahren wurden dort aber nur ausgewählte Filme gezeigt, denn die Blockbuster liefen im neueren Isar-Kino-Center.

Dort verkaufte ich im Jahre 2008 Eintrittskarten, Popcorn, Getränke und andere Snacks.

Eines Tages entdeckte ich bei der Vorbereitung meines Arbeitsplatzes Flyer, die vor dem Verkausfenster auslagen. Eine Castingagentur suchte für den Film „Wickie und die starken Männer“ von Bully Herbig Statisten für das Wikingerdorf. Die Dreharbeiten fanden am Walchensee, nicht weit weg, statt. Da ich von stattlicher Figur bin und über reichlich Bartwuchs verfüge, dachte ich mir “Hey, wieso nicht? Als saufender, fressender Schmied könnte ich mich gut vorstellen. Oder auch jede andere Rolle war in Ordnung. Ich rechnete mir gute Chancen aus. Hauptsache in einem Kinofilm auftauchen.

Ich überflog den Zettel: Samstag, 15 Uhr, Casting in Mittenwald im Kurpark, Pavillon da und dort. Cool, am nächsten Wochenende hab ich Zeit und die 60 km nach Mittenwald wären ein schöner Ausflug.

Der nächste Samstag kam dann. Ich zog mich schick und aussagekräftig an. Ich hatte ein geschnürtes Trachtenhemd, dass mir einen fast frühmittelalterlichen Anschein verlieh. Und dann fuhr ich los. Vor Garmisch hatte ich ewig Stau, sodass ich schon Angst hatte, den Termin nicht rechtzeitig zu erreichen. Aber nach 1,5 h Fahrt kam ich am Kurpark in Mittenwald an. Im Auto hatte ich schon begonnen, ein kräftiges brummendes Lachen zu üben und legte mir Sätze in den Mund, die ich in meiner Rolle hätte sagen können. „Ein Hoch auf Flake. Hoch lebe Halvar. Wickie ist der Beste“, und als ich dann in den Kurpark eintrat, murmelte ich weiter die Sätze, die mir meine Kinokarriere eröffneten. Auf einem Lageplan suchte ich mir das Gebäude, zu dem ich musste und lief mit Vorfreude zum Casting. Dann kam ich an einem Pavillon vorbei. Der war aber leer. Leere Bänke, mehr nicht, und ich lief weiter. Aber da kam irgendwie nichts mehr. Ich wunderte mich ein bisschen und ging zurück. Wieder am Lageplan mutmaßte ich, dass der Pavillon, den ich gesehen hatte, eigentlich der richtige sein musste. Ich blickte auf die Uhr. „Viertel vor Drei… hmmmm. Filmleute haben bestimmt immer Verspätung.“ Ich wartete bis halb Vier und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Es hatte mittlerweile angefangen zu regnen und dunkle Wolken schoben sich durch die Berge.

Auf einmal donnerte es und die Wolken öffneten nun vollends ihre Tore. Es begann zu schütten. Und ich lief zu meinem Auto zurück, das ich am Eingang des Parks geparkt hatte. Pittschnass und verwirrt saß ich in meinem Wagen. Dann kramte ich in der Mittelkonsole und fand den Flyer der Castingagentur. Samstag, 15 Uhr, Mittenwald, Kurpark, Pavillon.

Und dann fiel mein Blick auf das Datum. Oh mein Gott…

Ich hatte nie auf das Datum geachtet. Ich bin immer davon ausgegangen, dass der Samstag der des nächsten Wochenendes war. Der Termin war eine Woche früher. Ich war eine Woche zu spät. Ich wusste nicht, ob ich Lachen oder Weinen sollte.

Nun ja. Ich lachte.

Nach einiger Zeit sah ich dann mal den Film. Das hätte ich bestimmt besser gemacht. Ich urteilte hart über die Dorfstatisten. Und sagen durften die sowieso nichts…

014 Blumenbeet

Narben habe ich viele. Und ich könnte unzählige Geschichten über meine Narben erzählen. Von Operationen, von Brotschneidemaschinen und Küchenmessern, von Druckplatten aus Alublech und entzündeten Spritzeneinstichen. Und eben einem Blumenbeet.

In einem schönen Sommer besuchten wir die besten Freunde meine Eltern. Es waren meine Mutter, mein Bruder und ich. Mein Vater war zu der Zeit irgendwo unterwegs, zumindest nicht dabei.

Die Freunde wohnten in einem Mehrfamilienhaus im Erdgeschoss und hatten einen eigenen Garten. Wir saßen auf der sonnenbeschienenen Terrasse und hatten Kaffee und Kuchen. Also ich bestimmt ohne Kaffee. Nachdem wir unseren Nachmittagsschmaus abgeschlossen hatten, tobten wir mit der Tochter des Hauses, ich nenne sie hier Angie, im Garten und dachten uns Spiele aus. Aber nach einiger Zeit hatten wir genug davon und Angie kam mit einer Idee, ein Blumenbeet anzulegen.

Angie bittete und bettelte bei ihren Eltern. Angies Mutter wies uns einen Bereich im Garten zu und wir holten uns einige Werkzeuge. Eine Schaufel, einen Spaten, einen Eimer usw.

Mein Bruder war noch zu klein, Angie und ich waren vielleicht 6, und so übernahmen wir die gartenarchitektonischen Planungen. Ca. einen halben mal einen Meter zu Füßen zweier großen alten Kiefern am Rande des Grundstücks steckten wir ab. Als die Position klar war, fingen wir an, zu buddeln und die Grasnarbe abzutragen. Angie nahm die Schaufel und ich den Spaten. Mit meinen mit Sandalen besohlten Füßen trat ich auf das Spatenblatt und stach nach und nach das Beet ab. Mein Bruder entfernte die lockeren Grasbrocken. Fast waren wir fertig, da fing Angie auf einmal laut zu lachen an und sah mich dabei an. Ich verstand nicht und machte ein fragendes Gesicht. „Was ist denn so lustig?“ stellte ich sie zur Rede.

„Ach, Christoph, du bist lustig“ antwortete sie. Ich blickte noch fragender.
„Wer hat dich denn heute angezogen?“
Ich verstand immer noch nicht.

Sie zeigte mit ihrem Finger auf meine Füße und prustete los „Du hast ja unterschiedliche Socken an. Einen Weißen und einen Roten.“

Ich sah an mir herunter und – tatsächlich – ich trug einen weißen und einen roten Socken. Komisch, das wäre mir bestimmt in der früh aufgefallen.

Aber als ich an mir herunter blickte, fiel mir auf, dass auch das Leder meiner braunen Sandalen rot war. Ich drehte meinen Fuß am Boden und besah ihn mir aus allen Winkeln. Und da fiel mir ein dunkelroter Fleck von etwa drei Zentimeter Breite knapp über dem Sockensaum am unteren Ende meiner Wade auf. Ich blutete – wie ein Schwein. Unaufhörlich floss das Blut aus der Wunde und wurde vom Socken aufgesogen. Der gesamte Stoff hatte sich mittlerweile eingefärbt.

Ich war wohl beim Stechen mit dem Spaten abgerutscht und hatte mir das ungefalzte Spatenblatt in die Wade gerammt.

Erst jetzt spürte ich den brennenden Schmerz und heulte los.

Mein Bruder lief schreiend zu meiner Mutter und die Erwachsenen kamen sofort angelaufen. Na toll.

Angies Mutter brachte ein Handtuch und eine Plastiktüte und ich wurde darin eingepackt. Angies Vater hob mich hoch und trug mich zu seinem Auto. Mit meiner Mutter fuhr er mich nun zum Krankenhaus. Dort wurde ich letztendlich fachmännisch versorgt. Meine Wunde wurde verklebt und bald war alles verheilt.

Das Blumenbeet-Projekt war gestorben. Ob Angie selbst weiterarbeitete oder ihr Vater, ob sie je ein kleines Blumenbeet bekommen hatte, weiß ich nicht mehr.

Was mir blieb, ist eine Narbe. Und die Angewohnheit, jeden Morgen genau zu kontrollieren, ob meine Socken zusammen passen.

013 Kaugummi

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Mal vorab: die kleinen Anekdoten, die ich hier in loser Reihenfolge von mir aus meinem Leben erzähle, habe ich alle so erlebt – also in meiner Erinnerung, daher vielleicht nicht immer 100%ig so.

Ich bin ziemlich schnell darauf übergegangen, die Namen der teilnehmenden Freunde und Personen zu verfremden, um sie anonym zu halten – ist ja nicht immer zu ihrem Vorteil. Falls sich dennoch jemand erkennt, freue ich mich. Aber es kann natürlich sein, dass DU die Geschichte, die wir beide zusammen erlebt haben, ganz anders in Erinnerung hast. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Schnittmenge.

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Ich hatte eine unbeschwerte Kindheit in meiner Heimatstadt. In den Frühlingen freute ich mich, wenn es endlich wieder warm und grün wurde. Die Sommer rochen nach Blumen und wenn es regnete, dann nach Asphalt. Die Herbste waren rot-braun und ich sammelte Kastanien – eine Einkaufstüte 5 DM beim Förster. In den Wintern gab es viel Schnee und Schneeburgen und ich freute mich auf Weihnachten.

Und das schönste: das erlebte ich nicht allein. Da war zum einen mein Bruder, aber in unserem Viertel auch viele andere Kinder. Im Nebenhaus wohnte mein damaliger bester Freund. Der Markus. Als ich geboren wurde, freundete sich meine Mutter mit Markus Mutter an. Wir waren fast gleich alt. Deswegen gingen wir zusammen in den Kindergarten und auch in die Schule.

Und nach der Schule und den Hausaufgaben trafen wir uns fast täglich zum Spielen – entweder bei uns oder bei ihm, aber meistens im Garten oder im Wald. Tolle Zeit – wirklich.

Nicht weit von unserem Haus war ein kleiner Edeka-Markt. Der wurde von allen nur nach dem Inhaber Schachtenberg genannt. So kleine Edekas gibt’s ja heute gar nicht mehr. Gefühlt nur zehn Regale, eine kleine Theke mit Käse, Wurst, Backwaren und einer kleinen alten Käse-, Wurst- und Backwarenfachverkäuferin. Und am Ausgang thronte Herr Schachtenburg hinter seiner Kasse. Inmitten von Süßigkeiten.

Beim Schachtenberg konnte man noch seine Schleckertüte selbst befüllen. Brausetaler, Gummischlangen, Riesen-Brocken, Brause-Ufos, Schleckmuscheln, blaue Schlümpfe, Lutscher und so weiter und so fort. Jedes Trumm zwei, fünf oder zehn Pfennig.

Und immer, wenn wir paar Groschen in der Hosentasche hatten, gingen wir zum Schachtenberg und holten unsere Schleckertüte.

Aber an einem Tag, wir waren vielleicht sechs Jahre alt, wollten wir nicht nur das uns bekannte Sortiment, sondern auch noch was Besonderes. Wir wollten auch noch Kaugummis. Warum, weiß ich nicht mehr. Es ist auch egal, wir wollten KAUGUMMIS. Erst füllten Markus und ich unsere Tüten und wandten uns dann den Kaugummis zu. Die gelben Fruchtigen sollten es sein. Aber ein Blick auf das Preisschild ernüchterte uns dann doch. Das Geld reichte nicht. Wir zählten noch mal den Inhalt unserer Tüten, verglichen es mit dem Geld in unseren Taschen. Nein, da war nichts zu machen. Zu wenig. Und zurücklegen konnte man das, was wir angefasst hatten, auch nicht. Das wussten wir schon.

Wer die Idee hatte, weiß ich nicht mehr. Wir sahen uns an, nickten uns zu und Markus steckte eine gelbe Packung in seine Hosentasche.

Langsam gingen wir zur Kasse. Meine Knie waren weich wie Wachs. Manno, wir begingen gerade einen Diebstahl. Unseren ersten. Ich sah mich schon im Gefängnis, weil ich nach den Kaugummis wohl noch ein Matchboxauto, eine Schallplatte, ein Eau de Toilette, ein Fahrrad und ein Auto geklaut haben würde. Schweißperlen traten auf meine Kinderstirn, als der Schachtenberg in meine Tüte spähte und die Preise in die Kasse tippte. „Eine Mark achzich bei dir“ sagte er zu mir und lächelte mich an. Wir kannten ja den Schachtenberg und er uns, denn wir und unsere Eltern waren ja Stammkunden. Ich hielt ihm die paar Zehnerl und ein Fuchzgerl hin. Markus kramte vorsichtig in seiner Tasche und zahlte auch seine Tüte.

Der Schachtenberg sagte noch, dass wir unsere Eltern grüßen sollen. Wir verabschiedeten uns schnell und verließen den Laden durch die Ausgangstür. Wir grinsten uns an und eine große Anspannung fiel von uns ab. Wir haben es geschafft, wir haben KAUGUMMIS. Und uns war aber auch bewusst, dass wir eine Straftat begangen haben. Egal, wir hatten KAUGUMMIS.

Markus holte die Packung aus der Hosentasche, öffnete sie und hielt mir einen Streifen hin. Sofort schoben wir uns den Gummi in den Mund und begannen zu kauen. Das Gefühl, den fruchtigen Geschmack auf der Zunge zu spüren und im ganzen Mundraum zu verteilen, änderte sich plötzlich in ein schmerzhaftes Gefühl. Aber nicht die Zähne oder die Zunge schmerzte, sondern die Ohren. Der Schachtenberg hatte uns an den Ohren gepackt. Wir waren so überwältigt von unserem „Erfolg“, dass wir unsere Beute direkt vor dem großen Schaufenster und direkt vor dem Kassenbereich des Edeka-Marktes teilten. „Aua, Aua“

Dann ließ er los und sah uns in die Augen. „Was soll denn das? Macht man sowas? Jetzt muss ich eure Eltern anrufen. Und jetzt fort und denkt mal drüber nach.“

Wir gingen nicht direkt nach Hause. Wir hatten schon Bammel. Und der Kaugummi schmeckte auch nicht mehr.

Nachdem wir noch einige Zeit herumgestreunert waren, mussten wir dann doch langsam zum Abendbrot nach Hause. Markus bog mit gesenktem Kopf zu seinem Haus ab.

Meine Eltern erwarteten mich schon an der Wohnungstür. „Der Herr Schachtenberg hat vorhin angerufen.“ Und wie erwartet gab es eine gehörige Standpauke. „Ja, ich verspreche, ich mach das nie nie wieder,“ versprach ich.

Am nächsten Tag traf ich natürlich Markus auf der Straße.
„Und wie wars bei dir?“ fragte er.
„Ging schon. Und bei dir?“
„Ging auch.“
Dann schwiegen wir.

Dann fügte Markus noch dazu:
„Ein Gutes hatte die Sache. Ich krieg jetzt mehr Taschengeld,“ und er grinste über das ganze Gesicht.

Ich habe danach nie wieder gestohlen, versprochen… sag ich mal so.

012 Goaßnmaß

Jetzt erzähle ich eine Geschichte, die an dem Ort in Italien passierte, an dem ich seit zig Jahren Urlaub mache.

Mit ungefähr sieben war ich wohl das erste Mal in diesem Bungalowdorf und von da ab dann jedes Jahr.

Ich weiß nicht, ob ich diesen Ort weiterempfehlen würde? Es gibt bestimmt hunderte und tausende Orte, die gepflegter, luxuriöser und schöner sind. Aber ich liebe diesen Ort. Für mich sind das Erinnerungen. Über 40 Jahre Erinnerungen. An meine Kindheit, meine Jugend, meine Freundinnen, meine Ehe, an meine Kinder, die natürlich auch dort ihre Urlaube verbrachten. In den letzten Jahren bin ich auch schon alleine gefahren. Man ist aber nie allein. Entweder fährt mein Bruder, meine Eltern, mein Jugendfreund oder dessen Verwandten wieder dort ans Meer. Aber selbst, wenn, ich wäre auch dann nicht allein, wenn ich ohne bekannte Gesichter dort wäre. Ich kenne jeden Bungalow und jede Pinie, jeden Weg und jeden Stein. Und die sprechen mit mir. Immer und überall auf der Anlage: „Christoph, weißt du noch diesen Tag am Strand, als …, diesen Abend auf der Mole, als … und diese Nacht, als …?“

Damals hatte sich eine wilde Truppe an Jugendlichen aus ganz Bayern zusammengefunden. Da waren Nürnberger, Augsburger, Allgäuer, Münchner und wir Alpenvorländler und wir waren alle etwa im gleichen Alter, verstanden uns gut und hatten Spaß miteinander. Wir trafen uns am Vormittag am Strand und gingen schwimmen oder spielten Volleyball. Am Abend trafen wir uns nach dem Abendessen, meistens mit einer Flasche Frizzantino oder Lambrusco in der Hand auf der Mole oder wir setzten uns in eine Bar auf der Anlage und erzählten jugendlichen Bullshit, foppten uns und lachten viel. Schöne unbeschwerte Zeit.

An einem Abend schlenderten wir, unsere Gruppe bestand an dem Abend vielleicht aus zwölf bis 15 Personen im Alter von 16 bis 20 Jahren, am Strand entlang und sahen, dass die Strandbar noch hell erleuchtet war. Wir setzten uns und bestellten bei der Barfrau unsere Getränke. Am Nebentisch war auch eine Gruppe von jungen Erwachsenen, etwas älter als wir, und die war wohl der Grund, warum die Bar überhaupt noch offen hatte. Die wollten anscheinend noch nicht nach Hause, hatten sie doch noch Strandkleidung vom Nachmittag an. Und die waren noch lustiger als wir. Und so verging Minute um Minute Stunde um Stunde. Es war schon finstere Nacht, als eine junge Frau sich am Nebentisch erhob und in ihre Runde fragte: „Habt ihr den Manni gesehen?“ Anscheinend war ihr Freund verschwunden und keinem war es aufgefallen.

Aufgefallen war Manni allerdings uns allen schon vorher. Als er nämlich lautstark und schon angetrunken die Barfrau anblaffte: „Kenntsas ihr eigenti a Goaßnmaß?“ Die junge Italienerin hob nur die Schultern. Und mit einem Satz stand Manni schon hinter der Bar, schnappte sich dort das größte Glas und füllte es mit Bier. Aus Ermangelung eines Kirschlikörs kam dann noch Amaretto, Ramazotti, Fernet und andere Spirituosen zum Bier. Mich schüttelte es, als Manni ansetzte und den ersten Schluck gleich hinter der Bar nahm.

Und nun war Manni wohl weg. Seine Freundin ging dann in die Dunkelheit in Richtung Meer und rief auf einmal plötzlich laut und panisch „Maaaaaanni“. Sie kam zur Bar zurück und hatte sein T-Shirt und seine Shorts in der Hand. Manni wollte wohl noch ne Runde schwimmen. Ob das so eine gute Idee nach dem Konsum der italienischen Goaß war, bezweifelte ich. Manni’s Freunde gingen mit ihr zum Wasser und suchten den Strand und das Wasser ab.

Als sie nach fünf Minuten immer noch suchten, fassten ich und meine Freunde den Entschluss, bei der Suche mitzuhelfen.

Aber es war ziemlich dunkel in dieser Nacht, denn der Mond war nur sehr klein und gab nicht genügend Licht von sich, um die Szenerie auszuleuchten. Die Ereignisse überschlugen sich danach, dass ich gar nicht weiß, ob ich sie in die richtigen Reihenfolge bringe. Zwei meiner Kumpels aus München kamen auf die Idee, ihre Autos zu holen und sie etwas schräg auf die Mole zu stellen, um mit ihrem Fernlicht das nähere Meer anzustrahlen. In der Zwischenzeit stakten wir in Unterhosen durch das tiefschwarze Wasser, immer mit dem Hintergedanken: „ O Dio, lass bitte jetzt nichts gegen meine Beine treiben, das eine Leiche sein könnte.“ Dieses Gefühl war echt ätzend. Aber Manni war nicht zu finden. Das mit den Autos funktionierte ganz gut, aber auch dadurch entdeckten wir ihn nicht. Mein Jugendfreund aus meinem Geburtsort, ich nenne ihn hier Markus, kam dann auf die Idee, das Rettungsboot des Strandmeisters, der natürlich am späten Nachmittag Feierabend gemacht hatte, zu benutzen, um weiter raus zu Rudern. Blöd nur, dass es angekettet war. Aber so schnell kann ein italienischer Strandmeister gar nicht schauen, da hatten wir das Boot befreit und Markus ruderte mit zwei Mann raus.

Aber wir fanden den Mann nicht.

Mittlerweile hatte sich auch der Nachtwächter zu uns gesellt. Das heißt, er saß auf seinem Fahrrad auf der Strandpromenade, leuchtete mit einem runden Strahler auf das Meer und murmelte ein „Vaffanculo“,„Porco dio“ und ein „Stupidi Tedeschi.“

„Lass uns logisch denken“, holte ich meine Freunde zusammen. Die Augsburger sprachen davon, dass die Strömung von Nordost käme und wenn Manni es bis über die Molenspitze geschafft hätte, wäre er jetzt jenseits der Mole. „Kommt, lasst uns auf der anderen Seite suchen, hörten wir viele Rufe. Auch die Freunde von Manni wechselten die Strandseite.

Rudi, der Freund meiner Sandkastenfreundin Angie, so nenne ich sie hier, nahm mich zur Seite und sagte zu mir: „Ich glaub da nicht dran, dass der soweit rausgeschwommen ist, dass er über die Mole hinaus ist. Dafür war der zu betrunken. Lass uns auf der Seite bleiben, aber noch weiter Richtung Norden gehen.“ Rudi war in meiner Heimatstadt, glaub ich, mal Pfadfinder gewesen. Vielleicht hat er da einen speziellen Sinn für Gefahrensituationen entwickelt. „Ok, wenn du meinst. Es reicht ja, wenn 20 Leute die andere Seite absuchen.“

Und so gingen wir beide alleine am Strand nordwärts, die Augen immer rechts auf die leicht beleuchteten Wellen. Als wir schon viel weiter als das von uns vorher abgesuchte Gebiet gegangen waren, sah Rudi etwas im knietiefen Wasser treiben. Wir rechneten schon mit dem Schlimmsten.

Wir stürmten darauf zu und zogen den leblosen Körper an Land. Natürlich war es Manni.

Rudi wies mich an, den anderen Bescheid zu sagen. Er würde jetzt Mund-zu-Mund-Beatmung machen. Ich lief los. Als ich an der Bar vorbeikam, versuchte ich der Barfrau und dem Nachtwächter, der mittlerweile auf einen Grappa vom Rad gestiegen war, im Vorbeilaufen zu erklären, dass wir eine Ambulanz brauchten. Der Nachtwächter winkte nur ab und schüttelte den Kopf.

Ich lief weiter und oben auf der Mole rief ich „Wir haben ihn.“

Danach kehrt ich mit einigen zu Rudi und Manni zurück, ganz vorne Mannis Freundin. Der hatte mittlerweile die Augen offen und Rudi war in diesem Moment mein Held. Mannis Freundin fiel uns um den Hals und bedankte sich mit Tränen in den Augen.

Wir suchten unsere Siebensachen zusammen und vertäuten das Rettungsboot wieder. Die Münchner fuhren ihre Autos zu den Bungalows zurück. Ein wenig später kam dann die Ambulanz.

Ich glaubte meinen Augen nicht. Es war ein Leichenwagen. Schwarz mit Vorhängen. Der Arzt erklärte uns, dass es viel länger dauern würde, eine Ambulanz aus der nächsten größeren Stadt anzufordern, als schnell mit dem Leichenwagen vom Ort zu fahren. Egal, wir waren froh, dass Manni nun bald versorgt werden würde. Er blieb dann noch diese und die nächste Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus.

Am dritten Tag suchten uns Manni und seine Freundin am Strand auf, setzten sich zu uns und bedankten sich. Er könne sich nicht erinnern was und wie und überhaupt, einzig an die Goaßnmaß könne er sich noch erinnern.

Glück gehabt, der Manni.

011 Hintern raus

Als ich noch jung war, war ich mit meiner Clique viel unterwegs. Jedes Wochenende waren wir mindestens zweimal auf der Piste. Freitags, Samstags, oft auch noch Donnerstags und Sonntags. Meistens gingen wir irgendwo „Vorglühen“, um uns dann im Anschluss in einer Diskothek die Probleme und Sorgen des Alltags wegzutanzen.

An diesem Tag waren wir im „Americanos“, einer Bar im mexikanischen Look und Feel mit Cocktails und kleinen Speisen im Münchner Schlachthofviertel. Unsere Clique zählte im harten Kern ca. 15 Personen. Manchmal waren noch einige andere Leute dabei, sodass unsere Gruppe teilweise bis zu 30 Leuten groß war.

Ich war meistens ein Fahrer. Ich war dem Alkohol nicht so zugetan, wie manch anderer in unserer Gruppe und deswegen bot ich den Fahrdienst freiwillig und ungezwungen an.
Mit unseren Fahrzeugen trafen wir uns irgendwo, fuhren dann zum ersten Ziel und dann weiter.

Der Abend im „Americanos“ war ausgelassen und lustig. Viele Cocktails wanderten über die Theke, es wurde gescherzt und gelacht. Nach ca. einer oder eineinhalb Stunden wollten wir die Lokalität wechseln.

Ich sammelte meine Mitfahrer zusammen, ich nenne sie hier Simon, den wir aber nur beim Nachnamen Ritter nannten, Hardy und Joachim.
Wir gingen zum meinem Auto und stiegen ein. Ich und Joachim vorne, Ritter und Hardy hinten. Die beiden letzteren waren schon sehr „lustig“ und wir redeten und lachten viel.
Die Stimmung war gelöst und wir freuten uns auf die Diskonacht im „Nachtwerk“. Tanzen, Mädchen kennenlernen, Trinken, Bassmusik hören und spüren.

Die beiden auf der Rückbank fingen auf einmal an. „Das traust du dich eh nicht.“ „Aber du?!“ „Ich sicher.“
Ich fragte nach „Um was geht’s?“
„Das wirst du dann schon sehen, wenn’s soweit ist.“ Beide lachten sich kringelig. Anscheinend einigten sie sich, denn sie fingen an die hinteren Fensterscheiben runter zu kurbeln.
Wir fuhren gerade durch die Hansastraße und wollten auf den Mittleren Ring, den mehrspurigen Hauptverkehrsring durch München.

Auf einmal schoben sie ihre Jeans nach unten, drehten sich seitwärts und hingen ihre nackten Arschbacken aus dem Fenster.
Ich schrie „Hört auf damit. Am Ende krieg ich Probleme“, musste aber trotzdem laut lachen. Meine Kumpels waren so schräge Vögel, vor allem wenn sie Alkohol intus hatten, aber ich hatte sie gern.

Die Fahrer und Mitfahrer in anderen Autos waren irgendwie verstört. Da wurden Köpfe geschüttelt und Mittelfinger gezeigt. Ach, war das schön. Ein bisschen provozierte Aufmerksamkeit für uns Bubis vom Land war schon auch ganz lustig.
Ich fuhr dann auf die Abfahrt zum Mittleren Ring und wir waren kurz davor, in den fließenden Verkehr einzufädeln. Die Verkehrsteilnehmer zu unserer Linken staunten auch nicht schlecht, als sie die blanken Arschbacken meiner Kumpels sahen.
Aber dann hatten wir ein Problem.

Der Wagen, vor dem ich auf den Ring einscherte, schaltete plötzlich seine blauen Lichter auf dem Dach an. Na super, dachte ich. Und schrie es wahrscheinlich auch. Ritter und Hardy krochen wieder auf die Rücksitze und richteten ihre Klamotten. „Oh Scheiße, oh Scheiße“. Ritter wurde panisch. Hardy blieb dagegen relativ cool. „Schnallt euch wenigstens an, “ fuhr ich sie an.

Der Polizeiwagen wies mich mit einer Laufschrift zwischen den Blaulichtern an, doch bitte anzuhalten. Also ohne das „Bitte“.

Der Mittlere Ring führt an dieser Stelle in einen Tunnel. Auf der rechten Seite war aber ein Notfallstreifen, auf dem ich dann auch anhielt. Ich bin immer sehr aufgeregt, wenn die Polizei mich aufhält. Jetzt umso mehr, weil die ja einen guten Grund hatten.
Ich kurbelte mein Fenster runter und als der Polizeibeamte neben dem Auto zu stehen kam, verlangte er Führerschein und Fahrzeugpapiere. Die gab ich dem Beamten und er brachte sie seinem Kollegen im Polizeiwagen.
„So ne Scheiße,“ hörte ich wieder Ritter auf der Rückbank fluchen.

Der Polizist trat wieder an das Fenster und fragte mich, ob ich wisse, warum ich angehalten wurde. „Ich denke, weil meine Mitfahrer sich nicht so toll verhalten haben?“
„Kann man so sagen. Die waren ja auch nicht angeschnallt.“
Sofort meldete sich Ritter: „Sehen Sie, wir sind angeschnallt“
Der Polizist wies ihn an: „Stehen Sie mal auf und wir schauen, wie hoch Sie kommen!“ Ritter bemühte sich sichtlich, kam aber mit seinem Hintern nicht annähernd an die Nähe des Fensters. Hardy schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.

Ritter fing an: „Herr Wachtmeister, …“
„Polizeiobermeister“ korrigierte der Beamte. „Ja, hören Sie, wir sind beim Bund,“ zeigte dabei auf sich und Hardy und fuhr fort „und wenn wir uns was leisten, dann fliegen wir da raus oder kriegen Probleme. Und mein Opa war auch Bulle…“ Der Polizist rümpfte die Nase.“… und der schlägt mich tot, wenn ich jetzt ne Anzeige bekomme.“ Damit war Ritters Ansprache fertig, er sackte zusammen und wimmerte nur noch. Der Beamte ging wieder und kam dann mit meinen Papieren wieder. „Herr Hebenstreit, sie wissen, dass sie als Fahrer dafür verantwortlich sind, dass sich ihre Mitfahrer anschnallen.“ Dabei sah er Ritter und Hardy scharf an. „Aber bei denen drück ich nochmal ein Auge zu.“ Mir schenkte er dann ein Lächeln und fuhr fort: „Hiermit verwarne ich Sie zu einer Ordnungswidrigkeit von 100 DM. Zahlbar auch per Überweisung. Und in Zukunft achten Sie auf Ihre Mitfahrer. Gute Weiterfahrt und schönen Abend noch.“ Er reichte mir den Überweisungsträger. „Ich versuche es, aber es ist nicht immer leicht mit diesen Affen. Danke, Ihnen auch.“

Wir durften weiterfahren und fuhren zur Diskothek. Auf der Rückbank entspannte sich die Lage und Ritter beteuerte die Sache mit Bund und Opa und dass sie echt Probleme bekommen hätten. Aber bald lachten wir wieder und es wurde noch ein schöner Abend.

Meine Strafe zahlten übrigens dann Ritter und Hardy.

Es war ne schöne Zeit damals.

010 Wasser und Feuer

Für mein nächstes Lebensereignis muss ich etwas ausholen.

Eines abends im Frühjahr saßen meine Clique und ich in einer Pizzeria unter unserer Stamm-Diskothek. Wir tranken und unterhielten uns angeregt über dies und das. Irgendwann kam mein Kumpel – ich nenne ihn hier David – mit der Geschichte, er müsse im Sommer zu seinem Vater nach Namibia und ihm bei einer Touristen-Tour helfen. Er erzählte, dass Namibia ein tolles Land sei, er aber da als einziger junger Mann unter älteren Mitreisenden etwas gelangweilt sei und so weiter. Ich klinkte mich ein und sagte, eigentlich mehr aus Spaß: „Wenn ihr noch weitere Fahrer braucht, ich bin euer Mann!“

Es dauerte vielleicht drei bis vier Wochen und David kam auf mich zu und eröffnete mir, sei Vater sei einverstanden. Ich flöge mit nach Namibia, vier Wochen, keine Kosten für mich, allerdings auch kein Lohn. Ich müsse in Namibia nur Auto fahren. Punkt.

Okaaaay? Cool. Etwas ungläubig aber doch erfreut sagte ich zu. Ich überzeugte meine Eltern, meine Freundin und meinen Arbeitgeber, dass ich im Sommer mal 4 Wochen in Afrika unterwegs bin.
Das mit dem Arbeitgeber erledigte sich aber in der Zwischenzeit, da ich nach gutem Abschluss meiner Lehrzeit nicht übernommen wurde und das Arbeitsamt erstaunlicherweise die Auszeit abgenickt hatte.

Und so kam es, dass ich im August 1995 mit David und noch einem anderen Fahrer nach Windhoek flog. Am ersten und zweiten Tag statteten wir mit Otto, so hieß Davids Vater, auf seiner Farm die vier Fahrzeuge aus, checkten Technik und Proviant. Am nächsten Tag holten wir die Touristen vom Flughafen ab und dann begann die Reise. Die Tour führte uns zu Beginn in den Etosha Nationalpark, wo wir Löwen und Elefanten, Zebras und anderes Getier sahen. Nach dem Park fuhren wir dann in ein Gebiet, das touristisch eher unerschlossen war. Das Kaokoveld. Keine Geschäfte, keine Tankstellen, keine Lodges, keine Duschen. Wir aßen und tranken unseren Proviant, tankten aus mitgeführten Kanistern, schliefen in Zelten und duschten uns nicht.

Nach ein paar Tagen führte uns der Weg zu den Epupa Wasserfällen an der Grenze zu Angola im Nordwesten Namibias. Der Grenzfluss Kunene durchschnitt gemächlich mit einem grünen Vegetationsband die ansonsten trockene Landschaft, bevor er dort circa 40 Meter in die Tiefe donnerte. Etwas oberhalb der Fälle war ein kleines Camp. Es bestand (damals) lediglich aus Toiletten und einer kleiner Hütte zum Bezahlen der Platzmiete. Es waren schon einige Camper da, die am Ufer drängend Ihre Wohnmobile, Autos und Zelte platziert hatten. Otto wies uns an, etwas außerhalb unsere Zelte aufzubauen – auf einer Schotterebene. Bei den Gedanken an die kommende Nacht und jeden einzelnen Stein, den ich unter mir spüren würde, verfluchte ich Otto. Danach gingen wir zum Baden in den Fluß – und wunderten uns, warum die Bewohner der Gegend uns mit Handbewegegungen und Kopfschütteln davon abhalten wollten. Krokodile sahen wir nicht – glücklicherweise.

Am Abend grillten wir in gemütlicher Runde und im Anblick der schnell untergehenden Sonne machten David und ich noch einen kurzen Spaziergang zu den Fällen. Wir standen auf einer Felsklippe vor den tosenden Wassermassen und im Hintergrund am Fluss befand sich das Camp, von dem her einige Lagerfeuer, Lampen und Fackeln leuchteten. Wir genossen den friedlichen Moment in monumentaler Natur, als plötzlich ein lauter Knall die Szenerie zerriss.

Innerhalb von Sekunden nach der Explosion standen schon mehrere Palmen in Flammen und es leuchtete rot-orange vom Camp zu uns herüber. Den ersten Schock zur Seite geschoben, liefen wir zurück zu unserem Zeltplatz. Unsere Touristen standen aufgeregt und wild gestikulierend da. Otto versuchte alle zu beruhigen. „Ihr bleibt alle hier. Wenn wir hier bleiben, passiert uns nichts.“

Vom Flussufer, wo bereits die Flammen mehrere Meter hoch loderten, hörten wir panische Schreie.

Otto trat an uns Fahrer heran und sagte: „Jungs, wir müssen da helfen.“ Und zu mir im Besonderen: „Christoph, steig in den Wagen und fahr da runter! Ich komme zu Fuß.“ Ich sah ihn mit großen Augen an, mit dem Bewusstsein, dass gerade mein Wagen beladen war mit mehreren hundert Litern Benzin und Diesel. „Es wird nichts passieren,“ wischte er meine Bedenken weg.

Ich stieg in meinen weißen Toyota Hilux mit den vielen Kanistern auf der Laderampe, drehte auf der Straße und fuhr rückwärts in die Feuersbrunst. Otto deutete mir mit einem Schlag auf die Karosserie an, anzuhalten. Er hatte ein Seil in den Händen, das er nun an meine Anhängerkupplung knotete. Das andere Ende war schon an einen Mietwagen eines anderen Campers gebunden. Da der Fahrer aufgrund der Aufregung den Schlüssel nicht fand, hatte Otto mittels einer verschränkten Eisenstange im Lenkrad das Lenkradschloss aufgebrochen und wies mich nun an, loszufahren und den Wagen aus dem Feuer zu ziehen. Als ich den Wagen aus der Gefahrenzone gezogen hatte, band ich das Fahrzeug los und kehrte zum Feuer zurück. Otto wies mich zum nächsten Wagen ein. Auch dieser war nicht fahrbereit. Der Schlüssel fehlte auch dort. Ich sprang hinter das Lenkrad und wollte schon die Eisenstange ansetzen, sah aber noch mal unter der Sonnenblende nach. Eine Eingebung. Der Schlüssel fiel mir entgegen und ich startete den Motor. Der Wagen war schnell entfernt. Wir zogen noch den einen oder anderen Wagen aus dem Inferno.

Andere Camper konnten Ihre Wagen selbst entfernen. Wir selbst „retteten“ fünf Wagen. Ein VW Campingbus stand in Flammen und brannte lichterloh. Niemand wurde verletzt. Die rückseitigen Innenverkleidungen der geretteten Fahrzeuge waren arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Durch die Hitze weichte diese auf und verformte sich extrem.

Der Urlaub für jene Camper war vorerst vorbei, denn mit diesen Mietwägen konnten sie froh sein, wenn sie heil nach Windhoek zurück kamen.

Grund für die Explosion war schließlich, dass die südafrikanischen Besitzer des VW Busses beim Umstellen des gasbetriebenen Kühlschranks einen Funken erzeugten, der den Wagen in Brand setzte. Der Gastank und Spraydosen explodierten dann in Folge und die trockenen Palmen brannten sofort wie Zunder.

Die Nacht war kurz und die Wenigsten konnten schlafen. Am nächsten Morgen waren alle auf den Beinen und wir verabschiedeten die Camper mit den angeschmolzenen Autos Richtung Windhoek und drückten die Daumen. Für das südafrikanische Paar wurde ein Rücktransport organisiert.

Am Ende blickten wir noch mal auf den verkohlten teilweise noch rauchenden Campingplatz und ich fragte Otto, warum er sich so sicher war, dass uns nichts passieren konnte. „Der Wind kam von Westen. Ein gutes Zeichen und Vertrauen in Euch und meine Erfahrung.“

Wir ließen unsere Touristen in die Wagen steigen und fuhren los, neuen Abenteuern entgegen.

009 Der Falke

Früher wohnten wir woanders. Da wohnten wir in einem Mehrfamilienhaus. Davon gab es mehrere nebeneinander und als meine Eltern dort einzogen, war es wohl relativ neu, weswegen dort viele junge Familien hinzogen und die bekamen alle Kinder. Was ich eigentlich sagen will, es gab viele Kinder in unserem Alter und wir spielten viel zusammen und es war sehr lustig.
Aber leider nicht immer.

Ich weiß weder, ob es regnete oder ob die Sonne schien. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es früh, nachmittags oder abends war. Aber es war laut.
Es machte einen dumpfen Schlag und unsere Wohnzimmerscheibe zitterte. Sofort sahen mein Bruder und ich auf unserem Balkon im ersten Stock nach, was das gewesen sein könnte.
Meine Mutter trat zu uns und wies mit ihrem Finger hinunter in den Garten des Hauses.
Auf dem Grün lag ein Vogel. „Wahrscheinlich ein Falke,“ sagte meine Mutter.
Sofort jagten mein Bruder und ich aus der Wohnung, klingelten im Treppenhaus an ein paar Türen und riefen draußen alle zusammen.

Keine halbe Minute später war der Falke umringt von sechs bis sieben Kindern, die ihn ausgiebig musterten. Er sah komisch aus.
Ein Flügel sah seltsam verdreht aus, am oberen Rand der Schwinge sah man dünne Knochen herausstehen und ein paar Federn am Falkenkörper waren rot vom Blut.
Der Falke muss wohl voll gegen unsere Wohnzimmerscheibe gedonnert sein.
Keiner sagte was. Ganz betreten betrachteten wir den noch zuckenden Vogel.

„Den miasst’s hie machn,“ hörten wir die Stimme unseres Nachbarn und Hausmeisters in Personalunion – ich nenne ihn hier Sepp – der sich hinter unseren Kreis gestellt hatte und von oben über unsere Köpfe herunter sah.

Sepp war ein derber, meist griesgrämiger Kerl, besonders wenn wir Kinder mit ihm gleichzeitig im Garten waren. Aber er konnte zur rechten Zeit aber auch bei der Arbeit gut zupacken und wusste immer, wie er zupacken musste.

„Weil ganz hie issa no ned. Machts’n hie!“

Mit diesen Worten und dem Gemurmel, er hätte jetzt keine Zeit, entfernte sich Sepp wieder vom Fundort und ließ uns mit offenen Mündern stehen. Wir blickten uns an und wir wussten, dass wir jetzt nicht einfach so gehen konnten, ohne etwas zu tun.
Irgendeiner rannte davon, kam aber schnell wieder und hatte aus dem Keller eine von Sepps Schneeschaufeln in der Hand. Ich wies denjenigen an, das Schaufelblatt neben den Falken zu legen.
Ich sah mich kurz um und sah unter der Gartenhecke einen kurzen aber stabilen Ast.
Ganz vorsichtig berührte ich damit den Vogel und versuchte, seinen Körper auf die Schaufel zu schieben. Meine Hände zitterten und ich erschrak, als der Falke und einem leisen Fiepen mit seinem kaputten Flügel schlug. Mir traten die Tränen in die Augen, weil ich regelrecht das Leid und die Schmerzen fühlte. Und es ging wohl nicht nur mir so. Teilweise stehend, teilweise in der Hocke einen Kreis um den Vogel bildend, wussten wir Freunde, dass wir ihn „hie machen“ mussten.
Mit etwas Mühe hatte ich das verletzte Tier auf die Schaufel geschoben und so trotteten wir, die Schneeschaufel zusammen waagrecht balancierend Richtung Wald.

Ungefähr 50 m von unserem Haus entfernt ging es in die Auen. Ein Waldgebiet, das sich zwischen der Stadt und dem Fluss befand und zu unserem zweiten Kinderzimmer wurde. Ich möchte die Zeit nicht missen, außer vielleicht jenen Tag.
Nahe unseres Hauses lag auch die städtische Straßenbaumeisterei am Wald. Wahrscheinlich dachten auch einige schlaue Bauherren, dass es hier in der Nähe des Bauhofs nicht so auffiele, wenn hier privater Bauschutt entsorgt wird. Auf jeden Fall fanden wir in unserem Wald ein paar große Waschbetonplatten, die manchmal für Terrassen verbaut werden.

Gemeinsam hoben wir die Platte an, dass sie nun auf einer Seite stand und ich sie festhalten konnte. Wir berieten uns und ich schlug vor, dass der Falke am Boden platziert würde und ich würde die Platte dann loslassen.

Und so machten wir es auch. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich für einen Kloß im Hals hatte und weiche Knie. Wahrscheinlich wir alle. Als ich die Platte los ließ, sah ich nicht hin. Der Falke war nicht mehr.

„Aber wenn er doch noch lebt unter der Platte“, meldete sich einer von uns. „Willst du nachsehen?“ fragte ich. Nur Kopfschütteln. Und so entschieden wir, dass jeder von uns nochmal mit voller Kraft auf die Platte springen sollte. Gerne machte das keiner.

Nachdem wir das abgeschlossen hatten, legte eines der Mädchen noch ein aus Ästen und Gras zusammengebundenes Kreuz auf die Platte.

Das hört sich jetzt irgendwie pathetisch an, aber heute kommt es mir vor, als wir hätten damals etwas von unserer kindlichen Unschuld verloren. Wir waren alle so zwischen sechs und neun Jahre alt.

Auch das Waldstück mit der Betonplatte betraten wir nur noch ganz selten. Mit meinem Bruder habe ich darüber auch seitdem nie wieder gesprochen. Bestimmt fast 40 Jahre.

008 Die Mütze

Ich wuchs ja damals, als ich noch ein Kind war, in einer begnadet schönen Gegend auf. Meine Heimatstadt liegt zwischen der Vereinigung zweier Alpenflüsse. Durch die Altstadt fließt gemächlich die alte Dame, aus Garmisch-Partenkirchen kommend, und im Osten der Stadt strömt das renaturierte stürmische junge Mädchen aus Bad Tölz entlang. Nördlich meiner Stadt werden die beiden eins und die Gemütliche geht in der Wilden auf. Die Gegend ist bewachsen von urigen Kiefernwäldern, Wacholderbüschen und trockenen Hochgrasfeldern, dazwischen Schotterebenen. Ein Traum für Kinder. Wir spielten noch Cowboy und indigene Bevölkerung und bei uns gewannen, leider realitätsfern, auch mal die Ureinwohner.
Weiter südlich gibt es einen Kanal, der in den 20er-Jahren gebaut wurde, um etwaige Hochwassermassen vom einen in den anderen Fluss zu leiten.

An einer Stelle im Wald gibt es einen abschüssigen Wall, zum eben erwähnten Kanal hin abfallend, aber der Kanal war bestimmt noch 100 Meter weiter weg.
Und im Winter – damals gab es noch richtige Winter – war das der ideale Ort, um Schlitten oder Bob zu fahren. Nicht viel los, tief verschneit und nur 15 Minuten durch den Wald von daheim entfernt. Soviel zum allergröbsten Szenario.

Eines schönen Tages brachen mein kleiner Bruder und ich, lass uns 7 und 10 gewesen sein, auf, um zu Rodeln. Der Schnee glitzerte feenhaft und im Wald knackten Äste, die unter den Schneemassen brachen. Aber das interessierte uns nicht die Bohne. Wir wollten nur Spaß.
Als wir am Wall ankamen, hatten wir die größte Gaudi. Aufi, nunter, aufi, nunter. Stundenlang war es lustig.

Man soll halt aufhören, wenn es am Schönsten ist. Nicht umsonst gibt es dieses geflügelte Wort.
Denn wir waren ja Brüder. Und wer einen Bruder, oder allgemein Geschwister hat, weiß, dass die Stimmung da leicht kippen kann. Ich weiß nicht mehr, was der Grund war, aber als es dämmerte, fingen wir irgendwie an zu Streiten. Erst mit Worten, und dann liefen wir hintereinander her. Ich war schon immer der etwas Behäbigere und mein Bruder der Sportler. Und so schaffte ich es nicht, meinen Bruder zu fangen und ihm eine Abreibung zu verpassen. Ganz außer Atem brauchte ich eine Verschnaufpause. Währenddessen lief mein Bruder von der Seite auf mich zu, sprang an mir vorbei, griff dabei meine Mütze und riss sie mir vom Kopf. Ich wieder hinterher. Er lief in Richtung Kanal, stoppte aber rechtzeitig, nur sein Arm und meine Mütze verfolgten weiter die direkte Richtung. Er schmiss einfach meine rot blau gestreifte Wollmütze in den Kanal. Keuchend schrie ich ihn an: „Spinnst du?“

Einschub: Meine Mutter. Seit ich erwachsen bin, liebe ich meine Mutter. Als Kind schon auch, aber das war irgendwie anders. Sie war eine Respektsperson, die mit uns Brüdern manchmal etwas überfordert war. Besonders wenn wir zankten und uns anschrien. Ja, und da gabs auch mal eine Schelle oder den Hintern voll. Das waren die 70er, das war halt damals so. Ich mache meiner Mutter da keinen Vorwurf. Und der Respekt war immer da.

Und so stand ich an dem Kanal und mir gingen Zukunftsszenarien durch den Kopf: Mütze weg, Mutter mit hochrotem Kopf und ich mit hochrotem Hintern.

Was tun? Mit jeder Sekunde, die verging, trieb die Mütze weiter flussabwärts.

Ich stakste durch das Uferholz und überblickte die Situation.
Die Mütze, etwa schon 10 Meter abgetrieben. In etwa 70 Meter Entfernung ein Wasserfall, wo sich der Kanal in den anderen Fluss ergoss. Und ich ohne Mütze.

Mit meinen Winterstiefeln balancierte ich an der Böschung und – ging noch einen Schritt weiter.
Das Wasser umspülte meine Waden und in meinen Stiefeln wurde es feucht. Und kalt. Sehr kalt.

Jetzt war es eh schon egal. Die nächsten Schritte, das Wasser ging mir dann bis zu den Hüften und ich war schon auf halber Strecke bei meiner Mütze. Aber der Wasserfall war so laut und nah und gewaltig.

Mein Bruder lief währenddessen schreiend am Ufer entlang. Der Wasserfall war nun nur noch 30 Meter entfernt. Noch ein beherzter Satz und meine klammen Finger griffen den Wollstoff der Mütze und mein Anorak war nun ganz unter Wasser. Die Winterklamotten waren mit Wasser vollgesogen und unheimlich schwer, das merkte ich erst jetzt.

Mein Bruder streckte mir einen abgebrochenen Ast entgegen, an dem ich mich zum Ufer und die Böschung hinauf zog.

Und so gingen wir, ich triefend, durch den Wald, mittlerweile im Dunklen, durch den tiefen Schnee heim. Wir redeten kein Wort – und mir war eiskalt.

Daheim erzählte ich meiner Mutter, was passiert war und warum ich pitschepatsche nass war. Und mit Stolz schilderte ich überschwänglich, wie ich die Mütze gerettet habe und dadurch dem Ärger des Verlustes entgangen bin.

Rumms. Mein Bruder bekam seine Schelle dafür, dass er mir die Mütze vom Kopf gerissen hatte und sie nicht zurück gab, aber ich wurde dennoch für die Rettungsaktion nicht belohnt.

Rumms. Auch ich fing mir eine ein, für die Aktion im gefährlichen Kanal.

Ob ich auch eine bekommen hätte, wenn ich die Mütze davonschwimmen gelassen hätte, habe ich dann nicht mehr gefragt.

Love Brudi und Mama

007 Dunkelgrün

Eine wenig ruhmreiche Anekdote aus meinem Leben, aber hey – ich war erst fünf.

Gegen Ende der 70er-Jahre besuchten meine Eltern mitsamt mir und meinem kleinen Bruder, ihrem besten Freundespaar und deren Tochter gemeinsame Freunde in Würzburg.
Es gab bestimmt Kuchen und Kaffee und wahrscheinlich auch Bier. Bier für die Väter, nicht für uns Kinder.

Wir Kinder wurden nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Spielen in den Keller verfrachtet. Es waren die 70er, da war das nun mal so.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ich war erst fünf. Vielleicht gab es im Keller Duplosteine oder Spielzeugautos. Vielleicht waren wir auch zu laut und die Erwachsenen wollten sich gemütlich unterhalten.

Auf jeden Fall waren wir in einem Kellerraum. Dieser Raum war eine Mischung aus Ersatzbüro, Gästezimmer und Abstellkammer. Ein Bett, ein Tisch, Regale mit Ordnern, Werkzeug, wahrscheinlich Legosteine, ein typischer Kellerraum in den 70ern. Ein bisschen öde halt.
Und ich war erst fünf. Ich betone das so oft, weil ich noch nicht regresspflichtig und verantwortungsrelevant für folgende Tat war.

Irgendwann war ich dem Spielen mit Duplosteinen wohl überdrüssig und schaute mich im Keller nach interessanteren Dingen um. Da fiel mir die große Blechdose ins Auge, die einen dunkelgrünen Deckel hatte.
Der Deckel lies sich mit etwas Kraftaufwand öffnen und im Inneren schwappte eine dunkelgrüne Flüssigkeit hin und her.
Lack – dunkelgrüner Lack – Hochglanz.

Und da ich ja eher so der kreative Mensch bin, bin ich dann auf den genialen Gedanken gekommen, dem Wolfgang, so hieß der Gastgeber, aus Dankbarkeit für den Kuchen einen Freundschaftsdienst zu erweisen und seinen öden Keller etwas aufzuhübschen. Tine Wittler in jung – ich war ja erst fünf. Pinsel und Malerrolle waren im Werkzeug prompt gefunden und meiner Freundin und meinem Bruder gleich in die Hand gedrückt.

Und so bemalten wir das Regal dunkelgrün, mit groben Pinselstrichen, heute würde man sowas wahrscheinlich als „Shabby Look“ verkaufen. Leider wurden ein paar Ordnerrücken dabei grün. „Okay. Dann malen wir die Ordner auch grün an“, sagte ich. Mit Wonne und Eifer malten wir – und klecksten wir. Das Regal, die Ordner, den Tisch, einen Wäschekorb, das Bett, sogar den Boden – alles dunkelgrün. Bald waren wir wie im Rausch – heute weiß ich, dass Lackdüfte so eine Wirkung haben können. Na gut, es war keine Profi-Malerarbeit, eher so a la Picasso. Ich war eben ein Künstler – und erst fünf.

Irgendwann war mein kleiner Bruder, er war erst zwei, dann verschwunden. Er stiefelte die Treppe hoch, hatte wahrscheinlich Hunger, Durst oder musste auf Toilette.

Meine Mutter nahm ihn im Wohnzimmer in Empfang und wunderte sich. Wieso hat der Bub grüne Sockensohlen? Dann wurde alles irgendwie hektisch und chaotisch.
Hände wurden über dem Kopf zusammen geschlagen und ein Stöhnen und Wehklagen durchdrang das Haus.

Letztendlich entsorgte Wolfgang wohl das grüne Inventar, die Haftplichtversicherung unserer Eltern zahlte den Schaden und nach meiner Erinnerung nach haben wir Wolfgang nie wieder besucht. Zumindest nicht mit uns Kindern.

Aber ich frage mich noch heute, was wäre passiert, hätte mein Bruder dunkelgrüne Socken angehabt? Wären wir aufgeflogen? Wären wir davon gekommen? Wäre Wolfgang irgendwann mal in den Keller gegangen und hätte gesagt, „oh, ist das alles schön grün hier, schöner, als ich es in Erinnerung hatte.“

Weiß man’s?