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026 Lars von Trier, eine Dame und ich

An Lars von Trier habe ich schöne Erinnerungen. Na gut, nicht unbedingt an ihn persönlich, aber an einen seiner Filme.

Und das kam so.

Eine Bekannte von uns lud Max, meinen besten Freund, und mich zu ihrem Vierziger ein. Und weil sie gerne in die Berge geht und Verbindungen zum DAV, dem Deutschen Alpenverein, hat, sicherte sie sich zum Feiern ein sogenanntes Selbstversorgerhaus, wo auch ihre Gäste übernachten konnten. Die Lokation war aber nur rund 5 km von meiner Wohnung weg, sodass ich nicht vorhatte, dort zu nächtigen.

Draußen schneite es. Wir aßen, spielten, redeten, tanzten, lachten und hatten eine gute Zeit. Mir gegenüber saß eine schöne blonde Frau, die etwas schüchtern lächelte. Sie war wohl irgendwie die Stiefmutter eines Kindes meiner Bekannten, weil ihr Ex-Mann mit dieser, ach … zumindest komplizierte Familienverhältnisse und tut auch nichts zur Sache. Auf jeden Fall merkte ich, dass sie mich in unbeachteten Momenten ansah, und auch ich suchte ihr Gesicht mit Blicken. Aber ich, und ich dachte, sie auch, war doch so schüchtern.

Als ich zwischendurch zum Rauchen vor die Tür trat und ein paar Schritte ging, hörte ich neben mir ein „Hallo“. Ich wand mich um und sah in einer dunklen Hausecke ein Schatten stehen. Sie griff mich an der Hand und zog mich an sich heran. Sie trug nur eine dünne weiße Bluse und sagte, ihr sei kalt und ob ich sie nicht wärmen könne. Kein Problem. Sie fasste mein Hemd und drückte sich nah an mich. Ich spürte ihre Brüste… und schnell wurde aus einer Aufwärmung ein Kuss. Der dauerte dann etwas länger und war sehr schön. Sie hiess Irina.

Am nächsten Tag kam ich dann zum Aufräumen zurück und wir machten aus, dass ich sie demnächst mal besuchen würde.

Und das tat ich dann.

Ich fuhr ein paar Wochen später durch halb Deutschland, um Irina zu sehen. Ich freute mich, denn ich hatte mich schon ein bisschen verkuckt. Und es war ein schönes Gefühl.

Am Abend schlug sie mir vor, Essen zu gehen und ein Kultur-Kino zu besuchen. Gesagt getan. Also fuhren wir zu dem kleinen Kino namens „Lenin“, unter dem auch ein kleines Lokal mit Burgern und wenigen Nudelgerichten war. Dort aßen wir erst einmal sehr gut und sahen auf der Terrasse die Sonne langsam untergehen. Dann gingen wir zur Kinokasse und ich bezahlte zwei Karten für den Film „Nymphomaniac I“ von Lars von Trier. Wir gingen eine Treppe hoch und setzten uns in die erste Reihe rechts. Das Kino hatte nur ca. 80 Plätze und davon waren vielleicht zehn belegt.

Wer den Film kennt, weiss natürlich, worum es geht. Wer den Film nicht kennt, kann es sich vielleicht denken. Das war echt nicht beabsichtigt und es lief ja auch nur dieser eine Film – wir hatten ja auch keine andere Wahl. Dass es da ausgerechnet um Sex, viel Sex ging, konnten wir ja nicht wissen. Der Film ist in zwei Teile aufgeteilt – wir sahen den ersten Teil, in dem die beiden Protagonisten, gespielt von Stacy Martin und Shia LaBeouf, erste Erfahrungen im Liebesspiel machen und durch Ereignisse und Erlebnisse in einen Strudel aus Lust, Leidenschaft und Abhängigkeiten geraten. Eigentlich ist der Film gar nicht so lustig. Und wir saßen da in der ersten Reihe und es wurde uns immer heißer. Irina nestelte an meiner Hose und ich öffnete ihre Bluse. Wir berührten uns und ich gestehe, wir blieben nicht still dabei. Wir vergaßen alles um uns herum. Was die anderen Zuschauer davon mitbekamen, weiß ich nicht. Das war mir in dem Moment auch egal. Wir küssten uns, während die Figuren auf der Leinwand sich auch küssten. Ich berührte ihre Brüste und sie hatte ihre Hand zwischen meinen Beinen. Dann war es wie abgesprochen. Als wir es nicht mehr aushielten, endete der Film. Schnell fuhren wir die paar Kilometer zu ihrem Haus heim und sie zog mich in ihr Schlafzimmer. Was dann passierte, könnt ihr euch denken. Es wurde ein sehr schönes Wochenende.

Aber Lars von Trier verdanke ich meinen schönsten Kinobesuch. Ach, den zweiten Teil habe ich übrigens nie gesehen.

025 Von Mäusen und Menschen und drei kleinen Vögeln

Habe ich schon erwähnt, dass ich mich in meiner Jugend unsterblich in ein junges Mädchen verliebt hatte? Ich traf sie in Rosapineta/Italien und wir waren danach noch ein paar Monate in Kontakt. Danach brach dieser aber leider ab.

Und wie das Leben so spielt, lernte ich eine andere Frau kennen, heiratete, bekam mit ihr zwei Töchter. Aber wie in vielen anderen Beziehungen passierte uns auch das oft so Unvermeidliche. Mit der Zeit lebten wir nicht mehr miteinander, sondern aneinander vorbei. Wir redeten immer weniger. Berührungen, Komplimente und Liebesbeweise blieben aus, vom Sex ganz zu schweigen. Es ist furchtbar schade, aber wir waren, sind und werden nicht die einzigen sein.

Diese Zeit stürzte mich in ein tiefes Loch. Depressiv frass ich alle Sorgen und schlechten Gedanken in mich hinein. Wortwörtlich.

Aber selbst das war keine Lösung. Meine dunkle Gedankenwelt ließ mich schon den Baum aussuchen, an den ich bei nächster Gelegenheit mein Auto setzen würde. Ich habe es trotzdem nie gemacht, hing ich doch am Leben und an meinen Kindern.

Und in dieser Zeit, in der ich mich selbst kaum wiedererkannte, passierte etwas völlig Unerwartetes.

Damals arbeitete ich in einer Druckerei im Schichtbetrieb. Der startete um 5.00 Uhr. Dabei war um die Uhrzeit so wenig zu tun, dass ich mir angewöhnte, ein wenig im Internet zu surfen. Nach einiger Zeit entdeckte ich die Lokalisten. Dieses „grüne“ deutsche Social Network kann man gut als Gegenprojekt zum „blauen“ Facebook sehen, war es doch funktional ähnlich aufgebaut.

Eines Tages schrieb mich eine Person an. „Hi, kennst du mich noch?“ Auf dem Profilbild war nichts zu erkennen.

„Nein, woher?“

„Wir haben uns vor Jahren in Rosapineta kennengelernt. Ich bin Angelika.“

Sie hieß nicht Angelika, ich nenne sie hier so.

Als das Internet aufkam, habe ich immer mal nach ihrem Namen gesucht, aber ich wurde nie fündig. Und da war sie nun. Meine Jugendliebe, zu der ich zwar seitdem keinen Kontakt mehr hatte, aber die ich nie vergessen hatte. Man erinnert sich doch immer an seine erste Liebe.

Dann kam Valentinstag. Da daheim keine Valentinsstimmung aufkam, sandte ich an alle meine weiblichen Lokalisten-Kontakte eine Valentinsgruß.

Angelika bedankte sich und antwortete, dass sie mit ihren Mäusen allein den Tag verbringen würde.

‚Mit ihren Mäusen?‘ dachte ich. Na ja, manche haben Katzen, manche Hunde, wo auch immer die Tierliebe hinfällt. Es dauerte ein paar Nachrichten, bis ich begriff, dass ihre Kinder gemeint waren und dass sie alleinerziehend war.

Wir schrieben hin und her. Über uns damals, über ihre Geschichte, über meine Geschichte. Erst verhalten, dann immer mehr. Und dann gab sie mir ihre Handynummer. „Du kannst ja mal anrufen.“

Konnte ich? Ich war mir so unsicher. Auf der einen Seite war es schön, sich mit jemandem auszutauschen, der eine ähnliche Geschichte durchgemacht hat. Noch dazu, wenn es deine Jugendliebe war. Zum anderen war ich aber noch verheiratet. Auch wenn meine Frau und mich nicht mehr viel verband, so hielten uns doch unsere Kinder zusammen. Irgendwie kam ich mir vor, als würde ich allein mit den Nachrichten schon meine Familie betrügen. Würde ich ihre Nummer wählen, hätte sie meine und ich könnte unseren Kontakt nicht mehr kontrollieren. Sie könnte mich jederzeit anrufen. Irgendwie hatte ich Angst davor.

Aber der Wunsch, diese Begegnung , diesen Kontakt wieder herzustellen, war groß. Irgendwann hatte ich dann den Mut, meine Bedenken zu überwinden. Ich fuhr von der Arbeit nach Hause, hörte Bob Marleys „Three Little Birds“, wählte ihre Nummer und sagte aber nichts, ließ nur Bob singen. „Singin‘, don’t worry, don’t worry ‚bout a thing,

„Cause every little thing, gonna be all right.“

Ab dann smsten wir, dass die Tasten und die Telefonrechnung glühte.

Eines Abends, ich kam von der Arbeit und der Kopf war voll, wahrscheinlich hatte ich auch noch einen Disput mit meiner Frau, packte ich meine Autoschlüssel. „Ich brauch frische Luft.“ Ich fuhr zum nahegelegenen Tegernsee, setzte mich auf eine Bank, starrte auf die nächtliche Szenerie und spürte Schneeflocken auf meinem Gesicht. Ich dachte ununterbrochen an Angelika.

Irgendwann, vielleicht nach einer Stunde starren, blickte ich auf mein Handy, gab mir einen Ruck und wählte ihre Nummer.

Es war das erste Mal nach fast 20 Jahren, dass ich ihre Stimme hörte. Wir redeten fast zwei Stunden am Telefon. Irgendwann kam dann ihre Aufforderung:

„Dann komm halt mal vorbei.“

„Wann?“

„Wann du willst…“

Mittlerweile war es fast zehn Uhr.

„Jetzt?“

„Auch jetzt“

So stieg ich in mein Auto und fuhr vom Tegernsee zu ihr nach Hause.

Ich kam gegen elf Uhr an und sie öffnete mir die Tür. Den ersten Eindruck, meine Gefühle, kann ich kaum beschreiben. Ich sah in das Gesicht, dass ich seit so langer Zeit nicht gesehen hatte, in das ich mich damals verliebt hatte, und es war, als wäre kein Tag vergangen. Wir nahmen uns in die Arme, setzten uns auf die Couch und redeten bis in die Morgenstunden.

Es folgten die schönsten Tage, Wochen, Monate meines Lebens.

Leider schafften wir es nicht, unsere beider Leben so zu vereinen, um jetzt noch zusammen zu sein. Aber ich bin ihr immer noch dankbar, dass sie mich unterstützt hat beim Kampf gegen meine dunkle Zeit, mich weinen, lachen, wieder lieben und Liebe fühlen ließ.

Für A., in ewiger Liebe.

024 The Unknown Ringelspiel Stuntman

Wir waren früher oft bei meinen lieben Verwandten in Österreich.

Da waren die Oma, Opa war schon verstorben, die Tanten und Onkels und die dazugehörigen Cousins. Wir waren gerne dort. Die waren alle sehr super und wir hatten immer eine gute Zeit. Und es war ja auch Familie und da gehörten wir schließlich auch dazu.

Meistens waren wir an Ostern eine Woche und in den Sommerferien eine Woche im Südosten von Österreich nahe der wunderschönen Stadt Graz.

Die Verwandten meines Vaters wohnten, bzw. einige wohnen ja immer noch dort, in einem kleinen idyllischen Städtchen, das mir schon ans Herz gewachsen ist, da ich dort ja viel erlebt habe.

Die Nachmittage im Freibad, Osterfeuer am Berg, „Zundertrog’n“, „Woazbrot’n“, Fußballspielen bis in die Dunkelheit, die ersten Zigaretten aus Stroh und Heu, die ehrwürdige Riegersburg, mein erster Ritt auf einem Pferd, meine erstes Mal Autofahren, … ach, so vieles Schönes.

An einem Nachmittag, es muss wohl an Ostern gewesen sein, da das Wetter in meiner Erinnerung eher mäßig warm und dafür etwas nass war, besuchten wir meine Tante Rosi, den Onkel Peter und meinen Cousin Georg. Die Erwachsenen saßen beinander und ratschten, tranken Kaffee und wahrscheinlich schliefen die Väter dabei ein – so war das halt damals in Österreich.

Wir Kinder, mein Bruder, meine beiden Cousins und ich, gingen in den Hof zum Spielen. Hinter dem Haus grenzte eine Parkanlage an. In diesem Stadtpark versteckten früher unsere Eltern an Ostern immer unsere Nestchen. Und wir kannten ihn mehr oder weniger in und auswendig, da wir dort auch immer Verstecken spielten. Zwischen Park und Wohnanlage war ein schöner Spielplatz. Und auf dem Spielplatz war ein „Ringelspiel“. Der geneigte Leser versteht wohl eher ein „Karussell“. Das war im Grunde genommen eine mittig gelagerte waagrechte Scheibe, die sich drehte und an dessen Außenkante sich ein niedriges Geländer zum Schutz befand. Heutigen Sicherheitsstandards würde dieses Spielgerät wahrscheinlich nicht genügen. Aber hey, es waren die 80er und wir hatten Spaß.

Immer, wenn wir in Österreich waren, waren wir in der Wohnsiedlung was Besonderes. Wir waren die Cousins aus Deutschland! Naja, für uns, Dieter und Georg, jetzt nichts Weltbewegendes aber für die Kinder am Hof waren wir schon sowas wie Außerirdische. Und so kamen viele Kinder auch an diesem Nachmittag und umringten uns und wollten mitspielen. Und so spielten wir auf dem Karussell. Übermütig, wie wir waren, drehten wir an der Scheibe, bis die Fahrenden um Gnade schrien. Die Stimmung und der Übermut steigerte sich. Irgendwann kamen wir auf die Idee, bei sich drehender Scheibe aufzuspringen. Dazu hielten wir uns am Geländer fest, liefen einige Runden mit der Drehung mit und sprangen im besten Moment auf. Das wollte ich auch. Ich wollte.

Während ich so um die Drehscheibe lief, rutschte ich auf dem schlammigen Boden aus – es hatte am Vortag geregnet – und ich legte mich flach auf den Boden, die rechte Hand noch am Geländer. Und das Ringelspiel drehte weiter seine Runden, mit mir im Schlepptau. Ich wurde geradewegs durch den Schlamm gezogen. Warum ich nicht los ließ, weiß ich heute nicht mehr. Irgendeinen Grund wird es schon gegeben haben. Als das Karussell zum Stillstand kam stand ich auf und blickte an mir herunter.

meine ganze linke Seite war von oben bis unten in braungelbe Farbe getunkt. Es troff nur so an mir herab.

Alle Kinder sahen mich mit großen Augen an. „Wieso hast du das gemacht?“ wurde ich gefragt. Und ich wurde verlegen, wollte ich doch nicht zugeben, dass ich da eben einen kleinen Unfall hatte. Da schoss mir eine Begründung in den Kopf, die zumindest in den Ohren der Bewunderer glaubwürdig erscheinen mochte. „Ihr kennt doch bestimmt Colt Seavers, den Unknown Stuntman, den Colt für alle Fälle?“ Alle nickten. Colt war der Held einer Actionserie in den 80ern, der mit waghalsigen Abenteuern Krimi-Fälle löste. „Und ich bin ein Kinder-Stuntman. Immer wenn ein Kind gefährliche Sachen in Serien und Filmen machen muss, werde ich angerufen. Und da muss ich halt auch trainieren. Und das war mein Training für heute.“ Ich blickte in große Augen und offene Münder. Gefühlt wurde ich von einem deutschen Außerirdischen zu einer außerirdischen Gottheit befördert. Meine Cousins und mein Bruder konnten sich das Grinsen nicht verkneifen. „So, wir müssen langsam los. Ich habe morgen noch einen Filmdreh in Berlin,“ ließ ich verlauten und stiefelte breitbeinig mit tropfenden Klamotten davon. Als wir am Haus angelangt waren, prusteten wir laut los. Soviel Schmarrn kann auch nur mir einfallen. Und dann gingen wir die Treppen hoch zu Rosis Wohnung.

Oh, war das Geschrei groß. Meine Mutter wollte mich schon ohrfeigen, hielt sich aber zurück, wahrscheinlich, weil sie sich nicht dreckig machen wollte. Und dann sollte ich ins Badezimmer staksen, mich in die Wanne stellen und wurde von oben bis unten abgeduscht.

Leider Schade, kurz bevor ich in den Hof ging, ließ mich meine Oma ein altes Sakko meines Opas probieren, dass ich dann unten an hatte. Das war ruiniert.

Ich blickte voll Scham auf den Boden. Aber meine Mutter wuschelte mir durch die Haare. „Colt Sievers – tztztz“ und grinste.

„Soviel Schmarrn kann auch nur dir einfallen.“

023 Weihnachten in den frühen 80ern

Der Text des Hirten

Ich kann mich noch vage daran erinnern. Vor Weihnachten wurde in meiner Grundschule immer eine Adventsfeier für Kinder und Eltern veranstaltet. Ein Höhepunkt neben dem Besuch des Nikolaus, der jedem Schüler ein kleines Sackerl mit Nüssen, Mandarinen und Schokolade in die Hand gegeben hatte, war das Krippenspiel.

Schon Wochen vorher wurden die Rollen verteilt und die Texte und Lieder zur Geburt Jesu geprobt. Meine Klassenlehrerin Frau Bachmann, die in meinen Augen schon damals über 100 Jahre alt war, legte sich furchtbar ins Zeug und wollte aus uns wohl kleine Burgschauspieler machen. Jeder bekam eine Rolle: Maria und Josef, Ochs und Esel, Hirten, Engel, die drei Könige. Nur das Jesukind war eine Puppe.

Und ich war ein Hirte. Ich hatte so meine zwei, drei Zeilen Text – natürlich auf bayrisch. Irgendwie: „ Sehtses ihr des Licht da drent?“ und „Do mias ma hi“ und „Gemma“. Oder so ähnlich. Mein bester Freund Markus war auch Hirte und seine Mutter stattete uns mit Hirtenbedarf aus. Letztendlich waren es Wanderklamotten jener Zeit: „Seppl“-Hüte, Filzponchos, Bergschuhe und Wanderstöcke. Unser Klassenkamerad Sören, geboren meiner Erinnerung nach in Hamburg und deshalb prädestiniert für die bayrischen Worte, stand im Rollkragenpulli und Gummistiefel in der Umkleidekabine. Na ja, war halt so.

Ich wiederholte pausenlos die drei Sätze, die ich zu sagen hatte. Ich war furchtbar aufgeregt. Die hin- und herwuselnde Frau Bachmann war nicht gerade der allgemeinen Beruhigung zuträglich. Auch sie sprach mit jedem nochmal seinen Text durch.

Und dann kam unser Auftritt.

Wir kamen von der Seite, ich ging voran. Zur Bühne musste ich ein paar Stufen einer kleinen Treppe hochsteigen. Und dann passierte das Unvermeidliche.

Mein Wanderstab verhakte sich im Treppengeländer und ich schlug mit voller Länge auf die Bretter hin.

Der ganze Saal lachte. Ich rappelte mich auf und wir stellten uns in einer Reihe auf. Ich setzte an, denn ich musste den ersten Satz der Hirten sprechen. Aber durch meinen Sturz war ich so perplex, dass mir alles entfallen war. Jede Sekunde, die ich überlegte, wurde gefühlt zu einer Minute. Ich lief rot an. Ich sah Frau Bachmann an der Saalwand mit offenem Mund stehen.

Dann zeigte ich auf den hellen Stern über dem Stall und sagte: „I woas ned, wos I sogn soi“.

Markus sah mich fragend an, sagte aber darauf seinen Satz. Dann fiel mir mein restlicher Text wieder ein. Niemand lachte, alle lauschten gebannt den weiteren Worten. Mein erster Satz war zwar nicht der Richtige aber es hat wohl gepasst.

Als unsere Szene fertig war, sah ich zu Frau Bachmann und sie lächelte. Auch meine Eltern im Publikum freuten sich. Alles war gut.


Der helle Weihnachtsmorgen

Am ersten Weihnachtsfeiertag wollten mein Bruder und ich unseren Eltern eine Freude machen. Da wir relativ früh auf waren überlegten wir uns, das Frühstück herzurichten. Während mein Bruder anfing, das Geschirr zu holen und einzudecken, wandte ich mich zum Baum.

Da das mein Vater auch immer machte, wollte ich die Kerzen des Weihnachtsbaums anzünden. Und da das damals noch echte Wachskerzen waren, entfachte ich ein langes Streichholz und führte es von Docht zu Docht der roten Kerzen. Als alle Lichter brannten, ging ich in die Küche, meinem Bruder mit den Lebensmitteln zu helfen, Marmelade, Honig, Tee, Kaffee, Wurst, Käse und so weiter.

Als ich das dritte Mal das Wohnzimmer betrat, leuchtete es vom Boden hell herauf.

Oh mein Gott.

Das kleine Kripperl am Fuße des Baumes brannte. Aus dem Scheunenfester, in dem das Stroh gelagert wurde, schlugen Flammen. Eine der brennenden Kerzen war aus der Halterung gefallen, mitten auf die heilige Szenerie und hatte das Stroh im Obergeschoss entzündet. Ein Moment der Schockstarre, dann die Reaktion. Zurück in die Küche, ein Glas Wasser und mit Schwung auf die Krippe. Die Gefahr war erstmal gebannt. Aber wenn mein Vater und meine Mutter das entdecken – uiuiui. Schnell wurde des Brandgeruchs wegen die Balkontür geöffnet und die Krippe mit einem Handtuch getrocknet. Mit einer Schere entfernte ich die schwarzen Strohhalme und entsorgte sie in der Toilette. Als wir der Meinung waren, der Geruch hätte sich verzogen, weckten wir unsere Eltern. Als sie ins Wohnzimmer traten, die Lichter und den gedeckten Tisch sahen, war die Freude groß.

Mein Vater sagte nichts, aber ab nächstem Jahr gab es nur noch elektrische Lichterketten am Baum.

022 Ohrwurm ohne Worte

Bevor ihr den Song anhört, lest euch diese paar Worte durch. … Wenn ihr das wollt.

Eines abends saßen meine Freundin und ich auf der Couch, kuschelten und sahen fern. Ich nenne sie hier wieder Angelika… aus oft erwähnten Gründen. Im TV lief eine Musiksendung oder eine Doku. Zumindest lauschten wir einer Konzertaufnahme von Scooter.

Gut, die Zeiten, in denen ich mich für Techno-Musik interessierte, waren gut 20 Jahre her. Und Scooter zählte ich jetzt nicht zu den besseren Produzenten dieses Musikgenres. Was ich aber an Scooter bewunderte, war, dass sie in jeder ihrer bekannten Nummern irgendeine noch bekanntere Melodie verarbeiteten. Da waren zum Beispiel die Miss Marple Melodie oder die alte holländische Bots-Hymne „Was wollen wir trinken“.

Und nun saßen wir da und schwelgten in Erinnerungen und hörten diesen Scooter-Song. Und den fand ich toll. Zumindest die gecoverte Melodie.

Und ich kannte sie. Ich fragte Angelika. Auch sie schien die Melodie zu kennen, aber weder sie noch ich wusste, woher oder was es war. Es war eine sehr einprägsame Melodie. Und sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf.

Und ich bin ja so gepolt, wenn ich etwas nicht weiß, was mich interessiert, mir etwas auf der Zunge liegt oder mein Hirn martert, dann will ich das wissen, herausfinden, … so schnell wie möglich.

Aber das war in diesem Fall gar nicht so einfach. Wenn mir nur der Text einfallen würde, vielleicht käme ich dann schneller auf den Titel.

Smartphone mit Internet hatte ich nicht, und auch nicht ständig Zugang zum Netz vom PC. Und selbst wenn, nach was hätte ich suchen sollen? Den Namen des Scooter-Songs hatten wir nicht mitbekommen. Außerdem wollte ich das so erinnern… Eine Frage der Ehre.

Und so summte ich mit Angelika, zusammen und abwechselnd diese kleinen Melodieschnipsel und hoffte, dass irgendwann der Funken übersprang und uns die Worte über die Lippen kamen.

Das ging so einige Wochenenden. Wir machten da ein regelrechtes Ritual daraus.

Aber der Text wollte uns einfach nicht einfallen. Und doch kam uns die Melodie immer bekannter vor. Sie klang …. abba-esque. Wenn Angelika summte, hörte ich in meinem Kopf Björn und Benny an ihren Instrumenten spielen. Das war so ABBA. Meine Freundin stimmte zu. Aber ich hatte nunmal das schwarze Gold-Album der schwedischen Musikgruppe, auf der alle ihren großen Hits vertreten waren. Aber beim Hören der CD musste ich mir eingestehen, dass keines der Lieder diese Melodie hatte. Ich verzweifelte. Vielleicht doch nicht ABBA?

Irgendwann gaben wir auf…

Eines Tages später suchte ich einen anderen Song auf Youtube. Ich glaube, es ging um Björk, eine isländische Sängerin. In den weiteren Youtube-Vorschlägen tauchte irgendwann dann ABBA auf. Da fiel mir wieder die verzweifelte Suche nach der Melodie hinter dem Scooter-Song ein und ich klickte auf den Vorschlag.

Ich saß wie elektrisiert vor dem Compterbildschirm. Das war unsere Melodie. Und Björn und Benny spielten die Instrumente. Wie damals in meinem Kopf. Ich war nun so gespannt auf den Text…. warum fiel uns der nicht ein?

Aber da kam nichts. Annafried und Agnetha begleiteten nur sphärisch die einprägsame Melodie mit einem mystischen „aaaaaaaahhhhhhhhhh“.

Es gab keinen Text. Deswegen konnten wir ihn auch nicht erinnern.

So weit ich heute weiß, eine von nur zwei Instrumental-Nummer der Schweden.

Aber ich hatte die Melodie gefunden. Ich war am Ziel angekommen. Bezeichnend, dass die Nummer Arrival heißt. Die Melodie unseres Abend-Summ-Rituals. Und sie ist immer noch toll. Und erinnert mich heute noch an diese Abende, wenn Angelika und ich zusammen lagen und summten, auch wenn wir das heute nicht mehr tun.

Der Song von Scooter heisst übrigens „Roll Baby Roll“.

021 Wenn ein Kind nicht mehr Zucker …

Ja. Ich gebe es zu. Ich oute mich. Und ich weiß nicht, ob ich mich schämen muss?

Mein erstes Musikkonzert war eins von Nino de Angelo.

Der eine oder andere erinnert sich bestimmt an seinen großen Hit Mitte der 80er.
„Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind, dann sind wir Jenseits von Eden…“
Und dann setzen kraftvoll die 80er Jahre-typischen Synthesizer ein und Nino klagt schmachtend die Lieb- und Gefühlslosigkeit unserer Zeit an.

Ja, so war das damals. In der deutschen Schlagerszene. Und ich mitten drin. Mit elf.

Nicht, dass ich das wollte. Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Aber irgendwie haben es meine Eltern geschafft, mir und meiner besten Freundin Karten, die damals bestimmt auch nicht billig waren, zu besorgen und anzudrehen.

Ich weiß auch nicht mehr, ob es einen Anlass gab. Vielleicht wollten Sie auch nur mal wieder einen Abend alleine verbringen (zwinker zwinker).

Und da saßen wir kleinen Steppkes in der altehrwürdigen Veranstaltungshalle meines Heimatortes in fünfter Reihe vor der Bühne. Wir saßen. In meiner Erinnerung gab es da keinen Platz zum Stehen oder gar zum Tanzen vor der Bühne, so wie man es von anderen Konzerten kennt, waren die meisten Zuschauer doch weiblich und jenseits von Eden. Also über der Tanzgrenze. Soll jetzt nicht heißen, dass Frauen über 60 nicht mehr Tanzen können, aber für mich als Kind waren die uralt und Platz war eh keiner da.

So saßen wir da bestimmt 1,5 Stunden und lauschten Nino über Liebe und Schmerz und und und trällern. Mein Hintern tat mir schon nach 10 Minuten weh und ich rutschte danach im Takt von einer auf die andere Pobacke.

Und als er dann seine letzten Worte gesungen hatte und ich froh war, dass ich endlich aufstehen durfte, passierte etwas seltsames.

Gefühlt der ganze Saal erhob sich und skandierte zur leeren Bühne hin „Zucker bäh, Zucker bäh“… Ich war etwas irritiert. Und meine Freundin auch.

Ja, ich war schon ein Schleckermäulchen und war dem Süßkram nicht abgeneigt. Und ich wusste auch, dass Zucker jetzt nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist. Aber Nino jetzt dafür verantwortlich zu machen, fand ich etwas drüber.

Die „Zucker bäh“-Rufe wurden nicht leiser, bis der Künstler nochmal auf die Bühne kam, winkte und noch ein Song anstimmte.

Aber als er fertig war, riefen die Zuschauer wieder ihren Unmut über Zucker auf die Bühne und hinter den Vorhang. Da war so eine Kraft in diesem Ruf, die mich mitriss, sodass ich auch irgendwann einstimmte und auch „Zucker bäh, Zucker bäh“ schrie.

Nino kam dann noch mal auf die Bühne, schwieg das Zuckerthema zwar tot, sang aber noch ein letztes Lied.

Zwar schrien wir danach weiter, aber Nino hatte wohl die Nase voll, sich für den Zuckerkonsum in Deutschland zu rechtfertigen, da er doch italienischer Abstammung ist. Das vermutete ich, denn er kam dann nicht mehr. Das Licht im Saal ging an und die Versammlung der Süßgegner löste sich auf wie ein Zuckerwürfel im Tee.

Wir wurden dann abgeholt und im Auto und auch später noch hörte ich die Worte in meinem Kopf.

Selbst heute habe ich noch das „Zucker bäh“ im Ohr, weiß aber mittlerweile, dass nicht allein Nino für meine Körperfülle verantwortlich ist.

020 Cititzen with or without Honor

Letztens wieder gefunden: ich bin „Honorary Citizen“ von Centerville, OH. Ausgestellt und unterschrieben 1990 von Bürgermeisterin Shirley F. Heintz (mit T, nicht wie das Ketchup).

Ist das wie der deutsche „Ehrenbürger“?

Habe ich da irgendwelche Rechte und Pflichten?

Bekomme ich da kostenloses Popcorn im Kino oder 3 x Falsch Parken für umme?

Darf ich da beim Abspielen des „Starspangled Banner“ in erster Reihe mitsingen?

Hätte ich am Ende Donald Trump verhindern können oder müssen?

Fragen über Fragen… Antworten?… irgendwer?


For Readers of #centerville: I’m an „Honorary Citizen“ of Centerville, OH. Issued and signed 1990 by Mayor Shirley F. Heintz (with a T, not like the ketchup). Is that like the German „Ehrenbürger“?

Do I have any rights and responsibilities there? Do I get free popcorn in the cinema or 3 x wrong parking for free?

Can I sing along in the front row when the „Starspangled Banner“ is played?

Could I or should I have prevented Donald Trump in the end?

Questions upon questions… Answers?… anyone?

019 Vom Anfang bis zum Ende

Ich habe schon mal von dem Ort erzählt, den ich als mein zweites Zuhause bezeichne. Der Urlaubsort in Italien, in den meine Eltern fuhren, seitdem ich sieben Jahre alt war, ist etwas ganz besonderes für mich. Drei meiner Freundinnen habe ich dort kennengelernt. Und eine davon habe ich sogar geheiratet. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das erste Mädchen, dass ich dort kennenlernte, war toll und ich war total begeistert. Ich hatte nur Augen für sie. Ihr langes dunkles Haar, ihre rehbraunen Augen, ihre hochaufragende Statur – sie war so groß wie ich selbst – und ihre besondere Art haben mich sofort fasziniert. Ich hatte nur ein Problem. Ein großes Problem.

Ich war sehr schüchtern. Und wenn ich sage, ich war schüchtern, dann meine ich damit, dass ich versuchte, mich durch Blickkontakt interessant zu machen. Sagen traute ich mich nichts.

Heute denke ich anders. Von jemand stundenlang angestarrt zu werden, macht denjenigen nicht unbedingt interessant, sondern löst bestimmt bei dem oder der Beobachteten ein Gefühl des Unwohls aus und ist schon irgendwie creepy. Na ja, aber ich konnte es halt nicht anders.

Und sie ging mir nicht aus dem Sinn.

Wir waren nicht allein. Da war eine ganze Schar mehr oder weniger Gleichaltriger – ich war 16, die sich da rund um die Videospiel-Arcade zusammengefunden hatte. Wir scherzten und redeten irgendeinen Stuss, wie es Jugendliche halt untereinander tun. Und immer suchte ich ihre Augen. Das ging über mehrere Tage. Ab und zu erhaschte ich auch eine Erwiderung meines Blickes. Aber traute mich einfach nicht, sie anzusprechen.

Aber an einem der letzten Tage war dann ein Abend auf der Mole geplant. Ausgerüstet mit Knabberzeug und Frizzantino zogen wir Richtung Meer und trafen uns auf dem aus Steinen gebauten Wellenbrecher. Am äußersten Ende setzten wir uns nieder und hatten Spaß zusammen und lachten viel. Sie war natürlich auch da. Ich blickte ihr wieder in die Augen und sie sah diesmal auch länger zurück. Da das einer der letzten Tage in Italien war und ich die Befürchtung hatte, die Chance verstreichen zu lassen, nahm ich all meinen Mut zusammen und setzte mich neben sie.

Langsam wurde es dunkler und ich näherte mich ihr, sodass unsere Schultern sich berührten. Da ich so schüchtern war, war das schon ein extrem mutiger Schritt für mich. Irgendwann beugte ich mich zu ihr ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Ich weiss zwar nicht mehr, was es war, aber wahrscheinlich sowas wie: ich mag dich. Halt sowas, was man in so einer Situation sagt.

Ich konnte mein Glück nicht fassen, als wir uns dann küssten. Ich kann mich leider nicht mehr an alles erinnern, aber weiss noch, dass wir dann Händchen hielten.

Je später der Abend wurde und umso mehr der Frizzantino seine Wirkung zeigte, wurde ich melancholisch.

Ich stand auf, ging von der Mole und schlenderte allein den Strand entlang. Ich ärgerte mich über meine Schüchternheit und wenn ich doch nur mutiger gewesen wäre, hätten wir mehr Zeit zusammen gehabt. Jetzt nahte die Heimkehr schon und ich hatte keine Zeit mehr, sie besser kennenzulernen. Das machte mich furchtbar traurig und eine Träne lief mir über die Wange. Ja mei, ich hatte ja auch was getrunken.

Aber bald darauf hörte ich sie meinen Namen rufen und sie lief mir hinterher. Sie fragte, was denn los sei und ich versuchte, es zu erklären.

Sie umarmte und küsste mich, nahm mich an der Hand und zog mich wieder zur Mole. Währenddessen machten wir Pläne, wie wir weiter in Kontakt bleiben konnten und mir ging es gleich viel besser. Und ich war echt krass verliebt.

Und dann kam der Abschied.

Wir wohnten beide im Großraum München aber in entgegengesetzten Richtungen. Damals war es für mich noch nicht so üblich, in die S-Bahn zu steigen und um die halbe Welt zu fahren. So schrieben wir Briefe. Und irgendwann besuchte ich sie dann doch. Mit zwei Freunden, Zelten und Kassettenspieler fuhren wir zu ihr und schlugen unser Lager auf einem Grill- und Spielplatz in der Nähe ihrer Wohnung auf. Wir verbrachten den Abend bis zur Nacht am Lagerfeuer, küssten uns, erzählten viel und hörten Metal Ballads, bis sie dann nach Hause ging. In der früh kam sie wieder und bis zu unserer Rückfahrt hatten wir noch viel Spaß.

Aber wie das Schicksal es so will, wurde der Kontakt immer spärlicher und wir verloren uns aus den Augen.

Mein Leben verlief dann in anderen Bahnen. Wie schon angedeutet heiratete ich dann meine spätere Freundin, die ich auch in dem Urlaubsort kennenlernte. Ich wurde Vater zweier Töchter. Aber die Ehe wurde problematisch.

Und dann trat gut 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung wieder jene erste große Liebe in mein Leben (aber das erzähle ich an anderer Stelle).

Wer weiß, ob ich noch die Lebensfreude hätte, hätte ich sie nicht getroffen. Sie war mein Anker. Und ich bin ihr so dankbar.

Und ich werde bis zu meinem Lebensschluß Liebe zu ihr empfinden, egal was uns noch alles passiert. Vom Anfang bis zum Ende. Definitiv.

018 Modernes Gerede

Als ich noch aufs Gymnasium ging (das hat sich dann später von selbst erledigt, aber das ist eine andere Geschichte), war ich in einer Klasse mit tollen Leuten. Wir hatten viel Spaß, gingen zusammen ins Kino oder radelten zum nahegelegenen Badesee.

Einer dieser tollen Leute war Markus. Ich nenne ihn hier Markus, denn eigentlich hieß er anders. Aber auch nicht Thomas.

Wir hatten in der Schule viele Möglichkeiten, unsere gemeinsamen Unternehmungen auch während der Schulzeit zu gestalten. In sogenannten AGs. Arbeitsgemeinschaften oder Aktionsgruppen, wie man will.

Und irgendwann fragte mich Markus, ob ich nicht mit in die AG Schülerzeitung kommen möchte. In meiner Erinnerung hieß die Zeitung „Apropos“.

Markus war schon ein paar Ausgaben dabei und fand, dass ich gut in das Team passen würde. Mir gefiel die Idee und ich ging eines Tages dann mit in die Redaktionssitzung.

Wir waren, weil wir die sechste Klasse besuchten, bei weitem die jüngsten „Redakteure“. Der Redaktionsleiter sammelte Themen und die älteren Semester klaubten sich die Themen heraus, die Ihnen zusagten und ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich als Sechstklässler noch nicht in der Lage sah, über schulpolitische oder Umweltschutzthemen zu schreiben. Ausserdem blieb auch nicht wirklich was für uns übrig. Der Leiter der Runde sah uns beide an und fragte uns: „Was wollt ihr beide denn machen?“

Markus und ich sahen uns an und zuckten mit den Schultern. Aber dann hatte ich eine Idee.

Da Markus und ich uns oft über Musik unterhielten und uns die neuesten Nummern im Walkman vorspielten, damals war Depeche Mode das A und O für uns, warf ich in den Raum: „Wir machen zusammen eine LP (LP = Longplay = Schallplatte = Vorgänger der CD) Kritik. Wir holen uns ein Album einer Band, eines Sängers oder einer Sängerin und bewerten diese.“

Manche in der Runde schauten etwas pikiert aber letztendlich wurde mein Vorschlag abgenickt. Man war ja froh um jede gefüllte Inhaltsseite.

Nach Redaktionssitzung war es nun an uns, zu überlegen, welche LP wir uns anhörten.

Da preschte Markus vor. „Meine Schwester ist großer Fan von Modern Talking. Die hat bestimmt die neueste Scheibe.“

Natürlich kannte ich Modern Talking. Aber Fan war ich nicht (ehrlich, ich war der eine, der nie eine Platte oder Single von MT kaufte). Markus überzeugte mich aber: „Das wird lustig“.

Ein paar Tage später trafen wir uns bei Markus. Er wartete schon in der offenen Tür und winkte mit einer Schallplattenhülle. „Wusste ich doch, dass sie die neueste Platte hat!“ Wir gingen in sein Zimmer, setzten uns aufs Bett und schrieben auf einem Block die Namen der Titel ab. Mit viel Platz dazwischen, den es nun galt, zu füllen.

Markus legte die Schallplatte in seinen Plattenspieler und lupfte den Tonarm auf die Rille. Der Teller begann sich zu drehen und schon bald hörte man Keyboards und Gitarren den MT-typischen Sound spielen.

Der erste Song, den wir hörten war „Cheri Cheri Lady“. Den kannte man ja schon aus Funk und Fernsehen. Wir waren ehrlich, schrieben, dass uns der Song nicht wirklich gefällt.

Man muss natürlich erwähnen, dass MT schon damals das hörende und sehende Musikpublikum polarisierte. Nach dem ersten Album mit den Hits „You’re my heart you’re my soul“ und „You can win if you want“ waren sie im ganzen Land bekannt. Thomas Anders, den bräunungscreme-gegerbten Schönling mit Riesen-Nora-Kette und schwarzer Langhaarpracht und den dauergrinsenden Dieter Bohlen mit Seiden-Jogginganzug liebte oder hasste man. Wir gehörten, weil Depeche Mode, eher zur letzteren Kategorie. Und so bewerteten wir auch.

Bei irgend einem Song sprang Markus auf, lief in das Zimmer seiner Schwester und suchte die erste Schallplatte von Modern Talking. Er wechselte die Scheiben und steuerte ein bestimmten Song an. Ehrlich, ich hörte fast keinen Unterschied zum zuvor gehörten Song. Und das schrieben wir auch in unsere Kritik: Song 4, siehe Song 6, Album 1.

Und wir hörten weiter.

Wir dachten uns kritische Bewertungen aus, von denen Dieter Bohlen für seine DSDS-Zeit noch was lernen hätte können.

Als wir fertig fahren, gaben wir den Text in der nächsten Redaktionssitzung der Schülerzeitung ab.

Und der wurde so gedruckt.

Na gut, hier und da ein Schmunzeln über einen Text, eindeutig von zwei 12-jährigen geschrieben. Eingeschlagen hatte aber unsere Kritik nicht. Nur eine Reaktion war heftig.

Markus Schwester kam im Pausenhof mit hochroten Kopf auf ihn zugelaufen, die Schülerzeitung in der Hand wedelnd. „Wie konntest du nur. Ich hasse dich.“

Markus sah mich an und erwiderte: „ Danke Hebus, für deine Idee. Das ist meine Rache für jeden Tag stundenlange Beschallung aus dem Nebenzimmer.“ Er wendete sich mit süffisantem Lächeln von seiner Schwester ab und zog mich mit.

Und ich schreibe das mit reinstem Gewissen. Ich wusste nichts von Markus Plan. Aber ich konnte es verstehen.

Leider trennten sich kurz danach unsere Schulwege, ich musste die Schülerzeitung aufgeben und wir verloren uns aus den Augen.

Vor ein paar Jahren traf ich ihn wieder in Schwabing. Er als Leser, ich als Zuschauer bei einer Lesebühne. Er wurde nach der Schule wirklich Redakteur bei einer richtigen Zeitung, später dann ein ausgezeichneter Regisseur für Film und TV. Wir unterhielten uns nach der Show noch lange. Auch über Modern Talking.

Leider hab ich diese spezielle Ausgabe der „Apropos“ nicht mehr. Denn ich würde das echt mal wieder gerne lesen.

017 Riesen-Party

Eines Tages eröffneten uns unsere Eltern, dass sie mit ihrer Kegelgruppe einen Ausflug in Südtirol planten. Er sollte Ende August oder Anfang September und von einem Donnerstag bis zum darauf folgenden Montag stattfinden.

„Cool, gönnt euch“ dachten sich mein Bruder und ich. Zumindest so ähnlich, so hat man damals noch nicht gesprochen. Die Geschichte ist ja schließlich auch schon fast 30 Jahre her. Wahrscheinlich sagten wir damals: „Klasse, das habt ihr euch verdient“ und „Wir passen derweil auf unser Zuhause auf.“
Aber insgeheim schlossen wir unsere Gehirn-Synapsen zusammen und heckten einen geheimen Plan aus. Man kann sich bestimmt schon denken, was in unseren Köpfen laut aufschrillte.
„STUUUURMFREI!!!! Was stellen wir an? Was machen wir mit der elternfreien Zeit?“ Und eigentlich war es so klar wie Kloßbrühe – so redete man damals: eine Party. Und das ohne Wissen und Zustimmung der Eltern. Sonst wäre da niemals was daraus geworden – das wissen wir alle.

Als dann irgendwann das genaue Datum feststand, begannen wir auch mit unserer Planung. Donnerstag und Freitag Vorbereitung, Samstag das Event, Sonntag groß Reinemachen. Perfekt.
Unser engster Freundeskreis bestand so aus 20 Leuten, erweitert so um die 40. Perfekt.
Die engsten Freunde wurden eingeweiht und mit Aufgaben betraut. Getränke und Knabberzeug besorgen. So Sachen eben.

Und dann war es soweit. Die Eltern verabschiedeten sich Richtung Südtirol und wir starteten umgehend die Vorbereitungen.
1. Das Elternschlafzimmer ist tabu und wurde gleich mal abgesperrt. Also wenn da was passieren sollte, nee, undenkbar.
2. Alle möglichen Dekoartikel meiner Mutter wurden verräumt. Wir wollten nicht, dass irgendetwas davon zu Bruch geht.
3. Die Sitzmöbel wurden zu gemütlichen Plauschrunden zusammengestellt.
4. Der Kühlschrank wurde zwecks des enormen Vorteils einer Möglichkeit zum Kühlen von Getränken leergeräumt.
5. Die Küche wurde zur Selbstbedienungstheke samt Knabber- und Süßigkeiten-Buffet umfunktioniert.
6. An exponierten Stellen wurden ausführliche Anweisungstafeln angebracht, die darauf hinweisen sollten, dass z.B. alle möglichen Auswürfe und Ausscheidungen des Körpers doch bitte in die entsprechende Schüssel und unter Androhung von Putztätigkeiten nicht daneben zu platzieren sind. Dass Zigaretten und leere Flaschen nicht im Garten zu entsorgen sind, usw.

Am Abend besorgten wir dann auch diverse Getränke und Fressalien. Ausserdem wurden die ersten Lieferungen durch Freunde getätigt. Da wir mit ca 40 Leuten planten, hatten wir etwa sechs Kisten Bier, einige Kästen Softdrinks, Orangensaft und andere Säfte zum Mixen von Cocktails und eine Auswahl der dazugehörigen hochprozentigen Spirituosen. Dazu Orangen und Zitronen für Tequila. Zum Essen gab es Chips, Flips, Salzbretzeln, Gummibärchen, Schokoriegel, Brausepulver und Ähnliches.
Als der Tag vorbei war, war alles vorbereitet. Das ganze Hause war partyfähig hergerichtet. Im Erdgeschoss im Wohnzimmer die Sitzgelegenheiten für bestimmt 25 Personen, die Küche als Getränke- und Speisebuffet und die Gästetoilette. Im ersten Stock war das Bad als Ausweichtoilette und das Zimmer meines Bruders als Chillbereich angedacht. Und unter dem Dach mein Zimmer zum zurückziehen und quatschen und was auch immer.
Eingeladen wurden natürlich unsere Freunde, wie gesagt, etwa 20 Leute im harten Kern und dann noch deren Anhänge. Wir rechneten mit ca. 40 Leuten. Aber anscheinend hätten wir mal besser in Mathematik aufgepasst, weil wie sich am Abend zeigte, hatten wir uns gehörig verrechnet.

Gegen sechs Uhr kamen die ersten Gäste und wir hatten viel Spaß. Die ersten Biere wurden geleert und die ersten Cocktails verließen die Küche. Irgendwann ging dann eine Flasche zu Bruch. Kein Thema. Kann man ja wegräumen.
Später holte mich eine Freundin zur Eingangstür. Vor der Tür stand ein Kumpel aus Geretsried, im Schlepptau hatte er noch sechs andere Typen. Die kannte ich zwar vom Sehen, aber hatte eigentlich wenig mit ihnen zu tun. Aber gut. Momentan waren vielleicht 35 zugegen. Da kommt es auf die sieben auch nicht mehr an.
Eine halbe Stunde später wiederholte sich die Situation nur mit dem Unterschied, dass ich die Leute nicht mal vom Sehen kannte. Ich bat sie, wieder zu gehen. Sie drehten um und verließen murrend und zeternd das Grundstück. Als ich später die Treppe vom ersten Stock ins Erdgeschoss runterkam, sah ich die Typen, die ich gerade abgewiesen hatte, im Wohnzimmer stehen, alle mit einer Flasche Bier in der Hand. Aber bevor ich etwas sagen konnte und dabei lauter werden würde, wurde ich schon wieder zur Tür gerufen. Mein Bruder und paar unserer Freunde spielten in der A-Jugend des hiesigen Fußballvereins. Nun stand da dreiviertel der Erwachsenen-Mannschaft mit einigen Kasten Bier und winkten. Ich winkte auch und zwar herein, mir wurde das alles irgendwie zuviel und hatte den Überblick verloren. Der Alkohol, den ich bis dahin getrunken hatte, tat sein übriges. Immer mehr Leute kamen uneingeladen und das trotz Fehlens von Social Media und WhatsApp. Unsere Party war wohl „the place to be“ an jenem Abend.

Nach diversen Schätzungen verschiedener Umfragepersonen waren wohl in der Spitze so zwischen 100 und 120 Personen in unserem Haus, verteilt auf drei Stockwerke und sieben Zimmer.

Im Laufe des Abends war mir das dann egal. Der Alkohol, den ich trank, betäubte meine Sinne und ließ mich seltsame Dinge tun. Ich stolperte auf der Treppe in den Keller und landete in hohem Bogen auf dem letzten Stufenabsatz. Da das allerdings ohne Zuschauerschaft geschehen war, stiefelte ich nach oben, rief: „wollt ihr sehen, was mir gerade passiert ist?“ und stürzte mich nochmals die Treppe hinunter, diesmal mit Absicht.
Angeblich soll ich wohl später noch mit einem Cowboy-Revolver aus dem Faschingfundus Leute bedroht aber relativ rechtzeitig aufgeklärt haben. Davon weiß ich aber nichts mehr.
Irgendwann schlief ich wohl irgendwie irgendwo ein.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit Brummschädel und schalem Geschmack im Mund.
Nachdem ich mir einen Überblick über die Situation machte, musste ich feststellen, dass neben 2-3 zerbrochenen Flaschen und etlichen Kippen vor der Tür das Chaos relativ übersichtlich war. Die Gestalten, die nach und nach aus den Löchern unseres Hauses krochen halfen alle zusammen, alles wieder zu reinigen und aufzuräumen. Aber dann sah ich im Wohnzimmer auf der beigen Auslegeware ein tellergroßen roten Fleck. Was war da passiert?
Einer von meines Bruders Freunden hob reumütig die Hand und sagte: „Ich wars. Rose Sekt, nicht gerührt, geschüttelt!“ und wies mit seinem Finger zur Decke. Auch da prangte ein rosa Fleck. Ich holte Putzlappen, Wasser und einige Putzmittel und sagte: „ Schau, wie du das wegbekommst. In einer halben Stunde ist das weg.“ Letztendlich halfen wir dann doch alle zusammen und der Fleck war weg, zumindest für den, der nicht wusste, dass da mal ein Fleck gewesen war. Puhhh. Am Ende des Sonntags war die Wohnung wieder hergestellt. Perfekt.

Am nächsten Tag kamen dann unsere Eltern heim. Erstmal nichts. Aber nach ein paar Tagen kam mein Vater auf mich zu und fragte: „Was habt ihr denn angestellt, während wir weg waren?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Warum?“ „Weil auf Hüfthöhe an den Mauern im Treppenhaus zum Keller so schwarze Streifen sind, so wie von Schuhsohlen…“ und meine Mutter fügte hinzu: „Und auf dem Gästeklo sind so vier winzige kleine Löcher in der Wand, wie als wenn da was hingepinnt wurde.“
Ich sah meinen Bruder an und wir hoben wieder unsere Schultern. „Keine Ahnung?“
Meine Eltern vergaßen ihre Fragen und es wurde da nie wieder darüber gesprochen.
Und sie bekamen wohl auch nicht mit, dass diese Party von nun an bestimmt zu den zehn größten Privatparties in Wolfratshausen galt. Und im Grunde genommen mussten wir drei Kreuze schlagen und fünf Vaterunser beten, dass uns nicht das passiert ist, was man heutzutage alles so lesen kann: verwüstete Wohnungen, zerstörte Vorgärten und Polizeinsätze.

Ich denke, am 60sten Geburtstag meiner Mutter haben wir uns schließlich doch geoutet und haben die Geschichte erzählt. Meine Mutter schlägt heute noch die Hände über dem Kopf zusammen, wenn die Riesen-Party zum Thema wird.