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036 Disc-Jockeys auf der Flucht

Als ich 18 war, ich hatte gerade meinen Führerschein, traf ich mich auch mit Leuten außerhalb meiner Clique. Da waren Armin, Herbert und Sonja. Wir hatten eins gemeinsam. Unsere Lust, Musik für andere auf Partys zu machen. Armin hatte eine Anlage und wir beide hatten am meisten Platten und CDs. Herbert und Sonja waren eher unsere Nischen-Musik-Spezialisten.

Wir trafen uns einmal in der Woche zum Bierchen und verbanden uns zu einem DJ-Team, das man für Partys oder andere Festivitäten buchen können sollte. Wir hatten auch einen Namen und eine Logo dazu: „AQUARIUS cash music“ (cash stand für unsere Vornamen!)

Armin und ich legten Musik auf einer Jugendübernachtung der Wasserwacht am Walchensee auf. Die acht- bis zwölfjährigen Kinder hatten Spaß und bestimmt einen coolen Discoabend. Das machten wir kostenlos. Fing gut an, unser Geschäftsmodell.

Unseren nächste Buchung hatte Sonja organisiert. Auch kostenlos, weil einige ihrer Freunde eine Faschingsparty für die Fußballjugend des Dorfes organisierten. Hey, wir mussten ja erstmal bekannt werden.

Armin hatte sich Tage zuvor verletzt und konnte nicht Auto fahren. So vertraute er mir als Neuling seinen Mini an und wir fuhren unser Equipment zum Sportlerheim und bauten auf. Ich kann mich noch erinnern, dass ich mich als Pfarrer verkleidete. Naja, der Abend verlief problemlos und wir beschallten den Gastraum, wechselten uns beim Auflegen ab und die Leute tanzten. Eigentlich alles cool.

Als wir dann gegen 2 Uhr aufhören mussten und anfingen zusammen zu packen, war da eine kleine Gruppe von jungen Kerlen, sichtlich angetrunken, die anfingen, uns anzupöbeln. Ich weiß heute nicht mehr, was der Grund war, ob sie Sonja dumm anmachten, ob sie Armin auslachten, weil er humpelte, ob ihnen die Musik nicht gefiel oder ob sie sauer waren, dass die Fete aus war? Auf jeden Fall heizte sich die Situation merklich auf, als sie bemerkten, dass wir auf ihre verbalen Angriffe und Beleidigungen gar nicht eingingen. Als sie anfingen, uns herum zu schubsen, räumten wir unser Equipment so schnell wie möglich in Armins Auto und zwängten uns zu viert in den Mini. Als ich den Wagen aus der Parklücke fuhr, wartete in der Geraden schon ein Auto mit blendenden Scheinwerfern. Der Andere folgte uns, als ich auf die Straße fuhr. Das Auto hinter uns fuhr ganz nah auf, sodass ich im Rückspiegel die Insassen erkannte. Wie nicht anders zu erwarten war, waren es die Pöbler. Ich beschleunigte etwas und ließ den Motor des Minis aufheulen. Die Gangschaltung von Armins Auto war etwas gewöhnungsbedürftig. Ich kuppelte und Armin schaltete, wenn ich den Gang nicht selbst hinein bekam.

Und so flogen wir durch Felder und Wälder durch die Nacht, der andere immer hinter uns. Was hatten die vor? Wollten die uns was antun? Oder wollten die uns nur Angst einjagen? Wir kreischten bei jeder Kurve und jeder Bodenwelle, die wir viel zu schnell nahmen. Nach etwa 20 Minuten kamen wir in die nächste größere Ortschaft. Als wir auf die Hauptkreuzung zu fuhren, sah ich im Rückspiegel, dass wir uns etwas Abstand gefahren hatten. Vielleicht 50 Meter. Ich überlegte einen Moment und hatte eine Idee. Wenn das funktionieren würde, wäre es genial. Ich bog an der Ampel nach rechts ab, schaltete die Autobeleuchtung aus und bog nach der Kirche, die sich rechterhand befand, wieder nach rechts ab. Ich fuhr schnell auf das stockdunkle Innengeviert eines Bauerhofes und stellte den Motor ab. Wir saßen ganz ruhig, atmeten aufgeregt und lauschten. Nichts. Wir warteten rund 20 Minuten. Die Scheiben des Mini liefen an. Dann öffnete ich meine Fahrertür und trat an die frische Luft. Ich atmete tief ein und sah, dass die anderen es mir gleich taten.

Was nun? Entweder waren sie weitergefahren, oder sie drehten um, was bedeuten konnte, dass sie uns immer noch entgegen kommen konnten, oder sie warteten irgendwo. Aber letztendlich mussten wir ja auch weiter. Und so fuhren wir angespannt in Richtung unserer Heimatstadt. Zum Glück begegneten wir ihnen nicht noch einmal und die Anspannung viel von uns ab. Wir überlegten uns, zur Polizei zu gehen, aber wir hatten ja nichts in der Hand. Keine Namen, nicht mal die Autonummer oder das Automodell. Wir machten nichts weiter.

Das Ende der Geschichte: nach diesem Erlebnis traf sich AQUARIUS cash music nicht mehr und wir verloren uns aus den Augen. Jahre später stieg ich zu Armin in sein Taxi. Er erkannte mich nicht mehr.

In meiner Erinnerung war die Aktion nicht wirklich lustig, aber das Schnippchen, dass ich den anderen geschlagen hatte, war schon irgendwie cool.

035 Dem Gastapudl auf der Spur

So oft, wie es in Deutschland die „Weiße Frau“ gibt, könnte man meinen, die gab es mal irgendwo im Zehner-Pack günstiger.

Jede Stadt hat doch irgendwie ihre Mythen und Legenden.

Da ist es in meiner Heimatstadt nicht anders, aber ein bisschen spezieller.

Neben dem Nachtgschlerf, das als alte Frau scheppernd durch die Straßen zieht, in die Fenster der oberen Stockwerke luhrt und Unheil verkündet, gibt es da noch den Gastapudl. Einen dämonischen Höllenhund, der mit rot leuchtenden Augen den Gasteig, den Fußweg nach Norden, heimsucht und Wanderern eine Heidenangst einjagt und deswegen so mancher schon die Strecke im Eilgang zurücklegte. Warum die Altvorderen sich da unbedingt einen Pudel heranzogen, ist mir jetzt ein wenig unverständlich. Bullmastiff, Dobermann oder Dogge okay, aber ein Pudel? Naja, auf jeden Fall hörte ich zum ersten Mal von diesen Mythen in der Grundschule. Unser Lehrer Schwenz erzählte uns von den alten Geschichten, die sich seit Jahrhunderten in der Gegend erzählt werden. Ich glaube mich auch noch zu erinnern, dass wir Bilder malen und einen kurzen Aufsatz daheim schreiben mussten.

Als wir Kinder uns in der Schulpause über das Gehörte unterhielten, drängte sich Ansgar nach vorne und setzte eine geheimnisvolle Miene auf. „Ich weiß, wo wir den Gastapudl finden. Mein Vater hat ihn mir schon mal gezeigt. Recht gruselig wars – mit den roten Augen.“

Ansgars Vater war Forstbeamter und da war es schon möglich, dass, wenn es sowas gibt, die Leute vom Wald am besten wissen, wo sowas zu suchen ist. Das klang plausibel.

„Dann zeig ihn uns“ forderte ich Ansgar heraus. „Klar, kein Problem. Lass uns heute Nachmittag um drei treffen, bei der grünen Brücke. Jeder der kommt, ist dabei. Alle anderen sind Hosenscheißer,“ proklamierte Ansgar. So sprach man damals über Leute, die sich vor etwas drückten.

Am Nachmittag trafen wir uns wie ausgemacht an der grünen Brücke. Wir waren vielleicht zu acht. Ich hatte meine Taschenlampe dabei und der eine oder andere war ebenso ausgestattet. Mit unseren Fahrrädern fuhren wir dann im Pulk über die Straße in einen kleinen Wanderweg, der zwischen den Wohnhäusern in den dahinter liegenden Wald führte. Ich war extrem angespannt, wusste ich doch nicht, wo uns Ansgar hinführte. Außerdem war ich jetzt auch nicht so mutig. Ich hatte schon Respekt vor dem Höllenhund mit den roten Augen, obwohl ich schon wusste, dass es sowas nicht wirklich gibt. Und dass Mythen eben Geschichten sind, die sich entwickelten, weil die Menschen von damals eben keine andere Erklärung für derartige Erscheinungen hatten. Aber wer weiß?

Nach einigen hundert Metern kamen wir an eine betonierte Wand. Vielleicht fünf Meter hoch. Darüber sah ich hinter einer Stufe eine zweite Wand, und eine dritte. Ich erkannte wo wir waren. Den Bergrücken hinter der Stadt schlängelt sich die Straße in riesigen Kehrungen und Serpentinen hoch. Wir standen an der untersten Stützmauer der Serpentinen. Ansgar sprang vom Rad und wies uns an, ihm zu folgen.

In mitten der Stützwand führte eine kleine Treppe einige Stufen zu einer Gittertür. Ansgar stemmte sich mit der Schulter gegen das Gitter und öffnete die Tür. Dahinter lag ein dunkler Gang. Ein Windzug blies uns vermoderte stockige Luft in unsere Gesichter. „Da unten, da wohnt er. Am Tag findet man ihn da drin. In der Nacht kommt er dann raus und bewacht den Gasteig.“

Zwei Jungs griffen ihre Lenker und machten sich auf dem Waldweg aus dem Staub.

Ansgar lachte höhnisch und dann traten wir in den Gang ein. Durch das Licht der Türöffnung konnte man einige Meter links und rechts schauen, aber man sah nichts außer einem rechteckigen waagrechten Betonschacht. Ich schaltete meine Taschenlampe an. „Etwa doch Schiss?“ Ich sah Ansgar an, schüttelte den Kopf und knipste sie wieder aus. Ansgar wies mit dem Kopf nach links. „Da lang müssma“ und wir setzten uns vorsichtig in Bewegung. Nach einigen Metern spürte ich Hände an mir hinabgleiten. Robert schrie, ich schrie. Robert hing an meiner Hose. „Ach, das hatte ich vergessen“, sagte Ansgar. „Es gibt hier Stufen, die sind so etwa einen Meter hoch.“ Robert war vor mir gegangen, trat wohl an so einer Stufe ins Leere und konnte sich gerade noch an mir festhalten. Ansgar kicherte. „Du spinnts wohl“ blaffte ich Ansgar an. „Wieso, ist doch nichts passiert.“

Ich schaltete meine Taschenlampe ein und leuchtete in den Gang. Man sah etwa 30 Meter bis es wieder dunkel wurde. Wir gingen, bedacht und vorsichtig weiter. Auf dem Boden lagen Gesteinsbrocken und Kiesel, aber auch eine Menge Scherben. Die älteren Jugendlichen hatten wohl diesen Ort auch schon entdeckt. „ACHTUNG“. Während wir so liefen und unsere Konzentration auf dem Boden lag, kam uns in Augenhöhe ein rostiger Metallträger aus der Wand stehend entgegen. Nicht auszumalen, wenn ich nicht hochgeschaut hätte, geschweige denn, wenn wir immer noch ohne Licht unterwegs gewesen wären.

Irgendwie hatte ich die Furcht vor dem bösen Hund ganz verdrängt, fiel mir auf. Ich fragte in die Runde, wie der Hund denn bitte diese Stufen hochkommt? Vor so einer standen wir jetzt wieder und ließen uns herabgleiten. Es folgten noch drei oder vier Stufen dann konnten wir am Ende des Schachts Tageslicht erkennen. Fast am Ende angekommen fragte ich Ansgar: „Wo war nun dein Gastapudl? Wolltest uns nur ängstigen? Kannst froh sein, dass nix passiert ist“. Ich sah kurz ins Ansgars Augen und mir war so als blitzten sie kurz rot auf. Ich drehte mich schnell zum Tageslicht und schritt an die frische Luft. Der Schacht endete am Ufer des Flusses.

Später erfuhren wir, dass der Schacht beim Bau der Serpentinen angelegt worden war, um das Regenwasser bei Unwettern von den Kehrungen durch Gullis zum Fluss abzutransportieren.

Diesen Ansgar gab es natürlich nie. Ich hatte keine so fiesen Freunde, die mich hätten ins offene Messer oder wie hier auf meterhohe Stufen rennen hätten lassen. Aber die Serpentinen sind echt, der Gang ist echt, die Stufen, der Metallträger und der generelle Ausflug in die Unterwelt.

Vom Pudel weiß ich es immer noch nicht. Ich bin ja auch nicht mehr so oft in meiner Heimatstadt. Aber dafür gibt es in der Nähe meines Wohnorts eine „Weiße Frau“. Ich bin dann mal weg.

034 Warum ich so dick bin…

Heute mal was Ernsteres. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich nun kein schlanker Muskelmann bin und nie war. Diejenigen, die mich nicht kennen, können das anhand der Bilder hier auch leicht erkennen.

Seit bald 50 Jahren geht die Reise auf und ab, aber letztendlich leider immer weiter und unaufhörlich nach oben. Und zwar auf der Waage.

Das soll keine Rechtfertigung oder Entschuldigung sein. Beim wem müsste ich mich entschuldigen? Vielleicht ist es mir einfach nur ein inneres Bedürfnis, zu erklären. Das Bedürfnis, das ich immer habe, wenn Blicke auf mir lasten, die mich anblaffen: „Schau dir das fette Schwein an“, wenn aus den Blicken ein Lachen wird, ein Auslachen. Und dann die Ratschläge: „Iss weniger“ oder “Du musst nur Sport machen“. Liebe Freunde – meistens sind es Freunde – vielen Dank, das ist lieb gemeint, aber so einfach ist das halt nicht.

Anfangen hat alles im Mai 1973. Da wurde ich geboren. Meine Geburt war, soweit ich mich erinnern kann, relativ problemlos. Meine Eltern wurden zum ersten Mal Vater und Mutter und sie freuten sich auf den Nachwuchs. Und dann war ich da.

Da meine Eltern jetzt auch nicht so erfahren im Umgang mit Babys waren, versuchten sie ihre neue Rolle so gut wie möglich zu meistern. Aber irgendwie stimmte da was nicht. Der Kleine, also ich, aß nicht. Also ich aß schon, aber so wie es oben reinging, ging es oben auch wieder raus. Meine Mutter zweifelte schon an sich, ob sie was falsch mache. Aber eigentlich war das ja ganz einfach. Futterluke auf, Bäuerchen, und paar Stunden später die Windel wechseln. Aber bei mir war das anders. Als Neugeborenes hielt ich nichts bei mir. Gerade mal paar Tage alt und das Kind magerte immer mehr ab. Ich kann mir gut die Panik meiner Eltern vorstellen. Naja, aber sie taten das einzig Richtige: zurück ins Krankenhaus. Untersuchungen. Ja, das Kind bleibt erstmal hier, muss operiert werden. Ich hatte eine Pylorusstenose bzw. einen Pylorusspasmus. Weg vom Fachbegriff: Zwischen Magen und Darm befindet sich ein Ringmuskel, der bei mir verkrampft war und sich nicht mehr öffnete. Das nennt man auch Magenpförtnerkrampf. Mein Verdauungstrakt war sozusagen war keine Einbahnstraße sondern eine Sackgasse. Also Operation. Man schnitt den Muskel ein, dass die Anspannung gelöst wurde. Man wunderte sich auch, dass ich nicht aufhörte zu bluten und nebenbei entdeckte man somit auch, dass ich auch noch die Bluterkrankheit (Hämophilie) habe. Also OP, Rekonvaleszenz und wieder nach Hause. Und?

Das gleiche Spiel von vorne. Mund auf, Milch rein, Bäuerchen und die ganze Plörre kam im hohen Bogen wieder raus. Meine Eltern verzweifelten fast. Zurück ins Krankenhaus. Achselzucken im weißen Kittel. „Herr und Frau Hebenstreit, sorry, wir haben vermutlich nicht tief genug geschnitten.“ Also same same, alles nochmal. Dazu sollte man erwähnen, dass die Kinderstationen in den 70ern etwas anders waren wie heute. Keine Rundumbetreuung oder Mutter-Kind-Zimmer. Ich lag in einem Bettchen mit Glaswänden in einem weissen Raum. Meine Eltern, die mich täglich besuchten, standen außerhalb des Krankenzimmers und durften mich lediglich durch eine Glasscheibe ansehen. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass die ersten Wochen eines Neugeborenen ganz wichtig für die Bindung zur Bezugsperson sind. Nun, die hatte ich nicht. Und glaubt mir oder nicht, ein Babyhirn denkt schon und zieht seine Schlüsse. Dazu später aber mehr.

Okay, die zweite Operation glückte dann und bescherte mir eine Narbe, die, da zweimal übereinander, zu einer hässlichen Geschwulst verwuchs und mich heute noch ziert.

Und dann ging es los. Hey, ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf und schließlich forderte ich das Verpasste ja auch ein. Meine Eltern, froh, dass das Essen nun funktionierte, waren glücklich über jeden Happen, denn ich zu mir nahm. Und fütterten und ich aß und ich war selten satt und hatte mein Mund immer offen.

Und so wuchs ich zu einem stattlichen Kerl ran. Ja, ich war danach nie schlank, geschweige dünn. Ich war … ähm moppelig. Aber nicht unangenehm. Ich hatte halt „schwere Knochen“. In meinem Freundeskreis und in der Schule war ich trotzdem immer der „Dicke“. Ich fand mich damit ab. Aber wenn ich heute Fotos von damals ansehe, muss ich schon sagen, dass das schon übertrieben war. Heute würde das wahrscheinlich Mobbing genannt werden. Aber auch denen will ich keinen Vorwurf machen. Das ist, denke ich, in jedem Gruppengefüge ganz normal, dass sich da auch bestimmte Rollenbilder formen. Und ich hatte ja trotzdem auch eine Menge Spaß in dieser Zeit. Ach ja, Randnotiz, Sport war auch nicht so einfach, weil Bluter!

Aber ich hatte kein Selbstbewusstsein und war total unsicher. Gerade in Bezug auf Mädchen. Total schüchtern vermied ich es, die Mädchen, die mir gefielen, anzusprechen. Die Erfahrungen, die ich machte, als ich es doch versuchte, bestätigten meine Meinung über mich. „Ach Christoph, lass uns Freunde sein, mit dir kann man so gut quatschen.“ Nicht falsch verstehen, diese Erfahrung macht vermutlich fast jeder junge Mann und ist somit nichts Außergewöhnliches. Aber bei mir streichelte das eben nicht gerade mein Ego, das im Gegenzug mitbekam, wie Freunde und der eigene jüngere Bruder mit einer nach der anderen Arm in Arm aufkreuzten. Es gab eine Zeit, da habe ich meinen drei Jahre jüngeren Bruder dafür gehasst. Ich fühlte mich wie das fünfte Rad am Wagen. Mich wollte keine.

Irgendwann klappte das dann doch mit den Mädels. Bzw. mit einem Mädel.

Meiner „erste“ Frau wurde dann auch meine Ehefrau. Ich heiratete, zog weg aus der Geburtsstadt und bald war meine erste Tochter auf der Welt. Zweieinhalb Jahre später dann meine jüngere Tochter. Von da an wandte sich aber meine Frau von mir ab. Wir spielten zwar noch Jahre heile Familie aber zu sagen hatten wir uns nur noch wenig. Und ich war wieder in der Situation, dass meine Haupt-Bezugsperson nicht da war. Ein Trauma. Ich begann zu essen. Allein.

Nach weiteren acht Jahren des Mästens und des Gedankenzerfleischens trennten wir uns. Ich war dick wie noch nie. Danach folgten weitere drei oder vier Beziehungen mit unterschiedlichen Frauen. Wenn ich in einer Partnerschaft war, nahm ich ab. Ich fühlte mich sicher, fühlte mich geliebt. Kam dann die Trennung, war ich allein, nahm ich zu.

In den letzten Jahren, seit meiner letzten Trennung, hatte ich keine Beziehung mehr. Ich wohnte in einer WG. Erst mit meinem besten Kumpel, dann mit meiner älteren Tochter. Auch diese waren in dieser Zeit meine Bezugspersonen und … gingen wieder (räumlich). Kein Vorwurf, das Leben jedes Einzelnen sucht sich seine Wege und niemand ist verantwortlich für mein Leben, außer ich selbst.

Dann kam Corona. Homeoffice. Gar keine Bewegung mehr. Mit dem Laufen tat ich mich eh schon schwer, seit ich eine Arthrose im Sprunggelenk habe. Und ich wurde immer dicker. Und dann kann und will man sich auch nicht mehr bewegen (!).

Dann eines Tages wachte ich schweißgebadet auf. Ich begann zu weinen. Ich hatte Todesangst. „Wenn ich jetzt nichts unternehme, erlebe ich die nächsten Sommer nicht mehr.“

Ich suchte mir einen Therapieplatz in einer Einrichtung für Essstörungen (Binge-Eating, wem das was sagt) und seit einem halben Jahr habe ich dort Einzel- und Gruppensitzungen. Leider geht das alles auch nicht mit einem Fingerschnippen. Aber ich kämpfe.

Verlust der Bezugspersonen, Verlustängste im Allgemeinen, Liebesentzug, Alleinsein, Einsamkeit, Depressive Phasen…alles Faktoren, die mich UNTERBEWUSST fressen und dick werden lassen. Hat ja als Baby auch funktioniert. Danach war alles okay. Da schließt sich der Kreis. Im Grunde genommen denkt unser Gehirn in einfachen, eingefahrenen Mustern. Und das rauszubekommen ist ein harter Kampf. Aber zum Kämpfen ist man nie zu alt.

Das wollte ich einfach mal rauslassen. Danke fürs Lesen.

033 Das Beste aus Italien mit P

Das werden vermutlich nicht viele wissen, aber ich war mit 19 Mitglied einer Band. So mit Gesang, Konzerten und Fans und das begann so:

Meine Eltern und ich besuchten deren besten Freunde. Angie, die Tochter des Hauses, hatte einen festen Freund, Rudi. Und wir saßen in ihrem Zimmer, „chillten“, wie man heute sagen würde, und vertrieben uns die Zeit mit blöd daherreden. Rudi nahm sich aus Langeweile Angies Gitarre und klimperte darauf ein paar Akkorde. Rudi konnte gut die Gitarre spielen, entlockte ihr immer mehr bekannte Melodien und bald begannen wir zu singen. „Angie“ von den Rolling Stones war natürlich augenscheinlich. Aber auch einige Cat Stevens Songs. Ich kann zwar nicht wirklich gut singen und meine Frauen haben mich in der folgenden Zeit immer wieder darauf hingewiesen und verboten es mir, aber damals war es uns/mir egal. Wir trällerten, wie uns der Schnabel gewachsen war. Immer mehr Songs entdeckten wir, die wir spielen und singen konnten und jedes Mal, wenn wir uns trafen, schnappte sich Rudi eine Klampfe und wir sangen zusammen. Bald hatten wir ein beträchtliches Repertoire zusammen.

Im Sommer war der nahegelegene See „the place to be“. Und vom Lagerfeuer könnte ich Geschichten und Unterhaltungen erzählen, die so der eine oder andere schüchterne junge Mann auch erlebt hat. Ich sag nur: „Du bist ein total Lieber. Mit dir kann man so gut reden“, usw. Aber am Lagerfeuer, zusammen mit Freunden und Kumpels packte Rudi seine Gitarre aus und wir beschallten den ganzen See mit unserer Lagerfeuerromantik. Wir stiegen die „Stairway to Heaven“ hinauf und klopften mit „Knocking on Heavens Door” an. Wir zauberten ein tolle Stimmung und alle genossen es. Das hoffe ich zumindest.

„The second place to be“ war zu der Zeit eine kleine gemütliche Bar, in der wir uns dann an manchen Abenden, meist vor Diskobesuchen, trafen. Geführt wurde die Bar von Tobi, einem Österreicher, sehr nett und sehr trinkfreudig, was zur Folge hatte, dass er meistens mehr intus hatte als wir und total den Überblick verlor, was wer und wieviel bestellte. Teilweise bedienten wir uns selbst. War eine krasse Zeit und war beileibe nicht immer in Ordnung.

Auf jeden Fall lief Rudi irgendeines Abends mit seiner Gitarre ein. Wir verzogen uns in eine Ecke und er klimperte und wir sangen ein wenig.

Als Tobi auf uns aufmerksam wurde ¬ er hörte wohl schon eine zeit lang zu ¬ kam er auf uns zu und fragte: „Ich habe demnächst noch zwei Auftrittsslots frei. Wollt ihr nicht mal auf der Bühne spielen?“

Rudi sah kurz zu mir und dann nickte er, meine Meinung gar nicht abwartend. Tobi freute sich, teilte uns die Daten mit und verschwand wieder hinter den Tresen.

Okay, nun hatten wir unseren ersten Auftritt. Rudi an der Gitarre und wir beide am Mikrofon. Keine eigenen Songs, nur Coverversionen. Und wir hatten keinen Namen.

Wir trafen uns bei Rudi, klimperten unser Repertoire und machten uns am Abend eine Pizza. Ich sollte noch erwähnen, dass wir Wochen vorher zusammen in Italien waren. Und so beim Pizza essen kamen uns die Erinnerungen an den Urlaub hoch (ein Ereignis davon gibt’s in einem anderen #christophmeinlebenundich) und wir erzählten und lachten. Dann hatte ich die geniale Idee, uns Pizza Plumpsklo zu nennen. Die besten Dinge aus Italien mit P, weil P ist ein schöner Buchstabe. Das war die Erklärung. Vielleicht waren wir aber auch schon zu sehr betrunken, um nochmals darüber nachzudenken.

Das erste Datum kam immer näher. Zwischenzeitlich malte ich Plakate und hängte diese rund um die Bar auf. Wir luden alle unsere Freunde und Familien ein und wir übten leidlich Songs und Texte.

Und dann war es soweit. Die Bühne war gerichtet. Wir waren beide schwarz-weiß gekleidet. Daheim hatten wir Whiskey-Flaschen mit Apfelsaft gefüllt, zwecks der Show, und brachten unser Zeug auf die Bühne. Dort lag eine eingestöpselte E-Gitarre. Tobi kam auf Rudi zu und meinte: „Wenn der Laden voll ist, wird man dich nicht mehr hören, dann ist es besser, du spielst gleich dieses Teil“. Ich kenne mich ja mit Musikinstrumenten überhaupt nicht aus, Aber Rudi meinte, dass man eine E-Gitarre wohl etwas anders spielt als eine Akkustische. Aber Tobi ließ sich nicht davon abbringen. Rudi stieg der Schweiß auf die Stirn.

Die Bar füllte sich langsam und gegen 20.30 Uhr sollten wir zu spielen beginnen. Die Gitarre hörte sich mittelprächtig an. Wir hatten uns außerdem vorgenommen, uns vorzustellen. Und so sagte Rudi sein Reimchen auf. Ich blickte in die Gesichter ca. 200 Anwesenden und brachte nur heraus: „Ich bin Christoph and i can only withsum“. Ich konnten den ersten Song halt nur mitsummen.

Dann spielten wir unser Repertoire und irgendwie hatte ich das Gefühl, nicht alle fanden uns schlecht. Es gab sogar einen, der vor der Bühne mittanzte. Aber trotzdem wurden die Zuschauer immer weniger. Anfangs noch 200 waren bald nur noch 80, dann 40 da. Na gut, davon waren die meisten unsere Freunde. Hernach erklärten wir uns das damit, dass die meisten die Bar Richtung Diskothek verließen, die nebenan im Keller befindlich war.

Aber wir spielten unbeirrt weiter und unsere Freunde spendeten uns frenetischen Applaus. Nach dem Auftritt kam Tobi zu uns, blickte sich im Raum um und sagte: „Hey, das habt ihr gut gemacht. Die meisten blieben sogar länger als üblich vor der Disko. Ich freue mich auf den zweiten Gig mit euch“.

Der zweite Auftritt lief etwa vergleichbar ab.

Leider trennten sich Angie und Rudi. Wir verloren Rudi aus den Augen und unsere steil aufsteigende Musikerkarriere kam abrupt zum Ende.

Und das war meine erste Bühnenerfahrung, Jahre bevor ich für den Poetry Slam auf die Bretter trat. Aber singen kann ich immer noch nicht. Fragt meine Ex-Frauen.

032 In Stalingrad mit Toy Soldiers

Meine erste Freundin, mit der ich länger als zwei Wochen zusammen war, ich nenne sie hier Hani, lernte ich mit 20 Jahren in der Tölzer Diskothek „Arena“ kennen.

Die Arena war (und bleibt) die schönste Diskothek, die ich in meinem Leben sehen durfte. Römisch-griechischer Stil, alles in Weiß gehalten. Diejenigen, die nicht tanzten, sammelten sich in einem Ring um die tiefer liegende Tanzfläche. Wie in einem Gladiatorenstadion. Dazu alles umsäumt mit Säulen und Statuen. Leider gibt es diese Institution im Oberland nicht mehr. Nun es ist ja auch schon 30 Jahre her.

30 Jahre zurück.

Ich stehe mit meinen Kumpels im Pulk auf der äußersten Stufe und blicke durch den pulsierenden Raum und in die bunten blendenden Strahler. Plötzlich, inmitten der zum Takt zuckenden Körper sehe ich dieses Gesicht. Feine Züge, dunkle, kurze Haare. Sie, umringt von Freundinnen, sticht heraus. Sie hat etwas Besonderes. Ich kann nicht sagen, was. Irgendwas fasziniert mich an ihr. Ich schaue immer wieder verstohlen in ihre Richtung. Ich bin zu schüchtern, um sie anzusprechen. Und so vergeht Wochenende um Wochenende. Jeden Samstag frage ich mich, ob ich sie heute wieder sehen werde? Immer, wenn sie auch den Abend hier verbringt, beginnt mein Herz schneller zu schlagen und ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen. Werde ich mir ein Herz nehmen und auf sie zugehen? Wenn ich meinen Freunden von ihr erzähle, lachen sie mich aus. „So wird das nichts“ „Mit Anschauen wirst nicht weiterkommen“. Ich weiß das, und blicke wehmütig in das schöne Gesicht auf den Arena-Stufen gegenüber. Hat sie eben zurückgeschaut? Ich weiß nicht. Nein.

Aber doch. Immer häufiger kreuzen sich unsere Blicke. Sie lächelt – und tuschelt mit ihren Freundinnen. Ich versuche zurück zu lächeln. Ich kann mich nicht erinnern, ob mir das gelungen ist.

Einer meiner Kumpels, ich nenne ihn hier Ritter, ein Filou und Schwerenöter vor dem Herrn, interessiert sich eines Tages für eine ihrer Freundinnen. Für ihn kein Problem, mit einem Glas Bier, ein paar (in meinen Augen) peinlichen Anmachsprüchen schlendert er zu den Mädels und fängt an, mit ihnen zu quatschen. Sie lachen. Ritter zeigt mit seinem Finger auf mich und plötzlich schauen alle Augenpaare ihrer Gruppe zu mir. Sie grinst. Ich werde rot und flüchte. Raus an die frische Luft. Mein Herz pocht bis zum Hals. Das hat Ritter nicht wirklich gemacht? Wenn du solche Freunde hast, brauchst du keine Feinde.

Fünf Minuten später kommt mein Kumpel mit seinem Opfer und mit IHR auch vor die Tür und gesellt sich zu mir. „Hallo, ich bin Hani. Du bist Christoph? Du bist auch öfter hier“ spricht sie und hält mir ihre Hand entgegen. Ritter und sein Mädel ziehen weiter. Und ich unterhalte mich mit meinem Schwarm zum ersten Mal. Vor der Disco unter dem Sternenzelt und das Bauchgrummeln kommt nicht vom Bass, der gedämpft bis in unsere Ohren brummt.

Zwei, drei Wochen später sind wir dann „zusammen“. Ich habe frisch mein erstes Auto und besuche sie auch unter der Woche. Ich lerne ihre Mutter kennen. Eine wunderschöne Frau. Kein Wunder, bei der Tochter, denke ich mir. Ihr Vater, wohl ein ungarischer DJ, so weit ich mich erinnere, hat sich getrennt und lebt wo anders.

Hani bringt mir ungarisch bei. Nur an „Szeretlek“ und „Viszontlátásra“ kann ich mich noch erinnern.

Aber Hanis Geruch ist mir dafür aber immer noch gut in Erinnerung. Sie trägt oft das Parfüm Cašmir von Chopard. Wenn ich heute noch diesen Duft in der Fußgängerzone oder in einem Einkaufszentrum wahrnehme, schaue ich mich nach Hani um. Wenn Sie kein Parfüm aufgetragen hat, riecht ihre Haut nach frischer Milch. Hört sich vielleicht für manchen befremdlich an, aber für mich ist das ein ganz toller reiner Duft. Sie ist halt was Besonderes.

In der nächsten Zeit gehen wir des Öfteren ins Kino. Ich fahre mit ihr nach München und auf gut Glück steuere ich auf das Gloria am Stachus zu. Es läuft Vilsmaier. Unser erster gemeinsamer Kinobesuch und wir schauen den romantischsten aller Filme an: „Stalingrad“. Von da an entscheidet Hani. Ich kann mich noch an den Oberknaller „Jurassic Park“ und an „Ein unmoralisches Angebot“ erinnern. Beides im englischen Original. Da ist mir noch ein Zitat im Gedächtnis geblieben:

Have I ever told you I love you? – No. – I do. – Still? – Always.

Das ist einige Zeit dann unser “geflügeltes Wort”.

Eines Tages lädt mich Hani dann ein, das Wochenende mit ihr zu verbringen und bei ihr zu übernachten. Ihre Mutter ist bei ihrem neuen Freund und überlässt uns die Wohnung. Hani kocht, wir essen, Nudeln, gehen zusammen, Hand in Hand in die Discothek. Des nachts kommen wir nach Hause, kuscheln, ziehen uns aus, berühren uns. Hani dimmt das Licht, legt Musik ein. Martika – Toy Soldiers in Dauerschleife – ihr Lieblingslied damals. Im Gleichgang unser Atmungen schlafen wir ein. Zum „Äußersten“ ist es nicht gekommen. Meine Schüchternheit stand mir aber sowas von im Weg.

Aber es war eines der schönsten Wochenenden, die ich in meinem Leben erleben durfte.

Hani, ich danke dir für die Zeit mit dir, meine große Verliebtheit und den Duft von Milch.

Du hast und bist das Besondere. Always.

031 Kindermund ist manchmal so süß

Ich habe zwei wundervolle Töchter, beide schon erwachsen und auf ihrem eigenen Weg durch die Welt.

Aber trotzdem haben wir einige Jahre zusammen gelebt, gegessen, gespielt, gestritten, gelacht und geweint.

Wie wahrscheinlich jedem Elternteil bleiben mir viele Erinnerungen an die „Kleinen“.

Unzählige vergangene Situationen lassen mich Schmunzeln und im Gespräch mit meinen Kindern sorgt jedes Erinnern wieder zu Lachern und angeregten Unterhaltungen.

Eine besondere Art der Erinnerungen möchte ich heute mit euch teilen, natürlich in Absprache mit meinen Töchtern, sind doch sie die Urheber. Es geht um falsche Wörter und Wortneuschöpfungen. Das, was eben passiert, wenn Kinder zu Sprechen beginnen.

Alles verpackt in einem kurzen Text.

„KROTZEFIX“

Wütend warf der Vater die Fernsiehdienung auf den Tisch. Es war nicht sein Tag. Morgens war er im Schlafananzug in die Autohöhle gegangen und hatte es erst in der Aabeit gemerkt, wo dann der Kombüdja noch kaputt ging.

Und jetzt hatte auch noch der Jeansrichter beim Fußball falsch entschieden. Der Vater nuckelte am Bier. Ohne Eikohol und schon leer. Außerdem hatte er große Bopf-Weh. Er schaltete um. Im nächsten Programm schwamm ein Pinuin einer Meerjungsfrau hinterher. Der wollte ihr eine Kitzelantacke verpassen. Die Nixe war echt eine Busenlilli. Nach dem Weiterschalten liefen Nachrichten. Das Neueste aus Worschinken und Wahaii. Nur Kacka. Dann aß der Vater noch ein Brot mit Papawurst. Und das Ende der Geschichte:

Am nächsten Tag hatte er dann Magen-Darm-Gyros.

Das waren nur ein paar Wörter, die uns letztens in Erinnerung kamen und wir haben wieder viel gelacht. Wenn uns Weitere einfallen, werde ich ergänzen.

Welche Falschwörter oder Wortneuschöpfungen haben eure Kinder geliefert? Ich bin gespannt.

030 Eine Kindheit im Wald

Okay, das hört sich jetzt etwas krass an.

Eine – meine – Kindheit im Wald.

Na… ich wurde jetzt nicht unbedingt in einem Loch im Boden geboren. Obwohl, vielleicht wäre dann meine Liebe zum Herrn der Ringe einwandfrei erklärbar.

Ich ging in keinen Waldkindergarten und war niemals Mitglied der offiziellen Pfadfinder.

Aber dennoch erzähle ich gerne, dass ich meine Kindheit im Wald verbracht habe. Weil sich eben ein großer Teil dieser welcher dort abspielte

Ich wurde südlich von München in einem damals gemütlichen Städtchen geboren. Nach ein paar Tagen nahmen mich meine Eltern dann aus dem Krankenhaus mit und zeigten mir mein neues Zuhause.

Rund um unser Haus gab es auch andere Kinder, die auch fast zur gleichen Zeit geboren wurden. Später kam dann auch mein Bruder dazu und wir waren eine tolle Spielgemeinschaft.

Aber das Beste überhaupt war der Wald hinter dem Haus. 30 Meter zu Fuß und wir standen inmitten von grünen Blättern, Wurzeln, Vogelgezwischer, Pilzen, Wacholderbeeren und Kiefernzapfen.

Als wir alt genug waren, zusammen in der Gruppe hinauszuziehen, taten wir das. Und das war mit sechs oder sieben Jahren.

Wir erkundeten den Wald bis hin zum Fluss, merkten uns exponierte Bäume und Landmarken und prägten uns Wege im Wald ein.

Ich weiss nicht mehr, wie lange das dauerte, wie oft wir uns verirrten, aber in meiner Erinnerung waren wir in wenigen Tagen die Meister des Waldes, sogenannte Waldmeister (höhö), kannten unseren Wald in- und auswendig.

Wir erkundeten Flora und Fauna, beobachten im kleinen Weiher Kaulquappen, Frösche und Molche, entdeckten Schlangen und anderes Getier und sahen auch ab und an mal ein Reh oder einen Fuchs.

Aber das Highlight waren unsere „Kämpfe“. Bewaffnet mit selbstgebautem Pfeil und Bogen, Speeren und Erbsenpistolen, teilten wir uns in zwei Gruppen auf. Meistens Cowboys gegen Indianer. Im Wald gab es eine kleine Schlucht. Am Grund der Schlucht war der besagte Weiher und daneben führte ein Pfad durch die Senke. Die eine Fraktion versteckte sich rund um das Areal und die andere Gruppe musste durch die Schlucht „reiten“. Irgendwann passierte dann der Überfall. Ach, es war so toll.

Eine Steigerung gab es dann noch. Ich weiß nicht, woher wir die Idee hatten, aber irgendwann stiegen wir Jungs dann auf Blasrohre um. Mit unserem Taschengeld besorgten wir uns im Bastelbedarf Alurohre im Durchmesser 8 bis 10 mm und 60 bis 70 cm Länge. Mit Klebeband verzierten und individualisierten wir unsere Waffen. Meine Mutter nähte uns kleine Munitionssäckchen, die man am Gürtel befestigen und mit Zugband öffnen und schließen konnte. Und Munition waren getrocknete Erbsen. Diese wurden in den Mund genommen, mit der Zunge in Richtung des im Mund befindlichen Rohrs geschoben und dann angeblasen. Dabei gab es zwei Probleme. Zum einen lösten sich die getrockneten Erbsen, je länger sie im Mund gehalten wurden, langsam an und schmeckten bescheiden. Zweitens musste man zum Schießen ja Luft einziehen, um sie mit Druck durch das Rohr auszustoßen und damit die Erbse herauszuschiessen. Aber man musste beim tief einatmen aufpassen, dass man keine Reserveerbse einatmete. Und es gab noch eine Sache. Laufe nie mit Rohr im Mund durch den Wald. Jede Wurzel konnte dann dein Tod sein. Und das ist jetzt kein Scherz. Einmal gestolpert und auf das Rohr gefallen… kann man sich nicht ausmalen. Aber irgendwie ist Gottseidank nie was passiert.

Wir pirschten stundenlang durch den Wald und durch die Prärie. Hinter Bäumen versteckt warteten wir auf den perfekten Moment, um unseren Gegnern die harten Erbsen auf den Pelz zu knallen. Manchmal ging es auch ins Gesicht, aber dann wahrscheinlich aus Versehen. Wir fühlten uns wie indianische Krieger und versuchten, mit dem Wald zu verschmelzen.

Das war wirklich das Beste…

Und wenn ihr mal durch die Isarauen streift und vielleicht auf eine wilde Erbsenpflanze trefft, dann kann es vielleicht sein, dass …

029 Auf eine Stehhalbe zur Berti

Ich bin ja nicht so der große Konzertgänger. Zum einen finde ich die Karten sehr teuer und zum anderen ist es meistens sehr eng. Und dann bin ich noch von der Live-Performance der Sänger enttäuscht, weil ihre Stimmen auf den Studioalben immer kristallklar sind und sie genau die Noten treffen.

Aber dennoch habe ich einige Konzerte besucht. Von Depeche Mode sogar drei. Und unter anderen Linkin Park, Journey und Jethro Tull.

Folgendem Dialog lauschte ich auf den obersten Holzpritschen im Circus Krone. Unten auf der Bühne stand die Band Jethro Tull und gab ihre Musik zum Besten. Juli 2011.

Eine Reihe vor mir saßen zwei Mitfünfziger mit Jeansjacken, Cowboystiefeln und langen strähnigen Haaren. Ich nenne die beiden hier Joe und Rider. Joe war etwas fülliger, hatte einen Schnauzbart; Koteletten und ein Loch im gefleckten weißen T-Shirt. Rider sah aus wie ein kleines Nagetier mit vorstehenden Zähnen und rot umrandeten Glubschaugen im roten Holzfällerhemd.

Rider: Hey Joe, I hob so an Durscht.

Joe: Wos?

R: I hob an Durscht!

J: Wos sogst Du? I hear di ned. Der pfeift so laud.

R: I brauch a Bier.

J: Geh, vorhin war grod Pausn. Da hättst dir oans hoin kenna.

R: Aber da ham so vui angstandn.

J: Na dann geh hoid jetztat!

R: Naaaaa.

J: Geh, Rider. Warum neeed?

R: Da Jessro hod ja no ned. Der muass no “Lokomotiff Bress” spuin. Und dann kriag i nix mit.

J: Ah ja. Do host recht.

R: Hee, wei “Lokomotiff Bress” is scho a guads Stückerl Musi, wenn ned sogar des Beste.

J: Jo, do host recht.

R: Frallä. Des wars scho immer. Oiwei besser no ois AC/DC oder de vo Kiss. De Oanzign, de no wos reissn, san CCR, oba an an Jessro kommens ned ran.

Woasst, I find hoid, dass da Jessro scho ana von de unten Bliebenen is. Der is no so wia friara. Der is oana von uns. Der is so cool wie mia.

J: Hmmmm

R: Kunnst du di no erinnern, vor dreissge Johr, da war ma aa beim Jessro Tall? Da hoda aa scho „Lokomotiff Bress“ gspuit.

Da warn doch zwoa so Schicksn vor uns gsessn. Wie ham di ghoassn? Sabsi, glaab i, Sabsi und Jäcki. Mei … warn de geil. Mei, kunnst di no erinnern, ha?

J: Ja, genau, do hod a “Lokomotiff Bress” gspuit. So a geils Stückerl Musi.

R: Naaa, de Sabsi und die Jäcki, de warn so geil. Mir ham dann no ausgmacht, dass ma auf a Stehhoibe zur Berti ummi gengan. I frog mi bis heit, wo de obbliebn sand, eigentli, äh?

J: Ähhh, Rider. I kriag jetzt aa an Durscht. Musst du jetzt vo da Berti vazähln? Und raacha wui i aa.

R:. Wos?

J: Raacha muass i. I brauch an Tschick.

R: Aba, du warst doch in da Pausn draussn.

J: Jo scho, aba I hab ned kenna.

R: Wos?

J: Raacha! I bin um de Eckn … und do is da Jessro gstandn und hod oane graacht. Der hod mi mim Oarsch ned ogschaut.

R: Wos?

J: Jaa mim Oarsch hod a mi ned ogschaut. Da Tall is draussn neba mir gstandn und hod oane graacht, und I hob eam ogschaut, woasst scho, ob ers aa is. Und er hod dann weggschaut, de arrogante Sau.

R: Und nachad?

J: Ja, dann hob I koane graacht und bin wieda eini ganga. Weil mit so oam mecht I nix zum doa ham. Total uncool, der Typ.

R: Mei, is hoid oid worn.

J: Des macht mi echt züntig. I geh jetzt aussi, ausserdem brauch I a Tschick.

R: Aba da Jessro hod doch no ned “Lokomotiff Bress” gspuit heit.

J: Des is ma wurscht. Mogst aa a Bier?

R: Ja mei, logisch, frallä.

J: Kumm. Geh ma zur Berti ummi!

Als die Beiden die Sitzreihe, den Rang und den Circus verlassen hatten und Ian Anderson (!) die letzten Flötentöne des gerade auslaufenden Musikstückes blies, wurde es dunkel auf der Bühne. Und ruhig. Die Band verschwand in schwarzer Stille. Dann die ersten Anschläge auf dem Piano, psychadelischer E-Gitarren-Sound, gefolgt vom treibenden Schlagzeug und Ians Andersons Flöte und Gesang – plötzlich hell erleuchtet. Er sang das legendäre „Locomotive Breath“ – als letzten Song des Abends. Und Joe und Rider bemerkten wohl, dass es die Berti nicht mehr gab und sie selbst auch dreissig Jahre älter geworden waren.

So oder so ähnlich trug es sich zu. Schwör!

Apropos, …kennt jemand von euch eine Sabsi und eine Jacky?

028 Mein 18ter

Jetzt kommt wieder einmal eine kurze Geschichte, die sich an meinem Lieblingsurlaubsort Rosapineta zugetragen hat. Alle Begebenheiten sind lange her und schon längst verjährt.

Beim Schreiben der kleinen Anekdoten ist mir bewusst geworden, dass ich vielleicht zehn Wochen meines Lebens dort mit den Menschen, die ich in meiner Jugend dort kennenlernte, verbracht habe. Zehn Wochen. 70 Tage. Das ist ja fast nix.

Und doch kommt es mir so ewig viel vor. Wahrscheinlich, weil wir in diesen Tagen so viel zusammen erlebt haben. Und die Erinnerungen verblassen zwar, aber trotzdem ist da noch so viel in mir und ich schaue voller Dankbarkeit zurück.

Da wir ja immer in den bayerischen Pfingstferien gen Italien fuhren, hatte ich meistens in dieser Zeit Geburtstag. Und das war auch in jenem Jahr so. Aber nicht nur irgendein Geburtstag, nein, es war mein 18ter. Dann war ich volljährig – offiziell erwachsen (naja, das bin ich wohl nie wirklich geworden). Ich durfte dann Auto fahren, wählen, in einen Sex Shop gehen und was man halt noch so alles darf, wenn man erwachsen ist.

Feiern wollte ich natürlich mit den Urlaubsfreunden am Strand. Aber nicht am Strand, der zur Anlage gehörte, sondern eher etwas ab vom Schuss. Damit man auch etwas lauter sein konnte. Ein paar Kilometer nördlich war ein Strandabschnitt, der schon lange nicht mehr genutzt wurde. Es gab so etwas wie eine Strandbar, runtergekommen, vergammelt und verrammelt.

Das hatten wir schon die Tage vorher ausgekundschaftet. Wir fuhren mit zwei Autos durch den Ort und durch einen Pinienwald, bis wir an diesem Strandabschnitt ankamen. Wir trugen etwas Schwemmholz zusammen und schichteten es zu einem Haufen auf. Auch die Strandbar wollten wir erkunden, aber sie war abgesperrt. Nachdem wir den Feierplatz einigermaßen hergerichtet hatten fuhren wir wieder zum Bungalowdorf und fläzten uns in die Sonne, gingen im Meer schwimmen und spielten Beachvolleyball.

Meinen Geburtstag verbrachte ich tagsüber mit meiner Familie und deren Freunden. Es waren ja immer so viele Familien aus unserem Bekanntenkreis dabei, das glaubt man ja gar nicht. Ich bekam damals eine schwarze coole Lederjacke. Die hängt immer noch in meinem Schrank, nur passe ich da nicht mehr rein. Aber für den Fall, dass irgendwann doch …

Am Abend sammelten wir dann die ganze Clique ein und fuhren erneut zum „wilden Strand“. Bestimmt 20 Leute in drei kleinen Autos. Im Kofferraum hatten wir neben Personen auch den Alkohol, den wir bei den Kumpels gebunkert hatten.

Und dann feierten wir. Wir entfachten ein Lagerfeuer mit dem gesammelten Holz, hörten Musik, sangen, tanzten, tranken. Die Stimmung wurde immer besser. Bei manchen auch fast zu gut.

Plötzlich stand einer der Jungs mit einer Eisenstange am Feuer und sagte: „Hey, lasst uns schauen, was in der Strandbar drin ist.“ Ich wollte noch intervenieren, aber da war es schon zu spät. Die Tür war aufgebrochen und uns zog es ins Innere der Hütte. Der Staub lag Millimeter hoch. In einer Ecke waren in einem groben Haufen Stühle verräumt. Hinter der Bar hing ein blinder Spiegel und einzelne Gläser standen grau auf dem Tresen. Mit Taschenlampen erkundeten wir das Gebäude und ich zog unter der Theke eine noch geschlossene Wasserflasche hervor. Vor vier Jahren abgelaufen. Wasser! Des Weiteren fand ich noch einen gläsernen Cocktail-Shaker mit Plastikdeckel. Den habe ich heute noch, denn den habe ich mitgenommen.

Zwei der angetrunkenen Kumpels waren schon dabei, die Stühle nach Draußen zu tragen. „Cool, dann haben wir was zum Sitzen.“ Falsch gedacht. Die Stühle landeten im Lagerfeuer, das jetzt mindestens drei Meter hoch loderte. Der Alkohol tat das Seinige. Grad lustig war es.

Plötzlich wurde unsere frivole Feierlichkeit gestört. Aus dem hinter uns liegenden Pinienwald huschte Scheinwerferlicht über die Szenerie und nach ein paar Sekunden war der Strand voll erhellt. Zwei Fahrzeuge hielten unweit von uns. Sechs oder sieben Personen sprangen aus den Autos und kamen laut brüllend auf uns zu. Die Männer waren uniformiert und hatten Maschinenpistolen in den Händen. Sie umstellten das Lagerfeuer, richteten ihre Waffen auf uns und schrien weiter laut herum. Ein relativ junger Mann ergriff das Wort und schwallte uns mit italienischen Sätzen zu. Wir, völlig überrascht und verängstigt, versuchten, dem Mann verständlich zu machen, dass wir kein Wort italienisch verstanden. Einige Mädchen fingen an zu weinen. Er verdrehte die Augen und versuchte es in gebrochenem Englisch. Was wir da täten und ob wir Drogen bei uns hätten, wollte er wissen. Wir verneinten wahrheitsgemäß, wurden aber trotzdem abgetastet, natürlich immer im Angesicht der auf uns gerichteten Maschinenpistolen. Zwei meiner Kumpels waren aber mittlerweile so angetrunken, dass sie mündlichen und körperlichen Widerstand leisteten. Einen Wimpernschlag später lagen sie auf dem Boden, ein Knie im Rücken, während auch sie abgetastet wurden. Als die Polizisten – später erfuhren wir, dass das wohl Angehörige der Zollpolizei „Guardia di Finanza“ waren – nichts fanden, wurden die Waffen gesenkt und der Vorgesetzte sagte uns lediglich, dass wir auf das Feuer aufpassen und uns nicht mehr allzu lange hier aufhalten sollten. Die Stühle im Feuer und die aufgebrochene Bar hatte er nicht bemerkt, zumindest hatte er sie nicht erwähnt. Er verabschiedete sich höflich und zog mit seinen Männern von dannen. Die Aktion dauerte vielleicht nur 20 Minuten aber die Stimmung war dann irgendwie im Keller. Bald darauf machten wir uns dann auch auf den Heimweg.

Am nächsten Tag bemerken wir am Strand ein Patrouillenboot der Zollpolizei, das unseren Strandabschnitt hoch und runter schipperte und später am Tag begegnete ich dem jungen Ordnungshüter, der mit uns gesprochen hatte, in zivil auf der Anlage. Wir nickten uns schweigend zu.

Entweder glaubten die uns nicht, dass wir nichts mit Drogen am Hut hatten oder sie waren auf jemand ganz anderen aus und hatten sich am Abend vorher nur in der „Adresse“ geirrt.

Das war zumindest mein 18ter Geburtstag und das kann nicht jeder von seinem erzählen…

027 Ride Like The Wind

Der Tag, an dem ich Marianne kennenlernen durfte, war der des Eurovision Song Contests 2017.

Marianne hieß nicht wirklich Marianne, aber die Gründe, warum ich sie hier umbenenne, könnt ihr euch denken.

Mein Tochter besuchte mich an diesem Tag, weil sie bei mir den Liederwettbewerb, den sie so sehr liebt, im TV schauen konnte ohne mit Ihrer Mutter in heftige Diskussionen treten zu müssen. Außerdem weiß sie, dass auch ich musikbegeistert bin und dass man diesbezüglich mit mir doch angenehmere Diskussionen führen kann. Aber irgendwie war ich nicht in Stimmung.

Ich ließ sie zwar gewähren, hörte aber nur mit halbem Ohr zum TV, da die Nummern von zum Beispiel Polen, Zypern und Griechenland jetzt nicht unbedingt meinem Geschmack entsprachen.

Ich war in dieser Zeit Mitglied einer Facebook-Single-Chatgruppe. Und aus Langeweile schrieb ich dort die Zeilen: „Hilfe, muss mit meiner Tochter ESC schauen. Welche Sie möchte mich ablenken?“

Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, da schrieb sie mir: „Hey, kann ich versuchen, Dir zu helfen?“

Wir schrieben an dem Tag bestimmt drei bis vier Stunden, bis ich den Eurovision Song Contest und den Gewinner aus Portugal Salvador Sobral überstanden hatte. Ich dankte Marianne und verabschiedete mich.

Am nächsten Tag meldete ich mich bei ihr und den ganzen Tag schrieben wir immer wieder mal. Und das ging so die nächsten zwei Wochen.

Und dann datete ich mich mit ihr. Wir entdeckten, dass wir beide Sushi lieben und verabredeten uns zum Running Sushi an der Münchner Freiheit. Wir aßen gut japanisch und hatten erfrischend kurzweilige Gespräche. Marianne war zwar acht Jahre älter als ich aber mir machte das nichts aus. Sie war witzig, kultiviert, intelligent und hübsch.

Am nächsten Wochenende meldete sie sich kurzfristig bei mir, sie wäre in meiner Nähe unterwegs und ob wir uns nicht zum Kaffee treffen wollten. Ich schlug die Eisdiele bei mir im Ort vor und dort sahen wir uns dann wieder. Und wieder hatten wir tolle Sachen zu erzählen. Im Anschluss lud ich Sie noch zu mir ein, oder sie lud sich selbst ein, dass weiß ich nicht mehr so genau. Und auf meiner Couch war Marianne dann nicht schüchtern. Sie legte die Arme um mich und begann mich zu küssen. Ich war schon etwas überrascht, aber es war mir nicht unangenehm. Als sie mich dann fragte, ob sie mal mein Schlafzimmer sehen dürfe, wusste ich, worauf das hinaus laufen würde. Und als ich in Mariannes Augen blickte, wusste ich, dass das schon in Ordnung ging.

In der nächsten Zeit besuchten wir uns gegenseitig öfter und hatten schöne Abende. Draußen ging der Mai und es wurde Juni. Und es wurde wärmer. An einem schönen Samstag fuhren wir nach Bad Tölz. Marianne wuchs dort auf und ich wohnte dort ja auch jahrelang. Wir zeigten uns gegenseitig Orte, die uns wichtig waren und erzählten uns die Geschichten dazu. Am Abend trafen wir dort meinen Bruder und seine Freundin, die dort auf dem stattfindenden Nachtflohmarkt den Inhalt ihres Kleiderschranks verkauften, um ihn wieder neu befüllen zu können. Auch meine Eltern liefen uns über den Weg.

Vom Flohmarkt aus gingen wir ins alte Kino, in dem ich ja auch mal gearbeitet hatte. In der Spätvorstellung lief „Monsieur Pierre geht online“ – ein Film mit Pierre Richard, bei dem ein älterer Herr im Internet die Liebe sucht und am Ende findet. Irgendwie passend, oder?

Als der Film zu Ende war, spazierten wir zum Auto und fuhren zu mir nach Hause. Auf meiner CD lief der Song „Ride like the Wind“ von Christopher Cross. Marianne wippte mit ihrem Kopf zum Takt der Musik. Ich lächelte und summte die Melodie. Als der erste Refrain kam, sang Marianne leise mit. Wir sahen uns an und dachten wohl dasselbe. Beide öffneten wir die Fensterscheiben und begannen, voller Inbrunst und in voller Lautstärke mitzusingen. Und das nicht nur einmal. Der Song lief in Dauerschleife. Das war so befreiend. Wir tanzten mit unseren Oberkörpern, spielten Luftschlagzeug, Luftgitarre (ohne, dass ich das Lenkrad los ließ – wohlbemerkt). Es war mehr als ESC-würdig. Wir lachten zusammen und wir fühlten uns so gut.

Mittlerweile war es nach Mitternacht. Als wir nach einer Stunde Fahrt fast bei mir Zuhause ankamen, hatte ich noch eine Idee. Ich machte einen kurzen Umweg in die nächstgrößere Stadt. Dort war inmitten von Wohnhäusern ein Naturbad. Ich parkte auf dem Bürgersteig, wies Marianne an auszusteigen, nahm sie an der Hand und rannte mit ihr zum Wasser. Dort zog ich mich nackt aus und sprang ins kalte Nass. Marianne zierte sich etwas aber nach kurzem Zögern entledigte sich auch sie ihrer Kleider und folgte mir in den Weiher. Wir schwammen ein paar Züge, klammerten uns aneinander, küssten uns im Wasser. Ob uns jemand beobachtete, weiß ich nicht. Das war uns aber auch mal sowas von egal.

Als es uns langsam kalt wurde, verließen wir das Wasser, trockneten uns spartanisch ab und stiegen in unsere Klamotten. Es war nur noch eine kurze Strecke bis nach Hause, aber wir ließen es uns nicht nehmen, „Ride like the Wind“ nochmal anzuspielen.

Ich danke Marianne für diesen tollen Tag und immer, wenn Christopher Cross wie der Wind reitet, habe ich Mariannes Stimme im Ohr, wie an dem Tag, an dem ich mit ihr die Unbeschwertheit und die Freiheit fühlte.