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046 Der „Terminator“

Also ich hab ja mal „Druckformhersteller“ in einer Druckerei gelernt. Da klebte man Filmschnipsel oder -Seiten (in der Regel für jede Druckfarbe – cyan, magenta, gelb und schwarz) passgenau auf einem Leuchttisch auf transparente Folien übereinander und belichtete diese Folien dann auf lichtempfindliche Druckplatten, die letztendlich in die Druckmaschine gespannt wurden.

Na ja, das Arbeitsverhältnis wurde aufgelöst, weil ich nur Einser im Zeugnis hatte und die Gesellenprüfung mit Bravour absolvierte. Im Ernst, die beiden anderen Lehrlinge hatten nicht so großes Glück in der Prüfung und mussten weiterbeschäftigt werden. Das lief nicht so, wie der Chef das geplant hatte und deswegen durfte ich gehen. Die Druckerei ist mittlerweile pleite gegangen.

Danach stellte mich eine andere Druckerei an, die aber verlangte, dass ich vorher eine Weiterbildung in den Programmen der Digitalen Druckvorstufe machte. Illustrator, Photoshop, QuarkXpress, Pagemaker, hach. Hey, von dann an saß ich viel am Apfel-Rechner und gestaltete Drucksachen. Aber ansonsten belichtete, klebte und kopierte ich Filme.

Irgendwann wechselte ich dann nach zwanzig Jahren die Stelle. Die Druckerei ist mittlerweile pleite gegangen.

In meiner neuen Stelle arbeitete ich vier Jahre. Die Druckdaten wurden mittlerweile direkt vom Computer auf die Druckplatte belichtet. Aufgrund wirtschaftlicher Gründe wurde ich dann wieder gekündigt. Na ja, Wunder was, die Druckerei ist mittlerweile pleite gegangen.

Deswegen war mein Abschied aus der Druckerei, sogar aus der ganzen Branche, ein Glücksfall für mich.

Aber meine Druckerei-Karriere hat schon was Zerstörerisches. Der „Terminator“ eben.

Obwohl, den Beinamen „Terminator“ bekam ich schon zur Lehrzeit.

Als eine meiner ersten Tätigkeiten musste ich die Filmentwicklermaschine reinigen. Wasser und verbrauchte Flüssigkeiten ablassen und neu auffüllen. Das Doofe war, dass man mir nicht viel erklärt hatte. Da waren zwei Hähne, einer rot und einer blau. Blau ist doch Wasser?!?! Ich drehte auf, es gluckerte… und ich liess es laufen. Ich ging kurz aus der Dunkelkammer. Nach ein paar Minuten kam ich zurück und stand mehrere Zentimeter in Fixierflüssigkeit. Der Auffangkanister lief gnadenlos über und bedeckte den ganzen Betonboden.

Entwickler = rot, Fixierer = blau, Wasser = weiß, hinten an der Maschine. Erst mal die stinkende Brühe aufwischen und dann die Farben nie wieder vergessen.

Beim zweiten Vorfall musste ich eine Palette verpackte Druckplatten ins Lager fahren. Das machte man gewöhnlich mit einer Elektro-Ameise. Man konnte die Hebebühne dann mit einem Hebel elektrisch aufheben. Dabei sollte man nach Möglichkeit darauf achten, dass die gehobene Bühne noch unter dem Türsturz durchpasst. Mein Ausbildungsbetrieb befand sich zwar in einem alten soliden Kriegsbunker, aber meine Unachtsamkeit beschädigte nicht nur den Türsturz, dass es ordentlich rieselte und bröckelte, sondern verbog auch krass die Ameise zur Unkenntlichkeit, naja zumindest zur Bedienungsunfähigkeit.

Und von da an war ich der Terminator.

045 Nass, laut und grauenvoll: Hermann

Ich war am letzten Wochenende auf einem Klassentreffen. 45 Jahre Einschulung.

Es kamen zwar nicht alle. Drei Mitschüler sind auch schon gestorben. Aber über die, die kamen, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe sofort alle erkannt und die Namen noch gewusst. Andersrum war das nicht immer der Fall.

Petra, Andrea, Sabine, Tobias, Ingmar,… ach lauter nette Leute. Aber, erstens, werden euch die Namen eh nichts sagen, und, zweitens, benenne ich die Leute in meinen Erinnerungen eh um. DSGVO und so.

Emma hatte die weiteste Anreise und kam einfach mal so aus Wien vorbei.

Halt, nein, das stimmt ja gar nicht. Die weiteste Anreise hatte sogar Hermann.

Hermann wohnt heute in Berlin, hat aber die Fahrt in die Heimat mit dem Besuch des Oktoberfests zusammen legen können. Heute macht er nämlich irgendetwas mit Bier. Vorher war er schon politischer Sprecher in einem Ministerium und davor Journalist einer großen bayrischen Zeitung. Aus dem Hermann ist schon was geworden. Ich ziehe meinen Hut, wenn ich einen auf hätte.

Mit Hermann verbindet mich einiges.

Als wir so 10 oder 11 waren, waren wir beide bei der Wasserwacht. Wir trafen uns wöchentlich beim BRK Bereitschaftshaus, fuhren dann im Wasserwacht-Mannschaftswagen in den nächsten Ort zum Schwimmtraining. Tolle Erinnerungen hab ich noch an meine Einsätze am nahegelegenen Badesee. Es ist erfreulicherweise nie was während meiner Dienstzeit passiert. Wir haben gechillt und gegrillt. Einmal fuhren wir mit dem Rettungsboot auf den See raus. Ui, das war ganz schön schnell. Plötzlich hielt der Bootsführer das Gefährt an und ließ ein Tau mit Knoten ins Wasser. Dann schubste er uns Jung-Wasserwachtler ohne Vorwarnung in den See. Wir waren ganz perplex und griffen nach dem Tau. Jeder fasste einen Knoten, als wir den Motor hochfahren hörten. Mit gefühlten 100 km/h (bestimmt war das viel weniger) wurden wir durch das Wasser geschleift. Anstrengend, aber saugeil.

Wir haben dann irgendwann mit Wasserwacht aufgehört, weil wir immer die Jüngsten waren, kein Nachwuchs nachkam und wir schon Opfer von Mobbing der „Erwachsenen“ waren.

Danach überredete mich Hermann, mit ihm in den Posauenchor der evangelischen Kirche einzutreten. Ich glaube, seine Mutter hatte da einen Posten und hätte es gern gesehen, wenn er sich in der Kirche engagierte. Aber allein wollte er nicht und als guter Kumpel geht man halt mit. Ich kann mich noch gut an die Kakophonie der ersten Stunden erinnern. Alle entlockten den goldenen Ungetümen Töne. Aber zusammen passten die nicht wirklich. Und bei mir als einzigstem kam nur ein Ffffffft.

Ich ffffffte mir den Kopf rot, aber ich bekam es nicht hin.

Ich bekam eine Leihposaune, die ich, in einem Posauenkoffer aufs Rad geschnallt, nach Hause brachte,… zum Üben. Meine Eltern waren begeistert. Nach und nach wurde aus dem Ffffffft irgendwann ein Pfffööööt. Aber da ich nie Noten lesen gelernt hatte, stellte sich das Mitharmonieren mit Hermann und den Anderen schwierig dar.

Aber zum Glück … oder zum Unglück … je nach Sichtweise, erledigte sich dieses Kapitel meines Lebens eh von selbst. Ich fuhr also wieder zur Posaunenchorstunde, mit meiner Posaune, … auf dem Gepäckträger. Nun ja, was soll ich sagen. Ein Schlenker mit dem Rad, der Koffer glitt aus der Halterung und schepperte auf den Boden. Aber das war noch nicht alles. Der Koffer sprang auf und sämtliche zerlegten Einzelteile ergossen sich auf den Asphalt. Über einen Bogen fuhr sogar ein Auto. Verschrammt, verbogen und gequetscht übergab ich die Posaune samt Koffer dem Chorleiter und verabschiedete mich gleich wieder. Die Erstattung durch meine Eltern fiel glücklicherweise nicht allzu hoch aus, weil die Leihposaune echt alt und abgenudelt war. Ob Hermann noch lange weiterblies, weiß ich gar nicht. Aber wahrscheinlich nicht.

Hermann und ich wurden auch zusammen konfirmiert. Da kann ich mich nur noch dran erinnern, dass Hermann auf einer Konfirmanden-Freizeit in einem Kloster aus einem Fenster im zweiten Stock kletterte, angeblich, um die Mädels zu besuchen, dabei von den Konfi-Begleitern erwischt wurde und stante pede ad domum geschickt wurde bestimmt zur Freude seiner Eltern.

Das herausragendste Ereignis, das heute immer noch ein Running Gag zwischen uns ist, wenn wir uns sehen, fand eben in dieser Grundschule statt, zu der Einschulung in ebendieser wir uns kürzlich trafen.

Es muss wohl Ostern gewesen sein, denn unsere Lehrerin Bachmann zeigte uns einen Bibelfilm. Dreimal dürft ihr raten, welche zwei Pennäler ob der grausamen Bilder gegen Ende des Filmes – da wird ja der Protagonist gefoltert und gekreuzigt – nicht gut schlafen konnten und fast Albträume hatten. Und dreimal dürft ihr raten, welche Mütter sich zusammen taten und sich bei Frau Bachmann beschwerten, was für grausame und für Kinder ungeeignete Filme hier gezeigt wurden. Der Aufstand blieb nicht ohne Folgen, denn Frau Bachmann war noch Lehrkraft vom alten Schlag. Sie stellte uns vor der ganzen Klasse bloß und wir waren einige Tage das Ziel von Frotzeleien. Aber das überstanden wir und heute ziert der Titel von damals meine DVD-Sammlung: König der Könige.

Heute sehen wir uns in unregelmäßigen Abständen und gehen dann zum Essen, um genau über solche Geschichten zu lachen.

Danke dafür, Hermann.

044 Wüsten-Smack

Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich sehr gern koche und noch viel lieber esse. Ich probiere gerne neue Rezepte aus, koche aber auch leidenschaftlich die überlieferten Gerichte aus Mutters Küche.

Ich habe schon oft überlegt, wo diese Leidenschaft herkommt. Naja, Leidenschaft ist jetzt vielleicht etwas übertrieben … aber dieses Hobby halt.

Ehrlich, ich weiß es nicht. Ich habe nie viel mit meiner Mutter gekocht oder gebacken, geschweige denn, als Kind selbst gebrutzelt. Allerdings habe ich mir gerne Kochbücher angesehen. Wahrscheinlich zum Appetit machen. Ihr wisst schon, die großen Dicken von „Gräfe & Unzer“.

Wenn ich so zurückblicke, gibt es allerdings doch ein Gericht, dass ich in meiner Kindheit – und mit Hilfe meines Bruders – mit etwa sieben oder acht Jahren entwickelt habe.

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Den Wüsten-Smack! (mit M!)

Die Kombination aus der sauren Frische der eingelegten Gurke und dem delikaten Geschmack der gewürzten Kalbfleischwurst macht diese Röllchen zu einem appetitlichen und geschmackvollen Snack. Perfekt für gesellige Anlässe oder einfach für Zwischendurch.

Zutaten (für 4 Portionen):

4 Gewürzgurken (eingelegt)

8 bis 12 Kalbfleischwurstscheiben

Gewürzmischung (optional, je nach persönlichem Geschmack, bei uns: Curry, Paprika, schwarzen Pfeffer)

Holzspieße (optional, um die Röllchen zu fixieren)

Zubereitung:

1. Entnimm eine eingelegte Gewürzgurke aus dem Glas und trockne sie gut ab.

2. Würze die Kalbwurstscheiben mit einer Gewürzmischung deiner Wahl. Beim Original-Rezept besteht die Gewürzmischung aus Curry-, Paprikapulver und schwarzem Pfeffer.

3. Lege die Gurke auf 2 bis 3 gewürzte Kalbwurstscheiben (je nach Größe der Gurke; stehen nur Cornichons zur Verfügung, reicht wahrscheinlich ein Wurstblatt), die sich überlappen und rolle sie zusammen, sodass die Wurst die Gurke umhüllt. Drücke die Enden leicht an, um die Röllchen zu verschließen.

Optional: Fixiere die Röllchen mit Holzspießen, um sicherzustellen, dass sie ihre Form behalten und leichter zu handhaben sind.

Stelle im Idealfall die Gurken-Wurst-Röllchen kühl, damit sie sich gut setzen und der Geschmack intensiver wird… oder genieße sofort.

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Woher der Name „Wüsten-Smack“ kommt, kann nicht mehr recherchiert werden. Vielleicht sorgte das Curry-Gewürz für eine exotisch orientalische Anmutung (vgl. Wüste). Der Konsonantentausch n – m (vgl. Snack/Smack) kann unserer damaligen Unkenntnis der englischen Sprache geschuldet sein.

Viel Spaß beim Nachkochen und Genießen.

Ein Shout Out an meinen Bruder Frank. Ein Meisterwerk!!!

043 Lieblingslied

Ich kann mich noch erinnern, als mein Vater eine Musikkassette „für die Familie“ nach Hause brachte. Die Reihe hieß „HOT AND NEW“ und darauf waren die Hits des Jahres (ähnlich wie später dann Formel 1 oder Bravo-Hits). Aber ich beschlagnahmte die Kassette und dudelte sie rauf und runter auf meinem Recorder. Neben Phil Collins, Donna Summer und anderen berührte und faszinierte mich ein Song von Toto am meisten und das tut er heute noch.

Das war 1983.

Herzlichen Glückwunsch, „Africa“, meinem All-Time-Lieblingslied zum 40-jährigen. 💞

042 „Schw*lenhetze“

Rosapineta, zweite Heimat. In der Jugend und auch jetzt noch.

Soviel erlebt, als Kinder im Sand spielen, Spielautomaten, erste große Liebe, zweite große Liebe, eigene Kinder im Sand spielen sehen, ruhiger werden, alleine fahren, andere Dinge genießen…

Viele Erlebnisse, auf die ich mit Stolz zurückblicke und mich mit Wehmut erinnere.

Aber ein Ereignis, auf das bin ich nicht stolz. Davon distanziere ich mich. Das war nicht gut. Gar nicht gut.

Aber ich erzähle es, weil ich damit zeige, dass auch ich nicht davor gefeit war, schlimme Dinge zu denken oder zu tun. Und dass es immer lohnt, umzudenken.

Es war noch die Zeit, bevor wir eine große Clique wurden, bevor wir uns fanden. Es war eine Zeit, in der man den einen oder anderen schon kannte, aber da waren noch andere dabei, die schnell wieder aus dem Leben verschwanden. Es war sowas wie die Vor-Clique. Ich denke, ich war 14 oder 15 Jahre alt. Ein älterer Junge, 16, Franz, war in der Heimat Eishockey-Spieler und das sah man ihm auch an. Dieser Franz war gut einen Kopf größer als wir anderen und hatte schon einen – wie sagt man heute? – einen definierten Muskelbau.

Eines Abends schlenderten wir über die Campingplatzanlage, kamen uns vor wie die Halbstarken aus der James Dean Ära und machten Spaß untereinander. In einiger Entfernung vor uns gingen zwei Männer, etwas älter wie wir, vielleicht um die 20. Ich weiss nicht mehr, war es Zufall oder Absicht, auf jeden Fall folgten wir den zwei Männern in einem gewissen Abstand bis zu ihrem Bungalow. Dort verschwanden die beiden in der Tür. Das beobachteten wir und gingen aber an deren Bungalow vorbei Richtung Bar. Dort setzen wir uns, holten uns Chips und Softdrinks und ratschten in vergnügter Runde. Irgendwie kam das Gespräch auf die zwei jungen Männer. Schon auf dem Weg witzelten wir im leisen über die zwei. Der eine hatte lange dunkle lockige Haare und eine Brille. Hätte er keinen Oberlippenbart gehabt, hätte man ihn aus der Entfernung für eine Frau halten können. Der andere sah … unscheinbar aus, so dass ich heute keine Erinnerung mehr an ihn habe. Auf jeden Fall fingen wir an, über dieses Paar zu reden. Der eine fast ne Frau – und die beiden zusammen in einem Zweier-Bungalow – mit Ehebett. Und so ergab das eine das andere und wir stempelten sie als Homos*uelle ab. Als Schw*le. Anders ist das doch gar nicht möglich. Zwei Männer in einem Ehebett.

Ich will das nicht entschuldigen oder gar verteidigen, aber die Zeiten waren anders. In den 80ern war es gesellschaftlicher Konsens, dass Homose*ualität keinen Platz in der Gesellschaft hatte. Zumindest nicht, wie ihr heute zusteht oder zuzustehen hätte. Es ist ja oft immer noch – oder leider wieder – so, das Homose*uelle in vielen Bereichen, sei es geographisch, kulturell oder gesellschaftlich keine Akzeptanz finden.

Ein großes Thema damals war auch AIDS. Die Seuche aus der Hölle. Durch Miss- und Desinformation wurden wir vor Homose*uellen gewarnt. „Gib dich nicht mit denen ab. Die verbreiten AIDS.“ Natürlich war die Verbreitung von AIDS in der Homose*uellenszene ein großes Problem, aber durch den normalen Umgang mit Homose*uellen wurde kein Hetero krank. Aber so war das Klima damals. Man grenzte Schw*le aus, die waren anders und gefährlich.

Ich schäme mich heute für die Zeit, damals auch so gedacht zu haben, wo ich doch noch nicht mal – bewusst – einen schw*len Menschen gekannt hatte. Und zu guter Letzt wussten wir ja nicht mal, ob die zwei wirklich schw*l waren. Das war ja die Krönung.

Auf jeden Fall saßen wir in der Runde, machten üble Witze über die zwei und lachten dabei. Franz war dabei der Lauteste.

Am nächsten Tag aber waren die beiden eigentlich kein Thema mehr. Wir verbrachten den Tag am Strand und trafen uns nach dem Abendessen in der Spielhölle. Dort daddelten wir, bis uns die Lust und das Kleingeld ausging und wir, eine Gruppe von vielleicht zehn Teenies, schlenderten wieder Richtung Bar. Und wie es der Zufall wollte zogen vor uns wieder die beiden jungen Männer gen ihrem Bungalow.

Doch diesmal verlief der Spaziergang anders. Franz rief laut aus: „Ey, wartet mal.“ Die Zwei drehten sich zwar kurz um, gingen aber weiter.

„Ey, ich habe gesagt, ihr sollt warten…“ rief er nochmal. „ Ihr Schw*chteln“ fügte er noch dazu. Wir lachten alle laut auf. Die beiden jungen Erwachsenen blieben darauf hin stehen und warteten unter einer Straßenlaterne auf uns.

„Wie lebt es sich denn so in einem Zweier-Bungalow, wenn man so ist wie ihr?“ feixte Franz und wir kicherten. Die beiden drehten sich um und wollten schon weitergehen, als Franz den Langhaarigen am Hemdkragen packte und zu sich zog. „Ich hab dich was gefragt, du schw*le Sau,“ spuckte er ihm ins Gesicht. Noch hatten wir ein breites Grinsen, aber uns wurde bewusst, dass das ganz schnell ernst werden konnte. Ich griff nach Franz‘ Arm und sagte „Lass ihn los, es ist gut jetzt.“ Aber Franz ließ sich nicht beruhigen. Der Langhaarige baute sich vor ihm auf und ihre Nasenspitzen berührten sich fast. „Wir haben euch nichts getan, Lasst uns ihn Ruhe, Sonst…“. „Sonst was?“ fauchte Franz „Kämpfen wir halt. Eins gegen Eins. Komm, du schw*ler Bubi. Homo. Ars*hfi*ker.“ Ich schaute Franz an. „Spinnst du jetzt? Komm, lass uns gehen.“ Aber Franz wollte nicht aufhören und stichelte weiter. Auf einmal ging der Langhaarige ein paar Schritte in die Straßenmitte und nahm eine Kampfhaltung ein. Franz grinste. Wir anderen formten so eine Art Kampfring um die beiden. Ich hatte keine gutes Gefühl dabei. Und schon stürzte sich Franz auf den Anderen. Die beiden flogen auf den Boden und beide schürften sich am rauen Asphalt die Haut an den Gliedmaßen auf. Die beiden rungen so einige Sekunden, aber nicht aus Spaß, wie man das so unter Freunden tut, sondern sehr ernst und mit hochroten Köpfen.

Plötzlich wimmerte und würgte Franz und verbog seinen Körper am Boden liegend. Der Andere lag halb unter ihm und schnitt eine angestrengten Miene. Franz gluckste. Irgendwie konnten wir die Situation, die sich uns da bot, nicht einschätzen. Aber dann griff sich Franz an den Hals. Beim Ringen miteinander kam der Langhaarige wohl mit einer Hand unter Franz‘ Kette. Und nun drehte er diese ein. Die Kette um Franz‘ Hals wurde immer enger und als sie sich um seinen Hals schloss, versuchte er unter Keuchen und Glucksen, seine Finger unter die Kette zu bringen. Aber das gelang ihm nicht. Und das versetzte Franz wohl in Panik, denn zwischen seinen Beinen färbte sich seine Jeans dunkel und der Fleck wurde immer größer. Franz hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Hose gemacht. „Ich klopfte dem Anderen auf die Schulter und schrie auf ihn ein: „Lass ihn los, der pisst sich schon ein.“ In diesem Moment ließ der Langhaarige die Kette los, robbte ein paar Meter weg und atmete erst mal tief durch. Auch Franz atmete, als er merkte, dass er frei war, tief ein und fing gleich zu Husten an. Der Andere rappelte sich auf, schrie „ Lasst uns in Ruh, wir haben euch nix getan“ und stolperte mit seinem Kumpel davon.

Wir bleiben noch eine Weile im Lampenlicht am Boden sitzen oder stehen. Franz wimmerte noch immer und lag in einer Lache aus Urin. Nach ein paar Minuten halfen wir ihm auf und wollten Richtung Bar gehen. Er aber riss sich los und stürmte nach Hause.

Da der Urlaub langsam zu Ende ging sahen wir Franz danach nicht mehr oft. Und wenn, dann stand eher betretenes Schweigen als Witze reißen auf dem Plan. Wir reflektierten wenigstens, dass die ganze Sache nicht ganz so gut lief. Und wir zogen noch mal in Betracht, dass die beiden vielleicht ja doch keine Homose*uellen waren.

In den Folgejahren kam die Familie von Franz nie wieder nach Rosapineta.

Mittlerweile war ich auch schon mit einem Kumpel in Rosapineta und wir hatten, welch ein Wunder, zusammen einen Zweier-Bungalow. Und die Betten ließen sich problemlos auseinander schieben. Aber selbst wenn wir homose*uell wären, oder die beiden damals, was wäre so schlimm? Nichts. Heute denke ich anders darüber als das dumme Kind von früher.

Aber den Langhaarigen erkenne ich immer noch, wenn ich in Rosapineta bin. Mittlerweile hat auch er Frau und Kinder und auch für ihn ist die Campingplatzanlage vermutlich eine zweite Heimat geworden. Wenn ich ihn am Strand so in 30 Meter Entfernung sitzen sehe, habe ich mir schon öfter gedacht, dass ich hingehen und mich entschuldigen sollte. Gemacht habe ich es dann nie.

Eins noch:

Liebt, liebt euch, und liebt die, die ihr lieben wollt. Egal wie. ❤👩‍❤️‍👨👩‍❤️‍👩👨‍❤️‍👨🌈

041 Früher war alles besser!

Den Ausspruch hat jeder von uns schon mal getätigt und wenn nicht, dann schon mal gehört.

Die Musik, die Fernsehsendungen, die Autos, die Kinderspiele, die Gesellschaft, die Politik – einfach alles war besser.

Aber stimmt das wirklich?

Zum einen ist das eine ganz subjektive Wertung. Ein Mensch in Europa, zwei Generationen vor meiner, so er denn noch lebt, hat die Schrecken des zweiten Weltkriegs miterlebt. Sein Früher war – offensichtlich – nicht besser. Ein Mensch, der in seinem Früher Leid und Schmerz ertragen musste – ich will jetzt nicht weiter darauf eingehen, ihr könnt euch denken, was gemeint ist – denkt wahrscheinlich auch anders.

Aber ein Gros der Menschen hat eben diese Vergangenheitssicht.

Und das liegt zum anderen an mehreren Mechanismen, denen wir nicht so leicht entkommen können, weil der Mensch an sich so funktioniert.

1. Prägung

In unserer Kinder- und Jugendzeit werden wir geprägt. Alles, was wir in dieser Zeit neu entdecken und aufnehmen, ist tief in uns verwurzelt. Musik, die wir damals hörten, wird – in der Regel – zu unserer Musik. Fernsehsendungen, die wir damals sahen, werden – in der Regel – zu unserem Maßstab, an dem sich heutige Sendungen messen müssen.

Bei mir ist das der Rock und Pop der 80er und Actionserien wie A-Team, Magnum, Der Mann aus den Bergen, … und der aus dem Meer usw..

Ich kann reflektieren, dass das eine sehr subjektive Meinung ist, und wenn ich ehrlich bin, gerade im Bezug auf das TV Programm, war da auch viel Bullshit dabei.

Aber das bringt uns zum zweiten Mechanismus.

2. Verklärung

Das menschliche Gehirn ist darauf trainiert, positive Ereignisse zu speichern und eher Negatives hinten runter fallen zu lassen. Ich sage auch hier „in der Regel“, da traumatische Erlebnisse zwar verdrängt werden können, aber auch durchaus als schlimme Erinnerungen abgespeichert werden.

In der Regel – erinnert man sich an die schönen Momente eher, als an die nicht so schönen.

Ich merke das bei mir, wenn ich an vergangene Beziehungen zurückdenke. Summa Summarum blicke ich zurück und habe zum größten Teil ein schönes Gefühl – weil ich mich eben nur an die schönen Erlebnisse in meinen Beziehungen erinnere. War aber nicht immer alles rosig, aber das blendet mein Gehirn aus und überhöht somit die Beziehung und auch die betreffende Person.

3. Problemlösung

Wenn man, respektive ich, zurück denke, blickt man auf viele Ereignisse zurück. Und da alles in der Vergangenheit liegt, wurden alle, oder zumindest die meisten Aufgaben und Probleme gelöst. Wie auch immer, die Probleme liegen in der Vergangenheit und sind keine mehr. Was vor einem liegt, sind neue, vielleicht noch nicht erkennbare Probleme und damit eine Unsicherheit, die Zukunft betreffend. Manche Menschen können nicht so gut mit dieser Unsicherheit umgehen und flüchten sich gedanklich eher in die Zeit, in der alle Probleme gelöst sind.

4. Die Angst vor dem Unangenehmen

Das ist wohl die schwierigste Argumentation und ich weiß nicht, ob ich das einigermaßen verständlich erklären kann. Das ist meines Erachtens auch die Argumentation, die das oft aggressive „Früher war alles besser“ so hochkochen lässt – vor allem in den sozialen Netzwerken.

Wenn man mit unangehmen Sachverhalten konfrontiert wird, möchte man sich nicht damit befassen. Wenn es eine Lösung dagegen gibt, fühlt man sich immer wieder mit dem Grundproblem belästigt und erkennt nicht oder will nicht erkennen, dass es da um die Lösung geht.

Beispiele: Sicherheitheitsgurt im Auto. Man wurde jedesmal mit der Nase darauf gestoßen, dass man einen Unfall bauen könnte. Darum: Sicherheitsgurte sind Scheiße. Früher war besser ohne.

Heute ist das Denken über die Gurte Gottseidank besser. (btw. kennt jemand ein schönes Synonym für Gottseidank?)

Alkoholfreies Bier. Alkohol kann abhängig machen und schwere Folgen nach sich ziehen. Jedesmal, wenn die Diskussion übers Alkoholfreie beginnt, wird man an diesen Umstand erinnert. Deswegen ist alkoholfreies Bier Mist. Braucht man nicht. Thema weg. Ohne war besser.

Man könnte da noch viele weitere aktuelle Themen anführen, die diese Angst beinhalten, zB. Gendern, kulturelle Aneignung, Klimakrise. Und genau das sind die Themen, die damals wie heute die Gesellschaft spalten.

Naja, das war mal ein Versuch, in erster Linie mir zu erklären, warum ich so in der Vergangenheit verwurzelt bin. Vielleicht ihr ja auch.

040 Sammelsucht

Wer mich kennt, weiß, dass ich schon immer die verschiedensten Dinge gesammelt habe.

– US Autonummernschilder aus jedem Bundesstaat (habe ich mittlerweile an ein American Diner abgegeben)

– DVDs, insbesondere alle Superhelden- und Disney-Filme

– Sand aus aller Welt (habe ich aber aufgehört, aus Gründen)

– Kindheitserinnerungen

– Krippenfiguren (bereits über 100)

usw.

Mittlerweile denke ich, dass das fast schon krankhaft ist. Aber dennoch liebenswert.

Seit Anfang des Jahres habe ich ein neues Sammelfeld.

Ich war vor ca. 30 Jahren mal in den USA. Da habe ich live ein Baseball-Spiel sehen dürfen. Cincinnati Reds gegen Chicago Cubs.

Zur damaligen Zeit war das so groß wie wenn heute bei uns Barcelona gegen Arsenal Fußball spielt.

Auf jeden Fall hab ich mir als Erinnerung aus Nostalgiegründen Anfang des Jahres die Caps der beiden Vereine gekauft.

Dann ist mir aufgefallen, dass beide Vereine ein großes „C“ als Logo haben. „C“ wie Christoph. Und dann entstand meine neue Sammelidee. Ich sammle alle Caps (nur curved!, die geraden sind bäh) mit C-Logos.

Schon krank, oder?

Aber liebenswert…

039 Red Bull verleiht angeblich Flügel!

Oktober 2022
Gestern verstarb der zu Recht kontroverse Didi Mateschitz. Er wurde unter anderem als „Erfinder“ von Red Bull bekannt.

Ich kann mich noch gut an die Anfangszeit von Red Bull erinnern. Die Koffeinbombe mit Stierhoden wurde in Österreich 1987 eingeführt. Zu dem Zeitpunkt galt das Getränk in Deutschland – gerüchteweise – als verboten. Zumindest dauerte es bis 1994, bis Red Bull auch in Deutschland zugelassen und verkauft wurde.

Aber bis dahin stieg der Hype. Jeder wollte diese konzentrationssteigernde reaktionsfördernde Gummibärchen-Limo haben. Teufelszeug. Und mit Taurin – aus Stierhoden. Verleiht Flügel!

Mein Bruder und ich waren natürlich auch angefixt. Zum einen empfingen wir österreichisches Fernsehen und damit auch Red Bull Werbung, zum anderen fuhren wir mindestens einmal pro Jahr zwei Wochen nach Österreich auf Verwandtenbesuch. Da bot sich doch eine Gelegenheit.

Ende der 80er überredeten wir unseren Vater im Urlaub, mehrere Dosen-Trays zu kaufen und über die Grenze zu „schmuggeln“. Die Dosen versteckten wir unter unserem Gepäck im Kofferraum und dann ging es Richtung Heimat. Kurz vor Salzburg begann dann der Schweißfluß. „Wenn wir gefilzt werden, müssen wir ins Gefängnis!,“ war meine große Sorge. Ich saß ganz verkrampft auf meinem Rücksitz, hielt die Luft an und vermied es, den Grenzbeamten direkt anzusehen. Starr blickte ich an ihm vorbei. Aber wie schon so oft vorher würdigte der Beamte uns keines Blickes und winkte uns durch.

Daheim angekommen verteilten oder verkauften wir die Dosen im Freundeskreis und wir kamen uns vor wie Dealer. Stierhoden- Dealer in unserer Hood.

Heute gibt es Energy Drinks wie Sand am Meer. Flüssiger Gummibärchengeschmack zum Wachbleiben getarnt unter sämtlichen Tierarten: Power Horse, Gorilla, Golden Eagle, Black Wolf und so weiter und so fort.

Aber nur einer! – nur einer verleiht Flügel!

In diesem Sinne,
euer Red Bull Dealer

038 Zwei Orangen

Jedesmal, wenn ich durch meine Wohnung schreite, fällt mein Blick auf ein Gemälde.

Auf diesem Ölgemälde liegen einfach zwei Orangen auf einer durch Spiegelung angedeuteten Fläche, und das alles vor einem schwarzen Hintergrund. Die vordere Orange ist in der Mitte aufgeschnitten. Ein sehr puristisches Stillleben. Gerahmt ist das Bild in vergoldetes Holz im Renaissance-Stil.

In meinem Besitz ist das Bild bestimmt schon seit fast 20 Jahren und hat meine Ehe, meine Scheidung und sechs Umzüge mitgemacht.

Gefunden habe ich das Bild auf dem Flohmarkt.

Nun ja, ich kann mich nicht mehr erinnern, was meine damalige Ehefrau davon hielt, aber sie hat mich machen lassen und gestand mir auch zu, das Gemälde aufzuhängen. Danke dafür.

Als ich das Bild auf dem Flohmarkt entdeckte, hat es mich in seinen Bann gezogen. Gemalter Fotorealismus in ganz zurückhaltendem Purismus. Ich mal ja auch ein bisschen und ich merke halt schon, was ich selbst kann und was dagegen wirkliche Qualität und Können ist.

Für das Bild zahlte ich, wenn ich mich recht erinnere, 50 Mark.

Und dann hing es…

Aber die Qualität ließ mich nicht los. Wer steckt dahinter? Wer hat das gemalt? Wer ist das?

In der rechten unteren Ecke ist das Gemälde signiert. Ich hatte das als „Jancker“ oder „Juncker“ identifiziert. Mit aufkommendem Internet stiegen die Möglichkeiten der Recherche. Aber zu einem Maler Jancker, der Orangen malt, fand ich nichts.

Ich vergaß dann die Recherche und ließ das Bild Bild sein.

Bei meinem letzten Umzug hatte ich das Bild dann wieder in den Händen. Und dann rührte sich der Detektiv in mir.

Jancker, Juncker, Jenkner, … nichts. So sehr ich schürfte – in Auktionshäusern, in Kunstforen, auf Gemäldedatenbanken – ich fand nichts. Vielleicht war der Maler ja ein Straßenkünstler, der sich nicht ausmachen lässt.

Aber dann hatte ich eine kleine Eingebung. Haltet mich für dumm, dass mir das erst so spät einfiel, aber so war es nun mal.

Was wäre denn, wenn der Künstler nur mit seinem Vornamen signiert hat? Jancker…hmmm?

Okay. „Ja … er“ ist eindeutig. Was könnte das für ein Vorname sein?

Relativ schnell war ich dann auf JAVIER.

Und von da an war es ein Kinderspiel. Soviel Maler mit den Namen Javier gibt es nun auch nicht. Anhand der Motive fand ich dann einen Namen: Javier Mulio. Aber der unterzeichnet mit vollem Namen. Aber einige Gemälde fand ich dann nur mit Vornamen. Seine Frühwerke.

Da gab es wohl eine ganze Serie von Orangen vor schwarzem Hintergrund. Ich hatte ihn gefunden. Ein bekannter noch lebender Maler. Und ich habe ein Gemälde von ihm.

Die Auktionspreise, die ich so im Netz für Javiers Bilder fand, versprechen eine Wertsteigerung gegenüber meinem Kaufpreis vom Zwanzig- bis zum Zweihundertfachen.

Aber verkaufen will ich das Bild ja nicht, denn es hängt an meiner Wand und es gefällt mir.

Meine zwei Orangen.

037 Türk gülü – die Türkische Rose

Letztens fiel mir wieder eine Geschichte ein.

Ich war ja öfters mal verliebt. Aus diesen Verliebtheiten entstanden in den seltesten Fällen dann Beziehungen. Ich war einfach viel zu schüchtern und die Hürde, ein Mädchen oder eine Frau anzusprechen, fiel mir nie leicht, zu überwinden.

Heute fällt mir ihr Name nicht mehr ein. Das tut auch nichts zur Sache. Ich nenne sie hier einfach Amira. Amira war schön. Amira war freundlich. Amira konnte gut tanzen und hatte ein bezauberndes Lächeln. Amira war Türkin, zumindest glaube ich das. Und eine der Türkinnen, deren Eltern sich wohl von althergebrachten Moralvorstellungen und Traditionen losgesagt hatten. Ansonsten wäre Amira wohl kaum Woche für Woche auf der Tanzfläche unserer örtlichen Diskothek gestanden und ihr ebenholz-farbenes langes Haar wäre unter einem Tuch verborgen geblieben. Ich weiß natürlich wenig über türkische patriachalische Traditionen, aber so erkläre ich mir das, dass ich sie immer in der Disko antraf.

Wir tanzten zusammen – immer samstags zu den wummernden Bässen und kreischenden Höhen. Mein türkischer Freund Ömer kannte sie wohl. Ich hängte mich an ihn dran und so lernte ich sie kennen. Sie und ihre Freundin waren aus dem Ort, der ca. 25 km südlich von meiner Heimatstadt lag. Ab und zu gingen wir an die frische Luft und ratschten. Diese Unterhaltungen war wirklich sehr angenehm mit ihr. Ihr Stimme war so sanft und ihre Augen, so dunkel und so tief wie der Abgrund zu ihrer Seele. Na ja, ich hab mich halt verkuckt. Da säuselt man so Zeug. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie mich auch gut fand.

Es ging sogar soweit, dass ich mich samstags von meiner Clique entfernte und mit Ömer und den Mädels Zeit verbrachte, sogar mit ihnen in andere Diskotheken fuhr. Das Ganze lief so über mehrere Wochen, wenn nicht Monate.

Und irgendwann kam dann der Tag, an dem ich beschloss, meine Liebe kund zu tun. Da ich das aber nicht öffentlich in der Disko machen wollte, überlegte ich mir einen Plan.

Im Telefonbuch fand ich ihren Namen (oder zumindest den ihres Vaters) und die dazugehörige Adresse. Ich wollte sie an einem Sonntag daheim überraschen. 25 Kilometer… wie dahin kommen? Ich hatte noch kein Auto. Aber es gab ja noch den öffentlichen Nahverkehr. Also würde es doch der Bus werden.

Damals musste man noch im Telefonbuch nachschlagen. Da gab es im Gewerbeteil Stadtpläne, wo ich mir dann die Adresse heraus skizzierte. Und dann besorgte ich einen Unterpfand meiner Liebe. Eine Rose sollte es sein. Aus Marzipan, die hält länger. Ach, war ich naiv damals.

Der nächste Sonntag kam. Am Samstag hatten wir uns noch gesehen, aber ich sagte nichts von meinem Plan. Ich radelte zum Busbahnhof und löste ein Ticket für den Bus. 25 km in über einer Stunde. Oh Gott, war ich aufgeregt.

Und dann kam ich an. Ich machte mich durch die Vorstadtsiedlung auf zu ihrer Adresse. Ich atmete nochmal tief durch und … klingelte.

Ich nahm die Rose in die Hand und wartete, bis sie die Tür öffnete. Durch die Milchglasscheibe erkannte ich eine Bewegung und die Tür ging auf. Ich blickte in Amiras Gesicht… aber Moment, das war nicht Amira. Eine jüngere Version von ihr stand mir gegenüber, wahrscheinlich ihre Schwester, und teilte mir mit, Amira sei nicht daheim. Sie ist mit ihren Freunden in der City, da oder dort. Sie grinste. Ich war total verstört und hielt ihr die Rose hin. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, ob ich irgendwas sagte. Ich drehte auf dem Absatz um und ging zur Bushaltestelle zurück. Im Bus entschied ich mich, in die City zu fahren. Vor dem Café, das die Schwester erwähnte, sah ich durch die Scheibe Amira im Kreise ihrer Freunde sitzen. Nicht nur im Kreise sondern auch auf dem Schoß eines Typen. Meine Gedanken schossen quer und all meine Hoffnungen fielen in sich zusammen. Das war zu viel. Ich stieg in den Bus und fuhr zurück. Zurück nach Hause. Es hatte mittlerweile zum Regnen angefangen. Wie passend!

Die nächsten zwei Wochenenden ging ich nicht in die Disko. Danach überwand ich mich, obwohl der Schmerz noch tief saß. Was hatte ihre Schwester erzählt? Was dachte Amira jetzt? Und wer war der Typ?

Aber egal.

Ich schritt durch die Diskothek, auf die Tanzfläche zu und ließ meinen Blick schweifen.

Sie war nicht da. Ich sah Amira, ihr schwarzes Haar und ihre dunklen Augen nie wieder.