058 Mit dem BMW zur Oma

Vorweihnachtszeit 1993
Wie ich ja schon erwähnt habe, war ich in meiner Sturm und Drang-Zeit ein bescheidener Party-DJ. Nicht oft, aber mit viel Freude am Werk.
Da mein Bruder und viele meiner Freunde im örtlichen Fußballverein spielten und ich ein allen bekannter Seitenlinien-Fan war, wurde ich beauftragt, die vereinseigene Weihnachtsfeier musikalisch zu begleiten. Zum Essen sphärische, zum Teil klassische Hintergrundmusik, später dann Tanz- und Diskomusik. Bei dieser Weihnachtsfeier gab es immer eine große Tombola und da der Präsident eine wichtige Stelle in einer großen Münchner Firma hatte, gab es schon coole Preise, die irgendwo „hinten runtergefallen“ sind. Und dreimal dürft ihr raten, wer den Hauptpreis gezogen hat? Na…?

Der Hauptpreis war ein langes Wochenende mit dem BMW 850i.

Und ich hatte das Los zum Hauptgewinn gezogen. Wow.
Ich wurde von allen Seiten beglückwünscht. Aber da ich mich mit Autos nicht wirklich auskenne, wusste ich nicht, was da auf mich zu kam.
Ich wollte mir den Wagen gleich holen, aber meine Eltern überzeugten mich, dass diese Idee im Winter nicht die beste sei… und ausserdem würde die Oma im Juni 70 und ich könne ja dann mit dem Auto nach Österreich fahren und ein bisschen für Aufregung sorgen. Gesagt getan und ich machte den Termin mit BMW aus.

Als das geplante Wochenende kam, holte mich ein Kumpel freitags ab und wir fuhren vormittags zur Münchner BMW-Niederlassung am Frankfurter Ring. Wir wurden hochherrschaftlich empfangen und man führte uns zum Fahrzeug. Und da sah ich ihn.. zum ersten Mal.
Knallrot, stromlinienförmig mit Schlafaugen. Die Silhouette erinnerte mich an einen Hai. 300 PS. 12 Zylinder. Ein Geschoß.
Innen beige Lederausstattung, Massagesitze, edelstes Interieur.
Man zeigte mir kurz die wichtigsten Bedienelemente und dann musste ich ein paar Unterschriften leisten. Dass ich vorhatte, ins Ausland zu fahren, verschwieg ich lieber. Am Ende hätte man mir das verwehrt. 20 Minuten später verliess ich die Niederlassung auf die Straße – im BMW.

Meinem Kumpel fuhr ich auf der Autobahn gnadenlos davon. Und dabei war es nur ein kleiner Tipper aufs Gaspedal.
Das war ein krasses Gefühl, 250 km/h im Geschwindigkeitsrausch.

Am Nachmittag machte sich dann Familie Hebenstreit auf den Weg nach Österreich. Mein Bruder und ich im BMW. Der Wagen war zwar ein Viersitzer, aber den engen Fond wollten sich dann meine Eltern doch nicht die 4 bis 5 Stunden Fahrt antun.

In Österreich angekommen war ich, eher das Auto, voll der Hingucker. Meine Cousins musste ich durch die Stadt chauffieren. Am nächsten Tag war dann der Geburtstag von der Oma. Ich fuhr vor und klingelte. Im Stiegenhaus (sorry, wenn ich gedanklich oder persönlich in Österreich bin, verfalle ich gerne in den Dialekt und verwende das dortige Vokabular)… im Treppenaus hallte ihre Stimme. „Ich bin gleich fertig, Ich kumm runter.“ Unten empfing ich sie und führte sie zum Wagen und zur Beifahrertür. Die liebe Oma staunte nicht schlecht. Ich hielt ihr die Tür auf und liess sie in den tiefen Sitz einsteigen. Auf der Fahrt zum Lokal, wo wir gedachten zu Essen, drückte ich dann schon mal das Gaspedal.

Der Oma gefiel es. Und das war doch der Sinn der Sache. Es war ein schöner Nachmittag und eine schöne Geburtstagsfeier.

Die Heimfahrt gestaltete sich gemächlich (Höchstgeschwindigkeit in Österreich 130 km/h). Und am Montag brachte ich den Boliden ohne Kratzer zurück zu BMW.

Für mich das schönste Auto, in dem ich je sitzen durfte. Man sieht es nur noch ganz selten auf Deutschlands Straßen, ist die Begebenheit doch nun auch schon über 30 Jahre her.
Aber am Wichtigsten ist jedoch die Erinnerung, das Gesicht meiner Oma an jenem Tag, das ich heute noch mit dem Auto verbinde.

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