Plädoyer für mehr Verständnis
(Dieser Text entstand vor ca. 10 Jahren. Ich war in Therapie. Heute geht es mir entschieden besser)
Depression ist eine Krankheit
Jeder 5. in Deutschland ist betroffen.
Jeder 20. in Deutschland sogar schwer.
Und das ist nur die erfasste Statistik.
Die Dunkelziffer ist erschreckend größer.
Eine schlechte Stimmung, Ängste, Antriebslosigkeit müssen nicht zwangsläufig eine Depression sein.
Wenn aber der Zustand über mehrere Wochen, Monate, sogar Jahre anhält, dann kann es zu hoher Wahrscheinlichkeit eine Depression sein.
Die Symptome einer Depression sind mannigfaltig, so wie wir Menschen alle verschieden sind.
Diese sind auch abhängig vom Schweregrad der Erkrankung.
Im Kopf kreisen undefinierbare schwarze Wolken aus trüben Gedanken, die schwer zu fassen sind.
Ängste, verlorenes Selbstwertgefühl, ständige Suche nach Bestätigung. Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen.
Scheu vor Neuem. Leben in der Vergangenheit.
Und alles ist ein dunkler ominöser Ballast, den man Tag für Tag mit sich trägt. Ihn niemals los wird.
Manche essen nicht mehr, andere essen umso mehr.
Manche flüchten sich in eine Sucht.
Manche kommen einfach mit ihrem Leben nicht mehr klar.
Manche trauen sich nicht mehr aus dem Haus,
manche vernachlässigen Freundschaften, die Familie, manche sogar sich selbst.
Weil der Kampf mit dieser Krankheit jegliche Kraft raubt.
Manche arbeiten mehr als sonst.
Manche können nicht mehr arbeiten.
Manche raffen alle Kraftreserven zusammen um wenigstens das zu leisten, wozu sie sich verpflichtet fühlen, um dann die Freizeit mutlos, kraftlos zu verbringen.
Ja, manche schaffen es gar nicht aus dem Bett. Sie bleiben liegen.
Und manche erkennen die einzige Lösung ihres Problems, ihre Freiheit, im Selbsttod.
Wenn man es schafft, sich zu öffnen, versucht, sich seinem Umfeld mitzuteilen, wird nur selten verstanden.
Weil es eben nicht einfach ist, zu verstehen.
Jeder gut gemeinte Rat „Das wird schon wieder“
oder „Morgen lacht wieder die Sonne“ verhallt im grauen Nebel, denn der Betroffene weiß, nein, morgen, morgen wird es wieder so sein. Schwarze Wolken.
Und das allbekannte „Komm, stell dich nicht so an“ tut sein Übriges.
In der Gesellschaft ist die Depression noch nicht anerkannt.
Weil sie von aussen nicht erkannt wird, nicht erkennbar ist.
Man trägt keinen Gips um den Kopf, der allen sagt: „Ich habe wirklich echte Probleme“.
Jemand, der noch nie mit Depressionen oder depressiven Menschen zu tun hatte und sich damit auseinander gesetzt hat, kann nicht verstehen, was denjenigen umtreibt.
Ein an Depression erkrankter Mensch wird oft belächelt, wird als Simulant abgetan. Klar, man sieht ja auch nicht in seinen Kopf hinein. Und jede Ablehnung, jede Anklage tragen nicht gerade zur Besserung des Zustandes bei sondern bestätigen den Depressiven noch in seinem Denken.
Depression ist eine Krankheit
Depression ist heilbar.
Mehrere Therapieverianten sind anwendbar und notwendig, um den Kranken wieder auf die rechte Bahn zu bringen. Die einfache Aspirin gegen Depression gibt es leider nicht.
Es gibt neben der medikamentösen Therapie (die unter Umständen auch nicht so schöne Nebenwirkungen haben kann) verschiedenste
psychologische Therapien, die angewendet werden können.
Ganz zugeschnitten auf die schwere der Erkrankung, die Ursachen, und auf die Persönlichkeit des Patienten.
Aber dass wichtigste überhaupt ist wohl die Selbstreflexion.
Zu erkennen „Hey, mit mir stimmt was nicht. Ich brauche Hilfe.“ ist schonmal ein großer Schritt in die richtige Richtung.
Ein weiterer Punkt ist die Findung des geeigneten Therapeuten. Kein flächendeckendes Netz von Ärzten und resultierend lange Wartezeiten auf Therapieplätze lassen bestimmt viele vom harten Weg der Heilung zurückschrecken.
Ganz wichtig ist auch das Umfeld des Erkrankten.
Vor allem die Familie, Freunde und Bekannte, sollten wissen, was los ist. Dass eben „morgen nicht wieder die Sonne scheint.“
Jeder, der einen depressiven Menschen in seinem Umfeld hat, sollte sich mit dieser Krankheit auseinandersetzen, auch wenn es
schwer fällt. Aber wenn einem dieser Mensch am Herzen liegt, sollte man verstehen, warum er manche Treffen absagt, warum er sich nicht meldet, warum er Vereinbarungen nicht halten kann, warum er eben oft so handelt, wie er handelt.
Habt Verständnis.
Ja, ich habe Probleme.
Ja, ich habe dunkle Wolken in meinem Kopf.
Ja, ich versuche, all meine Kraft einzusetzen, um das zu leisten, was ich leisten kann.
Ja, ich habe erkannt, dass ich Hilfe brauche.
Ja, ich bin nach einem halben Jahr Zeit nun an dem Punkt, eine Therapie zu beginnen.
Und ich habe viele Menschen in meinem Umfeld, in meiner Familie, in meinem Freundeskreis, denen ich wissentlich und unwissentlich weh getan habe und immer noch tue.
Ich konnte nicht anders. Ich liebe euch trotzdem. Bitte habt auch ihr Verständnis.
Euer Christoph