045 Nass, laut und grauenvoll: Hermann

Ich war am letzten Wochenende auf einem Klassentreffen. 45 Jahre Einschulung.

Es kamen zwar nicht alle. Drei Mitschüler sind auch schon gestorben. Aber über die, die kamen, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe sofort alle erkannt und die Namen noch gewusst. Andersrum war das nicht immer der Fall.

Petra, Andrea, Sabine, Tobias, Ingmar,… ach lauter nette Leute. Aber, erstens, werden euch die Namen eh nichts sagen, und, zweitens, benenne ich die Leute in meinen Erinnerungen eh um. DSGVO und so.

Emma hatte die weiteste Anreise und kam einfach mal so aus Wien vorbei.

Halt, nein, das stimmt ja gar nicht. Die weiteste Anreise hatte sogar Hermann.

Hermann wohnt heute in Berlin, hat aber die Fahrt in die Heimat mit dem Besuch des Oktoberfests zusammen legen können. Heute macht er nämlich irgendetwas mit Bier. Vorher war er schon politischer Sprecher in einem Ministerium und davor Journalist einer großen bayrischen Zeitung. Aus dem Hermann ist schon was geworden. Ich ziehe meinen Hut, wenn ich einen auf hätte.

Mit Hermann verbindet mich einiges.

Als wir so 10 oder 11 waren, waren wir beide bei der Wasserwacht. Wir trafen uns wöchentlich beim BRK Bereitschaftshaus, fuhren dann im Wasserwacht-Mannschaftswagen in den nächsten Ort zum Schwimmtraining. Tolle Erinnerungen hab ich noch an meine Einsätze am nahegelegenen Badesee. Es ist erfreulicherweise nie was während meiner Dienstzeit passiert. Wir haben gechillt und gegrillt. Einmal fuhren wir mit dem Rettungsboot auf den See raus. Ui, das war ganz schön schnell. Plötzlich hielt der Bootsführer das Gefährt an und ließ ein Tau mit Knoten ins Wasser. Dann schubste er uns Jung-Wasserwachtler ohne Vorwarnung in den See. Wir waren ganz perplex und griffen nach dem Tau. Jeder fasste einen Knoten, als wir den Motor hochfahren hörten. Mit gefühlten 100 km/h (bestimmt war das viel weniger) wurden wir durch das Wasser geschleift. Anstrengend, aber saugeil.

Wir haben dann irgendwann mit Wasserwacht aufgehört, weil wir immer die Jüngsten waren, kein Nachwuchs nachkam und wir schon Opfer von Mobbing der „Erwachsenen“ waren.

Danach überredete mich Hermann, mit ihm in den Posauenchor der evangelischen Kirche einzutreten. Ich glaube, seine Mutter hatte da einen Posten und hätte es gern gesehen, wenn er sich in der Kirche engagierte. Aber allein wollte er nicht und als guter Kumpel geht man halt mit. Ich kann mich noch gut an die Kakophonie der ersten Stunden erinnern. Alle entlockten den goldenen Ungetümen Töne. Aber zusammen passten die nicht wirklich. Und bei mir als einzigstem kam nur ein Ffffffft.

Ich ffffffte mir den Kopf rot, aber ich bekam es nicht hin.

Ich bekam eine Leihposaune, die ich, in einem Posauenkoffer aufs Rad geschnallt, nach Hause brachte,… zum Üben. Meine Eltern waren begeistert. Nach und nach wurde aus dem Ffffffft irgendwann ein Pfffööööt. Aber da ich nie Noten lesen gelernt hatte, stellte sich das Mitharmonieren mit Hermann und den Anderen schwierig dar.

Aber zum Glück … oder zum Unglück … je nach Sichtweise, erledigte sich dieses Kapitel meines Lebens eh von selbst. Ich fuhr also wieder zur Posaunenchorstunde, mit meiner Posaune, … auf dem Gepäckträger. Nun ja, was soll ich sagen. Ein Schlenker mit dem Rad, der Koffer glitt aus der Halterung und schepperte auf den Boden. Aber das war noch nicht alles. Der Koffer sprang auf und sämtliche zerlegten Einzelteile ergossen sich auf den Asphalt. Über einen Bogen fuhr sogar ein Auto. Verschrammt, verbogen und gequetscht übergab ich die Posaune samt Koffer dem Chorleiter und verabschiedete mich gleich wieder. Die Erstattung durch meine Eltern fiel glücklicherweise nicht allzu hoch aus, weil die Leihposaune echt alt und abgenudelt war. Ob Hermann noch lange weiterblies, weiß ich gar nicht. Aber wahrscheinlich nicht.

Hermann und ich wurden auch zusammen konfirmiert. Da kann ich mich nur noch dran erinnern, dass Hermann auf einer Konfirmanden-Freizeit in einem Kloster aus einem Fenster im zweiten Stock kletterte, angeblich, um die Mädels zu besuchen, dabei von den Konfi-Begleitern erwischt wurde und stante pede ad domum geschickt wurde bestimmt zur Freude seiner Eltern.

Das herausragendste Ereignis, das heute immer noch ein Running Gag zwischen uns ist, wenn wir uns sehen, fand eben in dieser Grundschule statt, zu der Einschulung in ebendieser wir uns kürzlich trafen.

Es muss wohl Ostern gewesen sein, denn unsere Lehrerin Bachmann zeigte uns einen Bibelfilm. Dreimal dürft ihr raten, welche zwei Pennäler ob der grausamen Bilder gegen Ende des Filmes – da wird ja der Protagonist gefoltert und gekreuzigt – nicht gut schlafen konnten und fast Albträume hatten. Und dreimal dürft ihr raten, welche Mütter sich zusammen taten und sich bei Frau Bachmann beschwerten, was für grausame und für Kinder ungeeignete Filme hier gezeigt wurden. Der Aufstand blieb nicht ohne Folgen, denn Frau Bachmann war noch Lehrkraft vom alten Schlag. Sie stellte uns vor der ganzen Klasse bloß und wir waren einige Tage das Ziel von Frotzeleien. Aber das überstanden wir und heute ziert der Titel von damals meine DVD-Sammlung: König der Könige.

Heute sehen wir uns in unregelmäßigen Abständen und gehen dann zum Essen, um genau über solche Geschichten zu lachen.

Danke dafür, Hermann.

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