Rosapineta, zweite Heimat. In der Jugend und auch jetzt noch.
Soviel erlebt, als Kinder im Sand spielen, Spielautomaten, erste große Liebe, zweite große Liebe, eigene Kinder im Sand spielen sehen, ruhiger werden, alleine fahren, andere Dinge genießen…
Viele Erlebnisse, auf die ich mit Stolz zurückblicke und mich mit Wehmut erinnere.
Aber ein Ereignis, auf das bin ich nicht stolz. Davon distanziere ich mich. Das war nicht gut. Gar nicht gut.
Aber ich erzähle es, weil ich damit zeige, dass auch ich nicht davor gefeit war, schlimme Dinge zu denken oder zu tun. Und dass es immer lohnt, umzudenken.
Es war noch die Zeit, bevor wir eine große Clique wurden, bevor wir uns fanden. Es war eine Zeit, in der man den einen oder anderen schon kannte, aber da waren noch andere dabei, die schnell wieder aus dem Leben verschwanden. Es war sowas wie die Vor-Clique. Ich denke, ich war 14 oder 15 Jahre alt. Ein älterer Junge, 16, Franz, war in der Heimat Eishockey-Spieler und das sah man ihm auch an. Dieser Franz war gut einen Kopf größer als wir anderen und hatte schon einen – wie sagt man heute? – einen definierten Muskelbau.
Eines Abends schlenderten wir über die Campingplatzanlage, kamen uns vor wie die Halbstarken aus der James Dean Ära und machten Spaß untereinander. In einiger Entfernung vor uns gingen zwei Männer, etwas älter wie wir, vielleicht um die 20. Ich weiss nicht mehr, war es Zufall oder Absicht, auf jeden Fall folgten wir den zwei Männern in einem gewissen Abstand bis zu ihrem Bungalow. Dort verschwanden die beiden in der Tür. Das beobachteten wir und gingen aber an deren Bungalow vorbei Richtung Bar. Dort setzen wir uns, holten uns Chips und Softdrinks und ratschten in vergnügter Runde. Irgendwie kam das Gespräch auf die zwei jungen Männer. Schon auf dem Weg witzelten wir im leisen über die zwei. Der eine hatte lange dunkle lockige Haare und eine Brille. Hätte er keinen Oberlippenbart gehabt, hätte man ihn aus der Entfernung für eine Frau halten können. Der andere sah … unscheinbar aus, so dass ich heute keine Erinnerung mehr an ihn habe. Auf jeden Fall fingen wir an, über dieses Paar zu reden. Der eine fast ne Frau – und die beiden zusammen in einem Zweier-Bungalow – mit Ehebett. Und so ergab das eine das andere und wir stempelten sie als Homos*uelle ab. Als Schw*le. Anders ist das doch gar nicht möglich. Zwei Männer in einem Ehebett.
Ich will das nicht entschuldigen oder gar verteidigen, aber die Zeiten waren anders. In den 80ern war es gesellschaftlicher Konsens, dass Homose*ualität keinen Platz in der Gesellschaft hatte. Zumindest nicht, wie ihr heute zusteht oder zuzustehen hätte. Es ist ja oft immer noch – oder leider wieder – so, das Homose*uelle in vielen Bereichen, sei es geographisch, kulturell oder gesellschaftlich keine Akzeptanz finden.
Ein großes Thema damals war auch AIDS. Die Seuche aus der Hölle. Durch Miss- und Desinformation wurden wir vor Homose*uellen gewarnt. „Gib dich nicht mit denen ab. Die verbreiten AIDS.“ Natürlich war die Verbreitung von AIDS in der Homose*uellenszene ein großes Problem, aber durch den normalen Umgang mit Homose*uellen wurde kein Hetero krank. Aber so war das Klima damals. Man grenzte Schw*le aus, die waren anders und gefährlich.
Ich schäme mich heute für die Zeit, damals auch so gedacht zu haben, wo ich doch noch nicht mal – bewusst – einen schw*len Menschen gekannt hatte. Und zu guter Letzt wussten wir ja nicht mal, ob die zwei wirklich schw*l waren. Das war ja die Krönung.
Auf jeden Fall saßen wir in der Runde, machten üble Witze über die zwei und lachten dabei. Franz war dabei der Lauteste.
Am nächsten Tag aber waren die beiden eigentlich kein Thema mehr. Wir verbrachten den Tag am Strand und trafen uns nach dem Abendessen in der Spielhölle. Dort daddelten wir, bis uns die Lust und das Kleingeld ausging und wir, eine Gruppe von vielleicht zehn Teenies, schlenderten wieder Richtung Bar. Und wie es der Zufall wollte zogen vor uns wieder die beiden jungen Männer gen ihrem Bungalow.
Doch diesmal verlief der Spaziergang anders. Franz rief laut aus: „Ey, wartet mal.“ Die Zwei drehten sich zwar kurz um, gingen aber weiter.
„Ey, ich habe gesagt, ihr sollt warten…“ rief er nochmal. „ Ihr Schw*chteln“ fügte er noch dazu. Wir lachten alle laut auf. Die beiden jungen Erwachsenen blieben darauf hin stehen und warteten unter einer Straßenlaterne auf uns.
„Wie lebt es sich denn so in einem Zweier-Bungalow, wenn man so ist wie ihr?“ feixte Franz und wir kicherten. Die beiden drehten sich um und wollten schon weitergehen, als Franz den Langhaarigen am Hemdkragen packte und zu sich zog. „Ich hab dich was gefragt, du schw*le Sau,“ spuckte er ihm ins Gesicht. Noch hatten wir ein breites Grinsen, aber uns wurde bewusst, dass das ganz schnell ernst werden konnte. Ich griff nach Franz‘ Arm und sagte „Lass ihn los, es ist gut jetzt.“ Aber Franz ließ sich nicht beruhigen. Der Langhaarige baute sich vor ihm auf und ihre Nasenspitzen berührten sich fast. „Wir haben euch nichts getan, Lasst uns ihn Ruhe, Sonst…“. „Sonst was?“ fauchte Franz „Kämpfen wir halt. Eins gegen Eins. Komm, du schw*ler Bubi. Homo. Ars*hfi*ker.“ Ich schaute Franz an. „Spinnst du jetzt? Komm, lass uns gehen.“ Aber Franz wollte nicht aufhören und stichelte weiter. Auf einmal ging der Langhaarige ein paar Schritte in die Straßenmitte und nahm eine Kampfhaltung ein. Franz grinste. Wir anderen formten so eine Art Kampfring um die beiden. Ich hatte keine gutes Gefühl dabei. Und schon stürzte sich Franz auf den Anderen. Die beiden flogen auf den Boden und beide schürften sich am rauen Asphalt die Haut an den Gliedmaßen auf. Die beiden rungen so einige Sekunden, aber nicht aus Spaß, wie man das so unter Freunden tut, sondern sehr ernst und mit hochroten Köpfen.
Plötzlich wimmerte und würgte Franz und verbog seinen Körper am Boden liegend. Der Andere lag halb unter ihm und schnitt eine angestrengten Miene. Franz gluckste. Irgendwie konnten wir die Situation, die sich uns da bot, nicht einschätzen. Aber dann griff sich Franz an den Hals. Beim Ringen miteinander kam der Langhaarige wohl mit einer Hand unter Franz‘ Kette. Und nun drehte er diese ein. Die Kette um Franz‘ Hals wurde immer enger und als sie sich um seinen Hals schloss, versuchte er unter Keuchen und Glucksen, seine Finger unter die Kette zu bringen. Aber das gelang ihm nicht. Und das versetzte Franz wohl in Panik, denn zwischen seinen Beinen färbte sich seine Jeans dunkel und der Fleck wurde immer größer. Franz hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes in die Hose gemacht. „Ich klopfte dem Anderen auf die Schulter und schrie auf ihn ein: „Lass ihn los, der pisst sich schon ein.“ In diesem Moment ließ der Langhaarige die Kette los, robbte ein paar Meter weg und atmete erst mal tief durch. Auch Franz atmete, als er merkte, dass er frei war, tief ein und fing gleich zu Husten an. Der Andere rappelte sich auf, schrie „ Lasst uns in Ruh, wir haben euch nix getan“ und stolperte mit seinem Kumpel davon.
Wir bleiben noch eine Weile im Lampenlicht am Boden sitzen oder stehen. Franz wimmerte noch immer und lag in einer Lache aus Urin. Nach ein paar Minuten halfen wir ihm auf und wollten Richtung Bar gehen. Er aber riss sich los und stürmte nach Hause.
Da der Urlaub langsam zu Ende ging sahen wir Franz danach nicht mehr oft. Und wenn, dann stand eher betretenes Schweigen als Witze reißen auf dem Plan. Wir reflektierten wenigstens, dass die ganze Sache nicht ganz so gut lief. Und wir zogen noch mal in Betracht, dass die beiden vielleicht ja doch keine Homose*uellen waren.
In den Folgejahren kam die Familie von Franz nie wieder nach Rosapineta.
Mittlerweile war ich auch schon mit einem Kumpel in Rosapineta und wir hatten, welch ein Wunder, zusammen einen Zweier-Bungalow. Und die Betten ließen sich problemlos auseinander schieben. Aber selbst wenn wir homose*uell wären, oder die beiden damals, was wäre so schlimm? Nichts. Heute denke ich anders darüber als das dumme Kind von früher.
Aber den Langhaarigen erkenne ich immer noch, wenn ich in Rosapineta bin. Mittlerweile hat auch er Frau und Kinder und auch für ihn ist die Campingplatzanlage vermutlich eine zweite Heimat geworden. Wenn ich ihn am Strand so in 30 Meter Entfernung sitzen sehe, habe ich mir schon öfter gedacht, dass ich hingehen und mich entschuldigen sollte. Gemacht habe ich es dann nie.
Eins noch:
Liebt, liebt euch, und liebt die, die ihr lieben wollt. Egal wie. ![]()
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