Den Ausspruch hat jeder von uns schon mal getätigt und wenn nicht, dann schon mal gehört.
Die Musik, die Fernsehsendungen, die Autos, die Kinderspiele, die Gesellschaft, die Politik – einfach alles war besser.
Aber stimmt das wirklich?
Zum einen ist das eine ganz subjektive Wertung. Ein Mensch in Europa, zwei Generationen vor meiner, so er denn noch lebt, hat die Schrecken des zweiten Weltkriegs miterlebt. Sein Früher war – offensichtlich – nicht besser. Ein Mensch, der in seinem Früher Leid und Schmerz ertragen musste – ich will jetzt nicht weiter darauf eingehen, ihr könnt euch denken, was gemeint ist – denkt wahrscheinlich auch anders.
Aber ein Gros der Menschen hat eben diese Vergangenheitssicht.
Und das liegt zum anderen an mehreren Mechanismen, denen wir nicht so leicht entkommen können, weil der Mensch an sich so funktioniert.
1. Prägung
In unserer Kinder- und Jugendzeit werden wir geprägt. Alles, was wir in dieser Zeit neu entdecken und aufnehmen, ist tief in uns verwurzelt. Musik, die wir damals hörten, wird – in der Regel – zu unserer Musik. Fernsehsendungen, die wir damals sahen, werden – in der Regel – zu unserem Maßstab, an dem sich heutige Sendungen messen müssen.
Bei mir ist das der Rock und Pop der 80er und Actionserien wie A-Team, Magnum, Der Mann aus den Bergen, … und der aus dem Meer usw..
Ich kann reflektieren, dass das eine sehr subjektive Meinung ist, und wenn ich ehrlich bin, gerade im Bezug auf das TV Programm, war da auch viel Bullshit dabei.
Aber das bringt uns zum zweiten Mechanismus.
2. Verklärung
Das menschliche Gehirn ist darauf trainiert, positive Ereignisse zu speichern und eher Negatives hinten runter fallen zu lassen. Ich sage auch hier „in der Regel“, da traumatische Erlebnisse zwar verdrängt werden können, aber auch durchaus als schlimme Erinnerungen abgespeichert werden.
In der Regel – erinnert man sich an die schönen Momente eher, als an die nicht so schönen.
Ich merke das bei mir, wenn ich an vergangene Beziehungen zurückdenke. Summa Summarum blicke ich zurück und habe zum größten Teil ein schönes Gefühl – weil ich mich eben nur an die schönen Erlebnisse in meinen Beziehungen erinnere. War aber nicht immer alles rosig, aber das blendet mein Gehirn aus und überhöht somit die Beziehung und auch die betreffende Person.
3. Problemlösung
Wenn man, respektive ich, zurück denke, blickt man auf viele Ereignisse zurück. Und da alles in der Vergangenheit liegt, wurden alle, oder zumindest die meisten Aufgaben und Probleme gelöst. Wie auch immer, die Probleme liegen in der Vergangenheit und sind keine mehr. Was vor einem liegt, sind neue, vielleicht noch nicht erkennbare Probleme und damit eine Unsicherheit, die Zukunft betreffend. Manche Menschen können nicht so gut mit dieser Unsicherheit umgehen und flüchten sich gedanklich eher in die Zeit, in der alle Probleme gelöst sind.
4. Die Angst vor dem Unangenehmen
Das ist wohl die schwierigste Argumentation und ich weiß nicht, ob ich das einigermaßen verständlich erklären kann. Das ist meines Erachtens auch die Argumentation, die das oft aggressive „Früher war alles besser“ so hochkochen lässt – vor allem in den sozialen Netzwerken.
Wenn man mit unangehmen Sachverhalten konfrontiert wird, möchte man sich nicht damit befassen. Wenn es eine Lösung dagegen gibt, fühlt man sich immer wieder mit dem Grundproblem belästigt und erkennt nicht oder will nicht erkennen, dass es da um die Lösung geht.
Beispiele: Sicherheitheitsgurt im Auto. Man wurde jedesmal mit der Nase darauf gestoßen, dass man einen Unfall bauen könnte. Darum: Sicherheitsgurte sind Scheiße. Früher war besser ohne.
Heute ist das Denken über die Gurte Gottseidank besser. (btw. kennt jemand ein schönes Synonym für Gottseidank?)
Alkoholfreies Bier. Alkohol kann abhängig machen und schwere Folgen nach sich ziehen. Jedesmal, wenn die Diskussion übers Alkoholfreie beginnt, wird man an diesen Umstand erinnert. Deswegen ist alkoholfreies Bier Mist. Braucht man nicht. Thema weg. Ohne war besser.
Man könnte da noch viele weitere aktuelle Themen anführen, die diese Angst beinhalten, zB. Gendern, kulturelle Aneignung, Klimakrise. Und genau das sind die Themen, die damals wie heute die Gesellschaft spalten.
Naja, das war mal ein Versuch, in erster Linie mir zu erklären, warum ich so in der Vergangenheit verwurzelt bin. Vielleicht ihr ja auch.