Jedesmal, wenn ich durch meine Wohnung schreite, fällt mein Blick auf ein Gemälde.
Auf diesem Ölgemälde liegen einfach zwei Orangen auf einer durch Spiegelung angedeuteten Fläche, und das alles vor einem schwarzen Hintergrund. Die vordere Orange ist in der Mitte aufgeschnitten. Ein sehr puristisches Stillleben. Gerahmt ist das Bild in vergoldetes Holz im Renaissance-Stil.
In meinem Besitz ist das Bild bestimmt schon seit fast 20 Jahren und hat meine Ehe, meine Scheidung und sechs Umzüge mitgemacht.
Gefunden habe ich das Bild auf dem Flohmarkt.
Nun ja, ich kann mich nicht mehr erinnern, was meine damalige Ehefrau davon hielt, aber sie hat mich machen lassen und gestand mir auch zu, das Gemälde aufzuhängen. Danke dafür.
Als ich das Bild auf dem Flohmarkt entdeckte, hat es mich in seinen Bann gezogen. Gemalter Fotorealismus in ganz zurückhaltendem Purismus. Ich mal ja auch ein bisschen und ich merke halt schon, was ich selbst kann und was dagegen wirkliche Qualität und Können ist.
Für das Bild zahlte ich, wenn ich mich recht erinnere, 50 Mark.
Und dann hing es…
Aber die Qualität ließ mich nicht los. Wer steckt dahinter? Wer hat das gemalt? Wer ist das?
In der rechten unteren Ecke ist das Gemälde signiert. Ich hatte das als „Jancker“ oder „Juncker“ identifiziert. Mit aufkommendem Internet stiegen die Möglichkeiten der Recherche. Aber zu einem Maler Jancker, der Orangen malt, fand ich nichts.
Ich vergaß dann die Recherche und ließ das Bild Bild sein.
Bei meinem letzten Umzug hatte ich das Bild dann wieder in den Händen. Und dann rührte sich der Detektiv in mir.
Jancker, Juncker, Jenkner, … nichts. So sehr ich schürfte – in Auktionshäusern, in Kunstforen, auf Gemäldedatenbanken – ich fand nichts. Vielleicht war der Maler ja ein Straßenkünstler, der sich nicht ausmachen lässt.
Aber dann hatte ich eine kleine Eingebung. Haltet mich für dumm, dass mir das erst so spät einfiel, aber so war es nun mal.
Was wäre denn, wenn der Künstler nur mit seinem Vornamen signiert hat? Jancker…hmmm?
Okay. „Ja … er“ ist eindeutig. Was könnte das für ein Vorname sein?
Relativ schnell war ich dann auf JAVIER.
Und von da an war es ein Kinderspiel. Soviel Maler mit den Namen Javier gibt es nun auch nicht. Anhand der Motive fand ich dann einen Namen: Javier Mulio. Aber der unterzeichnet mit vollem Namen. Aber einige Gemälde fand ich dann nur mit Vornamen. Seine Frühwerke.
Da gab es wohl eine ganze Serie von Orangen vor schwarzem Hintergrund. Ich hatte ihn gefunden. Ein bekannter noch lebender Maler. Und ich habe ein Gemälde von ihm.
Die Auktionspreise, die ich so im Netz für Javiers Bilder fand, versprechen eine Wertsteigerung gegenüber meinem Kaufpreis vom Zwanzig- bis zum Zweihundertfachen.
Aber verkaufen will ich das Bild ja nicht, denn es hängt an meiner Wand und es gefällt mir.
Meine zwei Orangen.