037 Türk gülü – die Türkische Rose

Letztens fiel mir wieder eine Geschichte ein.

Ich war ja öfters mal verliebt. Aus diesen Verliebtheiten entstanden in den seltesten Fällen dann Beziehungen. Ich war einfach viel zu schüchtern und die Hürde, ein Mädchen oder eine Frau anzusprechen, fiel mir nie leicht, zu überwinden.

Heute fällt mir ihr Name nicht mehr ein. Das tut auch nichts zur Sache. Ich nenne sie hier einfach Amira. Amira war schön. Amira war freundlich. Amira konnte gut tanzen und hatte ein bezauberndes Lächeln. Amira war Türkin, zumindest glaube ich das. Und eine der Türkinnen, deren Eltern sich wohl von althergebrachten Moralvorstellungen und Traditionen losgesagt hatten. Ansonsten wäre Amira wohl kaum Woche für Woche auf der Tanzfläche unserer örtlichen Diskothek gestanden und ihr ebenholz-farbenes langes Haar wäre unter einem Tuch verborgen geblieben. Ich weiß natürlich wenig über türkische patriachalische Traditionen, aber so erkläre ich mir das, dass ich sie immer in der Disko antraf.

Wir tanzten zusammen – immer samstags zu den wummernden Bässen und kreischenden Höhen. Mein türkischer Freund Ömer kannte sie wohl. Ich hängte mich an ihn dran und so lernte ich sie kennen. Sie und ihre Freundin waren aus dem Ort, der ca. 25 km südlich von meiner Heimatstadt lag. Ab und zu gingen wir an die frische Luft und ratschten. Diese Unterhaltungen war wirklich sehr angenehm mit ihr. Ihr Stimme war so sanft und ihre Augen, so dunkel und so tief wie der Abgrund zu ihrer Seele. Na ja, ich hab mich halt verkuckt. Da säuselt man so Zeug. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie mich auch gut fand.

Es ging sogar soweit, dass ich mich samstags von meiner Clique entfernte und mit Ömer und den Mädels Zeit verbrachte, sogar mit ihnen in andere Diskotheken fuhr. Das Ganze lief so über mehrere Wochen, wenn nicht Monate.

Und irgendwann kam dann der Tag, an dem ich beschloss, meine Liebe kund zu tun. Da ich das aber nicht öffentlich in der Disko machen wollte, überlegte ich mir einen Plan.

Im Telefonbuch fand ich ihren Namen (oder zumindest den ihres Vaters) und die dazugehörige Adresse. Ich wollte sie an einem Sonntag daheim überraschen. 25 Kilometer… wie dahin kommen? Ich hatte noch kein Auto. Aber es gab ja noch den öffentlichen Nahverkehr. Also würde es doch der Bus werden.

Damals musste man noch im Telefonbuch nachschlagen. Da gab es im Gewerbeteil Stadtpläne, wo ich mir dann die Adresse heraus skizzierte. Und dann besorgte ich einen Unterpfand meiner Liebe. Eine Rose sollte es sein. Aus Marzipan, die hält länger. Ach, war ich naiv damals.

Der nächste Sonntag kam. Am Samstag hatten wir uns noch gesehen, aber ich sagte nichts von meinem Plan. Ich radelte zum Busbahnhof und löste ein Ticket für den Bus. 25 km in über einer Stunde. Oh Gott, war ich aufgeregt.

Und dann kam ich an. Ich machte mich durch die Vorstadtsiedlung auf zu ihrer Adresse. Ich atmete nochmal tief durch und … klingelte.

Ich nahm die Rose in die Hand und wartete, bis sie die Tür öffnete. Durch die Milchglasscheibe erkannte ich eine Bewegung und die Tür ging auf. Ich blickte in Amiras Gesicht… aber Moment, das war nicht Amira. Eine jüngere Version von ihr stand mir gegenüber, wahrscheinlich ihre Schwester, und teilte mir mit, Amira sei nicht daheim. Sie ist mit ihren Freunden in der City, da oder dort. Sie grinste. Ich war total verstört und hielt ihr die Rose hin. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, ob ich irgendwas sagte. Ich drehte auf dem Absatz um und ging zur Bushaltestelle zurück. Im Bus entschied ich mich, in die City zu fahren. Vor dem Café, das die Schwester erwähnte, sah ich durch die Scheibe Amira im Kreise ihrer Freunde sitzen. Nicht nur im Kreise sondern auch auf dem Schoß eines Typen. Meine Gedanken schossen quer und all meine Hoffnungen fielen in sich zusammen. Das war zu viel. Ich stieg in den Bus und fuhr zurück. Zurück nach Hause. Es hatte mittlerweile zum Regnen angefangen. Wie passend!

Die nächsten zwei Wochenenden ging ich nicht in die Disko. Danach überwand ich mich, obwohl der Schmerz noch tief saß. Was hatte ihre Schwester erzählt? Was dachte Amira jetzt? Und wer war der Typ?

Aber egal.

Ich schritt durch die Diskothek, auf die Tanzfläche zu und ließ meinen Blick schweifen.

Sie war nicht da. Ich sah Amira, ihr schwarzes Haar und ihre dunklen Augen nie wieder.

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