035 Dem Gastapudl auf der Spur

So oft, wie es in Deutschland die „Weiße Frau“ gibt, könnte man meinen, die gab es mal irgendwo im Zehner-Pack günstiger.

Jede Stadt hat doch irgendwie ihre Mythen und Legenden.

Da ist es in meiner Heimatstadt nicht anders, aber ein bisschen spezieller.

Neben dem Nachtgschlerf, das als alte Frau scheppernd durch die Straßen zieht, in die Fenster der oberen Stockwerke luhrt und Unheil verkündet, gibt es da noch den Gastapudl. Einen dämonischen Höllenhund, der mit rot leuchtenden Augen den Gasteig, den Fußweg nach Norden, heimsucht und Wanderern eine Heidenangst einjagt und deswegen so mancher schon die Strecke im Eilgang zurücklegte. Warum die Altvorderen sich da unbedingt einen Pudel heranzogen, ist mir jetzt ein wenig unverständlich. Bullmastiff, Dobermann oder Dogge okay, aber ein Pudel? Naja, auf jeden Fall hörte ich zum ersten Mal von diesen Mythen in der Grundschule. Unser Lehrer Schwenz erzählte uns von den alten Geschichten, die sich seit Jahrhunderten in der Gegend erzählt werden. Ich glaube mich auch noch zu erinnern, dass wir Bilder malen und einen kurzen Aufsatz daheim schreiben mussten.

Als wir Kinder uns in der Schulpause über das Gehörte unterhielten, drängte sich Ansgar nach vorne und setzte eine geheimnisvolle Miene auf. „Ich weiß, wo wir den Gastapudl finden. Mein Vater hat ihn mir schon mal gezeigt. Recht gruselig wars – mit den roten Augen.“

Ansgars Vater war Forstbeamter und da war es schon möglich, dass, wenn es sowas gibt, die Leute vom Wald am besten wissen, wo sowas zu suchen ist. Das klang plausibel.

„Dann zeig ihn uns“ forderte ich Ansgar heraus. „Klar, kein Problem. Lass uns heute Nachmittag um drei treffen, bei der grünen Brücke. Jeder der kommt, ist dabei. Alle anderen sind Hosenscheißer,“ proklamierte Ansgar. So sprach man damals über Leute, die sich vor etwas drückten.

Am Nachmittag trafen wir uns wie ausgemacht an der grünen Brücke. Wir waren vielleicht zu acht. Ich hatte meine Taschenlampe dabei und der eine oder andere war ebenso ausgestattet. Mit unseren Fahrrädern fuhren wir dann im Pulk über die Straße in einen kleinen Wanderweg, der zwischen den Wohnhäusern in den dahinter liegenden Wald führte. Ich war extrem angespannt, wusste ich doch nicht, wo uns Ansgar hinführte. Außerdem war ich jetzt auch nicht so mutig. Ich hatte schon Respekt vor dem Höllenhund mit den roten Augen, obwohl ich schon wusste, dass es sowas nicht wirklich gibt. Und dass Mythen eben Geschichten sind, die sich entwickelten, weil die Menschen von damals eben keine andere Erklärung für derartige Erscheinungen hatten. Aber wer weiß?

Nach einigen hundert Metern kamen wir an eine betonierte Wand. Vielleicht fünf Meter hoch. Darüber sah ich hinter einer Stufe eine zweite Wand, und eine dritte. Ich erkannte wo wir waren. Den Bergrücken hinter der Stadt schlängelt sich die Straße in riesigen Kehrungen und Serpentinen hoch. Wir standen an der untersten Stützmauer der Serpentinen. Ansgar sprang vom Rad und wies uns an, ihm zu folgen.

In mitten der Stützwand führte eine kleine Treppe einige Stufen zu einer Gittertür. Ansgar stemmte sich mit der Schulter gegen das Gitter und öffnete die Tür. Dahinter lag ein dunkler Gang. Ein Windzug blies uns vermoderte stockige Luft in unsere Gesichter. „Da unten, da wohnt er. Am Tag findet man ihn da drin. In der Nacht kommt er dann raus und bewacht den Gasteig.“

Zwei Jungs griffen ihre Lenker und machten sich auf dem Waldweg aus dem Staub.

Ansgar lachte höhnisch und dann traten wir in den Gang ein. Durch das Licht der Türöffnung konnte man einige Meter links und rechts schauen, aber man sah nichts außer einem rechteckigen waagrechten Betonschacht. Ich schaltete meine Taschenlampe an. „Etwa doch Schiss?“ Ich sah Ansgar an, schüttelte den Kopf und knipste sie wieder aus. Ansgar wies mit dem Kopf nach links. „Da lang müssma“ und wir setzten uns vorsichtig in Bewegung. Nach einigen Metern spürte ich Hände an mir hinabgleiten. Robert schrie, ich schrie. Robert hing an meiner Hose. „Ach, das hatte ich vergessen“, sagte Ansgar. „Es gibt hier Stufen, die sind so etwa einen Meter hoch.“ Robert war vor mir gegangen, trat wohl an so einer Stufe ins Leere und konnte sich gerade noch an mir festhalten. Ansgar kicherte. „Du spinnts wohl“ blaffte ich Ansgar an. „Wieso, ist doch nichts passiert.“

Ich schaltete meine Taschenlampe ein und leuchtete in den Gang. Man sah etwa 30 Meter bis es wieder dunkel wurde. Wir gingen, bedacht und vorsichtig weiter. Auf dem Boden lagen Gesteinsbrocken und Kiesel, aber auch eine Menge Scherben. Die älteren Jugendlichen hatten wohl diesen Ort auch schon entdeckt. „ACHTUNG“. Während wir so liefen und unsere Konzentration auf dem Boden lag, kam uns in Augenhöhe ein rostiger Metallträger aus der Wand stehend entgegen. Nicht auszumalen, wenn ich nicht hochgeschaut hätte, geschweige denn, wenn wir immer noch ohne Licht unterwegs gewesen wären.

Irgendwie hatte ich die Furcht vor dem bösen Hund ganz verdrängt, fiel mir auf. Ich fragte in die Runde, wie der Hund denn bitte diese Stufen hochkommt? Vor so einer standen wir jetzt wieder und ließen uns herabgleiten. Es folgten noch drei oder vier Stufen dann konnten wir am Ende des Schachts Tageslicht erkennen. Fast am Ende angekommen fragte ich Ansgar: „Wo war nun dein Gastapudl? Wolltest uns nur ängstigen? Kannst froh sein, dass nix passiert ist“. Ich sah kurz ins Ansgars Augen und mir war so als blitzten sie kurz rot auf. Ich drehte mich schnell zum Tageslicht und schritt an die frische Luft. Der Schacht endete am Ufer des Flusses.

Später erfuhren wir, dass der Schacht beim Bau der Serpentinen angelegt worden war, um das Regenwasser bei Unwettern von den Kehrungen durch Gullis zum Fluss abzutransportieren.

Diesen Ansgar gab es natürlich nie. Ich hatte keine so fiesen Freunde, die mich hätten ins offene Messer oder wie hier auf meterhohe Stufen rennen hätten lassen. Aber die Serpentinen sind echt, der Gang ist echt, die Stufen, der Metallträger und der generelle Ausflug in die Unterwelt.

Vom Pudel weiß ich es immer noch nicht. Ich bin ja auch nicht mehr so oft in meiner Heimatstadt. Aber dafür gibt es in der Nähe meines Wohnorts eine „Weiße Frau“. Ich bin dann mal weg.

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