Heute mal was Ernsteres. Alle, die mich kennen, wissen, dass ich nun kein schlanker Muskelmann bin und nie war. Diejenigen, die mich nicht kennen, können das anhand der Bilder hier auch leicht erkennen.
Seit bald 50 Jahren geht die Reise auf und ab, aber letztendlich leider immer weiter und unaufhörlich nach oben. Und zwar auf der Waage.
Das soll keine Rechtfertigung oder Entschuldigung sein. Beim wem müsste ich mich entschuldigen? Vielleicht ist es mir einfach nur ein inneres Bedürfnis, zu erklären. Das Bedürfnis, das ich immer habe, wenn Blicke auf mir lasten, die mich anblaffen: „Schau dir das fette Schwein an“, wenn aus den Blicken ein Lachen wird, ein Auslachen. Und dann die Ratschläge: „Iss weniger“ oder “Du musst nur Sport machen“. Liebe Freunde – meistens sind es Freunde – vielen Dank, das ist lieb gemeint, aber so einfach ist das halt nicht.
Anfangen hat alles im Mai 1973. Da wurde ich geboren. Meine Geburt war, soweit ich mich erinnern kann, relativ problemlos. Meine Eltern wurden zum ersten Mal Vater und Mutter und sie freuten sich auf den Nachwuchs. Und dann war ich da.
Da meine Eltern jetzt auch nicht so erfahren im Umgang mit Babys waren, versuchten sie ihre neue Rolle so gut wie möglich zu meistern. Aber irgendwie stimmte da was nicht. Der Kleine, also ich, aß nicht. Also ich aß schon, aber so wie es oben reinging, ging es oben auch wieder raus. Meine Mutter zweifelte schon an sich, ob sie was falsch mache. Aber eigentlich war das ja ganz einfach. Futterluke auf, Bäuerchen, und paar Stunden später die Windel wechseln. Aber bei mir war das anders. Als Neugeborenes hielt ich nichts bei mir. Gerade mal paar Tage alt und das Kind magerte immer mehr ab. Ich kann mir gut die Panik meiner Eltern vorstellen. Naja, aber sie taten das einzig Richtige: zurück ins Krankenhaus. Untersuchungen. Ja, das Kind bleibt erstmal hier, muss operiert werden. Ich hatte eine Pylorusstenose bzw. einen Pylorusspasmus. Weg vom Fachbegriff: Zwischen Magen und Darm befindet sich ein Ringmuskel, der bei mir verkrampft war und sich nicht mehr öffnete. Das nennt man auch Magenpförtnerkrampf. Mein Verdauungstrakt war sozusagen war keine Einbahnstraße sondern eine Sackgasse. Also Operation. Man schnitt den Muskel ein, dass die Anspannung gelöst wurde. Man wunderte sich auch, dass ich nicht aufhörte zu bluten und nebenbei entdeckte man somit auch, dass ich auch noch die Bluterkrankheit (Hämophilie) habe. Also OP, Rekonvaleszenz und wieder nach Hause. Und?
Das gleiche Spiel von vorne. Mund auf, Milch rein, Bäuerchen und die ganze Plörre kam im hohen Bogen wieder raus. Meine Eltern verzweifelten fast. Zurück ins Krankenhaus. Achselzucken im weißen Kittel. „Herr und Frau Hebenstreit, sorry, wir haben vermutlich nicht tief genug geschnitten.“ Also same same, alles nochmal. Dazu sollte man erwähnen, dass die Kinderstationen in den 70ern etwas anders waren wie heute. Keine Rundumbetreuung oder Mutter-Kind-Zimmer. Ich lag in einem Bettchen mit Glaswänden in einem weissen Raum. Meine Eltern, die mich täglich besuchten, standen außerhalb des Krankenzimmers und durften mich lediglich durch eine Glasscheibe ansehen. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass die ersten Wochen eines Neugeborenen ganz wichtig für die Bindung zur Bezugsperson sind. Nun, die hatte ich nicht. Und glaubt mir oder nicht, ein Babyhirn denkt schon und zieht seine Schlüsse. Dazu später aber mehr.
Okay, die zweite Operation glückte dann und bescherte mir eine Narbe, die, da zweimal übereinander, zu einer hässlichen Geschwulst verwuchs und mich heute noch ziert.
Und dann ging es los. Hey, ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf und schließlich forderte ich das Verpasste ja auch ein. Meine Eltern, froh, dass das Essen nun funktionierte, waren glücklich über jeden Happen, denn ich zu mir nahm. Und fütterten und ich aß und ich war selten satt und hatte mein Mund immer offen.
Und so wuchs ich zu einem stattlichen Kerl ran. Ja, ich war danach nie schlank, geschweige dünn. Ich war … ähm moppelig. Aber nicht unangenehm. Ich hatte halt „schwere Knochen“. In meinem Freundeskreis und in der Schule war ich trotzdem immer der „Dicke“. Ich fand mich damit ab. Aber wenn ich heute Fotos von damals ansehe, muss ich schon sagen, dass das schon übertrieben war. Heute würde das wahrscheinlich Mobbing genannt werden. Aber auch denen will ich keinen Vorwurf machen. Das ist, denke ich, in jedem Gruppengefüge ganz normal, dass sich da auch bestimmte Rollenbilder formen. Und ich hatte ja trotzdem auch eine Menge Spaß in dieser Zeit. Ach ja, Randnotiz, Sport war auch nicht so einfach, weil Bluter!
Aber ich hatte kein Selbstbewusstsein und war total unsicher. Gerade in Bezug auf Mädchen. Total schüchtern vermied ich es, die Mädchen, die mir gefielen, anzusprechen. Die Erfahrungen, die ich machte, als ich es doch versuchte, bestätigten meine Meinung über mich. „Ach Christoph, lass uns Freunde sein, mit dir kann man so gut quatschen.“ Nicht falsch verstehen, diese Erfahrung macht vermutlich fast jeder junge Mann und ist somit nichts Außergewöhnliches. Aber bei mir streichelte das eben nicht gerade mein Ego, das im Gegenzug mitbekam, wie Freunde und der eigene jüngere Bruder mit einer nach der anderen Arm in Arm aufkreuzten. Es gab eine Zeit, da habe ich meinen drei Jahre jüngeren Bruder dafür gehasst. Ich fühlte mich wie das fünfte Rad am Wagen. Mich wollte keine.
Irgendwann klappte das dann doch mit den Mädels. Bzw. mit einem Mädel.
Meiner „erste“ Frau wurde dann auch meine Ehefrau. Ich heiratete, zog weg aus der Geburtsstadt und bald war meine erste Tochter auf der Welt. Zweieinhalb Jahre später dann meine jüngere Tochter. Von da an wandte sich aber meine Frau von mir ab. Wir spielten zwar noch Jahre heile Familie aber zu sagen hatten wir uns nur noch wenig. Und ich war wieder in der Situation, dass meine Haupt-Bezugsperson nicht da war. Ein Trauma. Ich begann zu essen. Allein.
Nach weiteren acht Jahren des Mästens und des Gedankenzerfleischens trennten wir uns. Ich war dick wie noch nie. Danach folgten weitere drei oder vier Beziehungen mit unterschiedlichen Frauen. Wenn ich in einer Partnerschaft war, nahm ich ab. Ich fühlte mich sicher, fühlte mich geliebt. Kam dann die Trennung, war ich allein, nahm ich zu.
In den letzten Jahren, seit meiner letzten Trennung, hatte ich keine Beziehung mehr. Ich wohnte in einer WG. Erst mit meinem besten Kumpel, dann mit meiner älteren Tochter. Auch diese waren in dieser Zeit meine Bezugspersonen und … gingen wieder (räumlich). Kein Vorwurf, das Leben jedes Einzelnen sucht sich seine Wege und niemand ist verantwortlich für mein Leben, außer ich selbst.
Dann kam Corona. Homeoffice. Gar keine Bewegung mehr. Mit dem Laufen tat ich mich eh schon schwer, seit ich eine Arthrose im Sprunggelenk habe. Und ich wurde immer dicker. Und dann kann und will man sich auch nicht mehr bewegen (!).
Dann eines Tages wachte ich schweißgebadet auf. Ich begann zu weinen. Ich hatte Todesangst. „Wenn ich jetzt nichts unternehme, erlebe ich die nächsten Sommer nicht mehr.“
Ich suchte mir einen Therapieplatz in einer Einrichtung für Essstörungen (Binge-Eating, wem das was sagt) und seit einem halben Jahr habe ich dort Einzel- und Gruppensitzungen. Leider geht das alles auch nicht mit einem Fingerschnippen. Aber ich kämpfe.
Verlust der Bezugspersonen, Verlustängste im Allgemeinen, Liebesentzug, Alleinsein, Einsamkeit, Depressive Phasen…alles Faktoren, die mich UNTERBEWUSST fressen und dick werden lassen. Hat ja als Baby auch funktioniert. Danach war alles okay. Da schließt sich der Kreis. Im Grunde genommen denkt unser Gehirn in einfachen, eingefahrenen Mustern. Und das rauszubekommen ist ein harter Kampf. Aber zum Kämpfen ist man nie zu alt.
Das wollte ich einfach mal rauslassen. Danke fürs Lesen.