Meine erste Freundin, mit der ich länger als zwei Wochen zusammen war, ich nenne sie hier Hani, lernte ich mit 20 Jahren in der Tölzer Diskothek „Arena“ kennen.
Die Arena war (und bleibt) die schönste Diskothek, die ich in meinem Leben sehen durfte. Römisch-griechischer Stil, alles in Weiß gehalten. Diejenigen, die nicht tanzten, sammelten sich in einem Ring um die tiefer liegende Tanzfläche. Wie in einem Gladiatorenstadion. Dazu alles umsäumt mit Säulen und Statuen. Leider gibt es diese Institution im Oberland nicht mehr. Nun es ist ja auch schon 30 Jahre her.
30 Jahre zurück.
Ich stehe mit meinen Kumpels im Pulk auf der äußersten Stufe und blicke durch den pulsierenden Raum und in die bunten blendenden Strahler. Plötzlich, inmitten der zum Takt zuckenden Körper sehe ich dieses Gesicht. Feine Züge, dunkle, kurze Haare. Sie, umringt von Freundinnen, sticht heraus. Sie hat etwas Besonderes. Ich kann nicht sagen, was. Irgendwas fasziniert mich an ihr. Ich schaue immer wieder verstohlen in ihre Richtung. Ich bin zu schüchtern, um sie anzusprechen. Und so vergeht Wochenende um Wochenende. Jeden Samstag frage ich mich, ob ich sie heute wieder sehen werde? Immer, wenn sie auch den Abend hier verbringt, beginnt mein Herz schneller zu schlagen und ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen. Werde ich mir ein Herz nehmen und auf sie zugehen? Wenn ich meinen Freunden von ihr erzähle, lachen sie mich aus. „So wird das nichts“ „Mit Anschauen wirst nicht weiterkommen“. Ich weiß das, und blicke wehmütig in das schöne Gesicht auf den Arena-Stufen gegenüber. Hat sie eben zurückgeschaut? Ich weiß nicht. Nein.
Aber doch. Immer häufiger kreuzen sich unsere Blicke. Sie lächelt – und tuschelt mit ihren Freundinnen. Ich versuche zurück zu lächeln. Ich kann mich nicht erinnern, ob mir das gelungen ist.
Einer meiner Kumpels, ich nenne ihn hier Ritter, ein Filou und Schwerenöter vor dem Herrn, interessiert sich eines Tages für eine ihrer Freundinnen. Für ihn kein Problem, mit einem Glas Bier, ein paar (in meinen Augen) peinlichen Anmachsprüchen schlendert er zu den Mädels und fängt an, mit ihnen zu quatschen. Sie lachen. Ritter zeigt mit seinem Finger auf mich und plötzlich schauen alle Augenpaare ihrer Gruppe zu mir. Sie grinst. Ich werde rot und flüchte. Raus an die frische Luft. Mein Herz pocht bis zum Hals. Das hat Ritter nicht wirklich gemacht? Wenn du solche Freunde hast, brauchst du keine Feinde.
Fünf Minuten später kommt mein Kumpel mit seinem Opfer und mit IHR auch vor die Tür und gesellt sich zu mir. „Hallo, ich bin Hani. Du bist Christoph? Du bist auch öfter hier“ spricht sie und hält mir ihre Hand entgegen. Ritter und sein Mädel ziehen weiter. Und ich unterhalte mich mit meinem Schwarm zum ersten Mal. Vor der Disco unter dem Sternenzelt und das Bauchgrummeln kommt nicht vom Bass, der gedämpft bis in unsere Ohren brummt.
Zwei, drei Wochen später sind wir dann „zusammen“. Ich habe frisch mein erstes Auto und besuche sie auch unter der Woche. Ich lerne ihre Mutter kennen. Eine wunderschöne Frau. Kein Wunder, bei der Tochter, denke ich mir. Ihr Vater, wohl ein ungarischer DJ, so weit ich mich erinnere, hat sich getrennt und lebt wo anders.
Hani bringt mir ungarisch bei. Nur an „Szeretlek“ und „Viszontlátásra“ kann ich mich noch erinnern.
Aber Hanis Geruch ist mir dafür aber immer noch gut in Erinnerung. Sie trägt oft das Parfüm Cašmir von Chopard. Wenn ich heute noch diesen Duft in der Fußgängerzone oder in einem Einkaufszentrum wahrnehme, schaue ich mich nach Hani um. Wenn Sie kein Parfüm aufgetragen hat, riecht ihre Haut nach frischer Milch. Hört sich vielleicht für manchen befremdlich an, aber für mich ist das ein ganz toller reiner Duft. Sie ist halt was Besonderes.
In der nächsten Zeit gehen wir des Öfteren ins Kino. Ich fahre mit ihr nach München und auf gut Glück steuere ich auf das Gloria am Stachus zu. Es läuft Vilsmaier. Unser erster gemeinsamer Kinobesuch und wir schauen den romantischsten aller Filme an: „Stalingrad“. Von da an entscheidet Hani. Ich kann mich noch an den Oberknaller „Jurassic Park“ und an „Ein unmoralisches Angebot“ erinnern. Beides im englischen Original. Da ist mir noch ein Zitat im Gedächtnis geblieben:
Have I ever told you I love you? – No. – I do. – Still? – Always.
Das ist einige Zeit dann unser “geflügeltes Wort”.
Eines Tages lädt mich Hani dann ein, das Wochenende mit ihr zu verbringen und bei ihr zu übernachten. Ihre Mutter ist bei ihrem neuen Freund und überlässt uns die Wohnung. Hani kocht, wir essen, Nudeln, gehen zusammen, Hand in Hand in die Discothek. Des nachts kommen wir nach Hause, kuscheln, ziehen uns aus, berühren uns. Hani dimmt das Licht, legt Musik ein. Martika – Toy Soldiers in Dauerschleife – ihr Lieblingslied damals. Im Gleichgang unser Atmungen schlafen wir ein. Zum „Äußersten“ ist es nicht gekommen. Meine Schüchternheit stand mir aber sowas von im Weg.
Aber es war eines der schönsten Wochenenden, die ich in meinem Leben erleben durfte.
Hani, ich danke dir für die Zeit mit dir, meine große Verliebtheit und den Duft von Milch.
Du hast und bist das Besondere. Always.