030 Eine Kindheit im Wald

Okay, das hört sich jetzt etwas krass an.

Eine – meine – Kindheit im Wald.

Na… ich wurde jetzt nicht unbedingt in einem Loch im Boden geboren. Obwohl, vielleicht wäre dann meine Liebe zum Herrn der Ringe einwandfrei erklärbar.

Ich ging in keinen Waldkindergarten und war niemals Mitglied der offiziellen Pfadfinder.

Aber dennoch erzähle ich gerne, dass ich meine Kindheit im Wald verbracht habe. Weil sich eben ein großer Teil dieser welcher dort abspielte

Ich wurde südlich von München in einem damals gemütlichen Städtchen geboren. Nach ein paar Tagen nahmen mich meine Eltern dann aus dem Krankenhaus mit und zeigten mir mein neues Zuhause.

Rund um unser Haus gab es auch andere Kinder, die auch fast zur gleichen Zeit geboren wurden. Später kam dann auch mein Bruder dazu und wir waren eine tolle Spielgemeinschaft.

Aber das Beste überhaupt war der Wald hinter dem Haus. 30 Meter zu Fuß und wir standen inmitten von grünen Blättern, Wurzeln, Vogelgezwischer, Pilzen, Wacholderbeeren und Kiefernzapfen.

Als wir alt genug waren, zusammen in der Gruppe hinauszuziehen, taten wir das. Und das war mit sechs oder sieben Jahren.

Wir erkundeten den Wald bis hin zum Fluss, merkten uns exponierte Bäume und Landmarken und prägten uns Wege im Wald ein.

Ich weiss nicht mehr, wie lange das dauerte, wie oft wir uns verirrten, aber in meiner Erinnerung waren wir in wenigen Tagen die Meister des Waldes, sogenannte Waldmeister (höhö), kannten unseren Wald in- und auswendig.

Wir erkundeten Flora und Fauna, beobachten im kleinen Weiher Kaulquappen, Frösche und Molche, entdeckten Schlangen und anderes Getier und sahen auch ab und an mal ein Reh oder einen Fuchs.

Aber das Highlight waren unsere „Kämpfe“. Bewaffnet mit selbstgebautem Pfeil und Bogen, Speeren und Erbsenpistolen, teilten wir uns in zwei Gruppen auf. Meistens Cowboys gegen Indianer. Im Wald gab es eine kleine Schlucht. Am Grund der Schlucht war der besagte Weiher und daneben führte ein Pfad durch die Senke. Die eine Fraktion versteckte sich rund um das Areal und die andere Gruppe musste durch die Schlucht „reiten“. Irgendwann passierte dann der Überfall. Ach, es war so toll.

Eine Steigerung gab es dann noch. Ich weiß nicht, woher wir die Idee hatten, aber irgendwann stiegen wir Jungs dann auf Blasrohre um. Mit unserem Taschengeld besorgten wir uns im Bastelbedarf Alurohre im Durchmesser 8 bis 10 mm und 60 bis 70 cm Länge. Mit Klebeband verzierten und individualisierten wir unsere Waffen. Meine Mutter nähte uns kleine Munitionssäckchen, die man am Gürtel befestigen und mit Zugband öffnen und schließen konnte. Und Munition waren getrocknete Erbsen. Diese wurden in den Mund genommen, mit der Zunge in Richtung des im Mund befindlichen Rohrs geschoben und dann angeblasen. Dabei gab es zwei Probleme. Zum einen lösten sich die getrockneten Erbsen, je länger sie im Mund gehalten wurden, langsam an und schmeckten bescheiden. Zweitens musste man zum Schießen ja Luft einziehen, um sie mit Druck durch das Rohr auszustoßen und damit die Erbse herauszuschiessen. Aber man musste beim tief einatmen aufpassen, dass man keine Reserveerbse einatmete. Und es gab noch eine Sache. Laufe nie mit Rohr im Mund durch den Wald. Jede Wurzel konnte dann dein Tod sein. Und das ist jetzt kein Scherz. Einmal gestolpert und auf das Rohr gefallen… kann man sich nicht ausmalen. Aber irgendwie ist Gottseidank nie was passiert.

Wir pirschten stundenlang durch den Wald und durch die Prärie. Hinter Bäumen versteckt warteten wir auf den perfekten Moment, um unseren Gegnern die harten Erbsen auf den Pelz zu knallen. Manchmal ging es auch ins Gesicht, aber dann wahrscheinlich aus Versehen. Wir fühlten uns wie indianische Krieger und versuchten, mit dem Wald zu verschmelzen.

Das war wirklich das Beste…

Und wenn ihr mal durch die Isarauen streift und vielleicht auf eine wilde Erbsenpflanze trefft, dann kann es vielleicht sein, dass …

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