028 Mein 18ter

Jetzt kommt wieder einmal eine kurze Geschichte, die sich an meinem Lieblingsurlaubsort Rosapineta zugetragen hat. Alle Begebenheiten sind lange her und schon längst verjährt.

Beim Schreiben der kleinen Anekdoten ist mir bewusst geworden, dass ich vielleicht zehn Wochen meines Lebens dort mit den Menschen, die ich in meiner Jugend dort kennenlernte, verbracht habe. Zehn Wochen. 70 Tage. Das ist ja fast nix.

Und doch kommt es mir so ewig viel vor. Wahrscheinlich, weil wir in diesen Tagen so viel zusammen erlebt haben. Und die Erinnerungen verblassen zwar, aber trotzdem ist da noch so viel in mir und ich schaue voller Dankbarkeit zurück.

Da wir ja immer in den bayerischen Pfingstferien gen Italien fuhren, hatte ich meistens in dieser Zeit Geburtstag. Und das war auch in jenem Jahr so. Aber nicht nur irgendein Geburtstag, nein, es war mein 18ter. Dann war ich volljährig – offiziell erwachsen (naja, das bin ich wohl nie wirklich geworden). Ich durfte dann Auto fahren, wählen, in einen Sex Shop gehen und was man halt noch so alles darf, wenn man erwachsen ist.

Feiern wollte ich natürlich mit den Urlaubsfreunden am Strand. Aber nicht am Strand, der zur Anlage gehörte, sondern eher etwas ab vom Schuss. Damit man auch etwas lauter sein konnte. Ein paar Kilometer nördlich war ein Strandabschnitt, der schon lange nicht mehr genutzt wurde. Es gab so etwas wie eine Strandbar, runtergekommen, vergammelt und verrammelt.

Das hatten wir schon die Tage vorher ausgekundschaftet. Wir fuhren mit zwei Autos durch den Ort und durch einen Pinienwald, bis wir an diesem Strandabschnitt ankamen. Wir trugen etwas Schwemmholz zusammen und schichteten es zu einem Haufen auf. Auch die Strandbar wollten wir erkunden, aber sie war abgesperrt. Nachdem wir den Feierplatz einigermaßen hergerichtet hatten fuhren wir wieder zum Bungalowdorf und fläzten uns in die Sonne, gingen im Meer schwimmen und spielten Beachvolleyball.

Meinen Geburtstag verbrachte ich tagsüber mit meiner Familie und deren Freunden. Es waren ja immer so viele Familien aus unserem Bekanntenkreis dabei, das glaubt man ja gar nicht. Ich bekam damals eine schwarze coole Lederjacke. Die hängt immer noch in meinem Schrank, nur passe ich da nicht mehr rein. Aber für den Fall, dass irgendwann doch …

Am Abend sammelten wir dann die ganze Clique ein und fuhren erneut zum „wilden Strand“. Bestimmt 20 Leute in drei kleinen Autos. Im Kofferraum hatten wir neben Personen auch den Alkohol, den wir bei den Kumpels gebunkert hatten.

Und dann feierten wir. Wir entfachten ein Lagerfeuer mit dem gesammelten Holz, hörten Musik, sangen, tanzten, tranken. Die Stimmung wurde immer besser. Bei manchen auch fast zu gut.

Plötzlich stand einer der Jungs mit einer Eisenstange am Feuer und sagte: „Hey, lasst uns schauen, was in der Strandbar drin ist.“ Ich wollte noch intervenieren, aber da war es schon zu spät. Die Tür war aufgebrochen und uns zog es ins Innere der Hütte. Der Staub lag Millimeter hoch. In einer Ecke waren in einem groben Haufen Stühle verräumt. Hinter der Bar hing ein blinder Spiegel und einzelne Gläser standen grau auf dem Tresen. Mit Taschenlampen erkundeten wir das Gebäude und ich zog unter der Theke eine noch geschlossene Wasserflasche hervor. Vor vier Jahren abgelaufen. Wasser! Des Weiteren fand ich noch einen gläsernen Cocktail-Shaker mit Plastikdeckel. Den habe ich heute noch, denn den habe ich mitgenommen.

Zwei der angetrunkenen Kumpels waren schon dabei, die Stühle nach Draußen zu tragen. „Cool, dann haben wir was zum Sitzen.“ Falsch gedacht. Die Stühle landeten im Lagerfeuer, das jetzt mindestens drei Meter hoch loderte. Der Alkohol tat das Seinige. Grad lustig war es.

Plötzlich wurde unsere frivole Feierlichkeit gestört. Aus dem hinter uns liegenden Pinienwald huschte Scheinwerferlicht über die Szenerie und nach ein paar Sekunden war der Strand voll erhellt. Zwei Fahrzeuge hielten unweit von uns. Sechs oder sieben Personen sprangen aus den Autos und kamen laut brüllend auf uns zu. Die Männer waren uniformiert und hatten Maschinenpistolen in den Händen. Sie umstellten das Lagerfeuer, richteten ihre Waffen auf uns und schrien weiter laut herum. Ein relativ junger Mann ergriff das Wort und schwallte uns mit italienischen Sätzen zu. Wir, völlig überrascht und verängstigt, versuchten, dem Mann verständlich zu machen, dass wir kein Wort italienisch verstanden. Einige Mädchen fingen an zu weinen. Er verdrehte die Augen und versuchte es in gebrochenem Englisch. Was wir da täten und ob wir Drogen bei uns hätten, wollte er wissen. Wir verneinten wahrheitsgemäß, wurden aber trotzdem abgetastet, natürlich immer im Angesicht der auf uns gerichteten Maschinenpistolen. Zwei meiner Kumpels waren aber mittlerweile so angetrunken, dass sie mündlichen und körperlichen Widerstand leisteten. Einen Wimpernschlag später lagen sie auf dem Boden, ein Knie im Rücken, während auch sie abgetastet wurden. Als die Polizisten – später erfuhren wir, dass das wohl Angehörige der Zollpolizei „Guardia di Finanza“ waren – nichts fanden, wurden die Waffen gesenkt und der Vorgesetzte sagte uns lediglich, dass wir auf das Feuer aufpassen und uns nicht mehr allzu lange hier aufhalten sollten. Die Stühle im Feuer und die aufgebrochene Bar hatte er nicht bemerkt, zumindest hatte er sie nicht erwähnt. Er verabschiedete sich höflich und zog mit seinen Männern von dannen. Die Aktion dauerte vielleicht nur 20 Minuten aber die Stimmung war dann irgendwie im Keller. Bald darauf machten wir uns dann auch auf den Heimweg.

Am nächsten Tag bemerken wir am Strand ein Patrouillenboot der Zollpolizei, das unseren Strandabschnitt hoch und runter schipperte und später am Tag begegnete ich dem jungen Ordnungshüter, der mit uns gesprochen hatte, in zivil auf der Anlage. Wir nickten uns schweigend zu.

Entweder glaubten die uns nicht, dass wir nichts mit Drogen am Hut hatten oder sie waren auf jemand ganz anderen aus und hatten sich am Abend vorher nur in der „Adresse“ geirrt.

Das war zumindest mein 18ter Geburtstag und das kann nicht jeder von seinem erzählen…

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