027 Ride Like The Wind

Der Tag, an dem ich Marianne kennenlernen durfte, war der des Eurovision Song Contests 2017.

Marianne hieß nicht wirklich Marianne, aber die Gründe, warum ich sie hier umbenenne, könnt ihr euch denken.

Mein Tochter besuchte mich an diesem Tag, weil sie bei mir den Liederwettbewerb, den sie so sehr liebt, im TV schauen konnte ohne mit Ihrer Mutter in heftige Diskussionen treten zu müssen. Außerdem weiß sie, dass auch ich musikbegeistert bin und dass man diesbezüglich mit mir doch angenehmere Diskussionen führen kann. Aber irgendwie war ich nicht in Stimmung.

Ich ließ sie zwar gewähren, hörte aber nur mit halbem Ohr zum TV, da die Nummern von zum Beispiel Polen, Zypern und Griechenland jetzt nicht unbedingt meinem Geschmack entsprachen.

Ich war in dieser Zeit Mitglied einer Facebook-Single-Chatgruppe. Und aus Langeweile schrieb ich dort die Zeilen: „Hilfe, muss mit meiner Tochter ESC schauen. Welche Sie möchte mich ablenken?“

Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, da schrieb sie mir: „Hey, kann ich versuchen, Dir zu helfen?“

Wir schrieben an dem Tag bestimmt drei bis vier Stunden, bis ich den Eurovision Song Contest und den Gewinner aus Portugal Salvador Sobral überstanden hatte. Ich dankte Marianne und verabschiedete mich.

Am nächsten Tag meldete ich mich bei ihr und den ganzen Tag schrieben wir immer wieder mal. Und das ging so die nächsten zwei Wochen.

Und dann datete ich mich mit ihr. Wir entdeckten, dass wir beide Sushi lieben und verabredeten uns zum Running Sushi an der Münchner Freiheit. Wir aßen gut japanisch und hatten erfrischend kurzweilige Gespräche. Marianne war zwar acht Jahre älter als ich aber mir machte das nichts aus. Sie war witzig, kultiviert, intelligent und hübsch.

Am nächsten Wochenende meldete sie sich kurzfristig bei mir, sie wäre in meiner Nähe unterwegs und ob wir uns nicht zum Kaffee treffen wollten. Ich schlug die Eisdiele bei mir im Ort vor und dort sahen wir uns dann wieder. Und wieder hatten wir tolle Sachen zu erzählen. Im Anschluss lud ich Sie noch zu mir ein, oder sie lud sich selbst ein, dass weiß ich nicht mehr so genau. Und auf meiner Couch war Marianne dann nicht schüchtern. Sie legte die Arme um mich und begann mich zu küssen. Ich war schon etwas überrascht, aber es war mir nicht unangenehm. Als sie mich dann fragte, ob sie mal mein Schlafzimmer sehen dürfe, wusste ich, worauf das hinaus laufen würde. Und als ich in Mariannes Augen blickte, wusste ich, dass das schon in Ordnung ging.

In der nächsten Zeit besuchten wir uns gegenseitig öfter und hatten schöne Abende. Draußen ging der Mai und es wurde Juni. Und es wurde wärmer. An einem schönen Samstag fuhren wir nach Bad Tölz. Marianne wuchs dort auf und ich wohnte dort ja auch jahrelang. Wir zeigten uns gegenseitig Orte, die uns wichtig waren und erzählten uns die Geschichten dazu. Am Abend trafen wir dort meinen Bruder und seine Freundin, die dort auf dem stattfindenden Nachtflohmarkt den Inhalt ihres Kleiderschranks verkauften, um ihn wieder neu befüllen zu können. Auch meine Eltern liefen uns über den Weg.

Vom Flohmarkt aus gingen wir ins alte Kino, in dem ich ja auch mal gearbeitet hatte. In der Spätvorstellung lief „Monsieur Pierre geht online“ – ein Film mit Pierre Richard, bei dem ein älterer Herr im Internet die Liebe sucht und am Ende findet. Irgendwie passend, oder?

Als der Film zu Ende war, spazierten wir zum Auto und fuhren zu mir nach Hause. Auf meiner CD lief der Song „Ride like the Wind“ von Christopher Cross. Marianne wippte mit ihrem Kopf zum Takt der Musik. Ich lächelte und summte die Melodie. Als der erste Refrain kam, sang Marianne leise mit. Wir sahen uns an und dachten wohl dasselbe. Beide öffneten wir die Fensterscheiben und begannen, voller Inbrunst und in voller Lautstärke mitzusingen. Und das nicht nur einmal. Der Song lief in Dauerschleife. Das war so befreiend. Wir tanzten mit unseren Oberkörpern, spielten Luftschlagzeug, Luftgitarre (ohne, dass ich das Lenkrad los ließ – wohlbemerkt). Es war mehr als ESC-würdig. Wir lachten zusammen und wir fühlten uns so gut.

Mittlerweile war es nach Mitternacht. Als wir nach einer Stunde Fahrt fast bei mir Zuhause ankamen, hatte ich noch eine Idee. Ich machte einen kurzen Umweg in die nächstgrößere Stadt. Dort war inmitten von Wohnhäusern ein Naturbad. Ich parkte auf dem Bürgersteig, wies Marianne an auszusteigen, nahm sie an der Hand und rannte mit ihr zum Wasser. Dort zog ich mich nackt aus und sprang ins kalte Nass. Marianne zierte sich etwas aber nach kurzem Zögern entledigte sich auch sie ihrer Kleider und folgte mir in den Weiher. Wir schwammen ein paar Züge, klammerten uns aneinander, küssten uns im Wasser. Ob uns jemand beobachtete, weiß ich nicht. Das war uns aber auch mal sowas von egal.

Als es uns langsam kalt wurde, verließen wir das Wasser, trockneten uns spartanisch ab und stiegen in unsere Klamotten. Es war nur noch eine kurze Strecke bis nach Hause, aber wir ließen es uns nicht nehmen, „Ride like the Wind“ nochmal anzuspielen.

Ich danke Marianne für diesen tollen Tag und immer, wenn Christopher Cross wie der Wind reitet, habe ich Mariannes Stimme im Ohr, wie an dem Tag, an dem ich mit ihr die Unbeschwertheit und die Freiheit fühlte.

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