025 Von Mäusen und Menschen und drei kleinen Vögeln

Habe ich schon erwähnt, dass ich mich in meiner Jugend unsterblich in ein junges Mädchen verliebt hatte? Ich traf sie in Rosapineta/Italien und wir waren danach noch ein paar Monate in Kontakt. Danach brach dieser aber leider ab.

Und wie das Leben so spielt, lernte ich eine andere Frau kennen, heiratete, bekam mit ihr zwei Töchter. Aber wie in vielen anderen Beziehungen passierte uns auch das oft so Unvermeidliche. Mit der Zeit lebten wir nicht mehr miteinander, sondern aneinander vorbei. Wir redeten immer weniger. Berührungen, Komplimente und Liebesbeweise blieben aus, vom Sex ganz zu schweigen. Es ist furchtbar schade, aber wir waren, sind und werden nicht die einzigen sein.

Diese Zeit stürzte mich in ein tiefes Loch. Depressiv frass ich alle Sorgen und schlechten Gedanken in mich hinein. Wortwörtlich.

Aber selbst das war keine Lösung. Meine dunkle Gedankenwelt ließ mich schon den Baum aussuchen, an den ich bei nächster Gelegenheit mein Auto setzen würde. Ich habe es trotzdem nie gemacht, hing ich doch am Leben und an meinen Kindern.

Und in dieser Zeit, in der ich mich selbst kaum wiedererkannte, passierte etwas völlig Unerwartetes.

Damals arbeitete ich in einer Druckerei im Schichtbetrieb. Der startete um 5.00 Uhr. Dabei war um die Uhrzeit so wenig zu tun, dass ich mir angewöhnte, ein wenig im Internet zu surfen. Nach einiger Zeit entdeckte ich die Lokalisten. Dieses „grüne“ deutsche Social Network kann man gut als Gegenprojekt zum „blauen“ Facebook sehen, war es doch funktional ähnlich aufgebaut.

Eines Tages schrieb mich eine Person an. „Hi, kennst du mich noch?“ Auf dem Profilbild war nichts zu erkennen.

„Nein, woher?“

„Wir haben uns vor Jahren in Rosapineta kennengelernt. Ich bin Angelika.“

Sie hieß nicht Angelika, ich nenne sie hier so.

Als das Internet aufkam, habe ich immer mal nach ihrem Namen gesucht, aber ich wurde nie fündig. Und da war sie nun. Meine Jugendliebe, zu der ich zwar seitdem keinen Kontakt mehr hatte, aber die ich nie vergessen hatte. Man erinnert sich doch immer an seine erste Liebe.

Dann kam Valentinstag. Da daheim keine Valentinsstimmung aufkam, sandte ich an alle meine weiblichen Lokalisten-Kontakte eine Valentinsgruß.

Angelika bedankte sich und antwortete, dass sie mit ihren Mäusen allein den Tag verbringen würde.

‚Mit ihren Mäusen?‘ dachte ich. Na ja, manche haben Katzen, manche Hunde, wo auch immer die Tierliebe hinfällt. Es dauerte ein paar Nachrichten, bis ich begriff, dass ihre Kinder gemeint waren und dass sie alleinerziehend war.

Wir schrieben hin und her. Über uns damals, über ihre Geschichte, über meine Geschichte. Erst verhalten, dann immer mehr. Und dann gab sie mir ihre Handynummer. „Du kannst ja mal anrufen.“

Konnte ich? Ich war mir so unsicher. Auf der einen Seite war es schön, sich mit jemandem auszutauschen, der eine ähnliche Geschichte durchgemacht hat. Noch dazu, wenn es deine Jugendliebe war. Zum anderen war ich aber noch verheiratet. Auch wenn meine Frau und mich nicht mehr viel verband, so hielten uns doch unsere Kinder zusammen. Irgendwie kam ich mir vor, als würde ich allein mit den Nachrichten schon meine Familie betrügen. Würde ich ihre Nummer wählen, hätte sie meine und ich könnte unseren Kontakt nicht mehr kontrollieren. Sie könnte mich jederzeit anrufen. Irgendwie hatte ich Angst davor.

Aber der Wunsch, diese Begegnung , diesen Kontakt wieder herzustellen, war groß. Irgendwann hatte ich dann den Mut, meine Bedenken zu überwinden. Ich fuhr von der Arbeit nach Hause, hörte Bob Marleys „Three Little Birds“, wählte ihre Nummer und sagte aber nichts, ließ nur Bob singen. „Singin‘, don’t worry, don’t worry ‚bout a thing,

„Cause every little thing, gonna be all right.“

Ab dann smsten wir, dass die Tasten und die Telefonrechnung glühte.

Eines Abends, ich kam von der Arbeit und der Kopf war voll, wahrscheinlich hatte ich auch noch einen Disput mit meiner Frau, packte ich meine Autoschlüssel. „Ich brauch frische Luft.“ Ich fuhr zum nahegelegenen Tegernsee, setzte mich auf eine Bank, starrte auf die nächtliche Szenerie und spürte Schneeflocken auf meinem Gesicht. Ich dachte ununterbrochen an Angelika.

Irgendwann, vielleicht nach einer Stunde starren, blickte ich auf mein Handy, gab mir einen Ruck und wählte ihre Nummer.

Es war das erste Mal nach fast 20 Jahren, dass ich ihre Stimme hörte. Wir redeten fast zwei Stunden am Telefon. Irgendwann kam dann ihre Aufforderung:

„Dann komm halt mal vorbei.“

„Wann?“

„Wann du willst…“

Mittlerweile war es fast zehn Uhr.

„Jetzt?“

„Auch jetzt“

So stieg ich in mein Auto und fuhr vom Tegernsee zu ihr nach Hause.

Ich kam gegen elf Uhr an und sie öffnete mir die Tür. Den ersten Eindruck, meine Gefühle, kann ich kaum beschreiben. Ich sah in das Gesicht, dass ich seit so langer Zeit nicht gesehen hatte, in das ich mich damals verliebt hatte, und es war, als wäre kein Tag vergangen. Wir nahmen uns in die Arme, setzten uns auf die Couch und redeten bis in die Morgenstunden.

Es folgten die schönsten Tage, Wochen, Monate meines Lebens.

Leider schafften wir es nicht, unsere beider Leben so zu vereinen, um jetzt noch zusammen zu sein. Aber ich bin ihr immer noch dankbar, dass sie mich unterstützt hat beim Kampf gegen meine dunkle Zeit, mich weinen, lachen, wieder lieben und Liebe fühlen ließ.

Für A., in ewiger Liebe.

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