023 Weihnachten in den frühen 80ern

Der Text des Hirten

Ich kann mich noch vage daran erinnern. Vor Weihnachten wurde in meiner Grundschule immer eine Adventsfeier für Kinder und Eltern veranstaltet. Ein Höhepunkt neben dem Besuch des Nikolaus, der jedem Schüler ein kleines Sackerl mit Nüssen, Mandarinen und Schokolade in die Hand gegeben hatte, war das Krippenspiel.

Schon Wochen vorher wurden die Rollen verteilt und die Texte und Lieder zur Geburt Jesu geprobt. Meine Klassenlehrerin Frau Bachmann, die in meinen Augen schon damals über 100 Jahre alt war, legte sich furchtbar ins Zeug und wollte aus uns wohl kleine Burgschauspieler machen. Jeder bekam eine Rolle: Maria und Josef, Ochs und Esel, Hirten, Engel, die drei Könige. Nur das Jesukind war eine Puppe.

Und ich war ein Hirte. Ich hatte so meine zwei, drei Zeilen Text – natürlich auf bayrisch. Irgendwie: „ Sehtses ihr des Licht da drent?“ und „Do mias ma hi“ und „Gemma“. Oder so ähnlich. Mein bester Freund Markus war auch Hirte und seine Mutter stattete uns mit Hirtenbedarf aus. Letztendlich waren es Wanderklamotten jener Zeit: „Seppl“-Hüte, Filzponchos, Bergschuhe und Wanderstöcke. Unser Klassenkamerad Sören, geboren meiner Erinnerung nach in Hamburg und deshalb prädestiniert für die bayrischen Worte, stand im Rollkragenpulli und Gummistiefel in der Umkleidekabine. Na ja, war halt so.

Ich wiederholte pausenlos die drei Sätze, die ich zu sagen hatte. Ich war furchtbar aufgeregt. Die hin- und herwuselnde Frau Bachmann war nicht gerade der allgemeinen Beruhigung zuträglich. Auch sie sprach mit jedem nochmal seinen Text durch.

Und dann kam unser Auftritt.

Wir kamen von der Seite, ich ging voran. Zur Bühne musste ich ein paar Stufen einer kleinen Treppe hochsteigen. Und dann passierte das Unvermeidliche.

Mein Wanderstab verhakte sich im Treppengeländer und ich schlug mit voller Länge auf die Bretter hin.

Der ganze Saal lachte. Ich rappelte mich auf und wir stellten uns in einer Reihe auf. Ich setzte an, denn ich musste den ersten Satz der Hirten sprechen. Aber durch meinen Sturz war ich so perplex, dass mir alles entfallen war. Jede Sekunde, die ich überlegte, wurde gefühlt zu einer Minute. Ich lief rot an. Ich sah Frau Bachmann an der Saalwand mit offenem Mund stehen.

Dann zeigte ich auf den hellen Stern über dem Stall und sagte: „I woas ned, wos I sogn soi“.

Markus sah mich fragend an, sagte aber darauf seinen Satz. Dann fiel mir mein restlicher Text wieder ein. Niemand lachte, alle lauschten gebannt den weiteren Worten. Mein erster Satz war zwar nicht der Richtige aber es hat wohl gepasst.

Als unsere Szene fertig war, sah ich zu Frau Bachmann und sie lächelte. Auch meine Eltern im Publikum freuten sich. Alles war gut.


Der helle Weihnachtsmorgen

Am ersten Weihnachtsfeiertag wollten mein Bruder und ich unseren Eltern eine Freude machen. Da wir relativ früh auf waren überlegten wir uns, das Frühstück herzurichten. Während mein Bruder anfing, das Geschirr zu holen und einzudecken, wandte ich mich zum Baum.

Da das mein Vater auch immer machte, wollte ich die Kerzen des Weihnachtsbaums anzünden. Und da das damals noch echte Wachskerzen waren, entfachte ich ein langes Streichholz und führte es von Docht zu Docht der roten Kerzen. Als alle Lichter brannten, ging ich in die Küche, meinem Bruder mit den Lebensmitteln zu helfen, Marmelade, Honig, Tee, Kaffee, Wurst, Käse und so weiter.

Als ich das dritte Mal das Wohnzimmer betrat, leuchtete es vom Boden hell herauf.

Oh mein Gott.

Das kleine Kripperl am Fuße des Baumes brannte. Aus dem Scheunenfester, in dem das Stroh gelagert wurde, schlugen Flammen. Eine der brennenden Kerzen war aus der Halterung gefallen, mitten auf die heilige Szenerie und hatte das Stroh im Obergeschoss entzündet. Ein Moment der Schockstarre, dann die Reaktion. Zurück in die Küche, ein Glas Wasser und mit Schwung auf die Krippe. Die Gefahr war erstmal gebannt. Aber wenn mein Vater und meine Mutter das entdecken – uiuiui. Schnell wurde des Brandgeruchs wegen die Balkontür geöffnet und die Krippe mit einem Handtuch getrocknet. Mit einer Schere entfernte ich die schwarzen Strohhalme und entsorgte sie in der Toilette. Als wir der Meinung waren, der Geruch hätte sich verzogen, weckten wir unsere Eltern. Als sie ins Wohnzimmer traten, die Lichter und den gedeckten Tisch sahen, war die Freude groß.

Mein Vater sagte nichts, aber ab nächstem Jahr gab es nur noch elektrische Lichterketten am Baum.

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