Ja. Ich gebe es zu. Ich oute mich. Und ich weiß nicht, ob ich mich schämen muss?
Mein erstes Musikkonzert war eins von Nino de Angelo.
Der eine oder andere erinnert sich bestimmt an seinen großen Hit Mitte der 80er.
„Wenn selbst ein Kind nicht mehr lacht wie ein Kind, dann sind wir Jenseits von Eden…“
Und dann setzen kraftvoll die 80er Jahre-typischen Synthesizer ein und Nino klagt schmachtend die Lieb- und Gefühlslosigkeit unserer Zeit an.
Ja, so war das damals. In der deutschen Schlagerszene. Und ich mitten drin. Mit elf.
Nicht, dass ich das wollte. Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Aber irgendwie haben es meine Eltern geschafft, mir und meiner besten Freundin Karten, die damals bestimmt auch nicht billig waren, zu besorgen und anzudrehen.
Ich weiß auch nicht mehr, ob es einen Anlass gab. Vielleicht wollten Sie auch nur mal wieder einen Abend alleine verbringen (zwinker zwinker).
Und da saßen wir kleinen Steppkes in der altehrwürdigen Veranstaltungshalle meines Heimatortes in fünfter Reihe vor der Bühne. Wir saßen. In meiner Erinnerung gab es da keinen Platz zum Stehen oder gar zum Tanzen vor der Bühne, so wie man es von anderen Konzerten kennt, waren die meisten Zuschauer doch weiblich und jenseits von Eden. Also über der Tanzgrenze. Soll jetzt nicht heißen, dass Frauen über 60 nicht mehr Tanzen können, aber für mich als Kind waren die uralt und Platz war eh keiner da.
So saßen wir da bestimmt 1,5 Stunden und lauschten Nino über Liebe und Schmerz und und und trällern. Mein Hintern tat mir schon nach 10 Minuten weh und ich rutschte danach im Takt von einer auf die andere Pobacke.
Und als er dann seine letzten Worte gesungen hatte und ich froh war, dass ich endlich aufstehen durfte, passierte etwas seltsames.
Gefühlt der ganze Saal erhob sich und skandierte zur leeren Bühne hin „Zucker bäh, Zucker bäh“… Ich war etwas irritiert. Und meine Freundin auch.
Ja, ich war schon ein Schleckermäulchen und war dem Süßkram nicht abgeneigt. Und ich wusste auch, dass Zucker jetzt nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist. Aber Nino jetzt dafür verantwortlich zu machen, fand ich etwas drüber.
Die „Zucker bäh“-Rufe wurden nicht leiser, bis der Künstler nochmal auf die Bühne kam, winkte und noch ein Song anstimmte.
Aber als er fertig war, riefen die Zuschauer wieder ihren Unmut über Zucker auf die Bühne und hinter den Vorhang. Da war so eine Kraft in diesem Ruf, die mich mitriss, sodass ich auch irgendwann einstimmte und auch „Zucker bäh, Zucker bäh“ schrie.
Nino kam dann noch mal auf die Bühne, schwieg das Zuckerthema zwar tot, sang aber noch ein letztes Lied.
Zwar schrien wir danach weiter, aber Nino hatte wohl die Nase voll, sich für den Zuckerkonsum in Deutschland zu rechtfertigen, da er doch italienischer Abstammung ist. Das vermutete ich, denn er kam dann nicht mehr. Das Licht im Saal ging an und die Versammlung der Süßgegner löste sich auf wie ein Zuckerwürfel im Tee.
Wir wurden dann abgeholt und im Auto und auch später noch hörte ich die Worte in meinem Kopf.
Selbst heute habe ich noch das „Zucker bäh“ im Ohr, weiß aber mittlerweile, dass nicht allein Nino für meine Körperfülle verantwortlich ist.