019 Vom Anfang bis zum Ende

Ich habe schon mal von dem Ort erzählt, den ich als mein zweites Zuhause bezeichne. Der Urlaubsort in Italien, in den meine Eltern fuhren, seitdem ich sieben Jahre alt war, ist etwas ganz besonderes für mich. Drei meiner Freundinnen habe ich dort kennengelernt. Und eine davon habe ich sogar geheiratet. Aber das ist eine andere Geschichte.

Das erste Mädchen, dass ich dort kennenlernte, war toll und ich war total begeistert. Ich hatte nur Augen für sie. Ihr langes dunkles Haar, ihre rehbraunen Augen, ihre hochaufragende Statur – sie war so groß wie ich selbst – und ihre besondere Art haben mich sofort fasziniert. Ich hatte nur ein Problem. Ein großes Problem.

Ich war sehr schüchtern. Und wenn ich sage, ich war schüchtern, dann meine ich damit, dass ich versuchte, mich durch Blickkontakt interessant zu machen. Sagen traute ich mich nichts.

Heute denke ich anders. Von jemand stundenlang angestarrt zu werden, macht denjenigen nicht unbedingt interessant, sondern löst bestimmt bei dem oder der Beobachteten ein Gefühl des Unwohls aus und ist schon irgendwie creepy. Na ja, aber ich konnte es halt nicht anders.

Und sie ging mir nicht aus dem Sinn.

Wir waren nicht allein. Da war eine ganze Schar mehr oder weniger Gleichaltriger – ich war 16, die sich da rund um die Videospiel-Arcade zusammengefunden hatte. Wir scherzten und redeten irgendeinen Stuss, wie es Jugendliche halt untereinander tun. Und immer suchte ich ihre Augen. Das ging über mehrere Tage. Ab und zu erhaschte ich auch eine Erwiderung meines Blickes. Aber traute mich einfach nicht, sie anzusprechen.

Aber an einem der letzten Tage war dann ein Abend auf der Mole geplant. Ausgerüstet mit Knabberzeug und Frizzantino zogen wir Richtung Meer und trafen uns auf dem aus Steinen gebauten Wellenbrecher. Am äußersten Ende setzten wir uns nieder und hatten Spaß zusammen und lachten viel. Sie war natürlich auch da. Ich blickte ihr wieder in die Augen und sie sah diesmal auch länger zurück. Da das einer der letzten Tage in Italien war und ich die Befürchtung hatte, die Chance verstreichen zu lassen, nahm ich all meinen Mut zusammen und setzte mich neben sie.

Langsam wurde es dunkler und ich näherte mich ihr, sodass unsere Schultern sich berührten. Da ich so schüchtern war, war das schon ein extrem mutiger Schritt für mich. Irgendwann beugte ich mich zu ihr ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Ich weiss zwar nicht mehr, was es war, aber wahrscheinlich sowas wie: ich mag dich. Halt sowas, was man in so einer Situation sagt.

Ich konnte mein Glück nicht fassen, als wir uns dann küssten. Ich kann mich leider nicht mehr an alles erinnern, aber weiss noch, dass wir dann Händchen hielten.

Je später der Abend wurde und umso mehr der Frizzantino seine Wirkung zeigte, wurde ich melancholisch.

Ich stand auf, ging von der Mole und schlenderte allein den Strand entlang. Ich ärgerte mich über meine Schüchternheit und wenn ich doch nur mutiger gewesen wäre, hätten wir mehr Zeit zusammen gehabt. Jetzt nahte die Heimkehr schon und ich hatte keine Zeit mehr, sie besser kennenzulernen. Das machte mich furchtbar traurig und eine Träne lief mir über die Wange. Ja mei, ich hatte ja auch was getrunken.

Aber bald darauf hörte ich sie meinen Namen rufen und sie lief mir hinterher. Sie fragte, was denn los sei und ich versuchte, es zu erklären.

Sie umarmte und küsste mich, nahm mich an der Hand und zog mich wieder zur Mole. Währenddessen machten wir Pläne, wie wir weiter in Kontakt bleiben konnten und mir ging es gleich viel besser. Und ich war echt krass verliebt.

Und dann kam der Abschied.

Wir wohnten beide im Großraum München aber in entgegengesetzten Richtungen. Damals war es für mich noch nicht so üblich, in die S-Bahn zu steigen und um die halbe Welt zu fahren. So schrieben wir Briefe. Und irgendwann besuchte ich sie dann doch. Mit zwei Freunden, Zelten und Kassettenspieler fuhren wir zu ihr und schlugen unser Lager auf einem Grill- und Spielplatz in der Nähe ihrer Wohnung auf. Wir verbrachten den Abend bis zur Nacht am Lagerfeuer, küssten uns, erzählten viel und hörten Metal Ballads, bis sie dann nach Hause ging. In der früh kam sie wieder und bis zu unserer Rückfahrt hatten wir noch viel Spaß.

Aber wie das Schicksal es so will, wurde der Kontakt immer spärlicher und wir verloren uns aus den Augen.

Mein Leben verlief dann in anderen Bahnen. Wie schon angedeutet heiratete ich dann meine spätere Freundin, die ich auch in dem Urlaubsort kennenlernte. Ich wurde Vater zweier Töchter. Aber die Ehe wurde problematisch.

Und dann trat gut 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung wieder jene erste große Liebe in mein Leben (aber das erzähle ich an anderer Stelle).

Wer weiß, ob ich noch die Lebensfreude hätte, hätte ich sie nicht getroffen. Sie war mein Anker. Und ich bin ihr so dankbar.

Und ich werde bis zu meinem Lebensschluß Liebe zu ihr empfinden, egal was uns noch alles passiert. Vom Anfang bis zum Ende. Definitiv.

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