Als ich noch aufs Gymnasium ging (das hat sich dann später von selbst erledigt, aber das ist eine andere Geschichte), war ich in einer Klasse mit tollen Leuten. Wir hatten viel Spaß, gingen zusammen ins Kino oder radelten zum nahegelegenen Badesee.
Einer dieser tollen Leute war Markus. Ich nenne ihn hier Markus, denn eigentlich hieß er anders. Aber auch nicht Thomas.
Wir hatten in der Schule viele Möglichkeiten, unsere gemeinsamen Unternehmungen auch während der Schulzeit zu gestalten. In sogenannten AGs. Arbeitsgemeinschaften oder Aktionsgruppen, wie man will.
Und irgendwann fragte mich Markus, ob ich nicht mit in die AG Schülerzeitung kommen möchte. In meiner Erinnerung hieß die Zeitung „Apropos“.
Markus war schon ein paar Ausgaben dabei und fand, dass ich gut in das Team passen würde. Mir gefiel die Idee und ich ging eines Tages dann mit in die Redaktionssitzung.
Wir waren, weil wir die sechste Klasse besuchten, bei weitem die jüngsten „Redakteure“. Der Redaktionsleiter sammelte Themen und die älteren Semester klaubten sich die Themen heraus, die Ihnen zusagten und ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich als Sechstklässler noch nicht in der Lage sah, über schulpolitische oder Umweltschutzthemen zu schreiben. Ausserdem blieb auch nicht wirklich was für uns übrig. Der Leiter der Runde sah uns beide an und fragte uns: „Was wollt ihr beide denn machen?“
Markus und ich sahen uns an und zuckten mit den Schultern. Aber dann hatte ich eine Idee.
Da Markus und ich uns oft über Musik unterhielten und uns die neuesten Nummern im Walkman vorspielten, damals war Depeche Mode das A und O für uns, warf ich in den Raum: „Wir machen zusammen eine LP (LP = Longplay = Schallplatte = Vorgänger der CD) Kritik. Wir holen uns ein Album einer Band, eines Sängers oder einer Sängerin und bewerten diese.“
Manche in der Runde schauten etwas pikiert aber letztendlich wurde mein Vorschlag abgenickt. Man war ja froh um jede gefüllte Inhaltsseite.
Nach Redaktionssitzung war es nun an uns, zu überlegen, welche LP wir uns anhörten.
Da preschte Markus vor. „Meine Schwester ist großer Fan von Modern Talking. Die hat bestimmt die neueste Scheibe.“
Natürlich kannte ich Modern Talking. Aber Fan war ich nicht (ehrlich, ich war der eine, der nie eine Platte oder Single von MT kaufte). Markus überzeugte mich aber: „Das wird lustig“.
Ein paar Tage später trafen wir uns bei Markus. Er wartete schon in der offenen Tür und winkte mit einer Schallplattenhülle. „Wusste ich doch, dass sie die neueste Platte hat!“ Wir gingen in sein Zimmer, setzten uns aufs Bett und schrieben auf einem Block die Namen der Titel ab. Mit viel Platz dazwischen, den es nun galt, zu füllen.
Markus legte die Schallplatte in seinen Plattenspieler und lupfte den Tonarm auf die Rille. Der Teller begann sich zu drehen und schon bald hörte man Keyboards und Gitarren den MT-typischen Sound spielen.
Der erste Song, den wir hörten war „Cheri Cheri Lady“. Den kannte man ja schon aus Funk und Fernsehen. Wir waren ehrlich, schrieben, dass uns der Song nicht wirklich gefällt.
Man muss natürlich erwähnen, dass MT schon damals das hörende und sehende Musikpublikum polarisierte. Nach dem ersten Album mit den Hits „You’re my heart you’re my soul“ und „You can win if you want“ waren sie im ganzen Land bekannt. Thomas Anders, den bräunungscreme-gegerbten Schönling mit Riesen-Nora-Kette und schwarzer Langhaarpracht und den dauergrinsenden Dieter Bohlen mit Seiden-Jogginganzug liebte oder hasste man. Wir gehörten, weil Depeche Mode, eher zur letzteren Kategorie. Und so bewerteten wir auch.
Bei irgend einem Song sprang Markus auf, lief in das Zimmer seiner Schwester und suchte die erste Schallplatte von Modern Talking. Er wechselte die Scheiben und steuerte ein bestimmten Song an. Ehrlich, ich hörte fast keinen Unterschied zum zuvor gehörten Song. Und das schrieben wir auch in unsere Kritik: Song 4, siehe Song 6, Album 1.
Und wir hörten weiter.
Wir dachten uns kritische Bewertungen aus, von denen Dieter Bohlen für seine DSDS-Zeit noch was lernen hätte können.
Als wir fertig fahren, gaben wir den Text in der nächsten Redaktionssitzung der Schülerzeitung ab.
Und der wurde so gedruckt.
Na gut, hier und da ein Schmunzeln über einen Text, eindeutig von zwei 12-jährigen geschrieben. Eingeschlagen hatte aber unsere Kritik nicht. Nur eine Reaktion war heftig.
Markus Schwester kam im Pausenhof mit hochroten Kopf auf ihn zugelaufen, die Schülerzeitung in der Hand wedelnd. „Wie konntest du nur. Ich hasse dich.“
Markus sah mich an und erwiderte: „ Danke Hebus, für deine Idee. Das ist meine Rache für jeden Tag stundenlange Beschallung aus dem Nebenzimmer.“ Er wendete sich mit süffisantem Lächeln von seiner Schwester ab und zog mich mit.
Und ich schreibe das mit reinstem Gewissen. Ich wusste nichts von Markus Plan. Aber ich konnte es verstehen.
Leider trennten sich kurz danach unsere Schulwege, ich musste die Schülerzeitung aufgeben und wir verloren uns aus den Augen.
Vor ein paar Jahren traf ich ihn wieder in Schwabing. Er als Leser, ich als Zuschauer bei einer Lesebühne. Er wurde nach der Schule wirklich Redakteur bei einer richtigen Zeitung, später dann ein ausgezeichneter Regisseur für Film und TV. Wir unterhielten uns nach der Show noch lange. Auch über Modern Talking.
Leider hab ich diese spezielle Ausgabe der „Apropos“ nicht mehr. Denn ich würde das echt mal wieder gerne lesen.