015 Wickie und die starken Männer

Wickie, der kleine Wikingerjunge, für manche immer noch ein Wikingermädchen, weil sie die eine Folge der Zeichentrickserie nie gesehen hatten, in dem man Wickie aber sowas von eindeutig dem männlichen Geschlecht zuordnen kann. Ebendieser Wickie war Dreh- und Angelpunkt zwei meiner Geschichten.

Wickie hat Hunger

Mein Bruder und ich saßen vor der Flimmerkiste und sahen uns im Vorabendprogramm die Kinderserien an. Wir waren etwa 3 und 6. Meine Eltern waren gerade den Wocheneinkauf erledigen. Im holzgetäfelten Röhrenbildschirm lief gerade eine Folge „Wickie“. So weit ich mich noch erinnern kann, ging es in der Folge um einen Wettlauf. Die bekannten Wikinger versuchten sich miteinander zu messen. Wickie rieb sich an der Nase und überlistete bestimmt seine Kameraden und ging als Sieger hervor.

Eine Szene ist mir aber noch heute sehr bunt in Erinnerung. Und zwar setzten sich die Kontrahenten irgendwo an die Wegstrecke, öffneten ihre Tasche und machten Brotzeit. Brotzeit… Wer mich kennt, kann sich vielleicht vorstellen, was jetzt passierte. Ich bekam so eine Lust auf Brotzeit, aber sowas von. Mir lief das Wasser im Mund zusammen als Tjure und Snorre sich einen Kanten Brot abschnitten. Käse und Wurst wurde sich auch einverleibt. Und ich darbte mit großen Augen und leerem Magen.

Das konnte ich nicht auf mich beruhen lassen. Ich ging in die Küche, legte mir Frischkäse und Leberwurst aus dem Kühlschrank und griff zum Brot. Wir hatten eine Brotschneidemaschine und dort legte ich den Laib hinein. Mit der rechten Hand drückte ich den Betriebsknopf und mit der Linken führte ich das Brot in die Kreisklinge. Und meinen Daumen auch. Wie eine Kreissäge durchtrennte sie nicht nur das Brot sondern schnitt auch schnell in meinen Daumen. Sofort ließ ich den Knopf los, aber es war zu spät. Das Brot war geschnitten und aus dem Daumen lief das Blut schon den Arm herunter. Ich hielt den Schnitt unter kaltes Wasser und wickelte mir ein Handtuch um die Hand. Wahrscheinlich heulte ich nebenbei auch noch. Mein Bruder war auch ganz schockiert und in Panik. Er wollte unbedingt meine Eltern vorwarnen, wenn sie nach Hause kommen würden. Er nahm sich einen roten Filzstift, malte einen roten Fleck auf ein Taschentuch und hielt es an die Fensterscheibe, als meine Eltern mit dem Auto in unsere Straße bogen.

Ich saß stattdessen auf dem Boden, aß meine Brotschnitte und war soweit zufrieden.

Wir fuhren dann noch ins Krankenhaus, wo ich desinfiziert und lediglich mit Gewebepflaster versorgt wurde. Aber die Narbe, die mir Wickie eingebrockt hat, sieht man heute noch.


Wo ist Wickie?

Als ich in Bad Tölz wohnte, arbeitete ich nebenbei im alten Kino. Ein schönes, altehrwürdiges Haus in dem zu früheren Zeiten einige deutsche Alpenfilme uraufgeführt wurden und die deutsche Filmprominenz der 50er und 60er-Jahre ein und ausging. In den letzten Jahren wurden dort aber nur ausgewählte Filme gezeigt, denn die Blockbuster liefen im neueren Isar-Kino-Center.

Dort verkaufte ich im Jahre 2008 Eintrittskarten, Popcorn, Getränke und andere Snacks.

Eines Tages entdeckte ich bei der Vorbereitung meines Arbeitsplatzes Flyer, die vor dem Verkausfenster auslagen. Eine Castingagentur suchte für den Film „Wickie und die starken Männer“ von Bully Herbig Statisten für das Wikingerdorf. Die Dreharbeiten fanden am Walchensee, nicht weit weg, statt. Da ich von stattlicher Figur bin und über reichlich Bartwuchs verfüge, dachte ich mir “Hey, wieso nicht? Als saufender, fressender Schmied könnte ich mich gut vorstellen. Oder auch jede andere Rolle war in Ordnung. Ich rechnete mir gute Chancen aus. Hauptsache in einem Kinofilm auftauchen.

Ich überflog den Zettel: Samstag, 15 Uhr, Casting in Mittenwald im Kurpark, Pavillon da und dort. Cool, am nächsten Wochenende hab ich Zeit und die 60 km nach Mittenwald wären ein schöner Ausflug.

Der nächste Samstag kam dann. Ich zog mich schick und aussagekräftig an. Ich hatte ein geschnürtes Trachtenhemd, dass mir einen fast frühmittelalterlichen Anschein verlieh. Und dann fuhr ich los. Vor Garmisch hatte ich ewig Stau, sodass ich schon Angst hatte, den Termin nicht rechtzeitig zu erreichen. Aber nach 1,5 h Fahrt kam ich am Kurpark in Mittenwald an. Im Auto hatte ich schon begonnen, ein kräftiges brummendes Lachen zu üben und legte mir Sätze in den Mund, die ich in meiner Rolle hätte sagen können. „Ein Hoch auf Flake. Hoch lebe Halvar. Wickie ist der Beste“, und als ich dann in den Kurpark eintrat, murmelte ich weiter die Sätze, die mir meine Kinokarriere eröffneten. Auf einem Lageplan suchte ich mir das Gebäude, zu dem ich musste und lief mit Vorfreude zum Casting. Dann kam ich an einem Pavillon vorbei. Der war aber leer. Leere Bänke, mehr nicht, und ich lief weiter. Aber da kam irgendwie nichts mehr. Ich wunderte mich ein bisschen und ging zurück. Wieder am Lageplan mutmaßte ich, dass der Pavillon, den ich gesehen hatte, eigentlich der richtige sein musste. Ich blickte auf die Uhr. „Viertel vor Drei… hmmmm. Filmleute haben bestimmt immer Verspätung.“ Ich wartete bis halb Vier und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Es hatte mittlerweile angefangen zu regnen und dunkle Wolken schoben sich durch die Berge.

Auf einmal donnerte es und die Wolken öffneten nun vollends ihre Tore. Es begann zu schütten. Und ich lief zu meinem Auto zurück, das ich am Eingang des Parks geparkt hatte. Pittschnass und verwirrt saß ich in meinem Wagen. Dann kramte ich in der Mittelkonsole und fand den Flyer der Castingagentur. Samstag, 15 Uhr, Mittenwald, Kurpark, Pavillon.

Und dann fiel mein Blick auf das Datum. Oh mein Gott…

Ich hatte nie auf das Datum geachtet. Ich bin immer davon ausgegangen, dass der Samstag der des nächsten Wochenendes war. Der Termin war eine Woche früher. Ich war eine Woche zu spät. Ich wusste nicht, ob ich Lachen oder Weinen sollte.

Nun ja. Ich lachte.

Nach einiger Zeit sah ich dann mal den Film. Das hätte ich bestimmt besser gemacht. Ich urteilte hart über die Dorfstatisten. Und sagen durften die sowieso nichts…

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