003 Der Wal

„Leinen loooooos!“

Von weiter Ferne konnte der alte Pottwal rufende Stimmen erahnen. Er nahm einen tiefen Atemzug und verschwand unter der dunklen Wasseroberfläche, während er dort die Augen öffnete und suchend umher blickte. Kurz darauf tauchte der massige, speckige Körper wieder auf und ihm wurde gewahr, dass seine Zeit in den kühlen Fluten wohl gezählt waren. Im stand eine gnadenlose Jagd auf Leben und Tod bevor.

Waltran, der aus dem gekochten Fett des riesigen Tieres gewonnen wurde, war zu Zeiten vor der Entdeckung des Erdöls ein hoch begehrter Rohstoff. Denn er brachte Licht in dunkle Stuben und Tranlampen waren effizienter als die sonst verwendeten Kerzen. Aber schon zu biblischen Zeiten wurden er und die Seinen erwähnt und benannt: der Leviathan, das Monster aus der Tiefe – gruselige Geschichten wurden erzählt und unglaubliches Seemannsgarn wurde gesponnen, dabei war er doch das sanfteste Wesen, das je den Erdball bevölkerte.

Als er erneut auftauchte, rann Wasser seinen gewaltigen Kopf herab und bei jedem Atemzug prustete er es aus seinen Lungen wie Nebelwolken in den Himmel über ihm. Ihm war als hörte er wieder die Rufe:

„Da…. Da bläst er …“

Und mit letzter Kraft erhob sich der Wal, kletterte mit seinen großen Gliedmaßen über die Reling und mir wurde bewusst, dass drei Stunden Badewanne schon irgendwie die Wahrnehmung trüben können.

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