Wir waren früher oft bei meinen lieben Verwandten in Österreich.
Da waren die Oma, Opa war schon verstorben, die Tanten und Onkels und die dazugehörigen Cousins. Wir waren gerne dort. Die waren alle sehr super und wir hatten immer eine gute Zeit. Und es war ja auch Familie und da gehörten wir schließlich auch dazu.
Meistens waren wir an Ostern eine Woche und in den Sommerferien eine Woche im Südosten von Österreich nahe der wunderschönen Stadt Graz.
Die Verwandten meines Vaters wohnten, bzw. einige wohnen ja immer noch dort, in einem kleinen idyllischen Städtchen, das mir schon ans Herz gewachsen ist, da ich dort ja viel erlebt habe.
Die Nachmittage im Freibad, Osterfeuer am Berg, „Zundertrog’n“, „Woazbrot’n“, Fußballspielen bis in die Dunkelheit, die ersten Zigaretten aus Stroh und Heu, die ehrwürdige Riegersburg, mein erster Ritt auf einem Pferd, meine erstes Mal Autofahren, … ach, so vieles Schönes.
An einem Nachmittag, es muss wohl an Ostern gewesen sein, da das Wetter in meiner Erinnerung eher mäßig warm und dafür etwas nass war, besuchten wir meine Tante Rosi, den Onkel Peter und meinen Cousin Georg. Die Erwachsenen saßen beinander und ratschten, tranken Kaffee und wahrscheinlich schliefen die Väter dabei ein – so war das halt damals in Österreich.
Wir Kinder, mein Bruder, meine beiden Cousins und ich, gingen in den Hof zum Spielen. Hinter dem Haus grenzte eine Parkanlage an. In diesem Stadtpark versteckten früher unsere Eltern an Ostern immer unsere Nestchen. Und wir kannten ihn mehr oder weniger in und auswendig, da wir dort auch immer Verstecken spielten. Zwischen Park und Wohnanlage war ein schöner Spielplatz. Und auf dem Spielplatz war ein „Ringelspiel“. Der geneigte Leser versteht wohl eher ein „Karussell“. Das war im Grunde genommen eine mittig gelagerte waagrechte Scheibe, die sich drehte und an dessen Außenkante sich ein niedriges Geländer zum Schutz befand. Heutigen Sicherheitsstandards würde dieses Spielgerät wahrscheinlich nicht genügen. Aber hey, es waren die 80er und wir hatten Spaß.
Immer, wenn wir in Österreich waren, waren wir in der Wohnsiedlung was Besonderes. Wir waren die Cousins aus Deutschland! Naja, für uns, Dieter und Georg, jetzt nichts Weltbewegendes aber für die Kinder am Hof waren wir schon sowas wie Außerirdische. Und so kamen viele Kinder auch an diesem Nachmittag und umringten uns und wollten mitspielen. Und so spielten wir auf dem Karussell. Übermütig, wie wir waren, drehten wir an der Scheibe, bis die Fahrenden um Gnade schrien. Die Stimmung und der Übermut steigerte sich. Irgendwann kamen wir auf die Idee, bei sich drehender Scheibe aufzuspringen. Dazu hielten wir uns am Geländer fest, liefen einige Runden mit der Drehung mit und sprangen im besten Moment auf. Das wollte ich auch. Ich wollte.
Während ich so um die Drehscheibe lief, rutschte ich auf dem schlammigen Boden aus – es hatte am Vortag geregnet – und ich legte mich flach auf den Boden, die rechte Hand noch am Geländer. Und das Ringelspiel drehte weiter seine Runden, mit mir im Schlepptau. Ich wurde geradewegs durch den Schlamm gezogen. Warum ich nicht los ließ, weiß ich heute nicht mehr. Irgendeinen Grund wird es schon gegeben haben. Als das Karussell zum Stillstand kam stand ich auf und blickte an mir herunter.
meine ganze linke Seite war von oben bis unten in braungelbe Farbe getunkt. Es troff nur so an mir herab.
Alle Kinder sahen mich mit großen Augen an. „Wieso hast du das gemacht?“ wurde ich gefragt. Und ich wurde verlegen, wollte ich doch nicht zugeben, dass ich da eben einen kleinen Unfall hatte. Da schoss mir eine Begründung in den Kopf, die zumindest in den Ohren der Bewunderer glaubwürdig erscheinen mochte. „Ihr kennt doch bestimmt Colt Seavers, den Unknown Stuntman, den Colt für alle Fälle?“ Alle nickten. Colt war der Held einer Actionserie in den 80ern, der mit waghalsigen Abenteuern Krimi-Fälle löste. „Und ich bin ein Kinder-Stuntman. Immer wenn ein Kind gefährliche Sachen in Serien und Filmen machen muss, werde ich angerufen. Und da muss ich halt auch trainieren. Und das war mein Training für heute.“ Ich blickte in große Augen und offene Münder. Gefühlt wurde ich von einem deutschen Außerirdischen zu einer außerirdischen Gottheit befördert. Meine Cousins und mein Bruder konnten sich das Grinsen nicht verkneifen. „So, wir müssen langsam los. Ich habe morgen noch einen Filmdreh in Berlin,“ ließ ich verlauten und stiefelte breitbeinig mit tropfenden Klamotten davon. Als wir am Haus angelangt waren, prusteten wir laut los. Soviel Schmarrn kann auch nur mir einfallen. Und dann gingen wir die Treppen hoch zu Rosis Wohnung.
Oh, war das Geschrei groß. Meine Mutter wollte mich schon ohrfeigen, hielt sich aber zurück, wahrscheinlich, weil sie sich nicht dreckig machen wollte. Und dann sollte ich ins Badezimmer staksen, mich in die Wanne stellen und wurde von oben bis unten abgeduscht.
Leider Schade, kurz bevor ich in den Hof ging, ließ mich meine Oma ein altes Sakko meines Opas probieren, dass ich dann unten an hatte. Das war ruiniert.
Ich blickte voll Scham auf den Boden. Aber meine Mutter wuschelte mir durch die Haare. „Colt Sievers – tztztz“ und grinste.
„Soviel Schmarrn kann auch nur dir einfallen.“