Narben habe ich viele. Und ich könnte unzählige Geschichten über meine Narben erzählen. Von Operationen, von Brotschneidemaschinen und Küchenmessern, von Druckplatten aus Alublech und entzündeten Spritzeneinstichen. Und eben einem Blumenbeet.
In einem schönen Sommer besuchten wir die besten Freunde meine Eltern. Es waren meine Mutter, mein Bruder und ich. Mein Vater war zu der Zeit irgendwo unterwegs, zumindest nicht dabei.
Die Freunde wohnten in einem Mehrfamilienhaus im Erdgeschoss und hatten einen eigenen Garten. Wir saßen auf der sonnenbeschienenen Terrasse und hatten Kaffee und Kuchen. Also ich bestimmt ohne Kaffee. Nachdem wir unseren Nachmittagsschmaus abgeschlossen hatten, tobten wir mit der Tochter des Hauses, ich nenne sie hier Angie, im Garten und dachten uns Spiele aus. Aber nach einiger Zeit hatten wir genug davon und Angie kam mit einer Idee, ein Blumenbeet anzulegen.
Angie bittete und bettelte bei ihren Eltern. Angies Mutter wies uns einen Bereich im Garten zu und wir holten uns einige Werkzeuge. Eine Schaufel, einen Spaten, einen Eimer usw.
Mein Bruder war noch zu klein, Angie und ich waren vielleicht 6, und so übernahmen wir die gartenarchitektonischen Planungen. Ca. einen halben mal einen Meter zu Füßen zweier großen alten Kiefern am Rande des Grundstücks steckten wir ab. Als die Position klar war, fingen wir an, zu buddeln und die Grasnarbe abzutragen. Angie nahm die Schaufel und ich den Spaten. Mit meinen mit Sandalen besohlten Füßen trat ich auf das Spatenblatt und stach nach und nach das Beet ab. Mein Bruder entfernte die lockeren Grasbrocken. Fast waren wir fertig, da fing Angie auf einmal laut zu lachen an und sah mich dabei an. Ich verstand nicht und machte ein fragendes Gesicht. „Was ist denn so lustig?“ stellte ich sie zur Rede.
„Ach, Christoph, du bist lustig“ antwortete sie. Ich blickte noch fragender.
„Wer hat dich denn heute angezogen?“
Ich verstand immer noch nicht.
Sie zeigte mit ihrem Finger auf meine Füße und prustete los „Du hast ja unterschiedliche Socken an. Einen Weißen und einen Roten.“
Ich sah an mir herunter und – tatsächlich – ich trug einen weißen und einen roten Socken. Komisch, das wäre mir bestimmt in der früh aufgefallen.
Aber als ich an mir herunter blickte, fiel mir auf, dass auch das Leder meiner braunen Sandalen rot war. Ich drehte meinen Fuß am Boden und besah ihn mir aus allen Winkeln. Und da fiel mir ein dunkelroter Fleck von etwa drei Zentimeter Breite knapp über dem Sockensaum am unteren Ende meiner Wade auf. Ich blutete – wie ein Schwein. Unaufhörlich floss das Blut aus der Wunde und wurde vom Socken aufgesogen. Der gesamte Stoff hatte sich mittlerweile eingefärbt.
Ich war wohl beim Stechen mit dem Spaten abgerutscht und hatte mir das ungefalzte Spatenblatt in die Wade gerammt.
Erst jetzt spürte ich den brennenden Schmerz und heulte los.
Mein Bruder lief schreiend zu meiner Mutter und die Erwachsenen kamen sofort angelaufen. Na toll.
Angies Mutter brachte ein Handtuch und eine Plastiktüte und ich wurde darin eingepackt. Angies Vater hob mich hoch und trug mich zu seinem Auto. Mit meiner Mutter fuhr er mich nun zum Krankenhaus. Dort wurde ich letztendlich fachmännisch versorgt. Meine Wunde wurde verklebt und bald war alles verheilt.
Das Blumenbeet-Projekt war gestorben. Ob Angie selbst weiterarbeitete oder ihr Vater, ob sie je ein kleines Blumenbeet bekommen hatte, weiß ich nicht mehr.
Was mir blieb, ist eine Narbe. Und die Angewohnheit, jeden Morgen genau zu kontrollieren, ob meine Socken zusammen passen.