013 Kaugummi

——————–

Mal vorab: die kleinen Anekdoten, die ich hier in loser Reihenfolge von mir aus meinem Leben erzähle, habe ich alle so erlebt – also in meiner Erinnerung, daher vielleicht nicht immer 100%ig so.

Ich bin ziemlich schnell darauf übergegangen, die Namen der teilnehmenden Freunde und Personen zu verfremden, um sie anonym zu halten – ist ja nicht immer zu ihrem Vorteil. Falls sich dennoch jemand erkennt, freue ich mich. Aber es kann natürlich sein, dass DU die Geschichte, die wir beide zusammen erlebt haben, ganz anders in Erinnerung hast. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Schnittmenge.

——————–

Ich hatte eine unbeschwerte Kindheit in meiner Heimatstadt. In den Frühlingen freute ich mich, wenn es endlich wieder warm und grün wurde. Die Sommer rochen nach Blumen und wenn es regnete, dann nach Asphalt. Die Herbste waren rot-braun und ich sammelte Kastanien – eine Einkaufstüte 5 DM beim Förster. In den Wintern gab es viel Schnee und Schneeburgen und ich freute mich auf Weihnachten.

Und das schönste: das erlebte ich nicht allein. Da war zum einen mein Bruder, aber in unserem Viertel auch viele andere Kinder. Im Nebenhaus wohnte mein damaliger bester Freund. Der Markus. Als ich geboren wurde, freundete sich meine Mutter mit Markus Mutter an. Wir waren fast gleich alt. Deswegen gingen wir zusammen in den Kindergarten und auch in die Schule.

Und nach der Schule und den Hausaufgaben trafen wir uns fast täglich zum Spielen – entweder bei uns oder bei ihm, aber meistens im Garten oder im Wald. Tolle Zeit – wirklich.

Nicht weit von unserem Haus war ein kleiner Edeka-Markt. Der wurde von allen nur nach dem Inhaber Schachtenberg genannt. So kleine Edekas gibt’s ja heute gar nicht mehr. Gefühlt nur zehn Regale, eine kleine Theke mit Käse, Wurst, Backwaren und einer kleinen alten Käse-, Wurst- und Backwarenfachverkäuferin. Und am Ausgang thronte Herr Schachtenburg hinter seiner Kasse. Inmitten von Süßigkeiten.

Beim Schachtenberg konnte man noch seine Schleckertüte selbst befüllen. Brausetaler, Gummischlangen, Riesen-Brocken, Brause-Ufos, Schleckmuscheln, blaue Schlümpfe, Lutscher und so weiter und so fort. Jedes Trumm zwei, fünf oder zehn Pfennig.

Und immer, wenn wir paar Groschen in der Hosentasche hatten, gingen wir zum Schachtenberg und holten unsere Schleckertüte.

Aber an einem Tag, wir waren vielleicht sechs Jahre alt, wollten wir nicht nur das uns bekannte Sortiment, sondern auch noch was Besonderes. Wir wollten auch noch Kaugummis. Warum, weiß ich nicht mehr. Es ist auch egal, wir wollten KAUGUMMIS. Erst füllten Markus und ich unsere Tüten und wandten uns dann den Kaugummis zu. Die gelben Fruchtigen sollten es sein. Aber ein Blick auf das Preisschild ernüchterte uns dann doch. Das Geld reichte nicht. Wir zählten noch mal den Inhalt unserer Tüten, verglichen es mit dem Geld in unseren Taschen. Nein, da war nichts zu machen. Zu wenig. Und zurücklegen konnte man das, was wir angefasst hatten, auch nicht. Das wussten wir schon.

Wer die Idee hatte, weiß ich nicht mehr. Wir sahen uns an, nickten uns zu und Markus steckte eine gelbe Packung in seine Hosentasche.

Langsam gingen wir zur Kasse. Meine Knie waren weich wie Wachs. Manno, wir begingen gerade einen Diebstahl. Unseren ersten. Ich sah mich schon im Gefängnis, weil ich nach den Kaugummis wohl noch ein Matchboxauto, eine Schallplatte, ein Eau de Toilette, ein Fahrrad und ein Auto geklaut haben würde. Schweißperlen traten auf meine Kinderstirn, als der Schachtenberg in meine Tüte spähte und die Preise in die Kasse tippte. „Eine Mark achzich bei dir“ sagte er zu mir und lächelte mich an. Wir kannten ja den Schachtenberg und er uns, denn wir und unsere Eltern waren ja Stammkunden. Ich hielt ihm die paar Zehnerl und ein Fuchzgerl hin. Markus kramte vorsichtig in seiner Tasche und zahlte auch seine Tüte.

Der Schachtenberg sagte noch, dass wir unsere Eltern grüßen sollen. Wir verabschiedeten uns schnell und verließen den Laden durch die Ausgangstür. Wir grinsten uns an und eine große Anspannung fiel von uns ab. Wir haben es geschafft, wir haben KAUGUMMIS. Und uns war aber auch bewusst, dass wir eine Straftat begangen haben. Egal, wir hatten KAUGUMMIS.

Markus holte die Packung aus der Hosentasche, öffnete sie und hielt mir einen Streifen hin. Sofort schoben wir uns den Gummi in den Mund und begannen zu kauen. Das Gefühl, den fruchtigen Geschmack auf der Zunge zu spüren und im ganzen Mundraum zu verteilen, änderte sich plötzlich in ein schmerzhaftes Gefühl. Aber nicht die Zähne oder die Zunge schmerzte, sondern die Ohren. Der Schachtenberg hatte uns an den Ohren gepackt. Wir waren so überwältigt von unserem „Erfolg“, dass wir unsere Beute direkt vor dem großen Schaufenster und direkt vor dem Kassenbereich des Edeka-Marktes teilten. „Aua, Aua“

Dann ließ er los und sah uns in die Augen. „Was soll denn das? Macht man sowas? Jetzt muss ich eure Eltern anrufen. Und jetzt fort und denkt mal drüber nach.“

Wir gingen nicht direkt nach Hause. Wir hatten schon Bammel. Und der Kaugummi schmeckte auch nicht mehr.

Nachdem wir noch einige Zeit herumgestreunert waren, mussten wir dann doch langsam zum Abendbrot nach Hause. Markus bog mit gesenktem Kopf zu seinem Haus ab.

Meine Eltern erwarteten mich schon an der Wohnungstür. „Der Herr Schachtenberg hat vorhin angerufen.“ Und wie erwartet gab es eine gehörige Standpauke. „Ja, ich verspreche, ich mach das nie nie wieder,“ versprach ich.

Am nächsten Tag traf ich natürlich Markus auf der Straße.
„Und wie wars bei dir?“ fragte er.
„Ging schon. Und bei dir?“
„Ging auch.“
Dann schwiegen wir.

Dann fügte Markus noch dazu:
„Ein Gutes hatte die Sache. Ich krieg jetzt mehr Taschengeld,“ und er grinste über das ganze Gesicht.

Ich habe danach nie wieder gestohlen, versprochen… sag ich mal so.

Hinterlasse einen Kommentar