012 Goaßnmaß

Jetzt erzähle ich eine Geschichte, die an dem Ort in Italien passierte, an dem ich seit zig Jahren Urlaub mache.

Mit ungefähr sieben war ich wohl das erste Mal in diesem Bungalowdorf und von da ab dann jedes Jahr.

Ich weiß nicht, ob ich diesen Ort weiterempfehlen würde? Es gibt bestimmt hunderte und tausende Orte, die gepflegter, luxuriöser und schöner sind. Aber ich liebe diesen Ort. Für mich sind das Erinnerungen. Über 40 Jahre Erinnerungen. An meine Kindheit, meine Jugend, meine Freundinnen, meine Ehe, an meine Kinder, die natürlich auch dort ihre Urlaube verbrachten. In den letzten Jahren bin ich auch schon alleine gefahren. Man ist aber nie allein. Entweder fährt mein Bruder, meine Eltern, mein Jugendfreund oder dessen Verwandten wieder dort ans Meer. Aber selbst, wenn, ich wäre auch dann nicht allein, wenn ich ohne bekannte Gesichter dort wäre. Ich kenne jeden Bungalow und jede Pinie, jeden Weg und jeden Stein. Und die sprechen mit mir. Immer und überall auf der Anlage: „Christoph, weißt du noch diesen Tag am Strand, als …, diesen Abend auf der Mole, als … und diese Nacht, als …?“

Damals hatte sich eine wilde Truppe an Jugendlichen aus ganz Bayern zusammengefunden. Da waren Nürnberger, Augsburger, Allgäuer, Münchner und wir Alpenvorländler und wir waren alle etwa im gleichen Alter, verstanden uns gut und hatten Spaß miteinander. Wir trafen uns am Vormittag am Strand und gingen schwimmen oder spielten Volleyball. Am Abend trafen wir uns nach dem Abendessen, meistens mit einer Flasche Frizzantino oder Lambrusco in der Hand auf der Mole oder wir setzten uns in eine Bar auf der Anlage und erzählten jugendlichen Bullshit, foppten uns und lachten viel. Schöne unbeschwerte Zeit.

An einem Abend schlenderten wir, unsere Gruppe bestand an dem Abend vielleicht aus zwölf bis 15 Personen im Alter von 16 bis 20 Jahren, am Strand entlang und sahen, dass die Strandbar noch hell erleuchtet war. Wir setzten uns und bestellten bei der Barfrau unsere Getränke. Am Nebentisch war auch eine Gruppe von jungen Erwachsenen, etwas älter als wir, und die war wohl der Grund, warum die Bar überhaupt noch offen hatte. Die wollten anscheinend noch nicht nach Hause, hatten sie doch noch Strandkleidung vom Nachmittag an. Und die waren noch lustiger als wir. Und so verging Minute um Minute Stunde um Stunde. Es war schon finstere Nacht, als eine junge Frau sich am Nebentisch erhob und in ihre Runde fragte: „Habt ihr den Manni gesehen?“ Anscheinend war ihr Freund verschwunden und keinem war es aufgefallen.

Aufgefallen war Manni allerdings uns allen schon vorher. Als er nämlich lautstark und schon angetrunken die Barfrau anblaffte: „Kenntsas ihr eigenti a Goaßnmaß?“ Die junge Italienerin hob nur die Schultern. Und mit einem Satz stand Manni schon hinter der Bar, schnappte sich dort das größte Glas und füllte es mit Bier. Aus Ermangelung eines Kirschlikörs kam dann noch Amaretto, Ramazotti, Fernet und andere Spirituosen zum Bier. Mich schüttelte es, als Manni ansetzte und den ersten Schluck gleich hinter der Bar nahm.

Und nun war Manni wohl weg. Seine Freundin ging dann in die Dunkelheit in Richtung Meer und rief auf einmal plötzlich laut und panisch „Maaaaaanni“. Sie kam zur Bar zurück und hatte sein T-Shirt und seine Shorts in der Hand. Manni wollte wohl noch ne Runde schwimmen. Ob das so eine gute Idee nach dem Konsum der italienischen Goaß war, bezweifelte ich. Manni’s Freunde gingen mit ihr zum Wasser und suchten den Strand und das Wasser ab.

Als sie nach fünf Minuten immer noch suchten, fassten ich und meine Freunde den Entschluss, bei der Suche mitzuhelfen.

Aber es war ziemlich dunkel in dieser Nacht, denn der Mond war nur sehr klein und gab nicht genügend Licht von sich, um die Szenerie auszuleuchten. Die Ereignisse überschlugen sich danach, dass ich gar nicht weiß, ob ich sie in die richtigen Reihenfolge bringe. Zwei meiner Kumpels aus München kamen auf die Idee, ihre Autos zu holen und sie etwas schräg auf die Mole zu stellen, um mit ihrem Fernlicht das nähere Meer anzustrahlen. In der Zwischenzeit stakten wir in Unterhosen durch das tiefschwarze Wasser, immer mit dem Hintergedanken: „ O Dio, lass bitte jetzt nichts gegen meine Beine treiben, das eine Leiche sein könnte.“ Dieses Gefühl war echt ätzend. Aber Manni war nicht zu finden. Das mit den Autos funktionierte ganz gut, aber auch dadurch entdeckten wir ihn nicht. Mein Jugendfreund aus meinem Geburtsort, ich nenne ihn hier Markus, kam dann auf die Idee, das Rettungsboot des Strandmeisters, der natürlich am späten Nachmittag Feierabend gemacht hatte, zu benutzen, um weiter raus zu Rudern. Blöd nur, dass es angekettet war. Aber so schnell kann ein italienischer Strandmeister gar nicht schauen, da hatten wir das Boot befreit und Markus ruderte mit zwei Mann raus.

Aber wir fanden den Mann nicht.

Mittlerweile hatte sich auch der Nachtwächter zu uns gesellt. Das heißt, er saß auf seinem Fahrrad auf der Strandpromenade, leuchtete mit einem runden Strahler auf das Meer und murmelte ein „Vaffanculo“,„Porco dio“ und ein „Stupidi Tedeschi.“

„Lass uns logisch denken“, holte ich meine Freunde zusammen. Die Augsburger sprachen davon, dass die Strömung von Nordost käme und wenn Manni es bis über die Molenspitze geschafft hätte, wäre er jetzt jenseits der Mole. „Kommt, lasst uns auf der anderen Seite suchen, hörten wir viele Rufe. Auch die Freunde von Manni wechselten die Strandseite.

Rudi, der Freund meiner Sandkastenfreundin Angie, so nenne ich sie hier, nahm mich zur Seite und sagte zu mir: „Ich glaub da nicht dran, dass der soweit rausgeschwommen ist, dass er über die Mole hinaus ist. Dafür war der zu betrunken. Lass uns auf der Seite bleiben, aber noch weiter Richtung Norden gehen.“ Rudi war in meiner Heimatstadt, glaub ich, mal Pfadfinder gewesen. Vielleicht hat er da einen speziellen Sinn für Gefahrensituationen entwickelt. „Ok, wenn du meinst. Es reicht ja, wenn 20 Leute die andere Seite absuchen.“

Und so gingen wir beide alleine am Strand nordwärts, die Augen immer rechts auf die leicht beleuchteten Wellen. Als wir schon viel weiter als das von uns vorher abgesuchte Gebiet gegangen waren, sah Rudi etwas im knietiefen Wasser treiben. Wir rechneten schon mit dem Schlimmsten.

Wir stürmten darauf zu und zogen den leblosen Körper an Land. Natürlich war es Manni.

Rudi wies mich an, den anderen Bescheid zu sagen. Er würde jetzt Mund-zu-Mund-Beatmung machen. Ich lief los. Als ich an der Bar vorbeikam, versuchte ich der Barfrau und dem Nachtwächter, der mittlerweile auf einen Grappa vom Rad gestiegen war, im Vorbeilaufen zu erklären, dass wir eine Ambulanz brauchten. Der Nachtwächter winkte nur ab und schüttelte den Kopf.

Ich lief weiter und oben auf der Mole rief ich „Wir haben ihn.“

Danach kehrt ich mit einigen zu Rudi und Manni zurück, ganz vorne Mannis Freundin. Der hatte mittlerweile die Augen offen und Rudi war in diesem Moment mein Held. Mannis Freundin fiel uns um den Hals und bedankte sich mit Tränen in den Augen.

Wir suchten unsere Siebensachen zusammen und vertäuten das Rettungsboot wieder. Die Münchner fuhren ihre Autos zu den Bungalows zurück. Ein wenig später kam dann die Ambulanz.

Ich glaubte meinen Augen nicht. Es war ein Leichenwagen. Schwarz mit Vorhängen. Der Arzt erklärte uns, dass es viel länger dauern würde, eine Ambulanz aus der nächsten größeren Stadt anzufordern, als schnell mit dem Leichenwagen vom Ort zu fahren. Egal, wir waren froh, dass Manni nun bald versorgt werden würde. Er blieb dann noch diese und die nächste Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus.

Am dritten Tag suchten uns Manni und seine Freundin am Strand auf, setzten sich zu uns und bedankten sich. Er könne sich nicht erinnern was und wie und überhaupt, einzig an die Goaßnmaß könne er sich noch erinnern.

Glück gehabt, der Manni.

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