Als ich noch jung war, war ich mit meiner Clique viel unterwegs. Jedes Wochenende waren wir mindestens zweimal auf der Piste. Freitags, Samstags, oft auch noch Donnerstags und Sonntags. Meistens gingen wir irgendwo „Vorglühen“, um uns dann im Anschluss in einer Diskothek die Probleme und Sorgen des Alltags wegzutanzen.
An diesem Tag waren wir im „Americanos“, einer Bar im mexikanischen Look und Feel mit Cocktails und kleinen Speisen im Münchner Schlachthofviertel. Unsere Clique zählte im harten Kern ca. 15 Personen. Manchmal waren noch einige andere Leute dabei, sodass unsere Gruppe teilweise bis zu 30 Leuten groß war.
Ich war meistens ein Fahrer. Ich war dem Alkohol nicht so zugetan, wie manch anderer in unserer Gruppe und deswegen bot ich den Fahrdienst freiwillig und ungezwungen an.
Mit unseren Fahrzeugen trafen wir uns irgendwo, fuhren dann zum ersten Ziel und dann weiter.
Der Abend im „Americanos“ war ausgelassen und lustig. Viele Cocktails wanderten über die Theke, es wurde gescherzt und gelacht. Nach ca. einer oder eineinhalb Stunden wollten wir die Lokalität wechseln.
Ich sammelte meine Mitfahrer zusammen, ich nenne sie hier Simon, den wir aber nur beim Nachnamen Ritter nannten, Hardy und Joachim.
Wir gingen zum meinem Auto und stiegen ein. Ich und Joachim vorne, Ritter und Hardy hinten. Die beiden letzteren waren schon sehr „lustig“ und wir redeten und lachten viel.
Die Stimmung war gelöst und wir freuten uns auf die Diskonacht im „Nachtwerk“. Tanzen, Mädchen kennenlernen, Trinken, Bassmusik hören und spüren.
Die beiden auf der Rückbank fingen auf einmal an. „Das traust du dich eh nicht.“ „Aber du?!“ „Ich sicher.“
Ich fragte nach „Um was geht’s?“
„Das wirst du dann schon sehen, wenn’s soweit ist.“ Beide lachten sich kringelig. Anscheinend einigten sie sich, denn sie fingen an die hinteren Fensterscheiben runter zu kurbeln.
Wir fuhren gerade durch die Hansastraße und wollten auf den Mittleren Ring, den mehrspurigen Hauptverkehrsring durch München.
Auf einmal schoben sie ihre Jeans nach unten, drehten sich seitwärts und hingen ihre nackten Arschbacken aus dem Fenster.
Ich schrie „Hört auf damit. Am Ende krieg ich Probleme“, musste aber trotzdem laut lachen. Meine Kumpels waren so schräge Vögel, vor allem wenn sie Alkohol intus hatten, aber ich hatte sie gern.
Die Fahrer und Mitfahrer in anderen Autos waren irgendwie verstört. Da wurden Köpfe geschüttelt und Mittelfinger gezeigt. Ach, war das schön. Ein bisschen provozierte Aufmerksamkeit für uns Bubis vom Land war schon auch ganz lustig.
Ich fuhr dann auf die Abfahrt zum Mittleren Ring und wir waren kurz davor, in den fließenden Verkehr einzufädeln. Die Verkehrsteilnehmer zu unserer Linken staunten auch nicht schlecht, als sie die blanken Arschbacken meiner Kumpels sahen.
Aber dann hatten wir ein Problem.
Der Wagen, vor dem ich auf den Ring einscherte, schaltete plötzlich seine blauen Lichter auf dem Dach an. Na super, dachte ich. Und schrie es wahrscheinlich auch. Ritter und Hardy krochen wieder auf die Rücksitze und richteten ihre Klamotten. „Oh Scheiße, oh Scheiße“. Ritter wurde panisch. Hardy blieb dagegen relativ cool. „Schnallt euch wenigstens an, “ fuhr ich sie an.
Der Polizeiwagen wies mich mit einer Laufschrift zwischen den Blaulichtern an, doch bitte anzuhalten. Also ohne das „Bitte“.
Der Mittlere Ring führt an dieser Stelle in einen Tunnel. Auf der rechten Seite war aber ein Notfallstreifen, auf dem ich dann auch anhielt. Ich bin immer sehr aufgeregt, wenn die Polizei mich aufhält. Jetzt umso mehr, weil die ja einen guten Grund hatten.
Ich kurbelte mein Fenster runter und als der Polizeibeamte neben dem Auto zu stehen kam, verlangte er Führerschein und Fahrzeugpapiere. Die gab ich dem Beamten und er brachte sie seinem Kollegen im Polizeiwagen.
„So ne Scheiße,“ hörte ich wieder Ritter auf der Rückbank fluchen.
Der Polizist trat wieder an das Fenster und fragte mich, ob ich wisse, warum ich angehalten wurde. „Ich denke, weil meine Mitfahrer sich nicht so toll verhalten haben?“
„Kann man so sagen. Die waren ja auch nicht angeschnallt.“
Sofort meldete sich Ritter: „Sehen Sie, wir sind angeschnallt“
Der Polizist wies ihn an: „Stehen Sie mal auf und wir schauen, wie hoch Sie kommen!“ Ritter bemühte sich sichtlich, kam aber mit seinem Hintern nicht annähernd an die Nähe des Fensters. Hardy schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.
Ritter fing an: „Herr Wachtmeister, …“
„Polizeiobermeister“ korrigierte der Beamte. „Ja, hören Sie, wir sind beim Bund,“ zeigte dabei auf sich und Hardy und fuhr fort „und wenn wir uns was leisten, dann fliegen wir da raus oder kriegen Probleme. Und mein Opa war auch Bulle…“ Der Polizist rümpfte die Nase.“… und der schlägt mich tot, wenn ich jetzt ne Anzeige bekomme.“ Damit war Ritters Ansprache fertig, er sackte zusammen und wimmerte nur noch. Der Beamte ging wieder und kam dann mit meinen Papieren wieder. „Herr Hebenstreit, sie wissen, dass sie als Fahrer dafür verantwortlich sind, dass sich ihre Mitfahrer anschnallen.“ Dabei sah er Ritter und Hardy scharf an. „Aber bei denen drück ich nochmal ein Auge zu.“ Mir schenkte er dann ein Lächeln und fuhr fort: „Hiermit verwarne ich Sie zu einer Ordnungswidrigkeit von 100 DM. Zahlbar auch per Überweisung. Und in Zukunft achten Sie auf Ihre Mitfahrer. Gute Weiterfahrt und schönen Abend noch.“ Er reichte mir den Überweisungsträger. „Ich versuche es, aber es ist nicht immer leicht mit diesen Affen. Danke, Ihnen auch.“
Wir durften weiterfahren und fuhren zur Diskothek. Auf der Rückbank entspannte sich die Lage und Ritter beteuerte die Sache mit Bund und Opa und dass sie echt Probleme bekommen hätten. Aber bald lachten wir wieder und es wurde noch ein schöner Abend.
Meine Strafe zahlten übrigens dann Ritter und Hardy.
Es war ne schöne Zeit damals.