010 Wasser und Feuer

Für mein nächstes Lebensereignis muss ich etwas ausholen.

Eines abends im Frühjahr saßen meine Clique und ich in einer Pizzeria unter unserer Stamm-Diskothek. Wir tranken und unterhielten uns angeregt über dies und das. Irgendwann kam mein Kumpel – ich nenne ihn hier David – mit der Geschichte, er müsse im Sommer zu seinem Vater nach Namibia und ihm bei einer Touristen-Tour helfen. Er erzählte, dass Namibia ein tolles Land sei, er aber da als einziger junger Mann unter älteren Mitreisenden etwas gelangweilt sei und so weiter. Ich klinkte mich ein und sagte, eigentlich mehr aus Spaß: „Wenn ihr noch weitere Fahrer braucht, ich bin euer Mann!“

Es dauerte vielleicht drei bis vier Wochen und David kam auf mich zu und eröffnete mir, sei Vater sei einverstanden. Ich flöge mit nach Namibia, vier Wochen, keine Kosten für mich, allerdings auch kein Lohn. Ich müsse in Namibia nur Auto fahren. Punkt.

Okaaaay? Cool. Etwas ungläubig aber doch erfreut sagte ich zu. Ich überzeugte meine Eltern, meine Freundin und meinen Arbeitgeber, dass ich im Sommer mal 4 Wochen in Afrika unterwegs bin.
Das mit dem Arbeitgeber erledigte sich aber in der Zwischenzeit, da ich nach gutem Abschluss meiner Lehrzeit nicht übernommen wurde und das Arbeitsamt erstaunlicherweise die Auszeit abgenickt hatte.

Und so kam es, dass ich im August 1995 mit David und noch einem anderen Fahrer nach Windhoek flog. Am ersten und zweiten Tag statteten wir mit Otto, so hieß Davids Vater, auf seiner Farm die vier Fahrzeuge aus, checkten Technik und Proviant. Am nächsten Tag holten wir die Touristen vom Flughafen ab und dann begann die Reise. Die Tour führte uns zu Beginn in den Etosha Nationalpark, wo wir Löwen und Elefanten, Zebras und anderes Getier sahen. Nach dem Park fuhren wir dann in ein Gebiet, das touristisch eher unerschlossen war. Das Kaokoveld. Keine Geschäfte, keine Tankstellen, keine Lodges, keine Duschen. Wir aßen und tranken unseren Proviant, tankten aus mitgeführten Kanistern, schliefen in Zelten und duschten uns nicht.

Nach ein paar Tagen führte uns der Weg zu den Epupa Wasserfällen an der Grenze zu Angola im Nordwesten Namibias. Der Grenzfluss Kunene durchschnitt gemächlich mit einem grünen Vegetationsband die ansonsten trockene Landschaft, bevor er dort circa 40 Meter in die Tiefe donnerte. Etwas oberhalb der Fälle war ein kleines Camp. Es bestand (damals) lediglich aus Toiletten und einer kleiner Hütte zum Bezahlen der Platzmiete. Es waren schon einige Camper da, die am Ufer drängend Ihre Wohnmobile, Autos und Zelte platziert hatten. Otto wies uns an, etwas außerhalb unsere Zelte aufzubauen – auf einer Schotterebene. Bei den Gedanken an die kommende Nacht und jeden einzelnen Stein, den ich unter mir spüren würde, verfluchte ich Otto. Danach gingen wir zum Baden in den Fluß – und wunderten uns, warum die Bewohner der Gegend uns mit Handbewegegungen und Kopfschütteln davon abhalten wollten. Krokodile sahen wir nicht – glücklicherweise.

Am Abend grillten wir in gemütlicher Runde und im Anblick der schnell untergehenden Sonne machten David und ich noch einen kurzen Spaziergang zu den Fällen. Wir standen auf einer Felsklippe vor den tosenden Wassermassen und im Hintergrund am Fluss befand sich das Camp, von dem her einige Lagerfeuer, Lampen und Fackeln leuchteten. Wir genossen den friedlichen Moment in monumentaler Natur, als plötzlich ein lauter Knall die Szenerie zerriss.

Innerhalb von Sekunden nach der Explosion standen schon mehrere Palmen in Flammen und es leuchtete rot-orange vom Camp zu uns herüber. Den ersten Schock zur Seite geschoben, liefen wir zurück zu unserem Zeltplatz. Unsere Touristen standen aufgeregt und wild gestikulierend da. Otto versuchte alle zu beruhigen. „Ihr bleibt alle hier. Wenn wir hier bleiben, passiert uns nichts.“

Vom Flussufer, wo bereits die Flammen mehrere Meter hoch loderten, hörten wir panische Schreie.

Otto trat an uns Fahrer heran und sagte: „Jungs, wir müssen da helfen.“ Und zu mir im Besonderen: „Christoph, steig in den Wagen und fahr da runter! Ich komme zu Fuß.“ Ich sah ihn mit großen Augen an, mit dem Bewusstsein, dass gerade mein Wagen beladen war mit mehreren hundert Litern Benzin und Diesel. „Es wird nichts passieren,“ wischte er meine Bedenken weg.

Ich stieg in meinen weißen Toyota Hilux mit den vielen Kanistern auf der Laderampe, drehte auf der Straße und fuhr rückwärts in die Feuersbrunst. Otto deutete mir mit einem Schlag auf die Karosserie an, anzuhalten. Er hatte ein Seil in den Händen, das er nun an meine Anhängerkupplung knotete. Das andere Ende war schon an einen Mietwagen eines anderen Campers gebunden. Da der Fahrer aufgrund der Aufregung den Schlüssel nicht fand, hatte Otto mittels einer verschränkten Eisenstange im Lenkrad das Lenkradschloss aufgebrochen und wies mich nun an, loszufahren und den Wagen aus dem Feuer zu ziehen. Als ich den Wagen aus der Gefahrenzone gezogen hatte, band ich das Fahrzeug los und kehrte zum Feuer zurück. Otto wies mich zum nächsten Wagen ein. Auch dieser war nicht fahrbereit. Der Schlüssel fehlte auch dort. Ich sprang hinter das Lenkrad und wollte schon die Eisenstange ansetzen, sah aber noch mal unter der Sonnenblende nach. Eine Eingebung. Der Schlüssel fiel mir entgegen und ich startete den Motor. Der Wagen war schnell entfernt. Wir zogen noch den einen oder anderen Wagen aus dem Inferno.

Andere Camper konnten Ihre Wagen selbst entfernen. Wir selbst „retteten“ fünf Wagen. Ein VW Campingbus stand in Flammen und brannte lichterloh. Niemand wurde verletzt. Die rückseitigen Innenverkleidungen der geretteten Fahrzeuge waren arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Durch die Hitze weichte diese auf und verformte sich extrem.

Der Urlaub für jene Camper war vorerst vorbei, denn mit diesen Mietwägen konnten sie froh sein, wenn sie heil nach Windhoek zurück kamen.

Grund für die Explosion war schließlich, dass die südafrikanischen Besitzer des VW Busses beim Umstellen des gasbetriebenen Kühlschranks einen Funken erzeugten, der den Wagen in Brand setzte. Der Gastank und Spraydosen explodierten dann in Folge und die trockenen Palmen brannten sofort wie Zunder.

Die Nacht war kurz und die Wenigsten konnten schlafen. Am nächsten Morgen waren alle auf den Beinen und wir verabschiedeten die Camper mit den angeschmolzenen Autos Richtung Windhoek und drückten die Daumen. Für das südafrikanische Paar wurde ein Rücktransport organisiert.

Am Ende blickten wir noch mal auf den verkohlten teilweise noch rauchenden Campingplatz und ich fragte Otto, warum er sich so sicher war, dass uns nichts passieren konnte. „Der Wind kam von Westen. Ein gutes Zeichen und Vertrauen in Euch und meine Erfahrung.“

Wir ließen unsere Touristen in die Wagen steigen und fuhren los, neuen Abenteuern entgegen.

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