009 Der Falke

Früher wohnten wir woanders. Da wohnten wir in einem Mehrfamilienhaus. Davon gab es mehrere nebeneinander und als meine Eltern dort einzogen, war es wohl relativ neu, weswegen dort viele junge Familien hinzogen und die bekamen alle Kinder. Was ich eigentlich sagen will, es gab viele Kinder in unserem Alter und wir spielten viel zusammen und es war sehr lustig.
Aber leider nicht immer.

Ich weiß weder, ob es regnete oder ob die Sonne schien. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es früh, nachmittags oder abends war. Aber es war laut.
Es machte einen dumpfen Schlag und unsere Wohnzimmerscheibe zitterte. Sofort sahen mein Bruder und ich auf unserem Balkon im ersten Stock nach, was das gewesen sein könnte.
Meine Mutter trat zu uns und wies mit ihrem Finger hinunter in den Garten des Hauses.
Auf dem Grün lag ein Vogel. „Wahrscheinlich ein Falke,“ sagte meine Mutter.
Sofort jagten mein Bruder und ich aus der Wohnung, klingelten im Treppenhaus an ein paar Türen und riefen draußen alle zusammen.

Keine halbe Minute später war der Falke umringt von sechs bis sieben Kindern, die ihn ausgiebig musterten. Er sah komisch aus.
Ein Flügel sah seltsam verdreht aus, am oberen Rand der Schwinge sah man dünne Knochen herausstehen und ein paar Federn am Falkenkörper waren rot vom Blut.
Der Falke muss wohl voll gegen unsere Wohnzimmerscheibe gedonnert sein.
Keiner sagte was. Ganz betreten betrachteten wir den noch zuckenden Vogel.

„Den miasst’s hie machn,“ hörten wir die Stimme unseres Nachbarn und Hausmeisters in Personalunion – ich nenne ihn hier Sepp – der sich hinter unseren Kreis gestellt hatte und von oben über unsere Köpfe herunter sah.

Sepp war ein derber, meist griesgrämiger Kerl, besonders wenn wir Kinder mit ihm gleichzeitig im Garten waren. Aber er konnte zur rechten Zeit aber auch bei der Arbeit gut zupacken und wusste immer, wie er zupacken musste.

„Weil ganz hie issa no ned. Machts’n hie!“

Mit diesen Worten und dem Gemurmel, er hätte jetzt keine Zeit, entfernte sich Sepp wieder vom Fundort und ließ uns mit offenen Mündern stehen. Wir blickten uns an und wir wussten, dass wir jetzt nicht einfach so gehen konnten, ohne etwas zu tun.
Irgendeiner rannte davon, kam aber schnell wieder und hatte aus dem Keller eine von Sepps Schneeschaufeln in der Hand. Ich wies denjenigen an, das Schaufelblatt neben den Falken zu legen.
Ich sah mich kurz um und sah unter der Gartenhecke einen kurzen aber stabilen Ast.
Ganz vorsichtig berührte ich damit den Vogel und versuchte, seinen Körper auf die Schaufel zu schieben. Meine Hände zitterten und ich erschrak, als der Falke und einem leisen Fiepen mit seinem kaputten Flügel schlug. Mir traten die Tränen in die Augen, weil ich regelrecht das Leid und die Schmerzen fühlte. Und es ging wohl nicht nur mir so. Teilweise stehend, teilweise in der Hocke einen Kreis um den Vogel bildend, wussten wir Freunde, dass wir ihn „hie machen“ mussten.
Mit etwas Mühe hatte ich das verletzte Tier auf die Schaufel geschoben und so trotteten wir, die Schneeschaufel zusammen waagrecht balancierend Richtung Wald.

Ungefähr 50 m von unserem Haus entfernt ging es in die Auen. Ein Waldgebiet, das sich zwischen der Stadt und dem Fluss befand und zu unserem zweiten Kinderzimmer wurde. Ich möchte die Zeit nicht missen, außer vielleicht jenen Tag.
Nahe unseres Hauses lag auch die städtische Straßenbaumeisterei am Wald. Wahrscheinlich dachten auch einige schlaue Bauherren, dass es hier in der Nähe des Bauhofs nicht so auffiele, wenn hier privater Bauschutt entsorgt wird. Auf jeden Fall fanden wir in unserem Wald ein paar große Waschbetonplatten, die manchmal für Terrassen verbaut werden.

Gemeinsam hoben wir die Platte an, dass sie nun auf einer Seite stand und ich sie festhalten konnte. Wir berieten uns und ich schlug vor, dass der Falke am Boden platziert würde und ich würde die Platte dann loslassen.

Und so machten wir es auch. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich für einen Kloß im Hals hatte und weiche Knie. Wahrscheinlich wir alle. Als ich die Platte los ließ, sah ich nicht hin. Der Falke war nicht mehr.

„Aber wenn er doch noch lebt unter der Platte“, meldete sich einer von uns. „Willst du nachsehen?“ fragte ich. Nur Kopfschütteln. Und so entschieden wir, dass jeder von uns nochmal mit voller Kraft auf die Platte springen sollte. Gerne machte das keiner.

Nachdem wir das abgeschlossen hatten, legte eines der Mädchen noch ein aus Ästen und Gras zusammengebundenes Kreuz auf die Platte.

Das hört sich jetzt irgendwie pathetisch an, aber heute kommt es mir vor, als wir hätten damals etwas von unserer kindlichen Unschuld verloren. Wir waren alle so zwischen sechs und neun Jahre alt.

Auch das Waldstück mit der Betonplatte betraten wir nur noch ganz selten. Mit meinem Bruder habe ich darüber auch seitdem nie wieder gesprochen. Bestimmt fast 40 Jahre.

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