008 Die Mütze

Ich wuchs ja damals, als ich noch ein Kind war, in einer begnadet schönen Gegend auf. Meine Heimatstadt liegt zwischen der Vereinigung zweier Alpenflüsse. Durch die Altstadt fließt gemächlich die alte Dame, aus Garmisch-Partenkirchen kommend, und im Osten der Stadt strömt das renaturierte stürmische junge Mädchen aus Bad Tölz entlang. Nördlich meiner Stadt werden die beiden eins und die Gemütliche geht in der Wilden auf. Die Gegend ist bewachsen von urigen Kiefernwäldern, Wacholderbüschen und trockenen Hochgrasfeldern, dazwischen Schotterebenen. Ein Traum für Kinder. Wir spielten noch Cowboy und indigene Bevölkerung und bei uns gewannen, leider realitätsfern, auch mal die Ureinwohner.
Weiter südlich gibt es einen Kanal, der in den 20er-Jahren gebaut wurde, um etwaige Hochwassermassen vom einen in den anderen Fluss zu leiten.

An einer Stelle im Wald gibt es einen abschüssigen Wall, zum eben erwähnten Kanal hin abfallend, aber der Kanal war bestimmt noch 100 Meter weiter weg.
Und im Winter – damals gab es noch richtige Winter – war das der ideale Ort, um Schlitten oder Bob zu fahren. Nicht viel los, tief verschneit und nur 15 Minuten durch den Wald von daheim entfernt. Soviel zum allergröbsten Szenario.

Eines schönen Tages brachen mein kleiner Bruder und ich, lass uns 7 und 10 gewesen sein, auf, um zu Rodeln. Der Schnee glitzerte feenhaft und im Wald knackten Äste, die unter den Schneemassen brachen. Aber das interessierte uns nicht die Bohne. Wir wollten nur Spaß.
Als wir am Wall ankamen, hatten wir die größte Gaudi. Aufi, nunter, aufi, nunter. Stundenlang war es lustig.

Man soll halt aufhören, wenn es am Schönsten ist. Nicht umsonst gibt es dieses geflügelte Wort.
Denn wir waren ja Brüder. Und wer einen Bruder, oder allgemein Geschwister hat, weiß, dass die Stimmung da leicht kippen kann. Ich weiß nicht mehr, was der Grund war, aber als es dämmerte, fingen wir irgendwie an zu Streiten. Erst mit Worten, und dann liefen wir hintereinander her. Ich war schon immer der etwas Behäbigere und mein Bruder der Sportler. Und so schaffte ich es nicht, meinen Bruder zu fangen und ihm eine Abreibung zu verpassen. Ganz außer Atem brauchte ich eine Verschnaufpause. Währenddessen lief mein Bruder von der Seite auf mich zu, sprang an mir vorbei, griff dabei meine Mütze und riss sie mir vom Kopf. Ich wieder hinterher. Er lief in Richtung Kanal, stoppte aber rechtzeitig, nur sein Arm und meine Mütze verfolgten weiter die direkte Richtung. Er schmiss einfach meine rot blau gestreifte Wollmütze in den Kanal. Keuchend schrie ich ihn an: „Spinnst du?“

Einschub: Meine Mutter. Seit ich erwachsen bin, liebe ich meine Mutter. Als Kind schon auch, aber das war irgendwie anders. Sie war eine Respektsperson, die mit uns Brüdern manchmal etwas überfordert war. Besonders wenn wir zankten und uns anschrien. Ja, und da gabs auch mal eine Schelle oder den Hintern voll. Das waren die 70er, das war halt damals so. Ich mache meiner Mutter da keinen Vorwurf. Und der Respekt war immer da.

Und so stand ich an dem Kanal und mir gingen Zukunftsszenarien durch den Kopf: Mütze weg, Mutter mit hochrotem Kopf und ich mit hochrotem Hintern.

Was tun? Mit jeder Sekunde, die verging, trieb die Mütze weiter flussabwärts.

Ich stakste durch das Uferholz und überblickte die Situation.
Die Mütze, etwa schon 10 Meter abgetrieben. In etwa 70 Meter Entfernung ein Wasserfall, wo sich der Kanal in den anderen Fluss ergoss. Und ich ohne Mütze.

Mit meinen Winterstiefeln balancierte ich an der Böschung und – ging noch einen Schritt weiter.
Das Wasser umspülte meine Waden und in meinen Stiefeln wurde es feucht. Und kalt. Sehr kalt.

Jetzt war es eh schon egal. Die nächsten Schritte, das Wasser ging mir dann bis zu den Hüften und ich war schon auf halber Strecke bei meiner Mütze. Aber der Wasserfall war so laut und nah und gewaltig.

Mein Bruder lief währenddessen schreiend am Ufer entlang. Der Wasserfall war nun nur noch 30 Meter entfernt. Noch ein beherzter Satz und meine klammen Finger griffen den Wollstoff der Mütze und mein Anorak war nun ganz unter Wasser. Die Winterklamotten waren mit Wasser vollgesogen und unheimlich schwer, das merkte ich erst jetzt.

Mein Bruder streckte mir einen abgebrochenen Ast entgegen, an dem ich mich zum Ufer und die Böschung hinauf zog.

Und so gingen wir, ich triefend, durch den Wald, mittlerweile im Dunklen, durch den tiefen Schnee heim. Wir redeten kein Wort – und mir war eiskalt.

Daheim erzählte ich meiner Mutter, was passiert war und warum ich pitschepatsche nass war. Und mit Stolz schilderte ich überschwänglich, wie ich die Mütze gerettet habe und dadurch dem Ärger des Verlustes entgangen bin.

Rumms. Mein Bruder bekam seine Schelle dafür, dass er mir die Mütze vom Kopf gerissen hatte und sie nicht zurück gab, aber ich wurde dennoch für die Rettungsaktion nicht belohnt.

Rumms. Auch ich fing mir eine ein, für die Aktion im gefährlichen Kanal.

Ob ich auch eine bekommen hätte, wenn ich die Mütze davonschwimmen gelassen hätte, habe ich dann nicht mehr gefragt.

Love Brudi und Mama

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