Eine wenig ruhmreiche Anekdote aus meinem Leben, aber hey – ich war erst fünf.
Gegen Ende der 70er-Jahre besuchten meine Eltern mitsamt mir und meinem kleinen Bruder, ihrem besten Freundespaar und deren Tochter gemeinsame Freunde in Würzburg.
Es gab bestimmt Kuchen und Kaffee und wahrscheinlich auch Bier. Bier für die Väter, nicht für uns Kinder.
Wir Kinder wurden nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Spielen in den Keller verfrachtet. Es waren die 70er, da war das nun mal so.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ich war erst fünf. Vielleicht gab es im Keller Duplosteine oder Spielzeugautos. Vielleicht waren wir auch zu laut und die Erwachsenen wollten sich gemütlich unterhalten.
Auf jeden Fall waren wir in einem Kellerraum. Dieser Raum war eine Mischung aus Ersatzbüro, Gästezimmer und Abstellkammer. Ein Bett, ein Tisch, Regale mit Ordnern, Werkzeug, wahrscheinlich Legosteine, ein typischer Kellerraum in den 70ern. Ein bisschen öde halt.
Und ich war erst fünf. Ich betone das so oft, weil ich noch nicht regresspflichtig und verantwortungsrelevant für folgende Tat war.
Irgendwann war ich dem Spielen mit Duplosteinen wohl überdrüssig und schaute mich im Keller nach interessanteren Dingen um. Da fiel mir die große Blechdose ins Auge, die einen dunkelgrünen Deckel hatte.
Der Deckel lies sich mit etwas Kraftaufwand öffnen und im Inneren schwappte eine dunkelgrüne Flüssigkeit hin und her.
Lack – dunkelgrüner Lack – Hochglanz.
Und da ich ja eher so der kreative Mensch bin, bin ich dann auf den genialen Gedanken gekommen, dem Wolfgang, so hieß der Gastgeber, aus Dankbarkeit für den Kuchen einen Freundschaftsdienst zu erweisen und seinen öden Keller etwas aufzuhübschen. Tine Wittler in jung – ich war ja erst fünf. Pinsel und Malerrolle waren im Werkzeug prompt gefunden und meiner Freundin und meinem Bruder gleich in die Hand gedrückt.
Und so bemalten wir das Regal dunkelgrün, mit groben Pinselstrichen, heute würde man sowas wahrscheinlich als „Shabby Look“ verkaufen. Leider wurden ein paar Ordnerrücken dabei grün. „Okay. Dann malen wir die Ordner auch grün an“, sagte ich. Mit Wonne und Eifer malten wir – und klecksten wir. Das Regal, die Ordner, den Tisch, einen Wäschekorb, das Bett, sogar den Boden – alles dunkelgrün. Bald waren wir wie im Rausch – heute weiß ich, dass Lackdüfte so eine Wirkung haben können. Na gut, es war keine Profi-Malerarbeit, eher so a la Picasso. Ich war eben ein Künstler – und erst fünf.
Irgendwann war mein kleiner Bruder, er war erst zwei, dann verschwunden. Er stiefelte die Treppe hoch, hatte wahrscheinlich Hunger, Durst oder musste auf Toilette.
Meine Mutter nahm ihn im Wohnzimmer in Empfang und wunderte sich. Wieso hat der Bub grüne Sockensohlen? Dann wurde alles irgendwie hektisch und chaotisch.
Hände wurden über dem Kopf zusammen geschlagen und ein Stöhnen und Wehklagen durchdrang das Haus.
Letztendlich entsorgte Wolfgang wohl das grüne Inventar, die Haftplichtversicherung unserer Eltern zahlte den Schaden und nach meiner Erinnerung nach haben wir Wolfgang nie wieder besucht. Zumindest nicht mit uns Kindern.
Aber ich frage mich noch heute, was wäre passiert, hätte mein Bruder dunkelgrüne Socken angehabt? Wären wir aufgeflogen? Wären wir davon gekommen? Wäre Wolfgang irgendwann mal in den Keller gegangen und hätte gesagt, „oh, ist das alles schön grün hier, schöner, als ich es in Erinnerung hatte.“
Weiß man’s?