002 Die Stiefel des Nikolaus

Ende der 70er Jahre feierten wir den Nikolaustag immer bei den besten Freunden meiner Eltern.

Dieses Pärchen hatte eine Tochter und wir kannten uns eigentlich schon vor unserer Geburt. Mit von der Partie war noch mein jüngerer Bruder. Und so warteten wir gespannt in unseren Nicki-Pullis und Cord-Hosen auf den spannenden Moment, wenn es an der Tür pochte und der heilige, in Gold und Weiß gekleidete Herr mit vollem weißen Rauschebart hereingebeten wurde. Er würde uns wieder aus seinem güldenen Buch vorlesen und die darin vermerkten Übeltaten und schlechten Angewohnheiten vorhalten und uns zur Besserung gemahnen. Und dazu hörten wir Reisig-Geraschel und Kettenrasseln.
Denn der Nikolaus kam nicht allein. Er hatten seinen schwarzen, rußigen Gesellen im Schlepptau. In dunkle Lumpen gewandet und mit schwarzen struppigen Haaren und geschwärztem Gesicht stand der Krampus im Flur vor der Wohnungstür, jegliche eventuelle Flucht vereitelnd. Dagegen strahlte der Nikolaus vor lauter Licht und Erhabenheit. Wie es sich für eine Bischof gehört hatte er eine rote Mitra mit christlichem Kreuz und einen weißen wundervollen Mantel an. Weiße beringte Handschuhe und der obligatorische goldene Bischofsstab komplettierte die Lichtgestalt. Lediglich seine schweren, schwarzen Stiefel mit den eisernen Schnallen, so wie sie Forstarbeiter oder Landwirte im Winter tragen, reflektierten in keinster Weise die überbordende Herrlichkeit, die dieser Mann für uns Kinder ausstrahlte.

Die ganze Prozedur war relativ schnell vorbei. Die Streitigkeiten unter Brüdern wurden wahrscheinlich angesprochen und auch diese oder jene Unart. Meine Freundin kam wohl besser weg. Mädchen sind ja eh braver. Geschlagen oder mitgenommen wurden wir Gottseidank nicht. Eher im Gegenteil. Der Nikolaus öffnete einen Sack, den der Krampus getragen hatte und gab jedem Geschenke. Wir waren erleichtert und vergruben unsere Nasen in den bunten Jutesäckchen. Fast hätten wir vergessen, den Nikolaus und seinen Knecht zu verabschieden.

Der Abend verlief danach unspektakulär, gemütlich und entspannt. Später kamen noch weitere Freunde von unseren Eltern und setzen sich an den Tisch, um den Nikolaustag feucht-fröhlich ausklingen zu lassen.
Wir spielten am Boden und saßen vor dem Tisch. Von unter dem Tisch blitzte mich etwas an.

Und da fiel mir etwas auf…
Wie Schuppen fiel es mir von den Augen…

Ich überlegte hin und her, ob ich was sagen sollte. Aber dann stand ich energisch auf, zeigte mit dem Finger direkt auf den nachträglich eingetroffenen Werner und ließ die Bombe platzen!

„Der WERNER kauft seine Schuhe beim gleichen Schuhladen wie der Nikolaus!“

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