Meine Mama hatte eine schöne Kindheit in der ehemaligen DDR. Vor der Mauer, vor der Flucht. Sie erzählt oft vom Bauernhof in einem kleinen Ort an der Ostsee. Weite Kornfelder, Kartoffeläcker, Alleen aus Linden und Eichen, Sanddorn am Strand und vom Dorfweiher, der im Winter zugefroren war und zum Eislaufen einlud. Natürlich auch von der vielen Arbeit auf den Feldern und mit dem Vieh. Schafe hüten und Kühe melken.
Ich konnte mich vor ein paar Jahren selbst von der Schönheit der pommerschen Landschaft überzeugen und ich muss sagen, meine Mutter hatte recht. Den Bauernhof gab es zwar nicht mehr – er wurde nach der Flucht meiner Großeltern verstaatlicht, zweckentfremdet und umgebaut – aber die Luft zu atmen und in den Feldern zu stehen, die mein Opa anno dazumal sein eigen nannte und bestellte, war schon ein erhebender Moment.
Und trotzdem war da dieses mulmige Gefühl, in mitten von goldenen Weizenähren zu stehen.
Meine Mutter musste jeden Tag einige Kilometer in den nächsten Ort zur Schule gehen. Mehrere Dorfkinder bildeten eine Karawane, die durch Wind und Wetter, Sonne und Schnee den Weg bestritt, der quer durch die Felder führte. Wie es natürlich nicht ausblieb, wurde mal die große Pfütze, mal jener Schmetterling, mal diese Maus zum allgemeinen Wissenschaftsobjekt. Der Weg zur Schule war ein Sammelsurium an Ablenkungen, auf dem oft die Pünktlichkeit zum Opfer des Zeitvertreibs wurde. Vor allem auf dem Nachhauseweg war das natürlich ein Problem, wenn Vater oder Mutter schon mit Arbeit auf die Sprösslinge warteten.
So erzählte sie auch von der uralten Mähr, die die Alten oft zur Warnung wiedergaben.
„Nehmt euch in Acht vor der Kornmuhme, die kleine Kinder fangt , in ihre Höhle unter den Feldern zieht und bei lebendigem Leib verspeist.“ Dieser in Gestalt einer alten runzligen Frau mit langen Armen und hängenden Brüsten auftretende Naturgeist ist in schwarze Lumpen gehüllt und wartet darauf, dass sich Kinder in seine Reichweite verirren. Hat sie eins erwischt, hält die Muhme ihm den Mund zu und zieht es in ein Loch im Boden und es ward nie wieder gesehen. Außerdem kann sie sich trotz ihrer Gebrechlichkeit flink bewegen und überrascht Kinder, die sich in Träumereien am Feldrand aufhalten. Dann hetzt sie die Kleinen durch das Weizenlabyrinth bis jene nicht mehr können und vor Erschöpfung zusammen brechen. Schon ihr Atem soll den bevorstehenden Tod erahnen lassen.
Und so wurden die Kinder angehalten, nicht auf dem Weg zu verweilen sondern sich zu sputen. Die Kornmuhme ist immer da und immer wachsam.
Und da stand ich in meines Großvaters ehemaligem Weizenfeld, ließ die Sonne mein Gesicht erwärmen und sah aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Getreide…
Christoph, lauf…
Früher war eben doch nicht alles besser.
Wer selbst nachlesen will:
https://de.wikipedia.org/wiki/Roggenmuhme_(Kornd%C3%A4mon)